Luis Engel über die Schulter geschaut

von Thorsten Cmiel
19.06.2019 – Mit Luis Engel gibt es im deutschen Nachwuchs neben Vincent Keymer ein weiteres großes Talent. Mit einem Punkt Vorsprung wurde der Hamburger gerade Deutscher Jugendmeister und verzeichnete in jüngster Zeit geradezu eine Leistungsexplosion. "Stalker" Thorsten Cmiel hat sich Luis Engels Entwicklung angeschaut. | Foto: André Schulz

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Luis Engel: Leistungsexplosion

Hamburg ist die deutsche Hauptstadt im Schach. In Hamburg sind nicht nur zwei bekannte Unternehmen aus der Branche angesiedelt, sondern es gibt hier auch die Kaderschmiede des Bundesligisten Hamburger SK. Einige der letzten Talente sind interessanterweise drei Schach spielende Zwillingspaare. Arne und Frank Bracker, Daniel und Julian Grötzbach  und als jüngstes Duo Luis und Robert Engel. Beide spielen nicht nur Schach, sondern sind ebenfalls „sehr gute Fußballspieler“ (A. Schulz). Während Luis im Schach die Nase vorne hat, ist Robert der bessere Fußballer, wie Luis zuletzt beim "Chessy TV" der Deutschen Schachjugend anmerkte. Aber Hamburg und Fußball ist derzeit ein ganz spezielles Thema. Da Luis Engel den Hamburger SV vermutlich nicht aus seinem Tief herausführen kann, beschäftigen wir uns am besten mit seiner schachlichen Entwicklung.

In seiner Vorstellung zur Wahl des „Spielers des Jahres U20 bei der Deutschen Schachjugend“ findet sich folgender Text:

„Luis ist deutscher Vizemeister U16 in Willingen geworden. 2018 hat er alle Normen zum internationalen Meister erfüllt und steuert in Richtung Großmeistertitel. Zur JWM U16 sicherte sich Luis mit einem starken Endspurt Platz 6 und einen Platz auf der Bühne. Er trainiert regelmäßig mit A-Trainer Karsten Müller. Am Spitzenbrett der jeweiligen deutschen Jugend-Nationalmannschaften zeigte er sein Potential. Im Dezember führte er sein DVM-Team vom Hamburger SK zum Deutschen Meistertitel.“

Luis gewann erstmals auch diesen Titel. Vincent Keymer gewann übrigens in der Kategorie U14. Anzumerken ist noch: Felix Meissner aus Hamburg hat Luis (und Robert) jahrelang schachlich betreut und einen eigenen Blog zum Fundraising eingerichtet.

https://luiswirdweltmeister.wordpress.com/

Entwicklung

2018 wurde Luis Sechster bei der Junioren-Weltmeisterschaft, punktgleich mit dem Dritten. In der Januarliste 2018 hatte Luis noch 2366, dann fast 150 Punkte zugelegt. Seine Rating im Juni lag bei 2512. In Willingen kommen jetzt noch einige Punkte hinzu. Beim Grenke-Open erzielte Luis 7 aus 9. Bei der Deutschen Meisterschaft landete er auf dem elften Platz - das war kurz vor der Deutschen Jugendmeisterschaft.

In Willingen gewann Luis Engel danach erstmals einen Titel im deutschen Jugendschach. Im Vorjahr war er nach Wertung noch Zweiter geworden.

Erfolgspartien

Mit Weiß kann Luis zwei Skalps von Gegnern mit einer Rating von mehr als 2600 vorweisen: Gegen 1. e4 spielte Luis zuletzt vor allem den Najdorf-Sizilianer. Seinen Top-Skalp mit dieser Eröffnung holte er sich von Gabor Papp (2604). Beim Grenke-Open 2018 konnte er den Ungarn besiegen. Die finale Phase dieser Partie wurde vermutlich mit wenig Restbedenkzeit gespielt und ist ein Beispiel für die Nervenstärke des Youngsters.

 

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Gegen Andrey Esipenko (2609) gewann Luis 2018 seine Letztrundenpartie bei der letzten U16 Weltmeisterschaft auf Kreta und erreichte nach einem Schlussspurt mit 3 aus 3 noch den geteilten dritten Platz.

 

In der Bundesliga gewann Luis Engel mit Weiß gegen David Baramidze (2614). Mit einem kurzzeitigen Figurenopfer nahm er seinem Gegner einen Bauern ab und gewann danach souverän das Doppelturmendpiel. Luis Engle war in der letzten Bundesligasaison (2018/19) mit 7 aus 9 der Topscorer der Hamburger.

 

Seinen bisher wertvollsten Schwarz-Skalp holte sich Luis Engel beim Grenke Open in diesem Jahr. Das Opfer war Loek van Wely (2612). Luis versucht in der Regel gegen 1. d4 die Nimzoindische Verteidigung zu spielen. 

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Falls sein Gegner sich weigert, folgt 3...d5 wie in dieser Partie. Grünfeldindisch hat man bei Luis ebenfalls schon gesehen.

 

Eröffnungen

Bevor wir Luis bei der „Deutschen U18-Meisterschaft“ über die Schulter schauen, lohnt ein Blick in die Statistik. Der Hamburger hat einen guten ersten Aufschlag: Sein Haupteröffnungszug ist 1. e4. Die Datenbank weist ein Ergebnis von fast 75 Prozent aus. Betrachten wir nur die Ergebnisse im Zeitraum 2018 und 2019, also gegen mutmaßlich bessere Gegner, dann kommt Luis bei 51 Partien (49 mal 1. e4) bei vier Niederlagen und 17 Remis auf satte 30 Siege und auch das entspricht einem Ergebnis von 75 Prozent. Mit Schwarz stehen im gleichen Zeitraum (2018/19) insgesamt 48 Partien in der Datenbank zu Buche. 21 Siegen stehen 9 Niederlagen gegenüber. Ein Ergebnis von 30 aus 48 entspricht 62,5 Prozent mit Schwarz.

Zum Eröffnungsrepertoire des Hamburgers gehört die Rossolimo-Variante gegen die Sizilianische Verteidigung nach 2...Sc6.

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Seit 2018 spielt Luis nach 1. e4  c5 2. Sf3 d6 den Zug 3. d4, tritt also "mit offenem Visier" an, statt wie zuvor meistens 3. Lb5+ zu spielen. Da Luis selbst die Najdorf-Variante im Einsatz hat, schien es mir interessant zu sein sein Schwarzrepertoire gegen 3. Lb5+ anzuschauen. Luis Engel erzielte überzeugende fünfeinhalb Punkte aus 7 Partien. Zuletzt besiegte er in dieser Variante im Mai den jüngeren Bruder von Rasmus Svane, Frederik Svane, bei der Deutschen Meisterschaft in Magdeburg. Aber Vorsicht: Für sein gutes Ergebnis war Luis Engel teilweise bereit, auch etwas schlechtere Stellungen zu akzeptieren. Zudem ist auffällig: Luis Engel mag offenbar Manöverpartien mit vielen Figuren auf dem Brett.

 

Die Deutsche Jugendmeisterschaft

Luis hatte bei diesem Turnier auch einige wenige gefährliche Momente zu überstehen. Das gilt vor allem für seine Partien aus den Runden 5, 7 und 9. Insgesamt überzeugte der neue Deutsche Jugendmeister mit einer starken Leistung und einem ordentlichen Vorsprung von einem vollen Punkt.

 

Hoffentlich sehen wir spätestens 2020 bei den geplanten "Youth Classic" von Hans-Walter Schmitt Luis Engel und Vincent Keymer mit Alireza Firouzj, Nihal Sarin und Praggnanandhaa die Klingen kreuzen.

Mehr zu diesem Turnier bei Perlen vom Bodensee und bei ChessBase und bei Perlen vom Bodensee.

Fazit

Deutschland hat derzeit neben Vincent Keymer ein zweites Toptalent im Schach. Luis Engel (Jahrgang 2002) ist in der aktuellen Junioren-Weltrangliste (Jahrgang 1999 und jünger) mit einer Rating von 2512 die Nummer 61 und nach Vincent Keymer (2004, 51.) die deutsche Nummer 2.

In der nächsten Liste dürfte Luis nach seinem überzeugenden Sieg in Willingen jedoch knapp vorne liegen. Unabhängig davon, dass ein Vergleich der beiden Spieler, die laut Datenbank bislang noch nie gegeneinander angetreten sind, nur wenig Aussagekraft hat: Vincent Keymer ist bereits in einer späteren Phase seiner Entwicklung. Er hat in diesem Jahr vor allem drei sehr starke Großmeisterturniere (Tatasteel in Wijk, Grenke Masters und German Masters) gespielt und muss sich in diesem Level offenbar und verständlicherweise erst noch klimatisieren.

Luis Engel will übrigens kein Schachprofi werden, sondern liebäugelt zurzeit mit einem Jura-Studium. Eine gute Einstellung, aber für die deutschen Schachfans eine Hoffnung weniger.

 

 


Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.

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