Rückblick auf die Computerschach-WM

13.01.2004 – Wenn man als Schachprogrammierer an einer Computer-WM teilnehmen möchte, dann ist es von Vorteil, wenn man gut durchtrainiert ist. Diese Erfahrung machte Stefan Meyer-Kahlen, als er seinen transtec-Wettkampfrechner im Grazer Dom im Berg hinauf in den Turniersaal schaffen musste. Die 40 kg schwere Maschine konnte zuvor auch nur mit Hilfe eines weltweit operierenden Paket-Sevices vom Heimatort Düsseldorf nach Graz geschafft werden, denn als Handgepäck im Flieger ging das Gerät dann doch nicht durch. Ansonsten war Stefan Meyer-Kahlen von der perfekten Organisation und den belebenden und geistreichen Live-Kommentaren von GM Peter Wells beeindruckt. Hier sein persönlicher Rückblick auf eine in mehrfacher Hinsicht erfolgreiche Weltmeisterschaft. Mehr...

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Rückblick auf die Computer-WM
Von Stefan Meyer-Kahlen

Die Computerschachweltmeisterschaft fand dieses Jahr in Graz in Österreich statt. Das stand schon sehr lange fest, so dass die Organisatoren sich sehr gut und intensiv darauf vorbereiten konnten. Und was im Vorfeld der WM über deren Pläne zu hören war klang sehr viel versprechend. Ich muss hier feststellen, dass die dadurch geweckten, hohen Erwartungen auch mehr als erfüllt wurden. Es fing mit dem Turniersaal an. Es wurde in Graz im „Felsendom“ gespielt, hört sich eigentlich nicht sehr spektakulär an, doch muss man hier das Wort „Felsen“ wörtlich nehmen. Das Spiellokal war nämlich im Prinzip eine riesige Höhle in einem noch größeren Berg. Natürlich war es kein feuchtes, dunkles und kaltes Loch, sondern ein voll klimatisierter, mit allem technischen Schickschnack ausgestattete Raum, inklusive Handyempfang und Internetanschluss für jedem Rechner.

Der einzige Zugang zu diesem Raum war ein relativ steil ansteigender, ca. 100 Meter langer Schacht, durch den man natürlich auch alles Equipment, also insbesondere die verwendeten Turnierrechner, in den Spielsaal schleppen musste.

Wie seit 1999 bei allen großen Turnieren bekam ich für Shredder auch dieses mal wieder einen Rechner von der Firma transtec für die Weltmeisterschaft gestellt. Diesmal war es ein Dual-P4-Xeon mit 3.06 GHz, 4 GB RAM sowie einem SCSI-RAID-Festplattensystem mit insgesamt 5 Festplatten. Shredder spielte in Graz, wie mittlerweile allgemein üblich, mit allen 5-Steiner-Endspieldatenbanken. Zusätzlich hatte ich aber auch eine Auswahl von 6-Steinern dabei, die zusammen ca. 200 GB(!) Festplattenspeicher benötigten. Da war mir das große und sehr schnelle Festplattensystem natürlich gerade Recht. Da dieser Rechnertyp normalerweise als Server eingesetzt wird, wenn er nicht gerade Schach spielen muss, gab es unter anderem eine dreifach redundant ausgelegte Stromversorgung. Sprich, der Rechner hatte drei Netzteile mit drei zugehörigen Netzsteckern, von denen man im Betrieb ohne weiteres eines austauschen kann, ohne den Rechner dafür extra ausschalten zu müssen. Alles in allem ein tolles System, dem aufmerksamen Leser wird aber das Problem mit diesem Rechner in den Sinn gekommen sein: er wog nämlich zarte 40 Kilogramm!

Graz ist ca. 1000 km von meiner Heimatstadt Düsseldorf entfernt, so dass ich eine Fahrt mit dem Auto diesmal nicht wirklich in Erwägung gezogen habe, zumal es eine sehr schnelle und günstige, direkte Flugverbindung zwischen Düsseldorf und Graz gibt. Blieb also noch das Problem mit dem Rechner. Meine erste Idee, den Rechner einfach mit ins Flugzeug zu nehmen, zerschlug sich ziemlich schnell. Mein Plan war einfach davon auszugehen, dass der Flieger eh nur halb voll sein würde und es sicher noch irgendwo ein Plätzchen für den Rechner geben würde. Vorsichtige telefonische Anfragen bei der Fluggesellschaft ernteten dort nur entsetzte Ablehnung, zu meinen geplanten Argumenten, von wegen Computerschachweltmeisterschaft, Weltmeister und so weiter, kam ich gar nicht erst. Stattdessen verwiesen sie mich an die eigene Spedition. Dort war natürlich alles kein Problem, doch als ich gegen Ende des Telefonats von dem netten Hotlinemitarbeiter den Preis für die ganze Geschichte erfahren habe, wurde ich erstmal blass und mir wurde klar, dass das auch nicht die Lösung meines Problems sein konnte. Ich verbrachte den nächsten Tag am Telefon, um eine halbwegs bezahlbare Alternative zu finden, letztlich wurde ich dann bei dem Paketdienst mit den drei Buchstaben fündig. Billig war es dort auch nicht, und schließlich war der Reisepreis meines Rechners immer noch deutlich höher als mein eigenes Flugticket.

Der Vorteil von dieser Geschichte war natürlich, dass ich relativ entspannt und ohne viel zu schleppen selber nach Graz reisen konnte, der Rechner sollte mir schließlich direkt bis ins Hotel geliefert werden. Mir war zwar ein wenig mulmig, ob alles rechtzeitig ankommen würde, doch dank SMS-Tracking wusste ich vor meinem Abflug in Düsseldorf, dass der Rechner in Graz zugestellt wurde. Vorsprung durch Technik, ich kam völlig ausgeruht und ohne Stress im Hotel an. Mein Zustand sollte sich schlagartig ändern, als ich den Rechner dann zum Turniersaal schleppen musste. Der Weg zum Berg war ja noch okay, doch der schon oben beschriebene „Aufstieg“ in den Turniersaal gab mir dann den Rest. Völlig fertig kam ich am Spielort an und habe mir geschworen, das nächste mal „remote“ zu spielen, d.h. den Rechner zu Hause zu lassen und sich einfach per Internet vom Spiellokal dort einzuloggen. Als es am Vorbereitungstag allerdings Probleme mit dem Internet gab, und die Teilnehmer, die remote spielen wollten, immer bleicher und bleicher wurden, habe ich meine Meinung doch wieder revidiert und war froh, dass meine Kiste vor Ort unter meinem Tisch stand. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

Am nächsten Tag sollte es endlich losgehen und ein weiteres Highlight dieser Weltmeisterschaften trat ans Tageslicht, oder besser, ans Kunstlicht in unserer Höhle. Die Organisatoren hatten GM Peter Wells engagiert, um alle Partien live zu kommentieren. Dazu gab es an einer Seite des Turniersaals eine riesige Leinwand mit einem überdimensionalen Schachbrett. Peter Wells ging auf diesem Schachbrett virtuell von Tisch zu Tisch und gab seinen Kommentar ab. Diese Kommentare waren nicht nur für die vielen Zuschauer vor Ort und im Internet interessant (ja richtig gehört, sie wurden auch live ins Internet übertragen) sondern auch für uns Teilnehmer. Oft sitzen wir während der Partie vor dem Brett und versuchen zu verstehen, was unsere Programme vor haben und ob ihre Stellungseinschätzung realistisch ist. Wir fragen uns oft, welche Seite wirklich besser steht und wie ein vernünftiger Plan in dieser Stellung auszusehen hat. Die Spielstärke der Schachprogramme entfernt sich Jahr für Jahr weiter von der Spielstärke ihrer Erschaffer. Chancen mal zu gewinnen, haben wir schon lange nicht mehr und es wird auch immer schwerer zu verstehen, was auf dem Brett vor sich geht. Fundierte Livekommentare eines starken Spielers sind da eine unschätzbare Hilfe.

Durch diese Kommentare trat der Unterschied zwischen starken Computerprogrammen und starken menschlichen Schachspielern hervor. Die Stellungseinschätzung von Peter Wells war fast immer richtig und er konnte oft weit vor den Programmen vorhersagen, wer die Partie am Ende für sich entscheiden würde. Dies galt vor allem für ruhige Stellungen, in denen es mehr auf Strategie als auf Taktik ankam. Zu meiner Überraschung konnte er auch die taktischen Stellungen ad hoc sehr gut einschätzen. Hier sahen die Programme zwar öfters schon einen konkreten Gewinn, während er nur von einem Vorteil für eine Seite sprach, aber die Tendenz war bei ihm erstaunlicherweise jedoch fast immer richtig. So wie es für mich aussieht, sind die starken menschlichen Spieler allein durch ihr Schachgefühl in der Lage, taktisch sehr komplizierte Stellungen gut einzuschätzen, in denen Computer nur durch ihre hohe Rechenleistung all die konkreten Varianten durchrechnen können. Oft kündigte Peter Wells eine taktische Kombination mit Worten wie „hier muss es wohl früher oder später irgendwo einen taktischen Einschlag geben“, ohne konkret eine Variante parat zu haben. Mehr als einmal hatte er mit dieser Einschätzung Recht.

Für mich als Schachprogrammierer ist das natürlich hoch interessant. Wenn es möglich ist, dieses Stellungsgefühl auch einem Schachprogramm beizubringen, dann ist in Kombination mit der Rechenkraft eines Computers wohl einiges möglich. Das ist aber noch Zukunftsmusik, und bis dahin bleibt mir nur der allerhöchste Respekt vor der menschlichen Leistung.

Durch die Livekommentare wird ein großer Unterschied zwischen Schachturnieren mit Menschen und Computern deutlich. Bei Menschen ist es undenkbar, dass während der Partie, diese für die Spieler hörbar kommentiert wird und über mögliche Fortsetzungen und Pläne mit den Spielern diskutiert wird. Bei Computerturnieren ist dies aber die Regel. Im Gegensatz zu der Stille eines Menschenturniers herrscht hier ein reges Treiben. Es kommt sogar oft vor, dass die Zuschauer vor Ort während der Partie Fragen and die Spieler stellen, die dann ohne Probleme beantwortet werden können. Die Schachprogramme stört der Lärm nicht und sie können keine Tipps aufschnappen. Die Zuschauer werden somit viel mehr in das Turnier integriert und sind nicht nur einfache Zaungäste, die das Geschehen schweigend aus der Ferne beobachten müssen. Meiner Ansicht nach ist dies ein großer Vorteil von Computerschachturnieren, der sie für Zuschauer vor Ort so interessant macht.

Dieses Mal wurde auch für die Zuschauer gesorgt, die nicht persönlich nach Graz gekommen sind. Alle Partien wurden nämlich live im Internet (auf dem Fritz-Server) übertragen und auch hier wurde einiges geboten. Neben den oben schon erwähnten Livekommentaren von Peter Wells gab es auch eine Webcam, mit der man ein Livebild aus dem Turniersaal auf dem heimischen Rechner hatte. Gezeigt wurde sowohl die Übersicht auf den ganzen Spielsaal als auch die entscheidenden Phasen einiger Partien. Tägliche Berichterstattungen mit Partiekommentaren, Fotos, Interviews und Lageberichten rundeten das Bild noch ab. Für die Zuschauer in Österreich waren sogar einige Fernsehteams vor Ort. Die Computerschachweltmeisterschaft war diesmal also auch ein Medienereignis.

Zum Abschluss will ich natürlich auch noch auf das eigentliche Turniergeschehen eingehen. Im Verlauf des Turniers hat sich gezeigt, dass die ersten vier Programme, Shredder, Fritz, Junior und Brutus, den Rest relativ deutlich dominiert haben. Der Score von 30,5 aus 32 der ersten vier gegen den Rest spricht hier eine relativ deutliche Sprache. Obwohl ich hier sicher nicht ganz neutral bin, wage ich die Behauptung, dass mit Shredder und Fritz die beiden besten Programme des Turniers in den Stichkampf gekommen sind. Beide Programme zeigten im Laufe des Turniers das beste Schach und zogen ihre Bahnen gegen die „Kleinen“ am sichersten. Am Ende eines solch langen und anstrengenden Turniers noch einen Stichkampf um den Titel spielen zu müssen ist natürlich hart und eine extreme nervliche Belastung. Wir als Programmierer haben zwar keinen Einfluss mehr auf die Partie, sobald sie gestartet worden ist, trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb fiebern wir natürlich mit unseren Programmen mit und sind am Ende völlig geschafft, obwohl wir eigentlich selber während der Partie nichts geleistet haben. In einem Stichkampf um die Weltmeisterschaft ist das alles noch viel extremer. Ich weiß wovon ich rede, schließlich habe ich in den letzten fünf Jahren dreimal so einen Stichkampf gespielt und kenne sowohl die Seite des Gewinners als auch die des Verlierers. Nun, diesmal hat Shredder gewonnen und wurde dadurch erneut Computerschachweltmeister. Zur Krönung gewann Shredder auch die parallel zum Stichkampf ausgetragene Blitzweltmeisterschaft. Ja, auch das ist im Computerschach möglich: Ein Teilnehmer spielt parallel an zwei Wettkämpfen mit.

 

 

 


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