Kandidatenturnier: Fazit, Schlussfeier, Bilderbuch

von André Schulz
31.03.2016 – In einem recht ausgeglichenen Feld hat sich im Kandidatenturnier Sergey Karjakin als Herausforderer durchgesetzt. In der letzten Runde bewies er Nervenstärke, packte den Stier bei den Hörnern und spielte gegen Caruana nicht auf Remis, was vielleicht gereicht hätte, sondern auf Gewinn. Sein Sieg kommt nicht wirklich überraschend. Die eigentliche Überraschung ist, warum Karjakin nicht schon früher um die Weltmeisterschaft gespielt hat. Mehr...

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Das Kandidatenturnier 2016 ist Geschichte. Der Sieger heißt Sergey Karjakin. Da das Feld leistungsmäßig sehr dicht aufgestellt war, kann man nicht sagen, dies sei eine Überraschung. Karjakin führte mit seinen zwei Siegen das Turniers zumeist an, wurde dann einmal von Anand böse überrollt, brachte sich aber mit seinem Pflichtsieg über Veselin Topalov eine Runde vor Schluss wieder in die beste Position. Aufgrund der Tiebreak-Regel, bei der der direkte Vergleich und dann die Anzahl der Siege eine entscheidende Rolle spielten, war Karjakin vor der letzten Partie gegen Fabiano Caruana in der besseren Position. Zudem hatte er Weiß. Remis reichte ihm, es sei denn, Anand würde mit Schwarz gegen Svidler gewinnen. Dann - so die etwas absurd wirkende Konsequenz der Tiebreak-Regel - reichte ein Remis nämlich nicht. Dann wären Caruana, Karjakin und Anand punktgleich gewesen, und da Karjakin einmal gegen Anand verloren hatte, hätte Caruana die bessere Position gehabt.

Schon im World Cup hatte Karjakin Nervenstärke bewiesen und das umkämpfte Finale gegen Peter Svidler im langen Stichkampf gewonnen. Auch in der letzten Runde des Kandidatenturniers zeigte Karjakin starke Nerven, wollte sich auf keine Rechenspiele einlassen und packte den Stier bei den Hörnern. Er eröffnete mit 1.e4 und nicht etwa mit 1.Sf3, um die Partie vielleicht in ruhige positionelle Bahnen zu lenken. Und nach Caruanas 1...c5 nahm Karjakin den Fehdehandschuh auf und wählte eine scharfe Variante. Später opferte er mutig einen Bauern, dann einen ganzen Turm und entschied die Partie im Königsangriff.

Überraschend ist nicht, warum Karjakin gewonnenen hat, sondern warum das einstige "Wunderkind", als Elfjähriger schon Sekundant des späteren FIDE-Weltmeisters Ruslan Ponomariov, als Zwölfjähriger jüngster Großmeister aller Zeiten, in der Weltrangliste nicht viel weiter oben steht und nicht schon längst um die Weltmeisterschaft gespielt hat.

Die Basilius-Kathedrale

Am roten Platz

Hikaru Nakamura mit seinem Sekundanten Kris Littlejohn

Veselin Topalov und Silvio Danailov

Sergey Karjakin mit Vladimir Potkin, einem seiner Sekundanten. Er wurde außerdem von Yury Dochojan und Alexander Motylov unterstützt

Anish Giri mit seiner Frau Sopiko Guramishvili und seinem Trainer Vladimir Tukamkov

Levon Aronian kommt alleine

Anand, rechts, mit seinem Sekundanten Grzegorz Gajewski

Die Organisation von FIDE-Top-Events wird nun vom Vermarkter AGON durchgeführt. Die Firma wurde 2012 vom russisch-amerikanischen Unternehmer Andrew Paulsson gegründet, vor der letzten Weltmeisterschaft jedoch an Ilya Merenzon verkauft. AGON hat der FIDE 2012 die Vermarktungsrechte an allen Turniere, die mit der Weltmeisterschaft verbunden sind, für zehn Jahre abgekauft, hält die Rechte also noch bis 2022.

Ein grundsätzliches und ungelöstes Problem bei allen Schachturnieren ist der Bereich der Vermarktung. Heutzutage kosten besonders Top-Turniere sehr viel Geld, was auch an den stattlichen Preisgeldern liegt, die ausgeschüttet werden. Die finanziellen Mittel werden von Sponsoren, oft auch Mäzenen, aufgebracht. Es gibt ein großes Interesse am Schach, wenn die Partien im Internet zur Verfügung gestellt werden, aber Schach ist alles andere als ein Zuschauersport, so wie Fußball, bei dem Zigtausende von Zuschauern viel Geld bezahlen, um ein Spiel live im Stadion, hier wäre es der Spielsaal, zu sehen oder bei dem Millionen von Zuschauern vor dem Fernseher sitzen, um die Spiele einer WM zu verfolgen und sich vor und nach dem Spiel sowie in der Pause Werbeblöcke gefallen lassen. Im Schach gab schon der Zustrom von Hunderten von Zuschauern bei der Blitz-WM in Berlin Anlass zum Jubeln. In Moskau werden es weniger gewesen sein. Doch der neue AGON-Chef Ilya Merenzon hat Ideen und man wird sehen, wohin es führt.

Ilya Merenzon, der neue Besitzer von AGON, hat viele Pläne

Kurz vor dem Kandidatenturnier haben die FIDE und AGON bekannt gegeben, dass der nächste Weltmeisterschaftskampf in New York stattfinden wird, im November 2016. Mit einem US-Großmeister als Herausforderer, Nakamura oder Caruana, wäre das Interesse sicher ordentlich gewesen. Ob der Kampf eines Norwegers gegen einen Russen um die Schachweltmeisterschaft die Amerikaner von den Sitzen reißen wird, muss man sehen. Pech: In Sotschi (Russland) spielte ein Norweger gegen einen Inder, in New York nun ein Norweger gegen einen Russen.

So sah es vor dem Spielsaal aus. Links konnte man auf großen Bildschirmen die Partien verfolgen, und zwar ohne Enginebewertungen.

Hinten der Merchandising-Stand mit Sweatshirts und Postern von AGON

Tukmakov und Guramishvili

Ernesto Inarkiev diskutiert mit Mark Dvoretzki, seinem früheren Trainer

Veselin Topalov mit Mark Dvoretzky. 1996 trainierte der Bulgare mit Dvoretzky Endspiele und gewann in dem Jahr 80 Elopunkte hinzu.

Vladimir Potkin bucht wahrscheinlich schon die Tickets nach New York

Glückwunsch vom Sekundanten...

... und vom FIDE-Präsidenten

 

 

 

 

Es gab etwas Kritik an der Organisation des Kandidatenturniers in Moskau, so sei die Bühne akustisch vom Rest nicht gut abgeschirmt gewesen, von außen gesehen machte das Turnier einen guten Eindruck. Es fand mitten in Moskau, einen Steinwurf vom Roten Platz entfernt, statt, und dank der Hilfe des Russischen Schachverbandes gab es nur wenig Reibungsverluste. Der Russische Schachverband ist finanziell gut gebettet und Schach genießt in Russland auch in der postsowjetischen Ära ein hohes Ansehen. Nachdem Anand 2008 Kramnik mit dem Revanche-Wettkampf endgültig entthronte, fanden die folgenden WM-Kämpfe ohne russische Beteiligung statt. Nun hat endlich wieder ein russischer Spieler die Chance auf den Titelgewinn. Natürlich nutzen einige prominente russische Spieler die Chance, sich hier beim Turnier zu zeigen.

Karjakins Ehefrau Galina wartet auf ihren Mann

Sergey Karjakin muss noch ein paar Interviews geben

Das Paar vereint und glücklich

Der Sieger des Kandidatenturniers mit Trophäe...

... und mit ein paar Extra-Preisen: Vodka...

... und ein BMW i8, hier im Modell.

Es hieß, Karjakin hätte von BMW Russland einen i8 geschenkt bekommen, doch offenbar war es "nur" die Möglichkeit, diesen einen Monat fahren zu dürfen. Der erste Preis für den Sieger des Kandidatenturniers betrug 95.000 Euro. Die darf Karjakin in jedem Fall länger als einen Monat behalten.

Gruppenbild mit Spielern und Offiziellen

Eteri Kublasvili macht die Pressearbeit für den russischen Schachverband

Alexandra Ionova von Mikhailov & Partners ist für Kommunikation und PR zuständig.

Yana Sidorchuk leitet das Büro des Russischen Schachverbandes

Eine der vielen bekannten Besucherinnen, Natalia Zhukova

Ebenso Maria Manakova

Mark Glukhovsky, Exekutivdirektor des russischen Schachverbandes

Andreas Kontokanis, links, mit Evgeny Sveshnikov

Einer der Besucher brachte ein ganz spezielles Schachbrett mit...

... mit allen Weltmeistern (bis 1985). Vassily Smyslov hat ein Autogramm hinterlassen.

"Ich habe zwei Autogramme von Karjakin!"

Anatoly Karpov, 12. Weltmeister, konnte hier nach seinem Autogramm gefragt werden

Viswanathan Anand, 15. Weltmeister

Anands Gegner im WM-Kampf von 2012: Boris Gelfand

Joel Lautier, einst Frankreichs bester Spieler, arbeitet inzwischen in Moskau im Finanzwesen

Fotografin Amruta Mokal am Roten Platz

 

Turnierseite...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Mazel_tov Mazel_tov 31.03.2016 06:42
Bei Gleichstand von Caruana, Karjakin und Anand, hätte Karjakin nicht wegen seiner Niederlage gegen Anand den direkten Vergleich verloren (er spielte, wie Caruana 1:1 gegen Anand), sondern weil dieser gegen Caruana 0:5,1,5 verloren hat.
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