Nimzowitsch: Mein System, Band Eins, Zwei und... Drei!

23.03.2012 – Wer die bedeutendsten Autoren von Schachlehrbüchern aufzählen möchte, kommt an Aaron Nimzowitsch nicht vorbei. Ursprünglich einmal ein "intuitiver" Angriffsspieler, wandelte sich der in Riga geborene Sohn deutsch-jüdischer Eltern zu einem der bedeutendsten Theoretiker. Sein "Vorbild" war Tarrasch, den er er verachtete ("Mittelmaß") und zu überflügeln suchte. So formulierte er in seinem Werk "Mein System", das bis heute nichts von seiner Frische verloren hat, die modernen Grundlagen des Positionsspiels. Im Folgeband: "Die Praxis meines Systems", zeigte er mit kommentierten Partien, wie die "Theorie" im Spiel angewendet wird. Beide Bücher wurden gerade bei Schach Niggemann neu verlegt, die "Praxis" im Rahmen einer erweiterten Werksammlung. Aber es gibt sogar eine Art "Mein System, Band Drei". Rudolf Reinhardt, großer Nimzowitsch-Anhänger hat sich die Mühe gemacht, sämtliche Partien und Schriften ab 1928 zu sammeln, aus dem Russischen und Dänischen ins Deutsche zu übertragen und zusammen herauszugeben. Kurz vor Abschluss der Arbeit verstarb der Autor - seine Familie hat zusammen mit Arno Nickel das Buch kürzlich posthum verlegt. Bücher kaufen, z.B. bei Schach Niggemann... Dreimal Nimzowitsch...

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2019 mit 7,4 Mio. Partien und über 70.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

 

 

Dreimal Nimzowitsch
Von André Schulz

Aaron Nimzowitsch wurde als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern am 7. November 1886 in Riga geboren. Lettland und Riga gehörte nach dem "Großen Nordischen Krieg" ab 1721 im Gouvernements Livland politisch zu Russland, war aber in seiner Kultur durch seine deutsch-baltische Oberschicht geprägt. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast 50% der Einwohner Rigas deutschsprachig und erst 1891 wurde das Deutsche wurde Russisch als offizielle Amtssprache ersetzt. Etwa 10% der Einwohner waren jüdisch.

Die Familie schrieb ihren Namen in Lettland als Nêmçoviç. Später wurde dies in Niemzowitsch geändert, dann in Nimzowitsch. Die ursprüngliche Bedeutung des Namens "nyem-tso-vitch", russisch für Sohn eines Deutschen, war dadurch kaum noch erkennbar.

Von seinem Vater, einem Kaufmann erlernte Aaron Nimzwitsch das Schachspiel und erregte schon als Kind mit seinem Schachkönnen Aufmerksamkeit. Eine Rigaer Tageszeitung druckte 1895 (oder 1896) eine Partie des neunjährigen Nimzowitschs ab. 1904 ging Nimzowitsch nach Berlin, um Philosophie zu studieren. Doch in Berlin war der Student viel häufiger in den Schachcafés, besonders im Café Kaiserhof, als im Hörsaal zu finden. Das Deutsche Wochenschach publizierte noch im gleichen Jahr eine Partie des lettischen Schachkünstlers und lobte seine taktischen Fähigkeiten.



Seine Zeitgenossen beschreiben Nimzowitsch als eigensinnigen Charakter. So war es kein Wunder, dass er in Deutschland bald mit dem ebenso dogmatischen Siegbert Tarrasch zusammen stieß. Ausgangspunkt war eine freie Partie in Nürnberg im Jahre 1904. Zu diesem Zeitpunkt stand Tarrasch als anerkannter Meister in der Blüte seiner Schaffenskraft, während Nimzowitsch ein "Emporkömmling" war, der zudem, wie er selbst in "Die Praxis meines Systems" einräumte, große Defizite im Positionsspiel aufwies und auch die Partie gegen Tarrasch etwas bizarr anlegte, später aber auf taktischem Wege rettete. Was dann passierte, beschreibt Nimzowitsch so: " Nach dem 10. Zug kreuzte Tarrasch die Arme vor der Brust und sagte plötzlich folgenden Satz: "Noch nie in meinem Leben stand ich nach dem 10. Zuge so gewaltig auf Gewinn wie in diesem Fall." Die Partie endete übrigens remis. Aber ich habe Tarrasch alle die mir vor den Zuschauern zugefügten Beleidigungen lange nicht verzeihen können. [...]" und kommt dann auch zu einem kategorischen Urteil über der "Lehrmeister der Deutschen":

Für mich war Tarrasch immer Mittelmaß; er spielte wirklich sehr stark, aber alle seine Ansichten, Sympathien und Antipathien, und seine größte Unfähigkeit, nämlich keine neuen Ideen zu schaffen, - all dies bewies klar die Mittelmäßigkeit seiner Geisteshaltung.“

Dabei geht es um diese Partie, von Rudolf Spielmann geistreich, (aber im Spiegel heutiger Computeranalysen manchmal auch fehlerhaft) kommentiert:

Tarrasch,Siegbert - Nimzowitsch,Aaron [D07]
Nürnberg 1904

[Spielmann,R]

[Vor kurzer Zeit im Nürnberger Schachklub gespielt.]

1.d4 d5 2.c4 Sc6 [Eine ehemals bei den russischen Meistern sehr beliebte Verteidigung des abgelehnten Damengambits, die heute als veraltet fast gänzlich aus der Praxis verschwunden ist, um modernen Fortsetzungen Platz zu machen, wie z. B. 2...e5, dem sogenannten Gegengambit Albins, oder 2...e6 3.Sc3 c5 , was bekanntlich Dr. Tarrasch als einzig ausreichende Verteidigung empfiehlt. Die Textfortsetzung führt gewöhnlich, wie schon Steinitz richtig bemerkte, zu einer Schwächung des schwarzen Damenflügels.]

3.Sf3 Lg4 4.e3 e6 5.Sc3 Lxf3 6.Dxf3 [In Betracht käme auch 6.gxf3 , um später mit e3–e4 im Zentrum vorzugehen; der Zug würde auch ermöglichen, die weiße Dame nach b3 zu spielen, was in dieser Eröffnung häufig von großer Wichtigkeit ist.]

6...Sce7 7.Ld3 c6 8.0–0 f5 9.Ld2 Sf6 10.cxd5 cxd5 11.Tac1 g5 [Die russische Schule, die nur im japanischen Kriege vermißt wird.]

12.Dg3 Kf7 13.f3 Sc6 [Es drohte 14.e4. Die Eröffnung wird von Schwarz sehr bizarr behandelt. Er opfert nun bei ziemlich unentwickelter Stellung einen Bauern, weiß aber durch Verstärkung des Druckes auf d4 bei der etwas exponierten Stellung der weißen Dame seine Figuren schnell auf so günstige Angriffsfelder zu entwickeln, daß das Opfer reichlich aufgewogen erscheint. Weiß hätte vielleicht besser getan, sich auf das Opfer gar nicht einzulassen.]

14.Dxg5 Le7 15.Se2 Db6 16.Lc3 Tag8 17.Dh4 Tg6 [Droht 18...Sg4.]

18.Dh3 Lf8 19.Sf4 Th6 20.Dg3 Ld6 21.Df2 [21.Dg5 wäre zwecklos, weil der Läufer wieder nach f8 zurückgeht. (Besser als 21... 21...Tg6 mit der Absicht, durch 22.Sxg6 hxg6 23.f4 Sg4 die Dame zu gewinnen; denn Weiß spielt einfach 22.Dh4 mit gutem Spiel.]

21...Tg8 22.g3 Lxf4 23.exf4 Sh5! 24.De3 e5! [Die Art und Weise, wie der erst 18jährige Führer der schwarzen Steine dem Großmeister zu schaffen gibt, verdient Beachtung. Das zweite Bauernopfer scheint ganz richtig zu sein.]

25.fxe5 f4 26.Dd2 Sxd4 27.Kg2! [Die Partie wird nun höchst kombinationsreich. Der selige Morphy würde seine Freude daran haben. 27.Lg6+? Dxg6 (27...Thxg6? 28.Lxd4 Sxg3 29.hxg3 Txg3+ 30.Kf2 Tg2+ 31.Ke1 Txd2 32.Lxb6 Tgg2 33.Tf2! und Weiß gewinnt, denn 33... 33...axb6 scheitert an 34.Tc7+ .) 28.Dxd4 fxg3 29.Dxd5+ Ke8 30.Db5+ würde wegen 30... 30...Dc6! zu vorzüglichem Spiel für Schwarz führen.]

27...Sxg3? [Schwarz plant wohl jetzt schon das nachfolgende Turmopfer, das leider seinen berühmten Haken hat. Einfacher und besser war 27...fxg3! . Nach 28.h3 konnte sich dann folgende elegante Wendung ergeben: 28... 28...De6! (droht Damenopfer auf h3) 29.Th1 Dxe5 30.Dxh6 Sf4+ 31.Kf1 g2+ nebst Mat in zwei Zügen. Auch auf 28.h4 hat Schwarz ein aussichtsreiches Angriffsspiel.]

28.Dxf4+ Sgf5+ 29.Kh1 Txh2+? 30.Kxh2 [30.Dxh2 würde ewiges Schach durch 30... 30...Sg3+ 31.Kg2 Se4+ 32.Kh1 Sg3+ usw. zur Folge haben. Dr. Tarrasch will aber gewinnen.]

30...Dg6 31.Dg4? [31.e6+! mußte geschehen mit der Fortsetzung 31... 31...Kxe6 32.Lxf5+ Sxf5 33.Tfe1+! (dies Turmschach scheint Dr. Tarrasch übersehen zu haben) nebst Mat in wenigen Zügen.]

31...Dh6+ 32.Dh3 Df4+ 33.Kh1 Sg3+ 34.Kh2 Sgf5+ 35.Kh1 Sg3+ 36.Kg2 Sxf1+ 37.Kxf1 Dxc1+ 38.Le1 Tg1+! 39.Kxg1 Dxe1+ 40.Lf1 Dxe5 [Auch 40...Se2+ 41.Kh2 (41.Kh1? Dxf1+ usw.) 41...Df2+ 42.Dg2 Dh4+ erzwingt Remis.]

41.Dxh7+ Dg7+ 42.Dxg7+ Kxg7 43.Kf2 [Damit beginnt der zweite Teil der Partie. Nach dem wilden Mittelspiel folgt ein beiderseits fein durchgeführtes Endspiel. Allerdings ist Weiß durch den Besitz des entfernteren Freibauern etwas in Vorteil; dieser Vorteil ist aber nur durch den Abtausch des Läufers gegen den Springer zur entscheidenden Geltung zu bringen, was aber Schwarz verhindern kann.]

[43...]

43...Kf6 44.Ke3 Se6 45.f4 Sd8 46.Lg2 Ke6 47.Kd4 Sc6+ 48.Kc5 Se7 49.Lh3+ Kf6 50.Ld7 Sg6 51.f5 Se5 52.Lb5 Kxf5 53.Kxd5 Sf7 54.Ld7+ Kf6 55.Lc8 Se5! 56.b4 [Oder 56.Lxb7 Sd3 57.b3 Sb4+ usw.]

56...Sd3 57.a3 b6 58.La6 Se1 59.a4 Sc2 60.b5 Ke7 61.Kc6 [Weiß gewinnt zwar jetzt den a-Bauern, gerät aber gleichzeitig in eine drastische Pattstellung.]

[61...]

61...Kd8 62.Kb7 Sd4 63.Kxa7 Kc7 64.Lb7 Sb3 65.Lf3 Sc5 66.a5 bxa5 67.b6+ Kd6 68.Ld1 Kc6 69.La4+ Kd6 70.Le8 Kd5 71.Ka8 a4!

½–½


Dieser Vorfall und die daraus resultierende Feindschaft mit Tarrasch, von beiden Spielern über Jahre mit vielen abfälligen Bemerkungen in verschiedenen Publikationen gepflegt, war für Nimzowitsch Ansporn, seinen "Erbfeind" als Theoretiker zu überflügeln. Betrachtet man etwas augenzwinkernd die eröffnungstheoretische Hinterlassenschaft der beiden Kombattanten, dann ist Nimzowitsch wahrscheinlich Punktsieger. Er gab ganzen Eröffnungen (u.a. Nimzowitsch-Verteidigung 1.e4 Sc6) und einer Reihe von Varianten in verschiedenen Eröffnungen seinen Namen. Natürlich wird aber alles von seiner Nimzo-Indischen Verteidigung überstrahlt. Tarrasch kann da nur auf seine vielleicht nicht ganz vollwertige Variante im Damengambit ("Wegen des strukturellen Nachteils des Isolanis so gut wie widerlegt!" Nimzowitsch) und seine Variante gegen die Französische Verteidigung pochen (Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 verhindert 3.Sd2 immerhin die Nimzowitsch-Winwer-Variante 3...Lb4, die nach 3.Sc3 möglich ist.)

Als Spieler legte Nimzowitsch immer wieder lange Turnierpausen ein. Obwohl er nur maßvoll aß und trank, wie berichtet wird, und Nichtraucher war, brauchte er offenbar lange Erholungspausen nach jedem Turnier.

Manche Anekdote ist überliefert: 1917 geriet Nimzowitsch im Baltikum zwischen die Fronten der "Rechten" und "Linken" und drohte zwangsweise rekrutiert zu werden. Er beschwerte sich dann aber so lange über eine angebliche Fliege, die seinen Kopf umschwirrte, dass man den vermeintlichen "Irren" in Ruhe ließ und er nach Berlin entkommen konnte (Kmoch).

Hans Kmoch: Grandmaster I have known...

Kmoch, der Nimzowitsch sehr gut kannte, berichtet auch von einer ganz besonderen Schrulle des Letten. Dieser fühlte sich nämlich beim Essen stets benachteiligt und glaubte, immer die kleinste Portion zu erhalten. Kmoch schlug deshalb bei einer Gelegenheit vor, dass jeder sein Essen bestelle und dass man nach dem Erhalt die Teller tausche. Das wurde so durchgeführt, aber auch dann hätte der Meister unzufrieden in sein Essen geschaut, schrieb Kmoch später.

Nach einigen Jahren in Berlin war Nimzowitsch 1920 nach Dänemark ausgewandert. Im Zuge seiner Aufgaben als Schachjournalist reiste Nimzowitsch aber 1934 nach Deutschland um vom Weltmeisterschaftskampf zwischen Aljechin und Bogoljubow zu berichten, der dort an mehreren Orten ausgetragen wurde. Kmoch schreibt in seinem Manuskript "Großmeister, die ich kannte", dass Nimzowitsch sich aufgrund seines Geburtsortes durch das lettische Konsulat, aufgrund seines Wohnortes durch das dänische Konsulat und aufgrund seines Auftraggebers, einer niederländischen Zeitung, durch das niederländische Konsulat geschützt sah und deshalb als Jude die Reise nach Nazideutschland wagte. Laut Kmoch prahlte er damit sogar gegenüber Reichsminister Hans Frank, damals zuständig für Kunst und Kultur, später der gefürchtete Generalgouverneur des besetzten Polen - und im Übrigen ein großer Schachliebhaber. Frank besuchte einige Partien des Wettkampfs, unterhielt sich mit den Spielern und Zuschauern, auch mit den Juden Mieses und Nimzowitsch, und lud alle in seine Villa zum Abendessen ein.

Nimzowitsch folgte der Einladung (Mieses nicht) und beschwerte sich dort beim Abendessen aber über sein schmutziges Besteck und Geschirr. Frank, der genau gegenüber saß, überhörte die Beschwerde allerdings geflissentlich. Bei andere Gelegenheit warf Nimzowitsch einen hohen Nazi-Offizier brüsk aus dem Presseraum, weil dieser keine Akkreditierung besaß. Allen Anwesenden stockte bei diesem Vorfall der Atem. Doch er hatte für Nimzowitsch keinerlei Konsequenzen. Der Offizier ging einfach weg. 1935 starb Nimzowitsch in Kopenhagen an Krebs (nach anderer Darstellung an Lungenentzündung).


Nimzowitschs Grab auf dem Bispebjerg Friedhof, Kopenhagen


Auch einige Sprüche sind dieses originellen Geistes sind überliefert. So verlor er einmal einmal in Berlin eine Partie gegen Fritz Sämisch, womit er auch den Turniersieg verpasste. Nimzowitsch sprang auf und rief "Gegen diesen Idioten muss ich verlieren!"

Aaron Nimzowitsch hinterließ das grundlegende Lehrbuch, "Mein System" und einen Folgeband "Die Praxis meines Systems", mit einigen für die damalig Zeit sensationellen Neubewertungen bestimmter schachlicher Lehrmeinungen. "Mein System" erschien erstmals 1925/26 in fünf Bänden im Schachverlag von Bernhard Kagan. Die deutsche Auflage war relativ schnell vergriffen und das Werk viele Jahre lang nur über eine englische Ausgabe (1930 bei Harcourt, Brace and Company erschienen: "My System" übersetzt von von Philip Hereford) zugänglich. Kurt Rattmann brachte 1958 und noch einmal 1962 deutschsprachige Neuauflagen heraus. Eine weitere erschien 2005, ebenfalls bei Rattmann. Der Folgeband zu "Mein System" "Die Praxis meines Systems" erschien erstmals 1929. Für die von Rattmann 2006 veröffentlichten Neuauflage wurde auch der 1929 im Russischen erschienene Aufsatz "Wie ich Großmeister wurde" übersetzt und als Anhang aufgenommen.

Schach Niggemann brachte vor zwei Jahren "Mein System" noch einmal in einer Neuauflage heraus. Kürzlich erschien vom gleichen Verlag zudem noch "Die Praxis meines Systems" als Nachdruck zu der 2006 erschienenen erweiterten Neuauflage mit einigen zusätzliche Aufsätzen von Nimzowitsch. Vor zwei Jahren veröffentlichte Arno Nickel in seiner Edition Marco Rudolf Reinhardts Sammlung "Aaron Nimzowitsch 1928-1935" mit Texten und Partien des Großmeisters aus den entsprechenden Jahren. Diese drei Bücher liegen in gebundener Form  - mit jeweils etwa 400 Seiten  Umfang - vor und sprechen in ihrer hochwertigen Aufmachung auch den bibliophilen Schachfreund und Sammler an. Dem Schachschüler bieten sie zeitlose und tiefe Einsichten in das Schachspiel.



Nimzowitsch: Mein System



Mein System wurde von Nimzowitsch als umfassendes Schachlehrbuch konzipiert. Es gliedert sich in zwei Teile: I. Die Elemente und II. Das Positionsspiel.

Zu den Elementen des Schachspiel rechnet Nimzowitsch:
Zentrum und Entwicklung
Die offene Turmlinie
Die 7. und 8. Reihe
Der Freibauer
Der Abtausch
Die Element der Endspiel-Strategie
Der gefesselte Stein
Das Abzugsschach
Die Bauernkette

Im Teil Positionsspiel behandelt der Autor

Prophylaxe und Zentrum
Doppelbauer und Hemmung
Der isolierte Damenbauer und seine Nachkommenschaft
Überdeckung und schwache Bauern
Das Lavieren

Schließlich enthält das Buch noch einen Nachtrag: Zur Geschichte der Schachrevolution 1911 bis 1914

Nimzowitschs Lehrbuch ist der Versuch, die Grundlagen des Schachs in (z.T. neuen) Regeln zu erfassen. Es ist ein durchaus philosophischer Zugang zum Schachspiel, der viele Generationen von Schachspielern nachhaltig geprägt hat - das Spielen nach Grundsätzen. Nimzowitsch sieht sich als Weiterentwickler und Modernisierer der Lehren von Steinitz und Tarrasch, wobei er den deutsche Großmeister und geliebten Feind schon im Klappentext als Anhänger der Bequemlichkeit verhöhnt. Tarrasch hatte, modern und pragmatisch, z.B. davor gewarnt hat, in der Eröffnung Bauern zu rauben - denn dies führe zu unbequemen Spiel. Im gleichen Text macht Nimzowitsch sich auch über die Arbeiten Alapins lustig, der es gewagt hatte, Nimzowitschs Grund- und Lehrsätze anzuzweifeln -  und das auch noch durch - Varianten - wie Nimzowitsch spöttisch bemerkt.

Nachdem Schachspieler viele Jahrzehnte nach den Grundsätzen von Nimzowitsch Schach zu verstehen versucht haben, hat der Kollege Computer uns in jüngerer Zeit mehr und mehr zu verstehen gegeben, dass Schach tatsächlich ein sehr konkretes Spiel ist und aus - Varianten (!) besteht. Da wir Menschen aber keine Computer sind, und Schach auch mehrheitlich nicht nach mathematischen Methoden spielen, hat Nimzowitschs Lehre auch nach nun bald schon 100  Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren. Hier lernt man eben z.B., was Bauernketten sind, wie sie funktionieren und wie man sie attackiert, wie man mit Isolanis umgeht, seine eigenen Kräfte mobilisert und die gegnerischen blockiert und dass mit der Verteidigung ebenso erfolgreich sein kann, wie beim Angriff. Ohne diese Grundlagenkenntnisse würde man als Mensch niemals die richtigen Varianten entdecken, die ein Computer sich nur errechnet - aber nicht versteht.


Nimzowitsch: Praxis mit System: Gesammelte Schriften von A. Nimzowitsch
Erweiterte Neuauflage, 2012, zu Nimzowitsch: Die Praxis meines System



In "Die Praxis meines Systems" (Untertitel: Ein Lehrbuch des praktischen Schachs) kommentiert Nimzowitsch 109 eigene Partien bis zum Jahr 1928 und erläutert diese im Hinblick auf die theoretischen Grundlagen aus "Mein System". Die Partien sind nicht chronologisch sortiert, sondern die Folge im Buch orientiert sich nach den in den Partien verwirklichten strategischen Ideen, wie z.B. Zentralisierung, Hemmung und Blockade, der isolierte Damenbauer, etc. In der 2006 erschienenen Neuauflage wurde als Anhang der Band "Wie ich Großmeister wurde" hinzugefügt, eine schachliche Autobiografie, in der Nimzowitsch zum Teil sehr ausführlich von seinen Anfängen berichtet, vielen Vorgabepartien als Jugendlicher in Riga, seiner Feindschaft mit Tarrasch und seinen schachlichen Erfolgen bis hin zum Großmeistertitel. Eine besondere Lehre war die "Katastrophe" von Barmen": 1906 schnitt Nimzowitsch bei einem Turnier dort so schlecht ab, dass er sich Gedanken um sein schachliches Fortkommen machte und nun anfing, ernsthaft an seinem Schach zu arbeiten.

In die Neuauflage von 2012, für die wie schon bei der Neuauflage 2006 Matthias Vettel als Herausgeber verantwortlich zeichnete, wurden neben dem Band "Wie ich Großmeister wurde", weitere Aufsätze hinzugefügt:

Das neue System  (Wiener Schachzeitung Nr.19/22, Oktober-November 1913)
Die Blockade - Neue Gesichtspunkte (Schachverlag Bernhard Kagan, Berlin 1925)
Es lebe der Optimismus und ... Morgengymnastik (Erschien erstmals in 5 Folgen in  "Das deutsche Schach")
Was ist schön? (Kagans Neueste Schachnachrichten, 1926)

Der Zufügung weiterer Schriften zu Nimzowitschs zweitem Hauptwerk wurde durch eine Veränderung des Titels Rechnung getragen und die Sammlung nun "Praxis mit System: Gesammelte Schriften von A. Nimzowitsch" genannt.


Reinhardt: Aaron Nimzowitsch 1928 bis 1935
oder vielleicht: "Mein System Band Drei"

Das dritte Buch dieser aktuellen Publikationsreihe mit Nimzowitsch-Werken ist ein Band mit Werken der Jahre 1928 bis 1935, von Rudolf Reinhardt gesammelt und posthum bei Edition Marco erschienen.

Der aus Ostwestfalen stammende Reinhardt wurde schachlich in Bielefeld groß und spielte später in Berlin bei Lasker-Steglitz. Er war außerdem viele Jahre aktiver Fernschachspieler und nicht zuletzt Sammler von Schachbüchern. Sein besonderes Interesse galt dabei den Werken von Nimzowitsch und er hatte sich vorgenommen, die vielen verstreut publizierten Partien Nimzowitsch zu sammeln, zu erfassen und mit den Originalkommentaren in Buchform herauszugeben. Nach seinem Ruhestand im Jahr 2000 begann Reinhard sich dieser Aufgabe zu widmen. Im September 2006 traf den Autor ein Schlaganfall, an dessen Folgen er verstarb. Kurz zuvor hatte er es noch geschafft, ein Vorwort zu schreiben. Seine Familie gab das Buch schließlich posthum zusammen mit dem Verleger Arno Nickel heraus.

Vor zwei Jahren erschien das etwa 400 Seiten starke Werk, nach Nimzowitschs "Mein System" und "Die Praxis meines Systems" eine Art "Mein System Band Drei" (Michael Negele). Es umfasst die schachliche Karriere des dänischen Großmeisters, soweit sie von Nimzowitsch selber in Berichten, Partien und Kommentaren niedergelegt wurde vom Turnier in Bad Kissingen, August 1928 (1. Bogoljubow, Nimzowitsch wird 5.) bis zum Tod von Nimzowitsch im Jahr 1935.


Euwe, Yates, Tartakower, Spielmann, Réti, Mieses, Bogoljubow, Nimzowitsch, Capablanca, Tarrasch, Marshall ((Rubinstein fehlt)
 

Die letzten verzeichneten Partien stammen aus dem Jahr 1934, als er während der oben erwähnten Reise nach Deutschland anlässlich des WM-Kampfes Aljechin-Bogoljubow in Berlin einen privaten Wettkampf gegen den Berliner Meister Ernst Schweinburg spielte. Neben vielen unbekannten Partien des Meisters enthält das Buch zahlreiche Bilddokumente, Tabellen und ein sorgfältig editiertes Quellenverzeichnis. Eine großartige Sammlung und nicht nur für Nimzowitsch-Fans ein Muss!


 


Aaron Nimzowitsch
Gebundene Ausgabe: 408 Seiten
Verlag: Schachversand E. Niggemann (2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3942383608
ISBN-13: 978-3942383608

Euro 28,95

Aaron Nimzowitsch
Praxis mit System: Gesammelte Schriften von A. Nimzowitsch
Gebundene Ausgabe: 495 Seiten
Verlag: Schachversand E. Niggemann (Januar 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3942383616
ISBN-13: 978-3942383615

Euro: 34,95

Rudolf Reinhardt
Aaron Nimzowitsch 1928-1935: Partien Kommentare Aufsätze
Gebundene Ausgabe: 408 Seiten
Verlag: Edition Marco; Auflage: 1 (1. November 2010)
ISBN-10: 3924833613
ISBN-13: 978-3924833619

Euro 36,00

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren