K .u. K. in Berlin

25.05.2010 – Von 1975 bis 2000, ein Vierteljahrhundert, haben zwei Spieler die Schachwelt beherrscht: Anatoly Karpov und Garry Kasparov. Manche nannten diese Zeit in Anlehnung an historische Vorbilder die "K.u.K.-Dynastie. Seit 1984 führten Karpov und Kasparov einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft, der nicht nur am Brett ausgetragen wurde. Nachdem Karpov Kasparov im Gefängnis besucht hatte, glätteten sich die Wogen. Kürzlich spielten die beiden Schachgiganten sogar einen Jubiläumswettkampf. Nun tritt Karpov als Kandidat für die FIDE-Präsidentschaft an und Kasparov unterstützt ihn. Außerdem möchten die beiden gerne Robert von Weizsäcker als ECU-Präsidenten sehen. Am Freitag gab Professor Weizsäcker in Berlin und in Anwesenheit von Karpov und Kasparov offiziell seine Präsidentschaft bekannt. Am Abend bot das ARD-Hauptstadtstudio eine prominent Bühne für eine Podiumsdiskussion zum hochaktuellen Thema "Schach und Politik." Bericht und Bilder...

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Kasparov und Karpov unterstützen Robert von Weizsäcker
Von André Schulz
Fotos: Knut Koops, André Schulz


Dirk Paulsen (Übersetzter), Anatoly Karpov, Robert von Weizsäcker, Garry Kasparov, Klaus-Jürgen Lais (DSB)

Am vergangenen Freitag besuchten der 12. und der 13. Schachweltmeister Berlin. Karpov und Kasparov reisten aus New York an, wo die beiden Schachtitanen einen "Fundraiser" für Karpovs Kampagne für die Wahl als FIDE-Präsident organisiert hatten. Der Grund für die Reise nach Berlin war die Unterstützung, die "K.u.K." wie sie gerne genannt werden, Robert von Weizsäcker für dessen Kandidatur zum Präsidenten der Europäischen Schachunion angedeihen lassen möchten. Der Deutsche Schachbund hatte am Freitag Mittag zu einer Pressekonferenz geladen, auf der offiziell die Kandidatur von Weizsäckers für dieses Amt bekannt gegeben wurde. FIDE-Kandidat Anatoly Karpov und ganz besonders Garry Kasparov waren dort ebenfalls anwesend und sehr präsent.






In einem "Statement" erläuterte Robert von Weizsäcker, wie es zu dieser Kandidatur kam. Eine Reihe von Spielern hätten ihn gebeten, sich zur Verfügung zu stellen. Zunächst habe er diese Idee weit von sich gewiesen, aber spätestens, als er Kasparov bei ihm angerufen habe, habe er sich damit angefreundet. Das "Ticket", die Mannschaft von Weizsäcker, mit der er zur Wahl antritt, besteht fast ausschließlich aus Spielern. Im Team sind Nigel Short, der eigentlich zur Pressekonferenz anwesend sein wollte, aber bei seinem Flug von Ruanda kommend, sich in Paris verspätete, Ivan Sokolov und Johan Hjartarsson, die beide zur Pressekonferenz nach Berlin anreisten, und Yuri Kaplun, der ebenfalls kurz in Berlin war, aber gleich zu Beginn der Pressekonferenz wieder abreisen musste.

Weizsäcker wies darauf hin, dass er bei seinem Amtsantritt als DSB-Präsident eine seiner Aufgaben darin sah, den Einfluss des deutschen Schachbundes in den internationalen Gremien zu erhöhen. Insofern sei die mögliche Wahl zum ECU-Präsidenten eine vielleicht einmalige Chance. Auf der anderen Seite sei das Zeitbudget, das er dem Schach zur Verfügung stellen könne, nach wie vor sehr begrenzt. Eine aktive Mannschaft müsse dies im Falle einer Wahl kompensieren. Die Mannschaft setze sich zwar zum größten Teil aus Spielern zusammen, mit der Idee, den Einfluss der Funktionäre zu verringern. Gewählt würde das Präsidium aber gerade von Funktionären - oder eben vielleicht auch nicht. Zudem sähe man sich zwei starken Gegenkandidaten gegenüber, Topalovs Manager Silvio Danailov und den mit staatlichen Geldern unterstützen türkischen Verbandspräsidenten Ali Nihat Yazici.

Kasparov und Karpov erläuterten in ihren Statements den Anspruch ihrer Kampagne.





In der 15-jährigen Amtszeit von Kirsan Ilyumzhinov habe die Reputation des Schachs in unglaublicher Weise gelitten, erklärte Kasparov. Schach sei von den Titelseiten der Presse verschwunden, die großen Schachturnier, wie jetzt gerade der Grand Prix- Zyklus fände in Städten statt, die niemand kenne: "... not only in the middle, but even in the end of nowhere."



Sie hätten stattdessen ihre Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft in Städten wie New York, London, Moskau oder Sevilla gespielt. Obwohl die Kampagne gerade erst gestartet sein, könne man schon jetzt sehen, dass Verbände aus Zonen, die sonst immer geschlossen für Ilyumzhinov gestimmt hätten, nun Karpov unterstützen würden. Kasparov wies exemplarisch auf den ägyptischen Verband hin, der sich bereits hinter Karpov gestellt habe. Bei der letzten FIDE-Wahl hätten die arabischen Verbände noch geschlossen für Ilyumzhinov gestimmt. "Wir werden den Mythos des unbesiegbaren Ilyumzhinov zerstören, " zeigte sich Kasparov überzeugt.

Bei der folgenden Fragerunde der Journalisten wurde der als erstes angesprochene Robert von Weizsäcker dann von einer Journalistin gleich in den Zustand vorübergehender Sprachlosigkeit versetzt. Nach den vielen detaillierten Ausführungen über die Vorgänge der Schachpolitik und die Pläne für die Zukunft wollte diese vom Kandidaten für die ECU-Wahl als wissen: "Haben Sie Schach von ihrem Vater gelernt?" Die nächste Frage war: "Sind sie besser als ihr Vater?". Etwas geschockt, aber dennoch geduldig beantwortete Fernschachgroßmeister Robert von Weizsäcker diese beiden für das Verständnis des Ganzen so essentiellen Fragen.


Garry Kasparov im Gespräch mit Wolfgang Runkel (Zeit)



Zu Gast bei der ARD





Am Abend lud der Deutsche Schachbund zu einer Podiumsdiskussion, die unter dem Titel "Schach und Politik" im Hauptstadtstudio der ARD stattfand.








Neben Garry Kasparov, Anatoly Karpov und Robert von Weizsäcker nahm der Kabarettist und frühere Bundesligaspieler Matthias Deutschmann teil. Als Moderator leitete Markus Spieker die Diskussion. Mit 250 Zuschauern vor Ort war das Foyer des ARD-Studios bis auf den letzten Platz gefüllt. "Falls der Platz da gewesen wäre, hätten wir auch doppelt so viele Schachfreunde begrüßen können," freute sich der Dr. Hans-Jürgen Weyer, Vizepräsident des Deutschen. Kasparov und Karpov ziehen offenbar selbst dann viele Schachfreunde an, wenn sie nicht Schach spielen. Zum Vergleich: bei der WM in Sofia war an manchen Tagen nur ein Zehntel der Zuschauerzahl zugegen.


Volles Haus in der ARD


Joachim Wintzer und Thomas Weischede von der Lasker-Gesellschaft


Vaile Fuchs und Iepe Rubingh


Dr. Hans-Jürgen Weyer begrüßt die Gäste

Markus Spieker leitete - zweisprachig - die Diskussion sehr souverän und brachte mit seinen Fragen, die sich ganz allgemein mit den Themen Schach, Politik beschäftigten, alle Gäste elegant ins Spiel. So wurde der Ökonomieprofessor Robert von Weizsäcker als erstes gefragt, wie er den "Rettungsschirm" der EU für Griechenland beurteile. Tatsächlich war von Weizsäcker seinerzeit vor dem Beschluss, den Euro einzuführen, im Beraterteam der Bundesregierung. "Wir hatten uns für die Einführung ausgesprochen, allerdings nur unter der Bedingung, dass man einem Land, dass sich selber in finanzielle Schwierigkeiten bringen würde, niemals von außen unter die Arme greifen dürfe."

Die beiden Weltmeister erklärten, weshalb sie nun zusammen arbeiten, obwohl sie sich doch früher über viele Jahre erbittert bekämpft hatten - und nicht nur am Schachbrett. Ein Schlüsselmoment war dabei der Besuch, den Karpov Kasparov abstatten wollte, als dieser im Gefängnis saß.



Karpov versuchte zu Kasparov durchgelassen zu werden, was ihm aber nicht gelang. So ließ er ein Schach-Magazin zurück, mit der Bitte es Kasparov zu übergeben.



Am Abend erhielt Kasparov dann tatsächlich diese Zeitschrift mit dem Hinweise, Karpov hätte sie ihm gebracht. "Kommt, das ist doch ein schlechter Witz," war Kasparovs verblüffte Reaktion.



Als fachlich kundiger, aber pointierter "Querschläger" erwies sich einmal Matthias Deutschmann.

So konterte der Kabarettist gut gelaunt gleich den Versuch des Moderators, Schachspieler als die vielleicht besonneneren Politiker zu charakterisieren - "Das wollen Sie uns doch jetzt nicht ernsthaft weismachen."


Matthias Deutschmann

Dann erheiterte der frühere Jugendkaderspieler das Publikum mit Scherzen wie "Die Lieblingsfigur der FDP ist der Springer: ändert die Farbe nach jedem Zug" und entlockte Karpov zwischendurch tatsächlich sogar eine Stellungsnahme zum WM-Kampf von 1978 gegen Kortschnoj: "Wir mussten etwas tun", beschrieb Karpov den Lauf der Dinge aus seiner Sicht, "Kortschnoj hatte drei Parapsychologen im Team."

Im Hintergrund feixte Nigel Short, der inzwischen aus Paris kommend in Berlin gelandet war.



Ein weiteres Thema der Diskussion war der Überfall von einigen "Men in black" (Kasparov) auf den russischen Schachverband.


 

Ein privater "Sicherheitsdienst" hatte offenbar im Auftrag von Arkady Dvorkovich und Kirsan Ilyumzhinov den Verband besetzt, die Verbandswebseite gekapert und sich in den Besitz der Bankdaten gebracht. "Wir hatten zuvor Remis angeboten," berichtete Kasparov. "Der russische Verband hätte beide nominieren können, Karpov und Ilyumzhinov. Aber sie haben abgelehnt. Dann haben sie die Partie verloren. Nun versuchen sie das Ergebnis zu ändern."







Die etwa 90-minütige Diskussion wurde live in den Fritzserver übertragen und ist dort als Aufzeichnung abrufbar. Nach Ende der Veranstaltung gaben die Beteiligten noch bereitwillig Autogramme.






Robert von Weizsäcker mit Nigel Short

 

 

 

 

 


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