Jan Werle: A modern approach against the Sicilian - eine Rezension

von Christian Hoethe
11.02.2020 – Mit 3.Lb5 gegen die Sizilianische Verteidigung gibt Weiß die Richtung des Geschehens vor und geht allen schwarzen Spezialvarianten im Offenen Sizilianer aus dem Weg. Christian Höthe hat sich Jan Werles DVDs zur Rossolimo und Moskauer Variante angesehen und fand viele wertvolle Tipps.

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Rezension zu Jan Werles Moscow- und Rossolimo-DVDs "A modern approach against the Sicilian"

Jedes Anti-Sizilianisch-Video, das augenzwinkernd mit den Worten "Und heute werden wir uns ansehen, wie wir Sizilianisch mit 2. ...d6" widerlegen" beginnt, hat per se schon einmal meine ungeteilte Aufmerksamkeit!

Erst recht, wenn diese Worte aus dem Mund eines netten holländischen Großmeisters kommen, der zwar im selben Atemzug eingesteht, dass es sich hierbei womöglich um eine kleine Übertreibung handelt, er aber dennoch zeigen wird, wie Weiß nach 3. Lb5+ das angenehmere Spiel erhält.

Herzlich willkommen zu den ersten ChessBase-DVDs von Großmeister Jan Werle, der sich zu Beginn nichts Geringeres vorgenommen hat als Sizilianisch von Anfang an unter Druck zu setzen: "A modern approach against the Sicilian" Volume 1 & 2.   

Ab und zu zwischendurch lässig Tee oder Kaffee trinkend erinnert mich GM Werle damit sehr an die ersten ChessBase-DVDs von GM Jacob Aagaard, der teilweise mit einem sicherlich alkoholfreien Cocktail in der Hand moderierte und die manchmal doch recht trockene Theorievermittlung so wunderbar auflockerte.

Die erste DVD von Jan Werle setzt sich mit dem Rossolimo-Sizilianer nach 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 auseinander,

 

wohingegen Inhalt der zweiten DVD passenderweise die Moskauer Variante mit 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ ist!

 

In einem übrigens auch sehr sehenswerten 60-Minutes-Trainer nimmt sich Werle dann noch den Sizilianer mit 2. ...e6 vor! Hier empfiehlt er das harmlos aussehende, aber doch recht giftige 3. b3!? Insgesamt gönnt uns Großmeister Werle also fast 15 satte und unterhaltsame Stunden feinstes Anti-Sizilianisch-Training!

In Zeiten, in denen besonders der Weltmeister häufig endlos langen Theorieschlachten aus dem Weg geht und stattdessen "einfach Schach" spielt, ist dies natürlich ein bemerkenswert praktischer Ansatz. Die Erfolge von Carlsen mit derartigen Anti-Sizilianern sind bemerkenswert und geben dem Weltmeister Recht - warum sollte von einer solchen Herangehensweise nicht auch der Vereinsspieler profitieren? 

Beginnen wir also mit einem Blick in die erste DVD, die die Rossolimo-Variante behandelt:

In dem ersten relativ großen Block nimmt sich Werle eher seltene Nebenvarianten wie 3. ...Dc7, 3. ...Db6, 3. ...Sd4 oder 3. ...a6 vor, was didaktisch sicher sinnvoll ist. 

Zu meiner Überraschung findet sich hier auch schon das Abspiel mit 3. ...Sf6 4. Sc3, wo Schwarz mit 4. ...Sd4 und 4. ...Dc7 zwei nicht ganz so schlechte Abspiele zur Verfügung stehen. Einem Unvorbereiteten wird es hier nicht leicht fallen, für Weiß einen Vorteil zu erspielen. Zum Glück jedoch steht uns GM Werle zur Seite, der uns anhand aktueller Turnierpartien, auch der Schach-Elite, instruktiv erklärt, wie sich Weiß zu leichtem Vorteil navigiert.

Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den beiden Hauptvarianten.  

3. ...e6 möchte der holländische GM dabei mit 4. Lxc6 beantworten. Bei 3. ...g6 bespricht er sowohl 4. Lxc6 als auch das flexible 4. 0-0. Übrigens führt 3. ...d6 direkt in die Moskauer Variante, die auf der zweiten DVD behandelt wird.

Der Zug 4. Lxc6 ist nach 3. ...e6 sowie 3. ...g6 natürlich Geschmackssache. Dem Anziehenden stehen mit 4. 0-0 oder 4. c3 gute Alternativen zur Verfügung, die sich unter anderem in diversen Theoriewerken finden. Die Aufgabe des Läufers zugunsten einer Schwächung der gegnerischen Bauernstellung ist jedoch prinzipiell und zeichnet detailliert den Mittelspiel-Plan vor, den Weiß nun vor Augen hat.

Besonders nach 3. ...e6 macht 4. Lxc6 somit Sinn, schließt es den Lc8 doch für geraume Zeit in sein Gefängnis aus Bauern ein. 

Dass Werle nach 3. ...g6 sowohl 4. Lxc6 als auch die Alternative 4. 0-0 empfiehlt, hat mir sehr gut gefallen. Schließlich gibt es Tage, an denen man die prinzipiellen Entscheidungen auf dem Brett nicht bereits schon im vierten Zug fällen möchte. 

A modern approach against the Sicilian Vol.1: The Rossolimo Variation

Diese Videoserie zeigt Ihnen gefährliche und neue Varianten, die bestens geeignet sind, um den Sizilianer nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 zu bekämpfen.

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Kommen wir also nun also zur Moskauer Variante, die Gegenstand der zweiten DVD ist!

Wem diese Variante oberflächlich betrachtet zu harmlos erscheint, dem sei zum Studium die folgende Partie ans Herz gelegt, die meiner Meinung nach zu einer der besten der letzten zwei Jahrzehnte zählt und den Weltmeister mit den weißen Figuren zeigt:

Magnus Carlsen vs Viswanathan Anand
Grand Slam Chess Final (2012), Sao Paulo

1.e4 c5 2.Nf3 d6 3.Bb5+ Bd7 4.Bxd7+ Qxd7 5.c4 Nf6 6.Nc3 g6 7.d4 cxd4 8.Nxd4 Bg7

 

9.f3 Qc7 10.b3 Qa5 11.Bb2 Nc6 12.0-0 0-0 13.Nce2 Rfd8 14.Bc3 Qb6 15.Kh1 d5 16.Nxc6 bxc6

 

17.Qe1 Rdc8 18.e5 Ne8 19.e6 fxe6 20.Nf4 Bxc3 21.Qxc3 d4 22.Qd2 c5 23.Rae1 Ng7 24.g4 Rc6 25.Nh3 Ne8 26.Qh6 Nf6 27.Ng5 d3 28.Re5 Kh8 29.Rd1 Qa6

 

30.a4  

1-0

Das Finale zeigt einen bemerkenswerten Zugzwang, der Schwarz zur Aufgabe zwang - von Carlsen sehr beeindruckend gespielt!

Nach den einleitenden Zügen 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ Ld7 4. Lxd7+ Dxd7 beschäftigt sich Großmeister Werle sowohl mit der alten Hauptvariante 5. 0-0 - mit dem Plan c3 nebst d2-d4 zu spielen, sofern nötig und erfolgversprechend auch als Gambit - als auch sehr ausführlich mit der modernen Igel-Struktur, die nach 5. c4 entsteht.

 

Was mir hier besonders gefallen hat ist, dass man viele der Varianten sehr gut nach Verständnis und gesundem Menschenverstand heraus spielen kann, wenn man Werle´s Erklärungen gelauscht und diese verinnerlicht hat. Dies betrifft übrigens nicht nur dieses Abspiel, sondern beide DVDs!

Natürlich muss Schwarz nicht mit der Dame auf d7 wiedernehmen und kann mit 4. ...Sxd7 seine Damenflügel-Entwicklung vorantreiben. Darauf empfiehlt Werle den altbewährten Plan, das durch Schwarz etwas vernachlässigte Zentrum mit c3 und d4 zu besetzen.

Schwarz kann das Läuferschach auf b5 im dritten Zug auch mit dem Zug 3. ...Sc6 beantworten, wonach GM Werle das natürliche 4. 0-0 Ld7, 5. Te1 spielen möchte, das seiner Meinung nach gute Chancen auf einen leichten Vorteil verspricht. Wenn man sich die drei Videos und die Analysen darin angesehen hat, versteht man, wie Weiss die Haupt-, aber auch die Nebenvarianten dieses Abspiels spielen sollte, um ein vorteilhaftes Mittelspiel anzustreben.

In seinem nun schon etwas älteren Buch zu den Anti-Sizilianern empfahl der englische Grossmeister Joe Gallagher schon 1994 gegen die Moskauer Variante das kämpferische System mit 3. ...Sd7. Eine Variante, die später auf vom Autorengespann Aagaard und Shaw in ihrem Titel "Experts on the Anti-Sicilians" aufgegriffen und umfangreich aktualisiert wurde.

Wie also widmet sich der sympathische Holländer diesem doch recht populären Abspiel? Mit einer Empfehlung, die erstmals nach der Partie vom Weltmeister Magnus Carlsen gegen Peter Svidler 2013 näher in den Fokus der Schachtheorie rückte, nämlich das überraschende

1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ Sd7 4. 0-0 a6 5. Ld3!?

 

Dieser auf den ersten Blick umständlich wirkende Zug verfolgt den Plan, den Läufer nach c2-c3 auf c2 zu parken und anschließend d2-d4 folgen zu lassen. Dieselbe Idee verfolgt auch der eher seltene Kopec-Sizilianer nach 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Ld3!?

A modern approach against the Sicilian Vol.2: The Moscow Variation

Diese Videoserie zeigt Ihenen gefährliche und neue Varianten, die bestens geeignet sind, um den Sizilianer nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ zu bekämpfen.

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Da ich mir diese Variante mit 5. Ld3 zuvor noch nie angesehen hatte, verglich ich Werle´s Empfehlungen parallel mit der großen ChessBase-Datenbank bzw. ihrer Statistik-Funktion und wurde mehr und mehr zum Werle-Fan!

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Nicht nur, dass er vermehrt Neuerungen und neue Ideen empfiehlt, er erklärt auch, warum er von einigen Varianten Abstand nahm und stattdessen andere neben seinen Hauptabspielen als interessante Alternativen hervorgehoben hat.  So werden seine Repertoire-Empfehlungen sehr gut auch für Nicht-Profis nachvollziehbar.

Die Navigation in den Kapiteln beider DVDs kann einfacher nicht sein. Hier kann man sich nach Wunsch die gesamten Videos samt Musterpartien ansehen, gern auch nur die Partien, man kann sich in den "Memory Exercises" anschauen, ob man sich die kritischen Stellen merken konnte, man kann konkret das erlernte Repertoire im "Repertoire Training" üben oder Mittelspielstellungen aus dem Repertoire praktisch ausspielen, um sein Gefühl für die Strukturen zu verbessern. 

Fazit: Großmeister Jan Werle startet bei ChessBase mit einem beeindruckenden Debüt und rüstet 1. e4-Spieler mit einem starken praktischen Repertoire gegen den Sizilianer aus!

Ich freue mich jetzt schon auf Werle´s nächstes Projekt bei ChessBase!

The Rossolimo and Moscow Variation Bundle

Diese Videoserie zeigt Ihnen gefährliche und neue Varianten, die bestens geeignet sind, um den Sizilianer nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6/d6 3.Lb5(+) zu bekämpfen.

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Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.