Multitalent: Linh Tran

von André Schulz
02.09.2026 – Linh Tran ist ein Multitalent. In ihrer Jugend gehörte sie zum deutschen Schach-Nachwuchskader und spielte bei Jugendweltmeisterschaften mit. Dann switchte sie auf Tischkicker um und wurde dort als eine der weltbesten Spielerinnen fünffache Weltmeisterin. Als Speakerin vermittelt sie Erfolgsstrategien und hat jetzt ein Buch über ihren Lebensweg veröffentlich, der alles einfach war. Im Gespräch mit André Schulz gibt Linh Tran Einblicke.

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Als Jugendliche begann Linh Tran, Tochter vietnamesischer Eltern, in ihrem Heimatort Roßdorf, in der Nähe von Darmstadt, mit dem Schachspiel und war bald ziemlich erfolgreich. Dank guter Betreuung in ihrem Klub Ladya Roßdorf konnte sie an vielen Jugendturnieren teilnehmen. Sie qualifizierte sich für die Deutschen Meisterschaften und erreichte bei den Turnieren der weiblichen Jugend gute Plätze. 2011 wurde sie beispielsweise in der Altersklasse U16w Deutsche Vizemeisterin hinter Hanna Marie Klek und ließ unter anderem Filiz Osmanodja hinter sich. 

Linh Tran wurde in den Jugendkader des Deutschen Schachbundes aufgenommen und durfte bei Jugendweltmeisterschaften, u.a. in Vietnam oder Brasilien, mitspielen. Möglich wurde das dank finanzieller Unterstützung aus Ihrem Verein, insbesondere durch den Jugendbetreuer "Fuchsi".

Nach dem Abitur legte Linh Tran ein soziales Jahr ein und ging dafür nach Hamburg. In der Hamburger Schachschule des HSK verdiente sie als Schachlehrerin etwas Geld hinzu und spielte Schachwettkämpfe im Frauenteam von TuRa Harksheide. 

Doch dann wurde Linh Tran von einem anderen Sport gefangen genommen. Mit ihrem damaligen Freund hatte sie in Hamburger Klubs und Kneipen angefangen Tischkicker zu spielen. Linh Tran trat der Tischkicker-Abteilung des FC St. Pauli bei und spielte Team-Wettkämpfe und Turniere mit. 2017 besuchte sie die Tischkicker-Weltmeisterschaft in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel und visierte nun eine neues Ziel an: "Ich will Weltmeisterin im Tischerkicker werden," nahm sie sich angesichts des Spektakels vor.

Von ihren Eltern hatte Linh Tran viel Ehrgeiz angenommen, trainierte nun sehr viel, spielte unzählige Turniere mit und schließlich gehörte sie zu den weltbesten Tischkicker-Spielerinnen. Linh Tran qualifizierte sich für die Weltmeisterschaften und gewann insgesamt fünf Weltmeister-Titel, im Einzel und im Doppel. Aus dem Schachtalent wurde eine Tischkicker-Star.

Linh Tran wurde zu vielen Veranstaltungen eingeladen und erzählte dort, wie man mit Energie und Willen große Ziele erreichen kann und schöpfte dabei aus ihrem eigenen Werdegang. Sie wurde Speakerin.

Schachturniere spielte Linh Tran keine mehr, aber sie blieb dem Schach verbunden. Beim Freestyle-Turnier im Weissenhaus traf sie auf die Schach-Weltelite, spielte mit Vincent Keymer und anderen am Tischkicker und verlor gegen Fabiano Caruana eine Vorgabe-Partie. Kürzlich traf sie Weggefährten aus ihrer aktiven Schachzeit beim Schachmeisterschaftsgipfel in Dresden.

Nun hat Linh Tran ein weiteres Kapitel aufgeschlagen, wortwörtlich: Sie hat ein Buch geschrieben, zusammen mit ihrer Co-Autorin Mara Pfeiffer, mit dem Titel "Aus dem Handgelenk: Warum ich Weltmeisterin im Tischkickern werden musste".

Das Buch ist keine der üblichen Sportlerbiographien. Es ist die sehr lebhafte Erzählung eines Mädchens, einer jungen Frau, die zwischen zwei Kulturen aufwuchs und sich sich durchbeißen musste. Ihre Eltern kamen beide aus Vietnam, aber auf ganz unterschiedlichen Wegen. Der Vater wurde unfreiwillig zum Flüchtling und kam so nach Westdeutschland. Die Mutter war Vertragsarbeiterin in der DDR. Nach der Wende lernten sich die beiden in Deutschland kennen und gründeten in Südhessen eine Familie. Sie lebten fern der Heimat, der sie nachtrauerten, und bauten sich mit Fleiß und Energie eine neue Existenz auf. "Du musst kämpfen!", war die Botschaft des Vaters an seine Tochter. 

Linh Tran wuchs zwischen den beiden Welten auf auf. Zuhause wurde vietnamesisch gesprochen, draußen deutsch. Manches Verhalten ihrer Eltern, kulturell begründet, war Linh Tran rätselhaft. Außerdem musste sie mit dem übergroßen Ehrgeiz der Eltern fertigwerden, die von ihren Kindern immer nur erstklassige Leistungen verlangten. Sie lernte, die Anforderungen ihrer Eltern zu erfüllen - aber nicht immer so, wie diese sich das vorstellten.

Schach wurde für Linh Tran ein Art Zuflucht. Ein geschützter Raum, in dem sie nicht zu guten Leistungen gezwungen wurde, aber auf diese Weise zu guten Leistungen imstande war.

Na ja, und dann kam die Leidenschaft für den Kickersport... 

Das Buch ist eine spannende und aufschlussreiche Lektüre, auch für Nicht-Schachspieler und Nicht-Kickerspieler. Man erfährt natürlich auch einiges aus der Welt des Schachs und der Welt des Kickersports. Die emotionale Achterbahnfahrt zwischen vietnamesischen Wurzeln und deutscher Realität nimmt aber ebenfalls einigen Raum ein. 

Im Gespräch mit André Schulz im ChessBase Studio erzählt Linh Tran von ihrem Lebensweg und formuliert dabei auch interessante Gedanken zu den Geschlechterrollen und den Mechanismen, die im Schach dazu führen, dass nur wenige Mädchen lange dabei bleiben. Oder von der Schwierigkeit, Sponsoren zu finden, die es ermöglichen, dass jemand vom Kicker leben kann - oder vom Schach. 

ChessBase war Linh Tran im Übrigen nicht neu. Denn natürlich hat sie als Kind und als Jugendliche mit dem ChessBase-Programm gelernt und sich vorbereitet. "Womit denn sonst...?", fragt sie. 

    


Aus dem Handgelenk

Warum ich Weltmeisterin im Tischkickern werden musste 

Die berührende Autobiografie der Weltmeisterin im Tischfußball

Edel Sports, 22,- Euro

Linh Trans Webseite...  


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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