Matthias Biermann-Ratjen (1938-2021)

von André Schulz
27.06.2021 – Wie erst jetzt bekannt wurde, starb am 8. Juni 2021 Matthias Biermann-Ratjen. Der Hamburger Notar, Sohn eines Hamburger Politikers und Senators, liebte das Schach und führte in seinem Notariat über viele Jahre einen Schachclub, die SG Mittelweg. In seinem Notariat waren viele Hamburger Schachgrößen zu Gast, aber auch Spitzenspieler wie Robert Hübner und Garry Kasparov. Das Hamburger Schach hat eine große Persönlichkeit verloren. | Fotos: privat

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Matthias Biermann-Ratjens Vater Hans-Harder Biermann-Ratjen, Jurist und Politiker der FDP, Hamburgs Kultursenator 1945 und von 1953 bis 1966, war ein enger Freund des Schriftstellers Martin Beheim-Schwarzbach (1900-1985). Dieser war ein begeisterter Schachspieler und hat neben anderen Werken mit "Knaurs Schachbuch" einen zeitlosen Klassiker der Schachliteratur veröffentlicht. Bei seinen regelmäßigen Besuchen im Hause Biermann-Ratjen wurde auch Schach gespielt.

Über diese Verbindung kam auch Matthias Biermann-Ratjen früh mit dem Schachspiel in Berührung. Er wurde Mitglied in der Schachabteilung des Hamburger Sportvereins, die von Harro Dahlgrün geleitet wurde, besuchte einige hochklassige Schachturniere, die nach dem Krieg in Hamburg nach und nach wieder stattfanden und kam schon damals mit vielen Schachfreunden in Kontakt. 1951 traf der damals 13-Jährige beispielsweise Klaus Darga, der in Hamburg die Deutschen Jugendmeisterschaften U20 mitspielte. 1955 sah man sich wieder, als in Hamburg ein Turnier mit internationaler Beteiligung organisiert wurde. Und auch beim Mannschaftswettkampf BRD gegen UdSSR, 1960 in Hamburg, war Matthias Biermann-Ratjen zu Gast und sah, wie Klaus Darga mit einem Sieg, zwei Niederlagen und vier Remis das beste Ergebnis der deutschen Spieler erzielte. 

Matthias Biermann-Ratjen war auch selber in seinem Schachklub erfolgreich. 1975 gewann er das Klubturnier der HSV-Schachabteilung.

Beruflich trat Matthias Biermann-Ratjen in die Fußstapfen seines Vaters, absolvierte in Freiburg, Genf und Kiel ein Jura-Studium und wurde ein erfolgreicher Notar. 1972 eröffnete er am Mittelweg sein Notariat. Sein beruflicher Erfolg ermöglichte es ihm nun, das Schach und die Schachspieler auch als Mäzen zu unterstützen. 

1979 übernahm Dr. Wolfgang Klein im Hamburger Sportverein das Amt des Präsidenten. Klein war wie Matthias Biermann-Ratjen Jurist und als Leichtathlet mit dem Sport verbunden. Er war Teilnehmer der Olympischen Spiele in Tokyo 1964 (10. Platz, 7,15 m). Außerdem war er journalistisch tätig. In Kleins Amtszeit sollte die beste Phase der Geschichte des HSV-Fußballgeschichte fallen.

Wolfgang Klein war auch dem Schach gewogen und mit Matthias Biermann-Ratjen befreundet. Über seinen Schachfreund Gisbert Jacoby kam Matthias Biermann-Ratjen mit Robert Hübner in Kontakt, der in der Zeit der späten 1970er/ frühen 1980er der beste deutsche Spieler und auch einer der besten Spieler der Welt war. Hübner hatte sich 1979 erneut für die Kandidatenwettkämpfe qualifiziert, spielte also um die Weltmeisterschaft mit. Es entstand die Idee, ob man Robert Hübner vielleicht nach Hamburg holen könnte. Allerdings spielte die Schachabteilung des HSV in einer zu niedrigen Liga, um hier einen Weltklasse-Großmeister einzusetzen.

1980 war im Schach die einteilige Bundesliga eingeführt worden. Einer der Gründungsmitglieder war der renommierte Hamburger SK von 1830. Die neue einteilige Bundesliga stellte die Klubs aber vor neue finanzielle Herausforderungen, auch den Hamburger SK. Ein Spitzengroßmeister wie Robert Hübner und eine finanzielle Unterstützung wäre dem HSK zu dieser Zeit sehr willkommen gewesen. Nicht zum HSK als Ganzes, aber zu einigen seiner Mitglieder hatte Matthias Biermann-Ratjen allerdings ein etwa distanziertes Verhältnis.

So entstand schließlich die Idee einer Fusion und der "HSK im HSV" war geboren. Mit der Saison 1981/82 spielte nun Robert Hübner für Hamburg. Dr. Helmut Reefschläger wechselte ebenfalls von Porz nach Hamburg. Zudem ging nun auch der neuseeländisch-englische Großmeister Murray Chandler in Hamburg auf Punktejagd. Matthias Biermann-Ratjen betätigte sich in dieser Zeit als Kopf einer Gruppe von Geschäftsleuten, die das Schach in Hamburg mit einem Förderkreis unterstützten.

Matthias Biermann-Ratjen

Die Ehe des HSK mit dem HSV hielt bis 1988. Im Jahr zuvor war Wolfgang Klein als Präsident des HSV abgewählt worden. Die große sportliche Zeit der Fußballabteilung des HSV war vorbei. Es flossen weniger Sponsorengelder, gespart wurde an den Zuwendungen für die kleineren Abteilungen. 1988 verließ der HSK den HSV wieder.

Robert Hübner hatte nur zwei Spielzeiten für Hamburg gespielt, war dann nach Solingen und schließlich nach München gewechselt. Er blieb aber Hamburg gewogen und stand mit Gisbert Jacoby und Matthias Biermann-Ratjen weiter in regelmäßigem Kontakt.

Neben den Klienten seines Notariats erhielten die Räume im Mittelweg regelmäßig Besuch von Hamburger Schachspielern, aber auch von einigen internationalen Spitzenspielern. Als es mit Schachabteilung des HSV zu Ende ging, gründete Matthias Biermann-Ratjen seinen eigenen Schachclub, die SG Mittelweg. Abends, an den Wettkampftagen, wurde das Notariat zum Spielsaal. Der Klubgründer und Mannschaftskapitän, unter Hamburger Schachspielern oft nur als "der Notar" bezeichnet, spielte seine Partien stets an seinem gediegenen Notars-Schreibtisch.

In der Anfangszeit der SG Mittelweg gehörte auch noch Martin Beheim-Schwarzbach zu den Spielern der SG Mittelweg, damals schon über 80 Jahre alt.

"Martin spielte wegen seines Alters an einem der hinteren Bretter", erinnerte sich Matthias Biermann-Ratjen gerne. "Der 'alte Mann' gewann aber zum Erstaunen seiner Gegner fast alle Partien, weil er so unglaublich viel vom Schach verstand." Mit Frank Waligora hatte der SG Mittelweg in dieser Zeit einen weiteren starken Spieler und bekannte Persönlichkeit in ihren Reihen. Waligora führte lange die Schachspalte der der Fernsehzeitung Hörzu.

Im Mai 1985, nach dem ersten abgebrochenen WM-Kampf gegen Karpov, wurde in Hamburg ein Trainings-Wettkampf zwischen Garry Kasparov und Robert Hübner organisiert. Sponsor war das Magazin Der Spiegel. Gisbert Jacoby, Hamburger Stützpunkttrainer und bald danach Mitbegründer der Firma ChessBase, war einer der Mitorganisatoren. 

Natürlich war auch Matthias Biermann-Ratjen ganz nach nah dran am Geschehen und lieferte sich mit Robert Hübners für diesen Wettkampf Sekundanten Boris Spasski spannende Duelle - auf dem Tennisplatz des SC Victoria Hamburg. Und selbstverständlich besuchte auch Garry Kasparov, der schon als junger Mann einen guten Blick dafür hatte, wer ihn und sein Fortkommen im Schach finanziell unterstützen könnte, das Notariat am Mittelweg.

Zwei Jahre später, 1987, war Matthias Biermann-Ratjen als Notar auch an der Gründung der Firma ChessBase beteiligt.

In den 1990er Jahren spielte die Mannschaft des SG Mittelweg in der Hamburger Stadtliga und war sehr ordentlich besetzt. Starke Spieler wie Tariel Kordsachia, Gisbert Jacoby (+2018), sein Sohn Florian Jacoby, nun Professor für Rechtswissenschaft in Bielefeld, der frühere Hamburger Meister Siegfried Weiss und einige andere mehr gingen für die SG Mittelweg auf Punktejagd, umgeben von zahlreichen dicken Bänden mit Gesetztestexten. 

Die Wände des Notariats waren hingegen mit einigen Originalzeichnungen des Hamburger Künstlers Horst Janssen geschmückt. 

"Ich kannte ihn gut. Die Zeichnungen hat er mir geschenkt," erklärte Matthias Biermann-Ratjen die Herkunft der Kunstwerke, ohne davon viel Aufhebens zu machen. "Einige Bilder habe ich auch gekauft." Auf manche Dinge war er stolz oder freute sich darüber, ohne angeberisch zu erscheinen. Er liebte eher das hanseatische Understatement.

Die SG Mittelweg war ein Schachclub ohne Mitgliedsbeitrag. Matthias Biermann-Ratjen bestritt die Kosten aus eigener Tasche. Im Laufe von vielen Jahren bat er ein einziges Mal um eine Umlage, um neue Spielsätze anzuschaffen. Ein eigentliches Klubleben gab es nicht, mangels Mitgliedsanzahl, aber etwas Geselligkeit neben den Wettkämpfen schon. Am Ende einer Saison lud der Notar zum Jahresabschluss ein und jeder Spieler zeigte seine beste Partei. 

Rauchen war im Turniersaal schon lange verboten. Die Raucher trafen sich in der Küche des Notariats, wo auch Getränke und Verpflegung angeboten wurde. In der Küche konnte man aber auch schon einmal abgestellte Musikinstrumente finden, denn Matthias Biermann-Ratjens zweite - oder neben Schach und Kunst - dritte Liebe galt der Jazzmusik. Er spielte selber in einer Jazzband mit, am Kontrabass, und nahm mehrere CDs zusammen mit bekannten Jazzmusikern auf und produzierte sie.

2005, nach 33 Jahren Notarstätigkeit, ging Matthias Biermann-Ratjen in den Ruhestand und gab seine Büroräume auf. Das war auch das Ende der SG Mittelweg. Der Verein wurde aufgelöst. Matthias Biermann-Ratjen spielte von nun an noch Wettkämpfe für den SK Johanneum-Eppendorf. Die anderen Spieler kamen woanders unter.

Wenn möglich, nahm Matthias Biermann-Ratjen auch außerhalb von Mannschaftskämpfen an Turnieren teil. Aus der Zeit zwischen 1993 bis 2014 sind knapp 100 Partien erfasst. Matthias Biermann-Ratjen liebte das Angriffsspiel, taktische Scharmützel und originelle Kombinationen. Positionelles, ruhiges Schach langweilte ihn. Wenn man gegen ihn gewinnen wollte, tauschte man am besten früh die Damen ab. Danach war die Partie für ihn ohne Interesse und er verlor die Konzentration. Wenn es ihm aber gelang, die Partie in taktische Fahrwasser zu lenken, war er brandgefährlich und konnte mit seinen originellen Ideen auch viel stärkere Spieler in Verlegenheit bringen. Außerdem begeisterte er sich für pfiffige Probleme. Kaum ein Treffen oder Gespräch endete, ohne dass er einem mit leuchtenden Augen noch eine Schachaufgabe mit auf den Weg gab.

Die folgende Partie gegen eine stärkeren Gegner gehörte zu denen, auf die Matthias Biermann-Ratjen besonders stolz war:

 

2013 gab Matthias Biermann-Ratjen ein Buch mit einer Auswahl seiner Partien heraus (Schachprotokolle, ISBN 978-3-89927-037-2). Für das Vorwort seiner Partiensammlung konnte er Robert Hübner gewinnen. Dieser schrieb:

"Hier werden die Partien eines Spielers vorgelegt, der nicht zu den umjubelten Spitzenkönnern des Schachs gehört und der keine Schlagzeilen in der internationalen Presse hervorgerufen hat. Das Buch führt jedoch zu einer wichtigen Erkenntnis: Nicht nur Spitzenspieler leisten Bemerkenswertes; auch die Partien eines unbekannten Spielers enthalten manches Lehrreiche, witzige, ungewöhnliche Kombinationen und strategische Konzepte, die es lohnen, sie zur Kenntnis zu nehmen."

2018 kombinierte Matthias Biermann-Ratjen seine beiden großen Leidenschaften, Schach und Jazz, in einem kleinen professionell aufgenommenen Film "Chess & Jazz", den er auf DVD pressen ließ und an seine Freunde verteilte.

Zuletzt hatte Matthias Biermann-Ratjen noch große Freude an dem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 1964 in Tel Aviv. Als Mensch der älteren Generation und Nicht-so-richtig-Computer-Anwender besorgte er sich ein Partienbulletin auf Papier auf antiquarischen Weg, tippte die wichtigsten Partien ein und kommentierte sie. Außerdem nahm er Kontakt mit Helmut Pfleger auf, der damals am deutschen Erfolg beteiligt war. Am Ende hatte er eine Broschüre erstellt, in der noch einmal diese wunderbare Erfolgsgeschichte erzählt wurde. 

Die Partien begeisterten Matthias Biermann-Ratjen und damit steckte er jeden an, dem er davon erzählte, so wie er mit seinem Elan und jugendlichen Schwung seine Zuhörer und Gesprächspartner immer zu begeistern vermochte. Wer Matthias Biermann-Ratjen traf und sein Alter nicht kannte, wäre wegen seines jugendlichen Auftritts niemals auf die Idee gekommen, dass er einem Mann in schon fortgeschrittenen Alter gegenüberstand.

Matthias Biermann-Ratjen war mit seiner Frau Kati verheiratet. Auf seine beiden Kinder, Johannes und Jana, war er sehr stolz. Sein Sohn Johannes setzte mit einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei und der Liebe zum Schach die Familientradition fort. Jana wurde Diplompsychologin und führt in Hamburg eine Psychologische Psychotherapeutische Praxis.

Auch die Erfolge der Enkelkinder erfüllten den Großvater mit Stolz. Seine Enkeltöchter Karlotta Lammers und Hedda Biermann-Ratjen machten im Feldhockey der Damen, das in Hamburg große Tradition hat, sportliche Karriere. Karlotta Lammers wurde U18-Nationaltorhüterin, jetzt spielt sie in der Bundesliga beim Mannheimer HC. Hedda Biermann-Ratjen erhielt über ihre Erfolge im Hockey ein Stipendium in den USA. Ebenso viel Freude bereitete Matthias Biermann-Ratjen der Weg der übrigen Enkelkinder Vincent, Matthias, Justus und Anna Alanya.

Während er im letzten Jahr noch mit seinem Liebhaberprojekt zur Schacholympiade beschäftigt war, wurde Matthias Biermann-Ratjens ernsthaft krank. In seiner Lebensfreude ließ er sich aber zumindest nach außen hin nichts anmerken und vermittelte Zuversicht und Vertrauen in seine Ärzte. Doch die Krankheit war nicht mehr aufzuhalten und nagte unaufhörlich an seiner Lebenskraft. 

Geboren am 21. Mai 1938 durfte Matthias Biermann-Ratjen noch seinen 83. Geburtstag erleben. Am 8. Juni erlosch sein Lebenslicht in einem Hamburger Hospiz.

Das Hamburger Schach hat eine große Persönlichkeit verloren. Matthias Biermann-Ratjen war 70 Jahre lang ein bedeutender Teil des Hamburger Schachlebens.

 

Mit bestem Dank an Michael Dombrowsky und die Familie Biermann-Ratjen für viele Hinweise.

 


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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NightMan NightMan 28.06.2021 12:09
Vielen Dank , Andre , für diesen tollen Artikel , in dem Du den Nachruf zu einer wichtigen , im Hintergrund agierenden Persönlichkeit mit der lokalen Hamburger Schach-Historie auf sehr unterhalltsame Weise verbunden hast , auch wenn der Anlass dazu natürlich ein sehr trauriger war . Der Verstorbene hätte sich bestimmt in seiner Erinnerung über die vielen kleinen Nuancen und Anekdoten aus seinem Leben gefreut . Mögen die Hinterbliebenen in so im Herzen behalten .
DoktorM DoktorM 27.06.2021 11:14
In vielen Spielstärken gibt es interessante Partien. Auch weil die Eröffnungen oder Stellungen mitunter sehr ungewöhnlich sind. Beim Schach kann der Amateur zeitweise auf Weltklasseniveau spielen. Das Nachspielen solcher Partien lohnt sich. Vielleicht sollte ein Verlag einmal die schönsten Amateurkombinationen veröffentlichen und die Amateure reichen sie selbst ein.
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