Ist Carlsen müde?

von Conrad Schormann
28.11.2018 – Beim traditionellen Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee 2019 wird Magnus Carlsen dabei sein. Aber während seines WM-Kampfes gegen Fabiano Caruana in London tauchten Gerüchte auf, der Weltmeister würde es nicht mehr richtig genießen, Weltmeister zu sein. Befeuert wurden solche Gerüchte durch den norwegischen Podcast "Sjakksnakk". Conrad Schormann hat ihn sich angehört. | Illustration: Willum Morsch

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Warum, Magnus?

Der König ist müde.

Die Krone zu verteidigen, sei schwieriger, als sie zu erobern, sagte Magnus Carlsen vor der WM im norwegischen Podcast "Sjakksnakk" ("Schachgespräch"), in dem er mit Freunden offener über das anstehende Match sprach als in jedem anderen Interview. Die Nummer eins zu sein, sei zum essenziellen Teil seiner Persönlichkeit geworden, und das zehre an seiner Kraft.

Weil diese Last ihn drückt, findet Magnus Carlsen partout nicht zu der Leichtigkeit zurück, die ihn ganz nach oben trug. Der "Flow", der ihm einst zuflog und reihenweise Siege bescherte, ist plötzlich weg, kommt nicht zurück und lässt sich schon gar nicht erzwingen.

Dem Weltmeister weht der Wind ins Gesicht. Und es fehlt ihm zunehmend die Willenskraft, sich dagegen zu stemmen.

Ellen Carlsen: "Gut möglich, dass Magnus bald zurücktritt."

In London antwortete Carlsen auf die Frage nach seinem Lieblingsspieler: "Ich vor drei oder vier Jahren." Das Publikum verstand als Scherz, was Carlsen ernst meinte. Was der Weltmeister zuvor der norwegischen Öffentlichkeit anvertraut hatte, passt zu dieser Aussage: "Ich weiß ja, dass ich so gut bin wie vor ein paar Jahren, wenn nicht besser. Aber ich spiele nicht so gut, ich finde den Flow nicht, obwohl ich es immer wieder versuche. Und das nagt an mir."

Magnus‘ Schwester Ellen ging noch weiter, als sie wenig später in eben diesem Podcast das Schaffen ihres berühmten Bruders beleuchtete: "Ich glaube, dass Magnus sich insgeheim wünscht, sich von der Bürde zu befreien, die Nummer eins zu sein und diese Position in Titelmatches verteidigen zu müssen." Auch Magnus‘ Schwester glaubt, dass der Titel so sehr an der Substanz ihres Bruders zehrt, dass dieser bald die Brocken hinschmeißen könnte.

Carlsen sieht Caruana als potenziell würdigen Nachfolger

Einen Rücktritt Magnus Carlsens vom Schach hält Ellen Carlsen für sehr gut möglich. Ob befristet oder für immer, das ließ sie offen, deutete aber an, dass dieser Rücktritt schon sehr bald passieren könnte. Dann nämlich, wenn Fabiano Caruana das WM-Match gewinnt. Den US-Amerikaner sehe Magnus als potenziell würdigen Nachfolger, was eine Niederlage leichter erträglich machen würde.

Ellen Carlsen. | Foto: Twitter)

Diese Einschätzung seiner Schwester bestätigte Magnus Carlsen nach der ominösen zwölften Matchpartie. Mit einem 6:6 nach der regulären Distanz könne er leben, sagte der Weltmeister. „Ich habe keine Partie verloren, und das gegen einen extrem starken Gegner.“ Verglichen mit Visvanathan Anand, dem er einst den Titel entriss, und Sergej Karjakin, gegen den er ihn verteidigte, sei Caruana klar derjenige, der ihm am wenigsten Möglichkeiten gebe. „Fabiano ist sehr, sehr gut.“

Der Anfang vom Ende?

Kein Wort darüber, wie fokussiert er nun darauf ist, diesen hartnäckigen Gegner im Tiebreak zu besiegen, ausschließlich Anerkennung für den Gegenspieler. Ein Indiz? Der Anfang vom Ende?

Es waren ja einige Fragen offen nach dieser zwölften Partie, in der Magnus Carlsen Fabiano Caruana ein Remis anbot, das dieser nicht ablehnen konnte. Warum, Magnus? Die Fans ergingen sich sogleich in Spekulationen, anstatt dem Weltmeister zuzuhören. Magnus Carlsen neigt ja zur Ehrlichkeit, und was er nach dieser Partie zu sagen hatte, das klingt plausibel, speziell für einen müden Weltmeister.

Der Champion und ein potenziell würdiger Nachfolger. Nicht nur im Licht der Ereignisse von Montag erscheint der Ausgang des Tiebreaks offener denn je. | Illustrationen: Willum Morsch)

Er sei nicht in der Verfassung gewesen, die Möglichkeit 29…La4 mit ihren verlockenden Konsequenzen zu finden, erklärte Magnus. Ein Indiz, dass das Match Kraft gekostet hat, und auch eines, dass er vor der Partie ein neuerliches Unentschieden als erstrebenswertes Resultat eingeordnet hatte. Eigentlich war in dieser letzten Partie Fabiano Caruana derjenige gewesen, der ziellos driftet, ganz so wie in der ersten, in der Carlsen einen klaren, frühzeitigen Knockout verpasste.

Keine Energie

F. Caruana - M. Carlsen, WM-Kampf London 2018, Partie 12, Stellung nach 29.Te1

 

"Ich war nicht in der Verfassung, 29…La4 zu finden", sagte Carlsen nach der Partie. Stattdessen zog er 29…a4, und danach ist die weiße Stellung zwar verdächtig, aber erst einmal intakt und verteidigungsfähig.

Schachspieler spüren, wenn es auf der anderen Seite des Brettes nicht recht läuft. Aber Magnus vermochte daraus nicht die Kraft zu ziehen, um sich für den finalen und entscheidenden Kraftakt des Matches aufzuraffen. Stattdessen fühlte auch er sich niedergestreckt, als nach dem weniger kräftigen …a4 die weiße Dame auf b4 auftauchte und mit einem Mal die weiße Stellung zwar schwierig, aber intakt und verteidigungsfähig erschien. Das war dem Weltmeister entgangen, als er …a4 spielte. An dieser Stelle hätte Carlsen von neuem anlaufen müssen, noch einmal über die Distanz gehen, um die Entscheidung zu suchen, und die dafür notwendige Energie fand er nicht in sich.

Also bot er remis an.

Der Umstand, dass der im Blitzschach unwiderstehliche Magnus Carlsen als Favorit in den Tiebreak geht, bleibt bestehen. Aber er präsentiert sich nach dieser Vorstellung und im Kontext seiner potenziellen Titelmüdigkeit in einem anderen Licht. Das Ergebnis zumindest der Schnellpartien erscheint nun offener als zuvor.

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Conrad Schormann, gelernter Tageszeitungsredakteur, betreibt in Überlingen am Bodensee ein Büro für Redaktion und Kommunikation. Fürs Schachspielen hat er zu wenig Zeit, was auch daran liegt, dass er so gerne darüber schreibt, sei es für Chessbase, im Reddit-Schachforum oder für sein Schach-Lehrblog Perlen vom Bodensee...

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DoktorM DoktorM 28.11.2018 10:08
Ich denke auch, dass die Spitzenspieler zu viel spielen. Vor allem spielen sie zu oft gegen die gleichen Gegner. Das Isle-of-Man-Open hat mir deswegen so gut gefallen, weil dort die Spitzenspieler auf ganz andere Gegner getroffen sind (und auch verloren haben). Das Spitzenschach wäre interessanter, gäbe es mehr Spiele zwischen den Top-50-Spielern. Auf Rundenturniere mit fast den gleichen Teilnehmern könnte ich verzichten.
EL 70 EL 70 28.11.2018 03:24
Bezug nehmend auf rollinghills....möchte ich einen Punkt nochmal bekräftigen : Du hast Recht...Garry nahm sich seine Auszeiten...die einem undisputed Champ auch zustehen! Und 2. ja.....die Jungs spielen zu viel,....viel zu viel ! Vor allem nur untereinander...eine Form von sportlicher Inzucht ! Es ist ein soziologisches Problem....Immer , immer, immer spielen....! So sieht das Spitzenschach anno 2018 aus ! Und nicht nur das Schach...! Ein Typ wie Fabi kann das besser kompensieren als Magnus ! Und der scheint müde...wobei...die letzten 7 Jahre hat Magnus auf einem absolut unglaublichen Niveau gespielt! Aber er jst halt kein Kannibale....wie Garry es war ! Denn solch ei Niveau...das zehrt in jeder Sportart...Heute wird's nochmal reichen....aber Magnus ist müde...Yours
Phantasy Phantasy 28.11.2018 03:15
12 Partien sind einfach zu wenig. Eine Verlustpartie ist fast schon ein Matchverlust. Deshalb riskiert auch keiner etwas, nicht einmal wenn man eine sehr gute Angriffsstellung hat, wie Carlsen in der letzten Partie.
Das Match ist zu kurz.

Trotzdem, mir gefällt es.
DoktorM DoktorM 28.11.2018 03:03
Die zur Zeit beiden besten Schachspieler der Welt liefern sich einen Wettkampf, der für die interessierten Zuschauer zu wenig geboten hat. Den Spielern hat es an einigen Stellen an Mut gefehlt. Oder an Kampfgeist. Solche Wettkämpfe sind leider keine Werbung für Schach. Deswegen fehlen auch die großen Sponsoren. Auch ist das Preisgeld vergleichsweise gering.
Es ist die Sache der Spieler, wie sie den Wettkampf gestalten. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen nicht kritisiert werden dürfen. Die Spiele der WM werden nicht in großer Erinnerung bleiben.
Ich hätte einen Vorschlag für einen anderen WM-Modus: Man spielt vier Langzeitpartien als Satz. Steht es danach 2:2, werden Schnellschachpartien gespielt. Der Gewinner der Schnellschachpartien hat den Satz gewonnen. Danach beginnt ein neuer Satz. Weltmeister wird, wer zuerst drei Sätze gewonnen hat. Ruhetage sollte es nur nach einem Satz und vor eventuellen Schnellschachpartien geben.
Rheingauer Rheingauer 28.11.2018 02:20
@rollinghills
Du hast ja so recht! Siehe auch mein Kommentar zu https://de.chessbase.com/post/schachweltmeisterschaft-partie-12
rollinghills rollinghills 28.11.2018 11:59
@fjordfish: Ich bitte Dich. Der Mann ist Millionär und hat seine Leidenschaft zum Beruf machen dürfen. Ich habe jede Menge Mitgefühl. Aber eher mit Erzieherinnen, Krankenschwestern, Menschen in Not - überall auf der Welt. Mein Mitgefühl mit frustrierten Millionären hält sich sehr in Grenzen.
@chessiszen: Deswegen, weil es derzeit zum Modus gehört, muss ich das ja nicht unbedingt gut finden.
Chessiszen Chessiszen 28.11.2018 11:34
@rollinghills
Du hast das hier mit der Schach WM immer noch nicht begriffen.
Für beide ist das EIN Match, Tiebreak gehört momentan halt noch dazu.
Carlsen sieht nun mal höhere Gewinnchancen im Tiebreak um seinen Titel zu behalten.
Wer würde das nicht tun?

Er muss mit seinen Kräften auch mal haushalten aber schwarz-weiß Denker die Ihn für dieses Remis kritisieren verstehen das nicht.
fjordfish fjordfish 28.11.2018 10:58
Rollinghills,
Du bist ein Mensch dem jegliche Empathie fehlt,verstehst du nicht, was dieser Artikel uns sagen will?
Krennwurzn Krennwurzn 28.11.2018 10:33
Der Weg vom Wunderkind zum Weltmeistermann ist eben ein holpriger!
Rheingauer Rheingauer 28.11.2018 10:14
Guter Artikel !
@Manarola
da stimme ich weitgehend mit dir überein. Allerdings sehe ich bei Carlsen nicht unbedingt eine deutliche häufigere Teilnahme als bei Kasparov. Ich denke vielmehr, dass die erleichterte Vorbereitung (und natürlich auch die besseren Verdienstmöglichkeiten) mit den heutigen Mitteln, die jüngere Generation dazu verleitet, an mehr Turnieren teilzunehmen.
rollinghills rollinghills 28.11.2018 10:09
Kasparov schrieb in seinem 7-bändigen Werk "meine großen Vorkämpfer", dass die Weltmeister und ihre Herangehensweise an das Schach immer auch ein Spiegel ihrer Zeit waren. Kasparov selbst sah sich als glühender Kämpfer für eine Veränderung in der Welt. Spieler wie Aljechin, Tal oder Fischer würden sich im Grabe umdrehen, würden Sie miterleben müssen, was einer ihrer Nachfolger so treibt.
Gesegnet mit dem größten Talent - vielleicht aller Zeiten - ist er schon seit langem "außer Form". Wann hat er seine letzte wirklich inspirierte Glanzpartie gespielt? Mindestens seit der WM 2016 gilt er als "außer Form."
Carlsen ist in einer Zeit aufgewachsen, in der beinahe unser ganzes Leben ökonomischen Fragen untergeordnet ist. Gutes Benehmen ist für Looser. Das spürt man selbst z.B. beim Blitzen im Netz. Es wird jeder Schwachsinn auf Zeit gespielt. Vor 20 Jahren hätte der Gegner aufgegeben, heute nicht mehr. Er macht schon immer einen auf sich selbst focussierten, beinahe autistischen Eindruck. So spielt er halt auch Schach. Im ist es einfach Wurscht, was die anderen dazu sagen. Das ist ja auch seine Sache. Nur ist es verglichen mit den Weltmeistern bis einschließlich Kasparov ist sein Verhalten - wie Jan Ludwig Hammer nach der 12. Partie auf Twitter sagte - "sehr feige".
Manarola01 Manarola01 28.11.2018 08:53
Unter diesem Aspekt weiß man die Leistung von Kasparov vielleicht noch besser zu würdigen. Er spielte über 2 Jahrzehnte bis zu seinem Rücktritt das beste Schach. Nur einmal besiegt von einem hervorragend disponierten, ebenfalls genialen Kramnik.

Es wirft aber (gerade auch mit Blick auf Kasparov) ein Licht auf den aktuellen Schachbetrieb. Während Kasparov immer wieder mal "schöpferische" Pausen einlegte, und deutlich weniger schwere Turniere spielte, sind die Jungs heute im Dauereinsatz. Auf Dauer hält das wohl keiner aus.

Für einen Abgesang auf Carlsen ist es hoffentlich noch zu früh! Auch wenn ich Fabio heute ganz kräftig die Daumen drücke :-)
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