Interviews mit Kirsan Ilyumzhinov

20.12.2006 – Kirsan Ilyumzhinov darf für sich in Anspruch nehmen, derjenige zu sein, unter dessen Präsidentschaft die Schachweltmeisterschaften wieder zusammengeführt wurden. Das Unternehmen war wegen der Misstöne am Rande des Wettkampfs in Elista stark gefährdet und glückte ihm gerade eben so. Nun besteht die Aufgabe des FIDE-Präsidenten darin, die Einheit zu bewahren und nach fast zehn Jahren mit verschiedenen Experimenten endlich wieder ein überzeugendes Weltmeisterschaftsformat zu finden, mit dem sich die Mehrheit der Schachwelt, die Spieler und nicht zuletzt der Weltmeister identifizieren können. In mehreren Interviews hat Ilyumshinov zu verschiedenen Fragen, die damit in Zusammenhang stehen, Stellung genommen. Interview mit Sport-Express (engl.)...Interview mit dem Neuen Deutschland...

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Kramniks Niederlage gegen ‚Deep Fritz’ ist nicht das Ende des Schachsports“

 

 


Nachdruck der ungekürzten Fassung des Interviews mit Genehmigung des Autors. Das Gespräch ist veröffentlicht worden in der Tageszeitung
„Neues Deutschland“ :

Er führt den nach der FIFA zweitgrößten Sportverband der Welt: die „Fédération Internationale des Échecs“ (FIDE), den Dachverband für  165  nationale Schachorganisationen. 1995 ist Kirsan Iljumschinow erstmals zum Chef der FIDE gewählt worden. Der heute 44-jährige vertritt mehr als 600 Millionen Menschen, die auf fünf Kontinenten als Hobbyspieler oder Profis den anspruchsvollen Denksport betreiben. Gleichzeitig regiert Kirsan Iljumschinow die autonome russische Teilrepublik Kalmückien mit 290 000 Einwohnern am Kaspischen Meer. ND-Autor Dr. René Gralla hat den Präsidenten getroffen. 

ND: Das Duell von Weltmeister Wladimir Kramnik gegen den Superrechner "Deep Fritz" in Bonn ist wie keine Schachveranstaltung zuvor auf großes Interesse in den Medien gestoßen.

KIRSAN ILJUMSCHINOW: Das Match hat prinzipielle Bedeutung gehabt, deswegen ist es ein guter Anlass gewesen, um Schach weiter zu popularisieren. 

ND: "Deep Fritz" hat den Leistungsvergleich gewonnen. Ist Schach damit langweilig, weil kalkulierbar geworden durch den Einsatz entsprechender Software?

ILJUMSCHINOW: Nein. Die Menschen müssen eben mehr und härter arbeiten, um wieder gegen den Computer zu gewinnen. Übrigens möchte ich 2007 eine Schach-WM der Maschinen organisieren in meiner Heimatstadt Elista in Kalmückien. Die Weltmeisterschaft soll künftig alle zwei Jahre ausgetragen werden. Das wird attraktiv sein für Firmen, die Schachcomputer produzieren. Gleichzeitig eröffnet uns das Turnier die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen mit möglichen Sponsoren.

ND: Kramniks Niederlage ist nicht das Ende des Schachsports?

ILJUMSCHINOW: Auf keinen Fall! Wir müssen bloß intensiv nachdenken und unsere Fehler finden. Wir Menschen können noch viel stärker werden, schließlich nutzen wir bisher bloß drei bis fünf Prozent der Kapazität unseres Gehirns.  

ND: Geschätzte zehn Millionen Menschen haben die Partien zwischen Kramnik und "Deep Fritz" verfolgt. Wie ist der Stand Ihrer Pläne, Schach in den olympischen Kanon aufnehmen zu lassen?

ILJUMSCHINOW:  Bereits vor sieben Jahren hat das IOC, das Internationale Olympische Komitee, die FIDE als die einzige Organisation anerkannt, die Schach innerhalb der Welt des Sports und damit auch in der Olympischen Bewegung repräsentiert. 1999 gab es allerdings noch das Problem, dass wir nicht einen Schachweltmeister hatten, sondern zwei, die um den Titel konkurrierten. Deswegen hat seinerzeit der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch zu mir gesagt: "Kirsan, bitte sorge dafür, dass Ihr nur noch einen Weltmeister habt." Mittlerweile, nach der Wiedervereinigungs-WM zwischen Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow in Elista vor wenigen Monaten, haben wir diese Bedingung erfüllt. Wir haben einen einzigen Schachweltmeister, und der heißt Wladimir Kramnik.

ND: Gerüchte kursieren, dass die Teilnahme des momentanen Titelträgers Kramnik an der nächsten Weltmeisterschaft in Mexiko 2007 wieder gefährdet sein könnte. So dass eine neuerliche Spaltung der Schachwelt droht.

ILJUMSCHINOW: Die acht stärksten Spieler der Welt werden in Mexico City antreten, um die Krone des Weltmeisters zu gewinnen. Kramnik ist auch dabei, das folgt aus dem Vertrag, den Kramnik vor der diesjährigen Wiedervereinigungs-WM gegen Topalow mit der FIDE abgeschlossen und unterzeichnet hat.

ND: Ihre weiteren Schritte in Sachen Olympia?

ILJUMSCHINOW: Vor gut zwei Monaten besuchte ich China und traf dort den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees. Nach den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking soll in China ein Schachturnier veranstaltet werden, um Schach als Sport vorzustellen. Gegenwärtig führen wir viele Gespräche mit den Verantwortlichen im IOC, und ich denke, dass wir uns Schritt für Schritt in die Olympische Bewegung integrieren. Warum? Denken Sie daran, was Sport eigentlich ist: Sport ist die Verbindung von Kraft und Kopf. Über Sportarten, die vor allem den Einsatz körperlicher Kraft verlangen, verfügt die Olympische Bewegung mehr als ausreichend; mit Schach würde eine Herausforderung für den Geist dazukommen.

ND: Allerdings soll der amtierende IOC-Präsident Jacques Rogge die Linie vorgegeben haben, dass zuerst eine andere Sportart aus dem Kanon gestrichen werden müsste, bevor Schach olympisch werden könnte.

ILJUMSCHINOW: Auch diesen Vorbehalt werden wir überwinden. Schach ist nämlich ein einzigartiger Sport: Schach passt in den Rahmen sowohl der Sommerspiele als auch der Winterspiele.

ND: Ihre Präferenz? Sommerspiele oder Winterspiele?

ILJUMSCHINOW: Für uns ist das von nachgeordneter Bedeutung. Wir können im Winter oder im Sommer Schach spielen, drinnen oder draußen.

ND: Sie sind in diesem Jahr wiedergewählt worden als Präsident der FIDE, nach einer teilweise emotional geführten Kampagne Ihres Herausforderers Bessel Kok aus den Niederlanden. Dabei sind tiefe Gräben aufgerissen worden zwischen beiden Lagern.

ILJUMSCHINOW: Nun heißt mein Programm Vereinigung und Einheit der FIDE. Zwischenzeitig habe ich mich mit Bessel Kok getroffen, und die Leute, die ihn unterstützt haben, arbeiten in meinem Team. Auch Bessel Kok hat meine Einladung angenommen, mit mir zu kooperieren, um Schach weiter zu promoten.

ND: Neben ihrem Amt als Chef der FIDE sind Sie Präsident von Kalmückien. Was verbindet Ihre Nation mit dem Schachsport?

ILJUMSCHINOW: Die Menschen in Kalmückien lieben Schach, das Spiel gehört zu unserer Tradition. Das erste Dekret, das ich 1993 nach der Wahl zum Präsidenten unterzeichnet habe, betraf die Förderung des Schachsports in der Schule. Heute sehen wir den Erfolg: 100 Prozent der Kinder in Kalmückien können Schach spielen, und das hat die Leistungen der Schüler verbessert auch in anderen Fächern wie Mathematik, Physik, Chemie. Übrigens habe ich darüber gesprochen mit dem deutschen Finanzminister, Herrn Peer Steinbrück, der Schirmherr gewesen ist des Matches zwischen Kramnik und "Deep Fritz" in Bonn. Ich habe Herrn Steinbrück gebeten, ein Treffen zu organisieren mit den Kultusministern der deutschen Bundesländer; dort möchte ich ein Plädoyer halten für Schach als Schulfach. Die FIDE bietet ein entsprechendes Programm mit spezieller Computersoftware an, als Geschenk der FIDE an den deutschen Schachbund und die Kinder Ihres Landes.

ND: In Ihrer Hauptstadt Elista haben Sie sogar eine "Chess-City" errichten lassen.

ILJUMSCHINOW: Das ist das olympische Dorf, als Kalmückien 1998 Gastgeber von Schacholympia war. Die Anlage ist sehr schön, wir nutzen sie seitdem für sportliche Wettkämpfe jeder Art, von Schach bis Tennis oder Tanzen, aber auch für Konferenzen. Kein einziger Euro fließt aus der Staatskasse in "Chess-City". Im Gegenteil: "Chess-City" bringt Geld ein, das Kalmückien zugute kommt. 

ND: "Chess City" soll an die 50 Millionen Dollar gekostet haben, und manche behaupten, da seien Steuergelder geflossen.

ILJUMSCHNOW: Nein, das war kein Geld aus dem Staatshaushalt. In "Chess City" ist investiert worden von großen Firmen, die in Kalmückien tätig sind.

ND: Oppositionspolitiker meinen, das Geld hätte lieber für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ausgegeben werden sollen.

ILJUMSCHINOW: Dem stimme ich nicht zu, weil Schach neue Jobs schafft. In "Chess City" allein haben 1000 Menschen eine regelmäßige Arbeit gefunden. Die Zahl erhöht sich massiv um kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, wenn Turniere stattfinden.

ND: Zwischenzeitig ist im Gespräch, ein Kasino in "Chess City" zu eröffnen.

ILJUMSCHINOW: Das russische Parlament, die Duma, hat ein Gesetz verabschiedet, das 2007 in Kraft tritt und das den Betrieb der bisher existierenden Kasinos in Moskau, St. Petersburg und anderen Orten beendet. Nur noch in vier Territorien sollen Spielbanken eröffnet werden dürfen: im Fernen Osten, und dort wohl in Wladiwostok; in Sibirien; im nordeuropäischen Gebiet, vielleicht erneut in St. Petersburg; im südlichen Russland - und hier möglicherweise in Kalmückien. Das Ausschreibungsverfahren läuft noch.

ND: Welche Chancen hat Kalmückien? Ist das Land nicht etwas abgelegen?

ILJUMSCHINOW: Oh nein. Nach der Eröffnung eines internationalen Flughafens in Elista wird die Flugzeit zum Beispiel zwischen Berlin und der Hauptstadt Kalmückiens zwei Stunden und 40 Minuten betragen.

ND: Einige Gegner werfen Ihnen vor, dass Sie Kalmückien mit harter Hand regieren.

ILJUMSCHINOW: Vielleicht bin ich ein starker Manager. Kalmückien ist eine demokratische Republik, wir haben eine Verfassung, wir haben ein Parlament, der Regierungschef ist dem Parlament verantwortlich. Aber stark oder nicht, Ergebnisse zählen. 1993, im Jahr meiner Wahl zum Präsidenten, war Kalmückien eine der ärmsten Republiken in der Russischen Föderation. 95 Prozent des Haushaltes wurden gedeckt durch Zuwendungen aus Moskau, und das gesamte Steueraufkommen in Kalmückien betrug ungefähr zwei Millionen Dollar. Seitdem hat sich das Verhältnis umgekehrt: Im vergangenen Jahr haben wir rund 650 Millionen US-Dollar Steuereinnahmen nach Moskau überwiesen.

 

 

 

 

 



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