Nachgefragt - Ein Interview mit Conrad Schormann

von Johannes Fischer
01.12.2018 – Vor wenigen Tagen hat Conrad Schormann in seinem Artikel "Respekt, Magnus!" eine Bilanz des WM-Kampfs Magnus Carlsen und Fabiano Caruana in London gezogen. Dieser Artikel hat Kontroversen ausgelöst. In einem Interview mit Conrad Schormann hat ChessBase nachgefragt. | Zeichnung: Magnus Carlsen, gesehen und gezeichnet von Willum Morsch

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ChessBase: Lieber Conrad Schormann, Sie haben den WM-Kampf zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana in London im Vorfeld und während des Wettkampfs engagiert verfolgt. Doch was war der erste Schachkampf, den Sie als Schachfan bewusst erlebt haben?

Conrad Schormann: Leider nicht Karpow gegen Fischer. Stattdessen durfte ich die Karpow-Kasparow-Matches von Beginn an erleben.

Wie war das?

Schachlich mühsam. Der Videotext übertrug zwar live, aber in Intervallen. Alle halbe Stunde ein Dutzend Züge, dazu alle paar Wochen ein Schachmagazin mit kommentierten Partien. Ich war gerade alt genug, um die politischen Begleitumstände zumindest wahrzunehmen, und das hat die Angelegenheit extra reizvoll gemacht. Auch wenn ich die Dinge damals ohne Grautöne gesehen habe: Karpow böse, Kasparow gut, und so habe ich halt in meinem Kinderzimmer mitgefiebert, ob die Perestroika auch beim Schach triumphieren wird.

Und an welchen WM-Kampf erinnern Sie sich besonders gerne?

Carlsen-Caruana 2018. Das Match war besser, viel gehaltvoller, als es gemacht wird. Zum Gehalt gehören im modernen Schach auch gescheiterte Versuche, die an gezielter schwarzer Vorbereitung selbst in Nischenvarianten scheitern. Hinterher nachzuvollziehen, wie es dem Schwarzen gelungen ist, die Luft aus der Stellung zu lassen, finde ich reizvoll. Aber dafür muss man wahrscheinlich ein ziemlicher Nerd sein.

Fabiano Caruana vs Magnus Carlsen | Foto: World Chess

War früher alles besser?

Die Antworten waren einfacher, die Fragen nicht so viele. Besser war das nicht.

Warum faszinieren Weltmeisterschaftskämpfe Menschen in aller Welt? Warum haben Hunderttausende verfolgt, wie Carlsen und Caruana spielen?

Wenn die beiden Besten der Welt im Zweikampf aufeinandertreffen, fasziniert das die Leute. Traditionell überragen beim Schach WM-Kämpfe alle anderen Turniere in der öffentlichen Wahrnehmung um Längen. Und die „Hunderttausende“ sind ja nur der Anfang. Die Gaming-Szene entdeckt das Schach gerade erst, und das Schach entdeckt gerade erst, dass es entdeckt worden ist. Da wird einiges passieren.

Was fasziniert Sie an WM-Kämpfen? Und am Schach generell?

Der Zweikampf- und Wettkampfcharakter, da geht es mir nicht anders als anderen, die WM gucken. Schach ist ein Sport, den ich als Fan verfolge, und der einzige Sport, in dem ich selbst versucht habe, gut zu werden, wenngleich mit bescheidenem Erfolg.

Zwölf Partien, zwölf Remis, das gab’s bei WM-Kämpfen noch nie. Muss man den Modus ändern?

Mehr Partien, weniger Ruhetage fände ich sinnvoll. "Den Gegner müde spielen" ist in anderen Sportarten ein relevantes Konzept, warum nicht beim Schach? Darüber hinaus habe ich mir noch keine Meinung gebildet. Als Schach spielender Schachfan könnte ich zum Beispiel gut damit leben, wenn wieder gilt, dass der Herausforderer über die reguläre Distanz gewinnen muss. Andererseits lieben die Medien und die Eventfans den Tiebreak.

Den verbreiteten Vorschlag, den Tiebreak vor dem Match zu spielen, halte ich deswegen für Blödsinn. Das wäre nicht zu vermitteln. Auch verkürzte Bedenkzeit von Beginn an fände ich furchtbar. Ich will das bestmögliche Schach sehen. Wünschen würde ich mir eine Debatte, ob Schach960 auf die eine oder andere Weise in den WM-Zyklus eingebaut werden sollte, nicht nur in das WM-Match.

Hat sich in London ein Trend im modernen Spitzenschach gezeigt – die Spieler sind so gut vorbereitet und spielen so präzise, dass Schach langweilig wird?

Schach ist manchmal nicht spektakulär, nie langweilig. Mal greift die Vorbereitung des Schwarzen so gut, dass sich eine totsymmetrische Struktur und/oder eine Stellung ohne jede Dynamik ergibt. Aber Schach ist reich und der Mensch unvollkommen genug, dass auch daraus noch etwas entstehen kann – siehe Partie 6. Der vorerst letzte Trendsetter im modernen Spitzenschach war ja eigentlich Magnus Carlsen, und der war dem von Ihnen beschriebenen Phänomen schon voraus.

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Carlsen ist eben nicht dem kaum noch greifbaren "plus gleich" hinterhergehechelt, sondern konkreter Theorie ausgewichen, um eine spielbare, reiche Stellung anzustreben. Aber das ist ihm in London mit Weiß kaum gelungen. Sollte es nun der neueste Trend werden, dass Schwarz unter allen Umständen die Luft aus der Stellung lassen kann, das wäre allerdings bedenklich.

Glauben Sie, dass der Wettkampf das Schach bereichert hat – trotz der zwölf Remis?

Ich sehe das nicht auf das Ergebnis fokussiert. Künftig mehr Rossolimos und 7.Sd5-Sveschnikow-Sizilianer zu sehen, wäre doch prima. Beide führen zu inhaltsreichen Partien, und solche verfolge ich gerne.   

Bobby Fischer hat Emanuel Lasker einmal als "Kaffeehausspieler, der keine Eröffnungen kennt und nichts vom positionellen Schach versteht" bezeichnet. Hat Fischer Recht?

Darf ich mit einem Diagramm antworten? Lasker-Capablanca, St. Petersburg 1914, Stellung nach 12.f4-f5.

 

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Fischer war nicht der einzige Weltmeister, der sich kritisch über seine Kollegen geäußert hat. Botvinnik hat dem 12-jährigen Karpow einmal attestiert, vom "Schach keine Ahnung zu haben" und über Tal hat er gesagt: "Wenn Tals Figuren übers Brett hüpfen, dann ist ihm keiner ebenbürtig, aber bei soliden Bauernstrukturen im Zentrum ist er positionell schwach." Wie sehen Sie das?

Botvinnik war so lange so erfolgreich beim Schach, weil er auch abseits des Brettes andere auszumanövrieren und mattzusetzen wusste. Das mag gezielte abfällige Äußerungen einschließen. Zwölfjährige sind zwar in der Regel ahnungslos, wahrscheinlich auch Karpow, aber Schachkinder sollte man nach ihrem Potenzial beurteilen, nicht nach dem aktuellen Stand ihres Wissens oder Spielverständnisses. Das Tal-Zitat kann ich mir nur so erklären, dass Botvinnik das Buch Tals zu seinem WM-Kampf 1960 (gegen wen war das doch gleich?) nicht gelesen hat. Gerade als Positionsspieler ist Tal unterschätzt, obwohl dort in jeder Zeile durchschimmert, wie viel der Mann vom Schach verstand. In der allgemeinen und womöglich auch Botvinnikschen Wahrnehmung ging das leicht unter, weil Tal so oft seine Figuren in die gegnerische Rochadestellung geprügelt hat.

Mikhail Tal | Ron Kroon / Anefo [CC0], via Wikimedia Commons

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Haben Sie einen Lieblingsspieler?

Ding Liren von vor drei oder vier Jahren, bevor er sein Eröffnungsrepertoire und in gewissem Maße seinen Stil auf Weltklasse umgestellt hat.

Ding Liren | Foto: Amruta Mokal

Partien von Rasmus Svane verfolge ich gerne, wenn er nicht gerade Französisch spielt. Selbiges gilt für Denis Khismatullin mit all seinen abseitigen und Daniel Dubov mit seinen spannenden Eröffnungsideen. Außerdem Tarrasch, eher die Werke als die Partien.  Und natürlich Elmar Streicher vom SC Überlingen.

Sie kritisieren, dass heutzutage viele Amateure, die Zugriff auf eine Engine haben, die Züge der Spitzenspieler kritisieren. Sie haben im Moment eine Elo-Zahl von 2134 und schreiben manchmal ebenfalls sehr kritisch über die Weltklasse. Wann und wie darf wer wen kritisieren?

Jeder jeden immer. Aber viele Leute quatschen halt nur unreflektiert irgendetwas nach, und die sollten besser zuhören. Wer WM guckt, indem er auf die Engine schaut, anstatt den Gedankengängen live kommentierender Meister zu folgen, der versagt sich ohne Not Genuss und Erkenntnisgewinn. Zu mir kann ich sagen, dass ChessBase ja regelmäßig von mir kommentierte Meisterpartien veröffentlicht. Es steht jedem frei, sich anhand davon ein Bild zu machen, wie gut oder schlecht ich Schach verstehe. So oder so, während der WM ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich mich in dieser Hinsicht auf Nulldiät gesetzt habe, um mir nicht ohne Not Genuss und Erkenntnisgewinn zu versagen.

In zwei Jahren ist wieder WM. Wer darf dann gegen Carlsen spielen – und wird der Modus geändert?

Magnus Carlsen gegen Ding Liren, 16 Partien in 19 Tagen, danach ggf. Tiebreak. Ein Fest wird das!

Wie sorgen Sie jetzt, nach Ende des WM-Kampfs, für genug Schach in Ihrem Leben?

Mit Ende dieses Interviews begebe ich mich ins Vereinsheim des SC Überlingen, um meinen andauernden Kampf gegen die dort grassierende schachliche Ahnungslosigkeit fortzuführen. Das ist meine Aufgabe derzeit. Außerdem habe ich noch ein unbedeutendes Schachblog zu betreuen. Zu Ostern hoffe ich, beim Grenke-Open nach zehn Jahren erstmals wieder eine ernsthafte Partie zu spielen. Vielleicht bekomme ich diese Sache mit den 2134 ja doch noch in den Griff 😉

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Johannes Fischer

Links

 

 




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Alimentation animale Alimentation animale 03.12.2018 02:57
Tolles Interview, mit nicht alltäglichen Ansichten und Beobachtungen. Gut hat mir vor allem der positive Blick auf die vergangene Weltmeisterschaft gefallen. Aber nicht so lustig wie das Interview mit Robert Hübner, das war vom Unterhaltungswert her unschlagbar. (Das wollte ich noch mal loswerden.)
querschlaeger querschlaeger 02.12.2018 01:39
Martin Rieger Sie unterstellen tatsächlich, die ganzen positiven Kommentare wären Fake? Liegt es nicht eher daran, dass die Kommentatoren den Originaltext in Gänze gelesen und anschließend kommentiert haben? Ihre sezierende Kommentartechnik nimmt von einer Stelle des Interviews das "müde spielen", mixt es mit "bestmögliches Schach" aus einer anderen Passage, um anschließend den Versuch zu starten, diesen Widerspruch aufzuzeigen. Man kann auch alles falsch verstehen oder sich passend konstruieren, wenn man sich nur Mühe gibt. Irgendwie muss es ja unter den Aluhut passen...
querschlaeger querschlaeger 02.12.2018 01:16
Christop Baumann, ich persönlich finde es sehr befremdlich, wenn Menschen Beiträge benoten, die vom Anspruch eine ganz andere Zielgruppe erreichen wollen und aus völlig verschiedenen Zeiten stammen. Grenzwertig empfinde ich Kommentare, die Rechtschreibung anderer Kommentatoren korrigieren. Ja, Sie sind nicht im Internetzeitalter angekommen und ja, Sie haben den Originaltext -entgegen anderer Kommentatoren, die beweisen, dass es möglich war- nicht verstanden. Aber ist dies Herrn Schormann anzulassten?
Chessiszen Chessiszen 02.12.2018 10:32
@Martin Rieger "Was ich persönlich ganz schwach finde bei dem Ganzen ist, dass auf jede negative Lesermeinung sofort und augenblicklich ein ausdrücklich sehr positiver Kommentar gepostet wird, von wem auch immer"

Tja, so ist das nun mal im Leben. Das liegt auch daran, dass Ihre verquere Ansicht falsch ist.

"Woher nimmt der Autor diese Gewissheit? Woher weiß er, dass der Internetuser alles "unreflektiert" nachquatscht?
Woher?"

HABEN SIE DIE GANZEN KOMMENTARE NICHT GELESEN ? Deswegen kam er zu der Ansicht, dass viele User unreflektiert der Engine nachquatschen!!
Chessiszen Chessiszen 02.12.2018 10:25
@Martin Rieger Es schmälert eben nicht Botwinniks Leistung ihn für sein Verhalten zu kritisieren. Es ist eine Tatsache das Botwinnik Stalinist war und sich dementsprechend auch verhalten hat.
Und das schmälert eben nicht seine schachliche Leistung.
Bobby Fischer tickte ja auch nicht ganz richtig außerhalb des Brettes und trotzdem gilt er wohl bei vielen als bester
Schachspieler aller Zeiten.
Martin Rieger Martin Rieger 02.12.2018 03:54
"Botvinnik war so lange so erfolgreich beim Schach, weil er auch abseits des Brettes andere auszumanövrieren und mattzusetzen wusste."
Solch eine Aussage schmälert die Leistung von Michail Moissejewitsch Botwinnik , dem Patriarchen der sowjetischen Schachschule, in einer Art und Weise, für die ich mich fremdschäme und die auf einer seriösen Schachseite wirklich nichts zu suchen hat. Wer hier wohl etwas unreflektiert nachgequatscht? Hat der Autor seine Erkenntnisse über Botwinnik aus erster Hand oder doch nur irgendwo gelesen und sich dann etwas zusammenphantasiert? Wieder muss ich sagen, das passt einfach nicht zusammen, Respekt für die schwache Leistung von C&C fordern aber gleichzeitig Urteile über Menschen ungefragt in die Öffentlichkeit posaunen, die sich entweder nicht mehr dagegen wehren können oder dadurch eventuell verletzt werden.

Noch etwas zu den Engines. Es ist doch natürlich , dass der normale Hobbyschachspieler, wenn er dann mal im Internet eine Liveübertragung ansieht, selbstverständlich "seine" Entdeckung (bzw. die der Engine) der Schachgemeinde mitteilt. Wen das stört, der kann doch solche Kommentare überlesen oder abschalten, er muss es doch nicht lesen wenn er nicht will. Meine Güte, lasst doch den Leuten ihre Freude. Um das geht es doch letztendlich in 99% aller Fälle hier.
Martin Rieger Martin Rieger 02.12.2018 03:54
Wenn jemand in einem Artikel gleichzeitig davon schreibt, "den Gegner müde zu spielen" und "das bestmögliche Schach zu sehen", dann bezweifle ich stark, das dies gelinge wird. Außerdem, gerade der Autor, der ja so begeistert von den Partien ist weil ja auch nur der Experte die wahre Schönheit sieht, die sich versteckt hinter scheinbar reizlosen Zügen, genau dieser Autor will also WM-Zweikämpfe in denen die Kontrahenten "müde" gespielt werden, ganz toller Qualitätsanspruch! Über den ersten überflüssigen Artikel wurde ja bereits schon fast alles gesagt...."der gemeine Leser hat halt die geniale Ironie nicht verstanden usw."...UNSINN!!! War es auch Ironie einen Herrn Kindermann so ins Lächerliche zu ziehen? Achso, ich verstehe (bzw. ich verstehe nicht) es war ja nur Ironie.

Was ich persönlich ganz schwach finde bei dem Ganzen ist, dass auf jede negative Lesermeinung sofort und augenblicklich ein ausdrücklich sehr positiver Kommentar gepostet wird, von wem auch immer.....(kann auch Zufall sein aber ich glaube nicht an Zufälle).

"Aber viele Leute quatschen halt nur unreflektiert irgendetwas nach, und die sollten besser zuhören. Wer WM guckt, indem er auf die Engine schaut, anstatt den Gedankengängen live kommentierender Meister zu folgen, der versagt sich ohne Not Genuss und Erkenntnisgewinn".
Woher nimmt der Autor diese Gewissheit? Woher weiß er, dass der Internetuser alles "unreflektiert" nachquatscht?
Woher?
gerreg gerreg 01.12.2018 10:55
@Christop Baumann: Sie interpretieren etwas in meinen Satz, was da nicht steht! Aus "Das einige Leser nicht (mehr) in der Lage sind, den Text zu verstehen, ist doch nicht das Problem des Autors." folgt logisch nicht, dass _Sie_ nicht in der Lage sind, den Text zu verstehen. Das kann ich gar nicht beurteilen. Bei anderen, das hat die Diskussion hier zum Originalbericht von Herrn Schormann gezeigt, war es aber offensichtlich so. Bewerten Sie den Beitrag von Herrn Schormann doch nach dem, was es sein soll. Es ist ein journalistischer Beitrag für einen Schach-Blog. Und als solcher ist er für mich äußerst gelungen. Nach Horts Beiträgen das Beste, was ich hier auf chessbase.de lesen konnte. Sie können nicht Qualitätskriterien für Weltliteratur als Nachweis einer schlechten Qualität des Beitrags von Herrn Schormann nutzen. "Buddenbrooks:Verfall einer Familie" ist ein Roman von Weltbedeutung, als Comic aber ein Totalausfall ;-)
Christop Baumann Christop Baumann 01.12.2018 10:38
@Blitz2010: Ein interessanter Beitrag, der da ansetzt, wo man ansetzen muss - bei der Wortwahl. Es ist letztlich alles eine Frage der Sprache.
Blitz2010 Blitz2010 01.12.2018 09:41
@gerreg, @Christop Baumann: Auch Ihre Diskussion finde ich gut, weil sie zeigt, dass User-Debatten im Internet zu Präzisierungen und weiterführenden Problematisierungen führen können. Was mir deutlich wird:
1. Die Metapher "niveauvoll" (in dem Satz "der erste Text war für mich niveauvoll") ist problematisch, denn sie ist mit der Vorstellung verknüpft, es gäbe senkrecht geordnete Ebenen, so dass logischerweise einige zu anderen aufschauen müssten oder herabschauen könnten. So einfach lassen sich aber Positionen in solchen Diskussionen wohl nicht auf einer senkrechten Achse gruppieren.
2. "sinnentnehmendes Lesen" ist ebenfalls eine fragwürdige Metapher. Ein Text ist wohl kein Gefäß, kein Behälter, dem Sinn dann "entnommen" werden könnte. Die Vielfalt der möglichen, nebeneinander existierenden, verschiedenen Lesarten wird mit dieser Metapher nicht zureichend abgebildet.
3. "...ist im Internetzeitalter eine echte Herausforderung": Diese Sicht scheint mir zu einseitig zu sein. Es ist doch beachtlich, wie sich Leserinnen und Leser um richtiges Textverständnis just hier, im Internet, bemühen, sich über ihre Lesarten austauschen - genau das sieht man doch meines Erachtens an unseren Diskussionen. Alle Beteiligten daran sind doch das beste Beispiel dafür, wie die Bemühungen um kritisches Textverständnis nicht aufgehört haben.
Christop Baumann Christop Baumann 01.12.2018 09:08
@gerreg: Na ja, Sie schreiben in ihrem von mir gründlich und wiederholt gelesenen Beitrag, dass im Internetzeitalter sinnentnehmendes Lesen "eine echte Herausforderung" geworden ist. Ich verstehe: eine Herausforderung, der ich infolge Internet-Konsums nicht gewachsen bin. Wer nicht sinnentnehmend lesen kann, ist ja wohl zumindest ungebildet. (Komplexe Texte lesen zu können ist doch ein Indiz für 'Bildung', oder?). Sie merken, lesen ist mehr als Sinnentnahme; man muss Hypothesen generieren, Schlussfolgerungen ziehen, neu ansetzen und revidieren usf. Insofern ist Ihre Kritik an mir sicher auch für mich etwas, das mich weiterbringt. Es wäre ja interessant, wenn wir tatsächlich gemeinsam den Text durchgingen und a m Text diskutieren würden, evtl. mit dem Verfasser, den ich vorerst nicht als 'Autor' bezeichnen möchte.
Christop Baumann Christop Baumann 01.12.2018 08:57
P.S.: Da das erste Wort ihres dritten Satzes einen Konjunktionalsatz einleitet, wird es so geschrieben: 'dass'. Typisches Phänomen in Internet-Phoren. 'Das' und 'Dass' können nicht mehr unterschieden werden.
gerreg gerreg 01.12.2018 08:56
@Christop Baumann: Wenn Sie meinen Beitrag aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich nirgendwo behaupte, sie seien ein ungebildeter Internetmensch.
Christop Baumann Christop Baumann 01.12.2018 08:33
Als rhetorische Figur sperrt sich die Ironie gegen ein nur sinnentnehmendes Lesen. In die Ecke des ungebildeten Internetmenschen lasse ich mich von Ihnen - 'gerreg' - nicht stellen. Ich habe mich mit den Ironien E. T. A. Hoffmanns ebenso beschäftigt wie mit denen von Thomas Mann und - faszinierender Fall - von Franz Kafka. Und mit so vielen anderen; auch in philosophischen Texten. (Nirgendwo bin ich übrigens dümmlich geduzt worden, wie in dem vorliegenden Text - d a s ist eine Unart des Internet-Zeitalters.) Man könnte die Schormannsche Ironie, wenn es denn eine ist, zur Not noch als pädagogische durchgehen lassen (die einfachste Form der Ironie; "das hast Du ja prima gemacht; Note: 5"). Wenn das für sie niveauvoll ist, nun gut. Von einer literarischen (Th. Mann) oder gar philosophsichen Ironie (Fr. Schlegel, Text über die 'Unverständlichkeit') ist das Lichtjahre entfernt. So, nun will ich mich wieder beruhigen. Sie haben ein Recht auf ihre und ich eins auf meine Perspektive.
gerreg gerreg 01.12.2018 07:26
Der erste Text war für mich niveauvoll, sehr gut geschrieben und in keiner Weise "stilistisch verquer". Viele haben diesen auch richtig verstanden. Der Autor hat für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben. Das einige Leser nicht (mehr) in der Lage sind, den Text zu verstehen, ist doch nicht das Problem des Autors. Sinnentnehmendes Lesen ist im Internetzeitalter eine echte Herausforderung geworden, leider! Das ist ein weitverbreitetes Phänomen.
Christop Baumann Christop Baumann 01.12.2018 06:41
Das Problem ist doch, dass der erste Text stilistisch und inhaltlich so verquer ist, dass die Ironie nirgends Halt findet. Vielmehr darf sich ein Leser darauf berufen, dass die ironiefreie Lesart des Tal-Bashings zur Hauptthese -wenn es denn so etwas gibt -, dass nämlich der Wettkkampf Carlsen-Caruana höherwertig, wenn auch nicht spektakulär ist, schlicht und ergreifend passt. In einem stilistisch misslungenen Text muss auch die Ironie misslingen.- "Nachgefragt" wurde hier übrigens nicht. Es wurden neue Fragen gestellt und die Stimmen der Kritiker wurden nicht thematisiert.
Blitz2010 Blitz2010 01.12.2018 05:25
Danke für das schöne Interview - und danke für viele schöne Partie-Kommentare!!

@Krennwurzn: Aber wie ein geschundener Hund müssen Sie doch nicht leiden. Mir jedenfalls für meinen Teil passiert es manchmal, dass ich Ironie-Signale zu sparsam verwende, da ging bei mir schon mal etwas schief. So etwas liegt doch in der Natur der (Ironie-)Sache. - Merci noch einmal!
Krennwurzn Krennwurzn 01.12.2018 02:32
Die Krennwurzn leidet wie ein geschundener Hund, wenn man Ironie oder auch Sarkasmus erklären muss!!
Gardendwarf Gardendwarf 01.12.2018 10:48
Ich möchte hiermit Abbitte leisten für meinen Kommentar zum Originalartikel, der solche Kontroversen ausgelöst hat. Ich denke, nach Lektüre des vorliegenden Interviews, die dem Artikel von Herrn Schormann innewohnende Ironie seinerzeit übersehen bzw. nicht bemerkt zu haben. Dadurch wird meine diesbezügliche Einlassung gegenstandslos. Alles gut.
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