Nach der "Scheidung": Interview mit Rustam Kasimdzhanov

01.09.2021 – Fabiano Caruana und sein Sekundant Rustam Kasimdzhanov bildeten ein sehr erfolgreiches Team. Ihr bestes gemeinsames Jahr 2018 endete nach vielen Erfolgen allerdings mit einer Enttäuschung. Auch das letzte Kandidatenturnier verlief nicht wie erwünscht. "Das Pandemie-Jahr hat unserer Beziehung nicht gut getan", sagt Rustam Kasimdzhanov. Nun gehen Fabiano Caruana und Rustam Kasimdzhanov getrennte Wege. | Fotos: Lennart Ootes

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Interview mit Rustam Kasimdzhanov

Das Team Caruana/Kasimdzsanov war sehr erfolgreich, aber nun gibt es das nicht mehr…

Das stimmt. Ich habe als Trainer oder Sekundant von Fabiano Caruana gekündigt.

Wie kam es dazu?

Wie haben sechs Jahre lang zusammengearbeitet, zeitweise sehr erfolgreich, aber zum Schluss wurde es sehr schwierig.

Wieso das?

Nun, es hat natürlich auch sehr viel mit der Corona-Pandemie zu tun. Das war oder ist für alle eine schwierige Zeit. Für uns Schachspieler besonders. Wir reisen in der Welt herum, von Turnier zu Turnier. Das ging dann nicht mehr, oder die Umstände wurden kompliziert. Man musste zum Beispiel nach der Anreise für zehn Tage in Quarantäne. Dann gab es zwischendurch lange Pausen. Das letzte Kandidatenturnier ging mit der Unterbrechung über 13 Monate. Das sind schwierige Bedingungen. Das Pandemie-Jahr hat unserer Zusammenarbeit nicht gutgetan.

Warst du bei beiden Turnierhälften in Jekaterinburg mit vor Ort?

Ja, genau.

Wann hat deine Zusammenarbeit mit Caruana angefangen?

Die ersten sporadischen Meetings gab es schon Ende 2013. Im Jahr 2014 habe ich eine Zeitlang auch noch mit Sergey Karjakin zusammengearbeitet. Ab 2015 habe ich dann nur noch für Fabiano gearbeitet.

Davor hattest du auch schon einige Jahre sehr erfolgreich für Vishy Anand gearbeitet...

Ja, von 2008 bis 2012, bei drei WM-Kämpfen, die wir alle gewonnen haben.

Wie hat man sich die Arbeit des Sekundanten mit solchen Spitzenspielern vorzustellen? Warst du immer zusammen mit Caruana bei allen Turnieren vor Ort dabei?

Das hat sich mehr und mehr in diese Richtung entwickelt. Anfangs hatten wie auch Remote vereinbart, also Ideen und Analysen aus der Ferne über das Internet, dann wurde aber auch aus Caruanas Umfeld immer mehr Präsenz erwünscht.

Wer ist in diesem Fall das Umfeld?

Damals hat auch noch Lawrence Trent für Fabiano gearbeitet. Caruanas Eltern haben beide aber einen großen Einfluss. 

Präsenz bedeutet, dass du Fabiano Caruana zu den Turnieren, in den USA, in Europa, etc. begleitet hast, also immer vor Ort warst.

Ja. Oder wir haben vorher die Turniere zusammen vorbereitet. Bei den Turnieren in den USA haben wir uns bei Caruana in Saint Louis getroffen. Vor Turnieren in Europa ist er zu mir nach Hause gekommen. Manchmal haben wir uns in Madrid getroffen. Dort besitzen Caruanas Eltern ein Haus.

Ihr wart dann aber ein sehr erfolgreiches Team. Was war eure beste Zeit?

Das stimmt. Unsere beste Zeit war zwischen März und Oktober 2018. Da hat Fabiano fast alles gewonnen, das Kandidatenturnier, in Norwegen, die Grenke Classic. In der Eloliste hat er deutlich dazugewonnen und lag nur wenige Punkte hinter Carlsen. Hätte er eine Partie beim WM-Kampf in London gewonnen, hätte Fabiano Carlsen in der Eloliste überholt.

Wie habt ihr den verlorenen Weltmeisterschaftskampf gegen Carlsen in London 2018 verarbeitet?

Schlecht, eine große Enttäuschung. Das gilt besonders für mich. Fabiano war sicher auch enttäuscht, aber er ist nicht der Typ, der solche Sachen rauslässt. Er hat lange nicht über den Wettkampf geredet. Vielleicht hat das unserer Zusammenarbeit auch einen Knacks gegeben.

Auf dem Weg zum Match, WM-Kampf London 2018

Nach dem WM-Kampf 2018 hattest du auch schon einmal daran gedacht, die Zusammenarbeit zu beenden…?

Ja, ich habe das zumindest überlegt. In diesen Jahren habe ich meine Familie oft wochenlang nicht gesehen. Aber dann habe ich doch noch weitergemacht.

Beim Kandidatenturnier | Foto: Lennart Ootes

Beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg war Caruana Favorit, aber es lief dann nicht gut für ihn. Was ging schief?

Richtig. In beiden Teilen hat er nicht gut gespielt, aus unterschiedlichen Gründen. Im ersten Teil war die Anspannung schon enorm hoch, durch die beginnende Pandemie. Man sah schon die schrecklichen Bilder aus Italien, zum Beispiel. Es gab große Unsicherheit. Vor dem Turnier gab es unter den Spielern Gespräche, ob man überhaupt spielen sollte. Vielleicht wäre es besser gewesen, mit dem Beginn des Turniers zu warten. Aber alle waren schon vor Ort. Es war eine schwierige Situation. Das war vielleicht zu viel Druck. Es kam ja noch die Erwartungshaltung hinzu. Fabiano spielt eigentlich am besten bei Turnieren, wo es keinen Druck gibt. Bei den anderen kommt es allerdings drauf an.
Bei der Wiederaufnahme, über ein Jahr später, lag er zurück und musste unbedingt die erste Partie gewinnen. Das hat er ja auch geschafft. Nach dieser gewonnenen Partie hatte er dann aber merkwürdigerweise keine Energie mehr.

Warst du zwischen den beiden Teilen des Kandidatenturniers während der Pandemie-Pause arbeitslos?

Überhaupt nicht. Ich habe Privattraining gegeben und habe Turniere kommentiert. Ich hatte zu tun.

Hat deine Kündigung der Zusammenarbeit etwas mit dem schlechten Abschneiden von Caruana in Jekaterinburg zu tun?

Nur indirekt. Wenn er gewonnen hätte, hätte sich sicher noch weitergemacht. Man beendet eine Arbeit ja nicht mittendrin, bevor sie vollendet ist. Der WM-Kampf hätte zum Prozess sicher noch dazu gehört.

Und wie ist das jetzt so für Euch beide?

Das ist seltsam. Es ist wie eine Scheidung. Wenn man sechs Jahre lang intensiv zusammenarbeitet, dann entwickelt sich ja auch eine besondere persönliche Beziehung. Man kann nicht sagen: Die Zusammenarbeit ist rein geschäftlich. Dafür waren wir zu oft und zu lange zusammen. Und es gibt jetzt auch noch eine Reihe von offenen Fragen, wie bei einer Scheidung auch. Es gibt noch eine Reihe von Dingen zu klären. Verschiedenes. Ich weiß ja sehr viel aus Caruanas Eröffnungsvorbereitung, kenne viele Analysen und Varianten. Wir müssen noch klären, wie wir damit verfahren.

Du wohnst in einem kleinen Ort gegenüber von Bonn, auf der anderen Rheinseite in Ruppichterroth. Wart ihr auch von der Hochwasserkatastrophe betroffen?

Ich und meine Familie nicht. Wir wohnen auf dem Berg. Aber unten im Siegtal gab es Hochwasser und nicht weit entfernt, in Hennef, gab es auch einige Verwüstungen.

Was sind deine nächsten Pläne? Wie ist es, jetzt immer zuhause zu sein?

Das ist für uns alle etwas komisch. Wir müssen uns alle wieder daran gewöhnen, dass ich nun so oft wieder zuhause bin. Natürlich habe ich auch schon wieder ein paar Anfragen bekommen, als Trainer und Sekundant zu arbeiten, auch von Spitzenspielern. Ich war kürzlich bei einem schönen Schachevent in Taschkent und hatte ein paar Gespräche. Es gibt große Talente in Usbekistan, Spieler, die weit nach vorne kommen können. Die jungen Spieler können mich sicher gut gebrauchen.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

Die Fragen stellte André Schulz.

 

 

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