Kasparow auf dem Kriegspfad

08.11.2002 – Dass bekannte Politiker sich auch als Schachspieler betätigen, ist ein durchaus nicht seltenes Phänomen, das von der Schachwelt mit Wohlwollen registriert wird. Umgekehrt dagegen ist die politische Betätigung von Schachspielern eher selten. Garri Kasparow kann seit über zehn Jahren seine politischen Ansichten im Wall Street Journal verbreiten. Die Nr.1 der Schachwelt gilt dem Blatt vor allem als Russland-Experte, Kasparow nimmt aber auch zu anderen Themen Stellung. Kürzlich erschien ein Beitrag Kasparows zum Irak-Krieg, in dem es heißt: "But offense comes first. Baghdad remains the next stop but not the last." Beitrag von Gerald Schendel...

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Kasparov Beitrag zur Irak-Frage

Während auf diplomatischer Ebene noch um eine UNO-Resolution zum Irak verhandelt wird, läuft militärisch bereits der Countdown.

Ein Sprecher der irakischen
Opposition in London behauptete im Oktober, das Pentagon wolle 5.000 oppositionelle Irakis für einen Schlag zur Entmachtung des irakischen Regimes ausbilden. Dies wurde von der Washington Post am 25. Oktober bestätigt (Jim Hoagland, A Matter of Weeks). Das Training irakischer Oppositioneller sei eine so lange wie möglich hinausgezögerte Aktion und eine der letzten vorbereitenden Maßnahmen vor einem Feldzug. Die Ausbildung werde in sechs bis acht Wochen abgeschlossen sein.

Die klimatischen Verhältnisse für einen Krieg im Irak sind nach Angaben von Militärfachleuten Anfang nächsten Jahres optimal. Die Vorbereitungen müssten bis November abgeschlossen sein. "Und danach sieht es jetzt aus", bilanzierte das Handelsblatt (
05.11.2002, S. 8) den Stand der Dinge.

Als am 17. Oktober ein Sprecher der Oppositionsgruppe "Irakischer National-Kongress" in London der Nachrichtenagentur Reuters sagte, man werde die bestehenden Verträge mit französischen und russischen
Ölgesellschaften überprüfen und eventuell US-Firmen vorziehen, läuteten in Moskau die Alarmglocken. Der russische Ölkonzern LUKoil hatte 1997 einen über 25 Jahre laufenden Explorationsvertrag mit dem Irak unterzeichnet. Auf dem Spiel stehen ausserdem um die zehn Milliarden Dollar, die der Irak Russland noch aus sowjetischen Darlehen schuldet sowie etliche Milliarden Dollar für den Transport irakischen Öls.

In den Parlamentsberatungen über den russischen Staatshaushalt 2003 machte Finanzminister Alexei Kudrin auf einen möglichen Ölschock aufmerksam. Was passiert, wenn nach einem amerikanischen Sieg im Irak im Frühjahr 2003 en masse irakisches Öl auf den Markt kommt und dann der Ölpreis dramatisch fällt, fragte Kudrin (Stanislav Menshikov, Suddenly a Shaky Feeling in the Economy, Moscow Tribune, 18. Oktober). Der noch zu über 40 Prozent auf Öl- und Gasexporte sich stützende russische Staatshaushalt könnte sich dann - wie 1998 - einer kritischen Situation nähern und die 2003 fällige Rückzahlung der Auslandsschulden (17 Milliarden Dollar) erschweren.

Am 22. Oktober wurde aus Moskau angedeutet, kein Russe werde das Regime von Saddam Hussein verteidigen, er gehöre nicht zu den "good guys", doch die ungenügende Berücksichtigung russischer Interessen könnte zu der Idee führen, noch vor dem amerikanischen Einmarsch einen pro-russischen Staatsstreich in Bagdad zu inszenieren, um auf diese Weise eine völlig neue Variante der
"New World Order" zu installieren.

Am 5. November berichtete das Wall Street Journal aus Moskau (Jeanne Whalen/Guy Chazan, Russian Minister Says Economy Won't Stumble Amid Iraq War), nach Konsultationen mit westlichen Regierungen habe der russische Finanzminister Alexei Kudrin gesagt, es gebe zwar keine förmliche Vereinbarung, doch Russland und die USA hätten eine übereinstimmende Vorstellung vom Ölpreis. Er sagte voraus, dass russisches Öl aus dem Ural nach einem Regimewechsel im Irak die Marke von 21,50 Dollar nicht unterschreiten werde.

Es scheint also schon alles für die Zeit nach dem Sturz von Saddam Hussein geregelt zu sein. Ob dann die Ära des "ewigen Friedens" anbrechen wird? Keineswegs. Garri Kasparow wusste in seinem
Artikel vom 5. August 2002 schon, wie es weitergehen wird und wie es seiner Ansicht nach weitergehen muss.

Die europäischen Länder werden laut Kasparow die USA bei dem Feldzug gegen Saddam Hussein gewähren lassen, dann aber darauf drängen, den Krieg für gewonnen und das offensive Stadium für abgeschlossen zu erklären:
 

    "That would be disastrous. (...) There will be no peace in Gaza, no freedom from fear in Jerusalem, until we have prosecuted the war on terror in Baghdad, Tehran, Damascus and elsewhere."

Zugunsten des Friedens in Israel fordert Kasparow, dass "wir" (wer ist "wir"? - GSch) den Krieg fortsetzen in Teheran, Damaskus und "andernorts". Das "elsewhere" ist der kritische Punkt dieses Artikels. An einer anderen Stelle seines Beitrages schreibt Kasparow:
 

    "Baghdad remains the next stop but not the last. We must also have plans for Tehran and Damascus, not to mention Riyadh."

"Wir" (wieder dieses unklare "wir" - GSch) "müssen auch Pläne haben für Teheran und Damaskus, von Riad zu schweigen." Die - möglicherweise nicht von Kasparow selbst, sondern von der Redaktion stammende - Überschrift zu seinem Artikel besagt dagegen klar und deutlich
 

    THE NEXT BATTLE The War Is Not Yet Won Take the offensive against Baghdad--and Damascus, Tehran and Riyadh.

Lev Khariton ist einer der wenigen Schachpublizisten, die sich mit Kasparows Artikel beschäftigt haben. Er wirft Kasparow vor, die Regeln des altehrwürdigen Schachspiels auf das politische Feld übertragen zu wollen, und hält Kasparow bezüglich der Realitäten im Mittleren Osten, der Natur des Terrorismus und der arabischen Mentalität für "absolut inkompetent".

Die Kritik Lev Kharitons ist gewiss in bester Absicht erfolgt, doch sein vermeintlich vernichtendes Kompetenz-Argument geht ziemlich ins Leere, wenn sich aufzeigen lässt, dass Leute, die für absolut kompetent gehalten werden (können), dieselbe Meinung wie Garri Kasparow vertreten (haben). Dies ist der Fall.

Was zunächst die Einstellung Kasparows gegenüber dem Irak sowie Iran und Syrien betrifft, so ist festzustellen, dass die Ansichten Kasparows seit über zehn Jahren recht "stabil" geblieben sind. In einem Beitrag für das
Wall Street Journal vom 27. August 1992 hielt Kasparow dem damaligen US-Präsidenten George Bush senior "altmodische Praktiken" vor, weil dieser nach seinem erfolgreichen Irak-Krieg angesichts des Einflusses des Iran die Machtbalance in der Region aufrechterhalten wollte. Ferner kritisierte er eine angebliche amerikanische "Appeasement"-Politik gegenüber Syrien.

Ein sehr wichtiger Punkt ist Lev Khariton bei seiner Kritik an Garri Kasparow entgangen: Riad, die Hauptstadt Saudi Arabiens, wurde von dem Schach- und Politikstrategen vorsichtig ins Visier genommen.

In einem für den Krieg gegen Terrorismus Unterstützung bekundenden
Brief an US-Präsident Bush junior vom 20. September 2001 (also 9 Tage nach dem Angriff auf New York und Pentagon) wird die Entmachtung Saddam Husseins im Irak gefordert, "even if evidence does not link Iraq directly to the attack". Ferner wird in dem Brief empfohlen, Iran und Syrien unter Druck zu setzen ("the administration should consider appropriate measures of retaliation"). Saudi Arabien wird in dem Text nicht erwähnt.

Unterschrieben wurde dieser Brief u.a. von mehreren Personen, die zum Umfeld Kasparows zählen: William Bennett (früherer US-Erziehungsminister), Midge Decter (früherer Geschäftsführer des "Komitees für die Freie Welt"), Frank Gaffney (früher als Staatssekretär im Verteidigungsministerium für internationale Sicherheitspolitik zuständig), Bruce Jackson (früher im Büro des Verteidigungsministeriums), Jeane Kirkpatrick (ehemalige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen), John Lehman (früherer Marineminister), Richard Perle (früherer Staatssekretär im Verteidigungsministerium für internationale Sicherheitspolitik) und William Schneider (früherer Unterstaatssekretär für Sicherheit, Wissenschaft und Technologie). Alle diese Personen gehörten - wie auch Garri Kasparow - zu einem
"National Security Advisory Council" (NSAC) unter dem Vorsitz von Senator John Kyl und dem ehemaligen Direktor James Woolsey (CIA). All diesen Menschen würde Lev Khariton eine Eigenschaft vermutlich nicht bestreiten wollen: Kompetenz.

Es ist bemerkenswert, dass
an dem gleichen Tag, an dem Kasparows Beitrag für das Wall Street Journal (05.08.2002) erschien, sich herumgesprochen hat, dass ein Thomas Ricks am darauf folgenden Tag einen Artikel in der Washington Post veröffentlichen werde, in dem ein Briefing des "Defense Policy Boards" (ein NSAC-Nachfolge-Gremium) im Pentagon dargestellt sei, in dem am 10. Juli Saudi Arabien als Feind ausgemacht wurde.

Dieser Artikel erschien tatsächlich am Dienstag, den 6. August 2002: Thomas E. Ricks, Washington Post Staff Writer,
Briefing Depicted Saudis as Enemies - Ultimatum Urged To Pentagon Board. Ein Experte des Think Tanks Rand Corp. hielt fest: "Saudi Arabien unterstützt unsere Feinde und greift unsere Verbündeten an." Vorsitzender des Defense Policy Boards ist der oben schon erwähnte Richard Perle.

Noch am gleichen Tag distanzierte sich die Bush-Administration von dem Pentagon-Briefing des Defense Policy Boards. Verteidigungsminister Rumsfeld bezeichnete die Publikation in der Washington Post als "unglücklich" und griff die unbekannte Quelle dieser Indiskretion an: "Ich glaube einfach, dass das eine schrecklich unprofessionelle und offensichtlich schädliche Sache ist." Das Briefing repräsentiere nicht die vorherrschende Meinung innerhalb der US-Regierung (Thomas E. Ricks,
Views Aired In Briefing On Saudis Disavowed (07.08.2002).

Reaktionen der Wall Street Journal-Leser auf den Artikel Garri Kasparows in diesem Blatt sind einer Internet-Seite mit
Leser-Antworten zu entnehmen. Herausgegriffen seien die beiden Zuschriften von Gregory Kaidanov und J. Benjamin, die vermutlich von den gleichnamigen US-Schach-Grossmeistern stammen.

Gregory Kaidanov lobte (oder kritisierte ironisch?): "Dies ist eine der besten und kürzesten Betrachtungen zum Konflikt im mittleren Osten, zum Krieg gegen Terror und zur Rolle der EU in der Vergangenheit und Gegenwart. Schwarz und weiss, klar und präzise wie eine perfekt analysierte Schachpartie. Danke."

Bezüglich der Schwarz-Weiss-Malerei und zu "der in Amerika verbreiteten Neigung, Probleme und sogar Nationen zu dämonisieren" verwies der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, Zbigniew Brzezinski, in seinem Buch The Grand Chessboard (1997) auf den "klugen Rat" seines Kollegen und ausgewiesenen Mittelost-Experten Anthony H. Cordesman in der Publikation
The American Threat to the United States "Der Iran, der Irak und Libyen sind Fälle, wo die USA feindliche Regime, die eine wirkliche, aber begrenzte Drohung darstellen, dämonisiert haben, ohne eine taugliche mittel- bis langfristige Strategie zu entwickeln. (...) Die USA leben in einer moralisch grauen Welt und müssen bei dem Versuch scheitern, sie schwarz und weiss zu machen."

In dem längeren Leserbrief von J. Benjamin bedauert der Verfasser einleitend, dass das Leben, der Mittlere Osten und Krieg eben keine Schachpartie sind. Bezüglich der Haltung Amerikas werde sich vermutlich an irgendeinem Punkt herausstellen, dass die Vereinigten Staaten nicht bereit seien, "bis zum bitteren Ende" zu kämpfen. Es gebe nur ein Land mit der Erfahrung, dem Wunsch und dem Grund, einen solchen Krieg durchzuführen: Israel.

Garri Kasparow, der sich im Wall Street Journal so vehement in Wort und Schrift für die Interessen Israels einsetzt, wird im Dezember dieses Jahres sicherlich ein gern gesehener Gast in Jerusalem sein, wenn er dort zu einem Match gegen Deep Junior antritt.

Gerald Schendel / 08.11.2002


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