Jon Speelman: Yahoo!

von Jon Speelman
03.11.2026 – In gut drei Wochen beginnt in Genf der WM-Kampf zwischen Titelverteidiger Gukesh und Herausforderer Javokhir Sindarov (Bild). Jon Speelman sieht Sindarov als Favoriten, weiß aber, dass bei einem WM-Kampf eigene Gesetze gelten. Speelman wirft einen Blick auf Sindarovs spektakulären Angriffssieg gegen Hikaru Nakamura beim Clutch Chess in St. Louis und erinnert an eine wilde Angriffspartie von Artur Jussupow gegen Vasyl Ivanchuk. | Foto: Nils Rohde / ChessBase

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Die WM – Ein Zweikampf, auf den man sich freuen kann

Übersetzung: Johannes Fischer

In gut drei Wochen beginnt in Genf der Kampf um die Schachweltmeisterschaft. Nach seinen jüngsten Erfolgen gilt Herausforderer Javokhir Sindarov als Favorit. Doch ein Weltmeisterschaftskampf ist eine Welt für sich, in der die Gesetze des gewöhnlichen Schachlebens nur bedingt gelten. Und ich bin sicher, Gukesh wird seinen Titel mit aller Macht verteidigen.

Vierzehn Partien sind eine gute Zahl, wenn auch natürlich kein Vergleich mit den vierundzwanzig Partien, die üblich waren, als ich jung war. Aber beide Spieler haben siebenmal Aufschlag mit Weiß und müssen sich siebenmal mit Schwarz verteidigen. Das gibt einen gewissen Spielraum, um mit Weiß eine Schwachstelle im gegnerischen Repertoire zu finden. Allerdings nicht so viel Spielraum wie beim WM-Kampf zwischen Kasparov und Anand 1995, bei dem zwanzig Partien auf dem Programm standen, und bei dem ich als Sekundant von Anand dabei war. Es dauerte bis zur zehnten Partie, ehe Kasparov mit Weiß einen Treffer landen konnte – er überrannte Anands Offenen Spanier im Opferstil mit einer bemerkenswerten Neuerung. Und stellte damit den Ausgleich wieder her, nachdem Anand in der neunten Partie nach acht Remis zum Auftakt endlich ein Mittel gegen Kasparovs Sizilianer gefunden hatte.

In den verbleibenden Wochen werden Sindarov und Gukesh vermutlich mit ihren Helfern aus Fleisch und Blut und aus Silizium noch einmal Analysen überprüfen, vielleicht hinter verschlossenen Türen ein paar Trainingspartien spielen und dafür sorgen, dass sie körperlich in Bestform sind, wenn der Kampf beginnt.

Weltmeisterschaftskämpfe sind immer ein Ereignis, auf das man sich freuen kann, und ich jedenfalls bin schon gespannt. Wie fast alle anderen glaube auch ich, dass Sindarov gewinnen wird. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass ich ihm zutraue, einen schlechten Start wieder wettzumachen. Sollte dagegen Gukesh früh in Rückstand geraten, könnte es ihm angesichts seiner jüngsten Ergebnisse deutlich schwerer fallen, sich wieder zu fangen.

Javokhir Sindarov

Javokhir Sindarov beim Kandidatenturnier in Zypern | Foto: Nils Rohde / ChessBase

Seinen letzten öffentlichen Auftritt vor dem WM-Kampf hatte Sindarov beim Clutch Chess Champions Showdown in St. Louis. Aber vielleicht spielt er vorher auch noch ein paar Blitzpartien beim Titled Tuesday, um den Rhythmus nicht zu verlieren. Beim Clutch Chess geht es im Verlauf des Turniers um immer mehr Punkte und Preisgeld, und Sindarov spielte seine beste Partie ganz zum Schluss. Natürlich ist sein Sieg gegen Hikaru Nakamura hier und überall sonst auf der Welt bereits ausführlich besprochen worden, aber ich möchte mir die Partie noch einmal ansehen. Nicht, um sie bis ins Letzte zu analysieren, sondern eher, um meinen Gedanken beim Nachspielen freien Lauf zu lassen. Vielleicht lässt sich aus Sindarovs Zügen und Ideen in St. Louis ja etwas für den bevorstehenden WM-Kampf ableiten. Vielleicht aber auch nicht.

Der Angriffskünstler Mikhail Tal hat einmal gesagt, dass der Gegner ja immer nur eine Figur auf einmal schlagen kann, wenn man angreift. Das konnte man auch in der Partie Nakamura gegen Sindarov sehen, als Sindarov immer mehr Figuren in den Angriff warf. Spitzenspieler mögen sich noch so sehr als nüchterne Positionsspieler geben – sie können in der Regel auch Krawall vom Zaun brechen, wenn die Stellung es hergibt oder sie in schlechter Stellung nach Schwindelchancen suchen wollen. Oder, wie Artur Jussupow gern gesagt hat, um einfach mal „Yahoo!“ zu spielen.

Gukesh und Sindarov sind beide brillante Taktiker. Hoffen wir, dass sie uns trotz der Anspannung eines WM-Kampfes wilde Schlachten liefern. Auch der sonst so ruhige und rationale Positionsspieler Jussupow konnte, wenn er sich das erlaubte, zum Taktiktier werden. Bei seinem Kandidatenwettkampf 1991 gegen Vasyl Ivanchuk – der übrigens auch bei der diesjährigen London Chess Classic mitspielt – gelang ihm in der ersten Schnellpartie des Stichkampfs ein fantastischer Angriff.

Artur Yusupov

Artur Jussupow spielte 1986 im Viertelfinale der Kandidatenwettkämpfe in Tilburg gegen Jan Timman. | Foto: Rob Bogaerts / Anefo

Die DVD befasst sich nun mit dem Rochadekönig und speziell mit den Methoden, aus dem geschwächten Königsflügel Kapital zu schlagen. Diverse bekannte Themen, Bauernformationen und andere Angriffswaffen werden in 8 Kapiteln unter die Lupe genommen.

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Jonathan Speelman, Jahrgang 1956, entschied sich 1977 nach einem Studium der Mathematik für eine Karriere als Schachprofi. Er wurde drei Mal Britischer Meister und von 1980 bis 2006 war er Mitglied der englischen Olympiamannschaft. Zwei Mal qualifizierte er sich für die Kandidatenwettkämpfe und 1989 kam er dort bis ins Halbfinale. Speelman arbeitete auch als Sekundant für Nigel Short und Vishy Anand und ist Autor einer Reihe erfolgreicher Bücher.
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