Nach Hause...

16.03.2010 – Wir sind es gewohnt, als ersten Schachweltmeister Wilhelm Steinitz anzusehen und die Geschichte der Schachweltmeisterschaften somit 1886 beginnen zu lassen. Auch wenn man noch einige inoffizielle Vorweltmeister mit einbezieht, ist dies dennoch nicht die ganze Geschichte. Berücksichtigt man nämlich den unmittelbaren Vorläufer des Schachs, das persische Shatranj, dann ist die Geschichte des "professionellen" Schachs bedeutend älter. 847 gab es die erste Weltmeisterschaft, bei der al-Adli von ar-Razi herausgefordert und besiegt wurde. Shatranj-Bücher gab es schon lange vorher, die Taktik oder die Kunst der Eröffnungen behandelten. Selbst Titel, die dem heutigen Großmeister oder Internationalen Meister entsprechen, waren geläufig. Wenn also am 4.April erneut das Dubai-Open beginnt, dann kommt "Schach wieder nach Hause", meint Dr. René Gralla. Zum Artikel...

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12. DUBAI OPEN 2010: Chess Is Coming Home Again - Flirten mit dem klassischen Shatranj
Schon seit 1191 Jahren gibt es Schachgroßmeister 

Von Dr. René Gralla

Wie eine Rochadeburg im Großmaßstab sieht er aus, der Dubai Chess Club, mit seinem Zentralgebäude, das dem Wehrturm eines mittelalterlichen Kastells nachempfunden scheint. Ein architektonisches Konzept, das ein klares Signal aussendet: Das Spiel der Spiele kehrt zurück in das Land seiner Herkunft.

Ein selbstbewusster Anspruch, den spektakuläre Events und Großturniere unterstreichen, von der  27. Schacholympiade 1986 in Dubai bis zu Wladimir Kramniks Duell gegen den Supercomputer Deep Fritz in Bahrain 2002. Und jetzt schon zum zwölften Mal messen sich vom 4. April bis zum 14. April 2010 in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Kandidaten beim diesjährigen Dubai Open, um den Sheikh Rashed-bin-Hamdan-Cup zu holen plus einen netten Bonus aus dem Preisfonds von 45.000 US-Dollar. 

Chess is coming home again. Schließlich ist die Version, die aktuell nach den Vorschriften der FIDE ausgetragen wird, gar nicht das Original, sondern eine relativ junge Variante der Mattjagd, deren Regeln sich erst vor gut 500 Jahren herauskristallisiert haben. Dagegen wird die klassische Version, das "Shatranj", bereits zum ersten Mal erwähnt im persischen Buch "Karnamak-i Artaxshir-i Papakan", das zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert verfasst worden ist. Nach dem Sieg der islamischen Invasoren 642 bei Nehawand, südlich des heutigen Hamadan im Iran, und dem Zusammenbruch des Sassanidenreiches übernahmen die Eroberer von den Unterworfenen auch deren Shatranj. Bei den Arabern wurde das strategische Spiel rasch ungeheuer populär, zumal ihm sogar die strengen Korantheologen ein Unbedenklichkeitszertifikat ausstellten.   


Spieler beim Shatranj

In der Gegenwart schlägt vor allem das renommierte Dubai Open eine Brücke zu dieser Goldenen Zeit des Shatranj. Und wenn in unseren Tagen wieder die Champs an den Golf einfliegen - allein 40 GMs im Jahr 2009 - , folgen gerade auch sie den Spuren ihrer stolzen Vorgänger. Schließlich ist es ein veritabler Kalif namens al-Ma'mun gewesen, der im Jahr 819 zum ersten Mal die vier Besten am Brett in den Rang von "Aliyat" erhoben hat. Das entsprach in etwa der Leistungsstärke eines FIDE-Großmeisters, so dass der Titel GM offenbar viel älter ist als bisher von den Experten unisono angenommen. 


Kalif al-Ma'mun, der 819 den Titel eines "Aliyat",
sprich: "Großmeister", in das klassische arabische Schach einführt

Westliche Fachleute, zuletzt Hartmut Metz im österreichischen Magazin "Schach-Aktiv" (Ausgabe 4/2009, S. 228), wollen eigentlich dem ansonsten glücklosen Zar Nikolaus II. das Verdienst zusprechen, eine Hierarchie im zuvor unübersichtlichen Lager der Brettsportprofis eingeführt zu haben. Schließlich seien die fünf Frontrunner des Turniers St. Petersburg 1914 vom damals noch amtierenden  russischen Kaiser, den vier Jahre später die revolutionären Bolschewiki samt seiner Familie liquidieren sollten, zu "Großmeistern" proklamiert worden. Aber abgesehen davon, dass die Internetbibliothek Wikipedia die entsprechende Anekdote als "nicht belegt" einstuft, ist keineswegs der letzte Romanow der Vater aller Großmeister, sondern in Wahrheit der Kalif al-Ma'mun vor exakt 1191 Jahren, wie arabische Chronisten schreiben. Und das schachbegeisterte Oberhaupt der Gläubigen etablierte neben dem arabischen GM gleich noch einen "Mutaqaribat", den Vorläufer des IM.

Al-Ma'muns lebhaftes Interesse am Geschehen auf den 64 Feldern war familiär bedingt. Sein berühmter Vater, der in die Märchenbücher eingegangene Harun ar-Raschid, hatte ebenfalls Shatranj gezockt und einen 802 geführten Briefwechsel mit dem byzantinischen Kaiser Nikephoros I. zum Anlass genommen, nach dem Austausch diplomatischer Floskeln von den Vorzügen einer jungen Dienerin zu schwärmen - weil das Mädchen nicht nur höchst attraktiv war, sondern überdies geschickt im Shatranj.

 

 


Ein Set Shatranj, statt eines Brettes wird oft auch auf einem Plan aus Stoff gespielt.

Das Dubai Open 2010 ist folglich der passende Anlass, die Ursprünge des Königlichen Spiels im Nahen Osten zu entdecken. Die Regeln des Shatranj korrespondieren im Wesentlichen dem Kanon der FIDE, allerdings müssen einige Abweichungen beachtet werden.

Anstelle einer resoluten Dame begleitete den König ("Shah") ein gravitätischer Wesir ("Wazir", oft auch als "Fers", "Ferz" oder "Firz" bezeichnet), der sich pro Schlagwechsel einen sparsamen Schritt vorwärts oder rückwärts über die Diagonalen bequemte. Die Plätze der Läufer nahmen Elefanten ein. Der Minidickhäuter - arabisch: "Alfil" - verfügte über die überraschend sportliche Fähigkeit, auf den ihm zugewiesenen Schrägen in das zweite Feld vom konkreten Ausgangspunkt entweder ziehen oder nach Bedarf hüpfen zu können. Interessanterweise hat sich der Terminus "alfil" für "Läufer" im modernen Spanisch trotz unterschiedlicher Kapazität und Reichweite erhalten.  

Ferner wichtig: Die rivalisierenden Könige mussten nicht zwingend von e1 und e8 aus ins Gefecht ziehen, sondern durften alternativ die Ausgangsstellungen d1 respektive d8 einnehmen. Die Rochade und der einleitende Doppelschritt der Bauern waren ausgeschlossen. Erreichte ein Infanterist die feindliche Grundreihe, wurde er befördert zum Wesir. Neben dem Matt galt auch das Patt als Niederlage. Die Felder auf dem Brett waren nicht schwarz-weiß kariert, sondern einheitlich koloriert in einem hellen Grundton. 

Ein Flirt mit Shatranj kann der Beginn einer wunderbaren Liebesaffäre sein. Die das Zeitfenster öffnet für eine virtuelle Reise zurück in eine spannende Epoche, als Arabien die Führungsmacht im Schach war. Stars der Mattkunst publizierten Bücher über Strategie und Taktik und tüftelten trickreiche Probleme aus, die Mansubat. Gefeierte Theoretiker und Autoren waren al-Adli (um 800 – um 870), ar-Razi (ca. 825 – ca. 860) und as-Suli (ungefähr 880 – 946). Sie analysierten Eröffnungen und fanden für die einschlägigen "Tabiyas" poetische Namen: die verlockend "reich Umkränzte", der zu fürchtende "reißende Strom" oder die ambitionierten "Steine des Pharao".

In Anwesenheit der Herrscher wurden spektakuläre Matches ausgefochten. Kalif al-Mutawakkil war Schiedsrichter während der ersten WM der Schachgeschichte. 847 forderte der Newcomer ar-Razi den alten Haudegen al-Adli heraus; der Nachwuchsmann entschied den Wettkampf klar für sich und galt fortan als Bester der Welt. Vom Meister Muhammed ben Sirin wird berichtet, dass er bis zu drei Partien gleichzeitig blind spielen konnte. Und auch die Frauen mischten mit: Historiker rühmen die Schwestern Safi’a, A’isha und ’Ubaida, die drei Enkelinnen eines gewissen Hisham ben Urwa, die viele Männer das Fürchten lehrten.

Unvergessen ist die mysteriöse Dilaram, der im 10. Jahrhundert eine eigene Mansuba gewidmet wurde. Unklar bleibt zwar, ob die sagenhafte Favoritin eines arabischen Offiziellen mehr war als eine Symbolfigur, eher zweifelnd äußerten sich dazu die ehemalige deutsche Vizemeisterin Regina Grünberg und Co-Autor Gerd Treppner in ihrer 1991 veröffentlichten Studie "Frauen am Schachbrett". Trotzdem ist das schlichte Faktum, dass ein "Matt der Dilaram" überhaupt komponiert worden ist, ein starkes Indiz für den Respekt, den weibliche Shatranj-Spielerinnen ihren männlichen Kollegen einst abgenötigt haben. 

Ansonsten weiß Dilarams unsterbliche Mansuba neben dem Genderaspekt durch charmante Brutalität zu gefallen. 

Einleitend wird der erste weiße Turm geopfert: 

1.Th4-h8+! ...  

Der schwarze Shah langt zu: 1. ... Kg8xh8 

Der weiße Alfil vulgo Elefant (Abkürzung: A) gibt, indem er von h3 über den Springer g4 hinwegsetzt und auf f5 landet, eine Kostprobe seiner Sprungkraft. Turm h1 visiert den gegnerischen König an: 

2.Ah3-f5+ ...

Todesmutig steuert der Kommandant des schwarzen Kampfwagens b2 sein Vehikel in die Schussbahn und verzögert das Unvermeidliche: 

2. ... Tb2-h2 3.Th1xh2+ ...

Der schwarze Monarch flüchtet zurück nach g8, aber die zweite Angriffswelle rollt: 

3.... Kh8-g8 4.Th1-h8+!! Kg8xh8

Gestützt vom Kameraden auf f6 traut sich der Fußsoldat g6 nach g7 und rempelt den feindlichen Feldherrn an: 

5.g6-g7+ ... 

Der weiße Elefant auf f5 behält das potenzielle Fluchtfeld h7 unter Kontrolle, Black King wird zurück getrieben nach g8: 

5.... Kh8-g8.

Die weiße Schwadron g4 exekutiert das Finale: 

6.Sg4-h6# 1-0 

Eine lustige Kombination, die dazu einlädt, mental zigtausendfach abgelaufene und ausgetretene Pfade zu verlassen. Das weitet den Blick, regt die schöpferische Phantasie an und kommt am Ende dem frugalen Ligaalltag gleichfalls zu Gute.

Last not least ist Shatranj eine sympathische Offerte an Neueinsteiger, entspannt das Terrain der 64 Felder zu erkunden, ohne unablässig Überfälle im Schäferstil fürchten zu müssen. Das garantieren die Abwesenheit der dominanten Dame und ihrer aggressiven Läufergesellen. Shatranj ist menschenfreundliches Schach, selbst der Anfänger hält mit dem Meister eine gewisse Zeit mit, bevor er sich in das Unvermeidliche fügt und kapituliert.

Niemand verliert sein Gesicht - vorausgesetzt, er hält die Augen auf und träumt nicht zu heftig von der schönen Dilaram. Andernfalls droht auch im übersichtlichen Shatranj ein böses Erwachen.

Wie das? Selbst das arabische Schach kennt ein Narrenmatt in vier Zügen, das hat der Autor dank diverser Wasserpfeifen in einem Shishalokal herausgefunden. 

Nehmen wir an, die konkurrierenden Herrscher wählen die Startpositionen d1 und d8. 


Weiß experimentiert mit der Linksspringereröffnung:
 

1.Sb1-c3 ... 

Schwarz entscheidet sich für den Vormarsch eines Zentrumsbauern: 

1. ... e7-e6. 

Der Schimmel des Anziehenden trabt nonchalant zur linken Flanke: 

2.Sc3-a4?!? ... 

Falls der Kontrahent seinerseits daddelt und eine Art altindischen Aufbau bastelt, verliert er - ausgerechnet - den nichtsahnenden Infanteristen auf b7 (!): 

2. ... Sg8-e7? 3.Sa4-c5! ...  

Warum ist die B-Kompanie futsch? Der Elefant c8 ist bekanntlich kein Läufer, ergo liegt b7 out of reach. Der Alfil c8 hat ausschließlich a6 und e6 auf dem Schirm. Will der Nachziehende reflexartig die Einheit b7 aus der Gefahrenzone bugsieren, ist alles aus:

3. ... b7-b6?? 4.Sc5-b7# 1-0

 

Das ist das peinliche "Mat-al-Magnun", das bittere "Matt der dummen Leute". Und eine reale Gefahr, die sich nicht auf das Shatranj beschränkt, in Dayton 1979 hat ein verrücktes Replay nach modernen Schachregeln für reichlich Gelächter gesorgt.

 

Weiß: T.Mantia
Schwarz: T.Trogdon
Dayton 1979

Englisch - Angloindische Verteidigung: Flohr-Mikenas-Carls-Variante (A18)

1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4 Sc6 4.Sge2 b6 5.g3 Se5 6.d4?? Sf3# 0-1

Mit vertauschten Farben eine Konstellation, die dem Mat-al-Magnun verblüffend ähnelt: Hätte der übertölpelte Mantia das arabische Fool's Mate gekannt, wäre ihm Hohn und Spott in Dayton sicher erspart geblieben.

Es kann deswegen ziemlich nützlich sein, die klassischen Finten auch im ehrwürdigen Shatranj zu studieren. Um niemals in eine Mat-al-Magnun-Falle zu rennen - weder auf dem internationalen Parkett von Dubai noch zu Hause im Hinterzimmer des Klubs. 

 

 

 

 


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