Noch eine Woche bis zur Wiedervereinigung

15.09.2006 – Samstag in acht Tagen, am 23.September 2006 ist es soweit. Das von der Schachwelt lang ersehnte Wiedervereinigungsmatch zwischen dem FIDE-Weltmeister Veselin Topalov und dem Weltmeister im klassischen Schach Vladimir Kramnik beginnt. Im Wettkampf über zwölf Partien in der kalmückischen Hauptstadt Elista wird entschieden, wer fortan der einzige Schachweltmeister ist und im nächsten Jahr in Mexiko beim WM-Turnier den Titel verteidigen darf. Veselin Topalov hat in den letzten beiden Jahren einen gewaltigen Sprung gemacht und sich an die Spitze der Weltrangliste gesetzt. Doch viele Experten sehen Kramnik als Favorit an. Auch er selbst schätzt seine Chancen als sehr gut ein, denn die bisherige Bilanz spricht für ihn. Dagobert Kohlmeyer hat mit Manager Carsten Hensel und Vladimir Kramnik über die Chancen im Wiedervereinigungsmatch und im folgenden Mensch-Maschine-Wettkampf gegen Deep Fritz gesprochen. Infos zum Match bei der FIDE... Warum Kramnik Favorit ist...Interview mit Vladimir Kramnik...

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Der Countdown für Elista läuft
Kramnik ist Optimist - er will gewinnen

Von Dagobert Kohlmeyer


Kramnik und Topalow in Dortmund, 2005

Die Schachszene schaut nach Elista, wo am kommenden Wochenende das WM-Match zwischen Wladimir Kramnik und Weselin Topalow beginnt. Die Eröffnung ist am 21. September, ab 23. September sprechen die Figuren. Mit dem Duell in der kalmückischen Steppe soll die Schachwelt nach 13 Jahren Trennung und zwei verschiedenen Champions wieder vereint werden. Von der Bedeutung her also ein Zweikampf wie 1972 Fischer – Spasski in Reykjavik? Das meinen zumindest viele Experten. Beide Spieler und ihre Teams fliegen an diesem Wochenende mit der gleichen Chartermaschine von Moskau aus nach Elista. Dagobert Kohlmeyer hat sich zuvor für uns im Kramnik-Lager umgehört.

Der Weltmeister im klassischen Schach ist schon ein Phänomen. Nach längerer Durststrecke kämpft und spielt Kramnik in diesem Jahr wie zu seinen Glanzzeiten. Bei der Schacholympiade in Turin erzielte der wieder genesene Moskauer das beste Ergebnis, im August  gewann er zum wiederholten Mal das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund. Der siebente Streich in „seinem Revier“ fiel Kramnik aber nicht in den Schoß. Erst ein energischer Endspurt mit zwei spektakulären Gewinnpartien sicherte dem russischen Figurenkünstler diesen Erfolg. In der vorletzten Runde fegte er den Georgier Baadur Jobava in nur 15 Zügen vom Brett. Es war der kürzeste Sieg in Kramniks Karriere. Am Schlusstag bezwang er auch den bis dahin führenden Ungarn Peter Leko in einer dramatischen Partie. Es war Schach vom Feinsten.

Unser Berliner Reporter ging der Frage nach:

Ist Kramnik damit für sein bevorstehendes WM-Match gegen Weselin Topalow in Elista gerüstet?
Manager Carsten Hensel aus Dortmund erklärte vor seiner Abreise nach Russland:

„Unsere Vorbereitung verlief optimal. Wladimir ist in einer stabilen körperlichen Verfassung, voller Energie und hoch motiviert. Wir sind ganz optimistisch.

Wo war das Trainingscamp?

Die Vorbereitung geschah an verschiedenen Orten in Westeuropa, vor allem in Südfrankreich und Deutschland. 

Wer gehört zu den Teams der WM-Finalisten?

Wir sind insgesamt sieben Leute, Topalows Gruppe umfasst zehn Personen.

(Auf der FIDE Website wurden inzwischen die Teams vorgestellt.) Topalow wird von seinem Manager Silvio Danailow begleitet. Als Sekundanten unterstützen ihn Ivan Cheparinow (Bulgarien), Alexander Onischuk (USA) und Francisco Vallejo Pons (Spanien). Kramnik hat  von seinem Trainerteam in Brissago nur noch Miguel Illescas behalten, hinzu kamen Sergej Rublewski und Alexander Motylow (beide Russland). Koch und Physiotherapeut des Russen sind geblieben.

Carsten, Elista liegt sehr abgelegen. Wird der Medienandrang in der Steppe denn groß sein?

Wir haben im Vorfeld an die 50 Wünsche für Exklusivinterviews bekommen, und zwar nicht nur aus Russland, sondern weltweit. Soviel Zeit hat Wladimir Kramnik natürlich vor dem Match nicht gehabt.

Wie könnte man das Problem lösen?

Ganz einfach. Die Journalisten, die den Weg nach Kalmückien nicht scheuen, werden von uns auch bedient. Wer nach Elista kommt, dem stehen wir Rede und Antwort.

Wohl wissend, wie schwierig es ist, einen WM-Finalisten unmittelbar vor dem Match ans Mikrofon zu bekommen, nutzten wir schon bei den Schachtagen in Dortmund die Gelegenheit zum Gespräch mit Kramnik.


Kramnik und Kohlmeyer beim Interview

"Ich möchte meine Chancen maximal nutzen!“
Interview mit Wladimir Kramnik

Gratulation zum siebten Streich in Dortmund, Wladimir! Wie war deine Gefühlslage nach dem spannenden Fotofinish?

Ich freue mich sehr, wieder in Dortmund gewonnen zu haben. Es ist immer angenehm, hier zu spielen. Umso mehr, wenn man die internationalen Schachtage als Sieger verlässt. Zumal mein letzter Erfolg im Revier schon fünf Jahre zurückliegt.

Lange Zeit sah es nicht nach einem Sieg für dich  aus?

Ich wollte in Dortmund gutes Schach spielen und habe nicht so sehr auf das Ergebnis gesehen. Weil ich in Gedanken schon bei meinem WM-Match gegen Topalow in Elista war. Das hat erste Priorität. Zum Schluss entwickelten sich die Ereignisse günstig für mich. Man braucht zum Erfolg auch Glück.

Ist ein Turniergewinn die beste Motivation für neue Ziele?

Sicher. Aber der erste Platz in Dortmund war diesmal nicht das Allerwichtigste für mich. Ich habe einfach gespielt und es genommen, wie es kommt. Es tut mir Leid um Peter Leko, der ein gutes Turnier gespielt hat und den ich kurz vor dem Ziel gestoppt habe. Er hätte den Sieg auch verdient gehabt.

Werden die letzten Partien gegen dich jetzt zum Trauma für den Ungarn?

Ich hoffe nicht, aber auch bei der WM 2004 in Brissago war es im letzten Spiel so oder auch in Linares. Das ist sehr bitter, weil Peter im Prinzip sehr gutes Schach gezeigt hat. Und ich wollte nicht unbedingt gewinnen, aber es gelang mir, weil ich meine späte Chance nutzte.

Bist du zufrieden mit deinem Spiel?

Das kann man nie sein. Ich muss mein Schach bis zum Match in Elista noch verbessern, um den dortigen Zweikampf erfolgreich zu bestehen. Sicher hätte ich in Dortmund aus den Weißpartien noch mehr Punkte herausholen können. Mit meinem Spiel als Schwarzer bin ich zufrieden. Ich hatte dort keine Probleme, obwohl ich experimentiert habe und verschiedene Sachen ausprobierte.

Du hast in der vorletzten Runde Baadur Jobava, einen Sekundanten Topalows, vernichtend geschlagen. Ist das ein psychologischer Vorteil.

Das hat sich so ergeben. Er kam schlecht aus der Eröffnung heraus und gestattete mir eine nette Kombination. Nach seiner langen Partie gegen Gelfand war er sichtlich angeschlagen. Möglicherweise hat mein Gesamtsieg auch eine psychologische Nebenwirkung auf Topalow.

Schilderst du uns bitte deine Situation vor dem Vereinigungsmatch? Wie fühlst du dich? Hast du alles zur Vorbereitung für Elista getan?

Das Trainingslager für das WM-Duell in Kalmückien dauert einige Wochen. Wir  bereiten uns intensiv vor. Die Namen meiner Sekundanten gebe ich erst kurz vor dem Match bekannt. Im Prinzip verläuft alles normal. Mit dem erreichten Stand bin ich zufrieden.

Viele Experten betonen die Tatsache, dass Topalow unglaublich viel Energie besitzt und sehen ihn deshalb gegen dich im Vorteil.  Welche Chance rechnest du dir selbst aus?

Topalow ist sehr stark, ganz klar. Dennoch lässt mich all dieses Gerede ziemlich kalt. Mögen sie ihn doch zum Favoriten erklären, bitte schön. Ich denke, dass ich auch meine Meriten besitze und genügend Matcherfahrung habe. Außerdem spricht mein Score von plus 4 gegen ihn für mich.

Zweimal hast du schon die Schachkrone erobert: in London gegen Garri Kasparow und in Brissago gegen Peter Leko. Ist das der Grund für deine Zuversicht?

Sicher, das kommt noch hinzu. Ich denke, ich habe auch in diesem WM-Fight, der sehr hart wird, meine Chancen und bin überzeugt von mir. Deshalb rechne ich fest mit dem Sieg und werde das Maximum tun, um dieses Ziel zu erreichen. Topalow hatte in jüngster Zeit viele Erfolge, aber ich zeige auch ansteigende Form.

Der Computer ist Favorit

Im Spätherbst folgt dann dein Duell in Bonn gegen Deep Fritz. Das wird wieder ein ganz anderer Wettbewerb. Ist so ein Zweikampf überhaupt noch gewinnbar?

Nur sehr schwer. Einige Spitzenspieler würden zu so einem Match überhaupt nicht mehr antreten. Sie befürchten, dass eine deutliche Niederlage ihr Spiel gegen menschliche Gegner negativ beeinflussen könnte. Es ist klar, dass die Rechenmonster praktisch jeden Tag stärker werden, denn sie werden ständig verbessert.

Du hast schon eigene Erfahrungen gegen das „Monster“ gesammelt und vor vier Jahren in Bahrain 4:4 gegen Deep Fritz gespielt. Wie erklärst du den kuriosen Verlauf des Matchs in Manama? Nachdem du dort bereits 3:1 geführt hast, schlug die Maschine plötzlich zurück! Was ist passiert?


Kramnik und Mathias Feist (Deep Fritz) in Bahrain

Es ist immer schwierig, gegen einen Computer zu spielen. Je mehr Partien man absolviert, umso müder wird man. Und es fällt immer schwerer, alle Varianten genau zu berechnen. Mir schien mein Springeropfer mit Weiß in der sechsten Partie logisch zu sein. Ich dachte, meinen Stellungsvorteil zu behalten, aber die Maschine bewies mir das Gegenteil. Er war schon brutal.

Wer ist in deinen Augen Favorit in Bonn?

Eindeutig der Computer. Die Maschinen werden immer intelligenter. Ich verstehe sehr gut, dass das Schachprogramm Deep Fritz bei unserem Match die Favoritenrolle hat. Es hat die größeren Aussichten, diesen Zweikampf zu gewinnen. Dennoch glaube ich, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, den Rechner in der einen oder anderen Partie zu schlagen. Vielleicht bin ich der letzte Mensch, der gegen einen Rechner bestehen kann.

Wie viel Prozent Chancen siehst du für dich?

Ich kann und möchte es nicht in Zahlen ausdrücken. Auf jeden Fall werde ich versuchen, alle Gelegenheiten, die sich bieten, zu nutzen.

Für einen so ungleichen Zweikampf braucht man ebenfalls Sekundanten. Welche werden es bei diesem Event sein?

Mein Trainerteam für den Kampf gegen Deep Fritz wird anders besetzt sein als das, mit dem ich in Elista arbeite. In Bonn brauche ich Leute nicht nur mit Schachverständnis, sondern auch mit großem Computerwissen.

Könnte der Kölner Großmeister Christopher Lutz wieder dabei sein? Er wohnt praktisch „nebenan“ und war auch schon vor vier Jahren in Bahrain mit von der Partie.

Vielleicht. Ich denke im Moment erst einmal an die 12 Partien von Elista. Die Vorbereitung auf das WM-Match hat jetzt erste Priorität. Nach dem Titelkampf wird endgültig entschieden, wie das Team für den Zweikampf Mensch gegen Maschine in Bonn genau aussehen wird.

 

 

 

 

 

 



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