Karpov in Berlin

10.09.2012 – Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße hält engen Kontakt zum Namensgeber und dessen Kultur. Dazu gehört auch Schach und der Schachclub "Präsident" ist regelmäßiges Ziel russischer Schachgroßmeister. Am vergangenen Wochenende war mit Anatoli Karpov der 12. Weltmeister zu Gast und gab ein Simultan. Dagobert Kohlmeyer nutzte die Gelegenheit zu einem Interview, in dem auch der FIDE-Kongress mit dem Antrag auf Sanktionierung von sieben Verbänden, darunter der DSB, ein Thema war. "Die betroffenen Verbände sollen nicht jammern, sondern sich schärfer wehren," meint Karpov. Zum Bericht und Interview...

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Anatoli Karpow zu Gast in Berlin:
„Die europäischen Schachverbände müssen sich wehren“
Von Dagobert Kohlmeyer

Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße ist ein beliebter Treffpunkt für Schachspieler. Im dortigen Klub „Präsident“ schaut Levon Aronjan hin und wieder vorbei, erzählt von seinen Turnieren und zeigt eigene Partien. Vorige Woche war der Moskauer Großmeister Jewgeni Wasjukow zu Gast, als er auf der Rückreise von einem Veteranen-Treffen in Dresden in Berlin Station machte.

Der 79-Jährige fesselte die Zuhörer mit spannenden Geschichten aus seiner Karriere als Schachspieler und Trainer und zeigte eigene Glanzpartien.


Juri Zarubin, Jewgeni Wasjukov

Prominentester Besucher des Hauses aus der Schachszene ist in regelmäßigen Abständen Anatoli Karpow.


Karpow im "Präsident"

Der 12. Schachweltmeister wurde zum ersten Mal im Herbst 1988 in der Einrichtung begrüßt, als sie noch Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur hieß. Damals spielte er ein kleines Turnier gegen die DDR-Cracks Rainer Knaak, Lutz Espig und Raj Tischbierek. Natürlich gewann Karpow. Später spielte er dort ein paar Mal simultan, und auch nach dem Fall der Mauer kam er immer wieder, so z.B. zum FIDE-Kongress 1991, der in Berlin just im Russischen Haus stattfand.

Am vergangenen Wochenende war Karpow, der Abgeordneter der Staatsduma ist und den Russischen Friedensfonds leitet, in erster Linie als Politiker in Berlin.



Auf einer Pressekonferenz im Russischen Haus wurde er als Kuratoriumsvorsitzender der Internatsschule „Interdom“ in Iwanowo vorgestellt, die für mehr als 4.500 Schüler aus 86 Ländern Schule und zweite Heimat geworden ist. Absolventen der berühmten Schule, die schon 1933 gegründet wurde, hatten sich zu einer mehrtägigen Konferenz in Berlin getroffen.

Nach der Pressekonferenz war Karpow wie stets bereit zum Interview.

Anatoli, du bist ständig unterwegs. Wie hältst du das physisch durch?

Nun, ich bin von Jugend an gewohnt, viel zu arbeiten. Es ist eine Frage der Einstellung und des Trainings. Wenn man so viele Termine im Ausland hat wir ich, dann muss man die entsprechende Kondition aufbringen.

Aus welcher Richtung kamst du nach Berlin?

Aus Russland. Heute Nacht flog ich zum Beispiel erst von Sotschi in Moskau ein und war um 4 Uhr früh zu Hause. Dann ging es gegen Mittag schon weiter nach Berlin. Morgen werde ich Deutschland bereits wieder verlassen. So sieht mein „Reiseleben“ nun einmal aus.

Istanbul erlebt das Finale der Schacholympiade. Werden die Russen endlich mal wieder gewinnen?

Keine Ahnung. Es kommt sehr darauf an, gegen wen sie in der letzten Runde antreten und wen die Armenier als Gegner haben. Weil ich nur im Flugzeug saß, kenne ich die letzten Ergebnisse nicht. Ich spiele ja schon lange nicht mehr in der Nationalmannschaft, diese Zeit ist vorbei. Wichtig für den Erfolg ist neben der Spielstärke vor allem ein fester Zusammenhalt im Team.

Der scheint etwas abhanden gekommen zu sein. Das letzte Mal war Russland 2002 Olympiasieger. Damals saß Kasparow am ersten Brett.

So etwas macht den Unterschied. Es fehlt eine Führungsfigur. Zu unserer Zeit war das anders. Da zählte nur der Sieg, etwas anderes kam gar nicht in Frage. Neben dem schachlichen Können braucht es Persönlichkeiten, richtige Leader, die das Team entsprechend anführen und motivieren. So etwas vermisse ich seit vielen Jahren.

Ist das die alleinige Ursache?

Mit gefällt heute auch die Einstellung mancher Spieler von uns nicht. Wenn es eine Blamage oder unnötige Niederlage gibt (in Istanbul gegen die USA), dann sagen sie, die anderen sind schuld, aber nicht ich. Das ist doch kein Teamgeist!

Dabei hat Russland die längste und stärkste Schachtradition.

Du sagst es. Das Spiel wurde in unserem Land immer sehr geschätzt. Es gehört seit ewigen Zeiten einfach zu unserer Kultur. Die großen Dichter wie Puschkin und Lermontow spielten Schach, auch Tolstoi und Turgenijew. Puschkin besuchte den Schachklub in Sankt Petersburg. Lenin und Gorki waren schachbegeistert. In der Sowjetunion gehörte Schach zu den beliebtesten Sportarten und erhielt jede Unterstützung. Eine so umfassende Talentsichtung und Förderung gibt es heute nicht mehr.

Wenn Lenin besser Schach gespielt hätte, wäre die Revolution vielleicht anders verlaufen?

Besser wäre es vermutlich gewesen, wenn Lenins Gegenspieler Georgi Plechanow (ein russischer Sozialdemokrat - D.K.) stärker Schach gespielt hätte (lacht).

Zurück zur Gegenwart. Du warst nicht bei der Olympiade in Istanbul. Dort hat der türkische Schachpräsident Ali Nihat Yazici als Veranstalter Funktionäre und Schiedsrichter etlicher europäischer Länder, auch aus Deutschland, ausgeladen. Ali schwingt in der FIDE als Vizepräsident verstärkt die große Keule. Ist der Konflikt mit ihm der Grund, dass du nicht nach Istanbul gefahren bist?

Natürlich. Und was die ausgeladenen Verbände angeht, meine ich, die Betroffenen sollten nicht gekränkt sein oder ihr Unglück beklagen, sondern schärfer auf dieses Verhalten reagieren. Jede Föderation müsste, ohne auf die anderen zu warten, einen Brief an den türkischen Premierminister schreiben. Dort sollte darauf hingewiesen werden, welche Unverschämtheiten sich Ali erlaubt und welche Winkelzüge er macht.

Was meinst du damit, und können Briefe etwas bewirken?

In diesem Falle schon. Ich weiß, dass gewiss viel Geld der türkischen Regierung in der Organisation der Olympiade geflossen ist. Diese Frage wurde sicher in fünf Minuten entschieden, vielleicht auch in noch kürzerer Zeit. Doch ich bin überzeugt, dass kein einziger Beschwerdebrief geschrieben wurde.

Die FIDE ist und bleibt ein undurchsichtiges Konstrukt, wo sehr viel Willkür herrscht. Sollten die westlichen Verbände vielleicht eine neue Schachföderation gründen?

Ich habe ihnen nichts zu empfehlen, kann nur die richtigen Züge und Schritte nennen, wie man sich gegen die Führungsclique der FIDE wehren kann. Doch wenn man ihnen nicht folgt…

Was müsste denn verändert werden?

Im Prinzip besteht ein großes Problem des internationalen Schachs darin, dass die europäischen Verbände es verlernt haben, sich in harten Situationen zu behaupten. Sie sind an ihr angenehmes Leben gewöhnt. Deshalb können sie sich heute nur schwer gegen die Politik des Weltverbandes wehren.

Nun will Kasparow 2014, wie zu lesen war, auch selbst gegen Iljumschinow in den Ring steigen und FIDE-Präsident werden. Ist das ernst gemeint, und wenn ja, welche Chancen hat er?

(lächelt): Ich weiß es nicht. Frag Garri doch selbst.

In politischer Hinsicht seid ihr beide euch ja selten einig.

Das stimmt, deshalb trennen wir Schach und Politik. Ehe ich mit Kasparow vor zwei Jahren in den FIDE-Wahlkampf zog, einigten wir uns darauf, nicht über Politik in Russland zu sprechen.

Die ganze Schachwelt macht sich derzeit Gedanken über das Schicksal von Boris Spasski. Es gibt zwei Versionen. Boris sagte: „Ich bin aus Paris geflohen, wo man mich festhielt.“ Seine Schwester behauptet: „Boris hat es in Paris an nichts gefehlt. Er wurde gekidnappt.“ Welche Aussage ist richtig?

Woher soll ich das wissen? Da fragst du mich zu viel. Ich habe keine Ahnung.

An diesem Nachmittag ging es im Russischen Haus auch noch an die Bretter. Karpow spielte simultan gegen Absolventen von „Interdom“, die ihm nicht sehr viel entgegensetzen konnten. Unter seine Gegner hatten sich jedoch ein paar aktive Spieler aus Berlin gemischt, und einem von ihnen gelang es, Karpow ein Remis abzuknöpfen. Dr. Klaus Kapr freute sich, als der müde Ex-Champion ihm in besserer Stellung remis anbot.

Karpow – Dr. Kapr
(Anm.: Klaus Kapr)

Das Simultan begann nach einer Pressekonferenz zur Tätigkeit der gesellschaftlichen Organisationen, in denen Karpow in Russland und im Ausland an verantwortlicher Stelle mitwirkt.


Klaus Kapr

D07: 1.d4 d5 2.c4 Sc6 3.Sf3 Lg4 4.cxd5 Lxf3 5.dxc6 Lxc6 6.Sc3 Sf6 7.f3 e5 [7...e6 geht auch.] 8.dxe5 Dxd1+ 9.Kxd1 0-0-0+ 10.Kc2 Sd7 11.Lf4 h6





Der Zug ist unnötig und schwächt die Stellung.

12.h4 Te8 13.e4 Sxe5 14.Td1 Lc5 15.Lb5 Lxb5 16.Sxb5 f6 17.h5 a6
[17...Td8 Mit dem Zug hätte Schwarz fasst ausgeglichen.]

18.Sd4 Thf8 19.Sf5 Tf7 20.Td5 Lf8
Weiß steht aktiver. Der Bg7 braucht Deckung. 21.Thd1 Sc4 22.b3 Sb6 23.T5d3 La3 24.Kd2 Lf8 25.Ke2 Sd7 26.Tc3 Se5 27.Td5 Sc6 28.Tc1 Td8 29.Txd8+ Kxd8 30.Td1+ Td7 31.Txd7+ Kxd7 32.Ld2 Sd8 33.Kf2 Se6 34.Kg3 Ld6+ 35.Kg4 c5


 

Hier bot Karpow, dem die Ermüdung ins Gesicht geschrieben stand, Remis an, was ich glücklich akzeptierte. Weiß spielte positionell und taktisch sauber. Ich konnte mit Schwarz die kleinen Fehler nicht vermeiden, die in der Summe hätten verlieren müssen. Mit 35...Le5 hätte der Nachziehende die Figuren aktiver stellen und um Remis spielen können. Nach dem schwächeren Bauernzug 35…c5 konnte Weiß einfach den Läufer abtauschen und die Bauern am Königsflügel entscheidend vorrücken. Alle anderen Partien im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur gewann Anatoli Karpow. ½–½


 


 


 

 


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