Rückblick auf die Computer-WM
Von Stefan Meyer-Kahlen

Die Computerschachweltmeisterschaft fand dieses Jahr in
Graz in Österreich statt. Das stand schon sehr lange fest, so dass die
Organisatoren sich sehr gut und intensiv darauf vorbereiten konnten. Und was im
Vorfeld der WM über deren Pläne zu hören war klang sehr viel versprechend. Ich
muss hier feststellen, dass die dadurch geweckten, hohen Erwartungen auch mehr
als erfüllt wurden. Es fing mit dem Turniersaal an. Es wurde in Graz im
„Felsendom“ gespielt, hört sich eigentlich nicht sehr spektakulär an, doch muss
man hier das Wort „Felsen“ wörtlich nehmen. Das Spiellokal war nämlich im
Prinzip eine riesige Höhle in einem noch größeren Berg. Natürlich war es kein
feuchtes, dunkles und kaltes Loch, sondern ein voll klimatisierter, mit allem
technischen Schickschnack ausgestattete Raum, inklusive Handyempfang und
Internetanschluss für jedem Rechner.

Der einzige Zugang zu diesem Raum war ein relativ steil
ansteigender, ca. 100 Meter langer Schacht, durch den man natürlich auch alles
Equipment, also insbesondere die verwendeten Turnierrechner, in den Spielsaal
schleppen musste.

Wie seit 1999 bei allen großen Turnieren bekam ich für
Shredder auch dieses mal wieder einen Rechner von der Firma transtec für die
Weltmeisterschaft gestellt. Diesmal war es ein Dual-P4-Xeon mit 3.06 GHz, 4 GB
RAM sowie einem SCSI-RAID-Festplattensystem mit insgesamt 5 Festplatten.
Shredder spielte in Graz, wie mittlerweile allgemein üblich, mit allen
5-Steiner-Endspieldatenbanken. Zusätzlich hatte ich aber auch eine Auswahl von
6-Steinern dabei, die zusammen ca. 200 GB(!) Festplattenspeicher benötigten. Da
war mir das große und sehr schnelle Festplattensystem natürlich gerade Recht. Da
dieser Rechnertyp normalerweise als Server eingesetzt wird, wenn er nicht gerade
Schach spielen muss, gab es unter anderem eine dreifach redundant ausgelegte
Stromversorgung. Sprich, der Rechner hatte drei Netzteile mit drei zugehörigen
Netzsteckern, von denen man im Betrieb ohne weiteres eines austauschen kann,
ohne den Rechner dafür extra ausschalten zu müssen. Alles in allem ein tolles
System, dem aufmerksamen Leser wird aber das Problem mit diesem Rechner in den
Sinn gekommen sein: er wog nämlich zarte 40 Kilogramm!
Graz ist ca. 1000 km von meiner Heimatstadt Düsseldorf
entfernt, so dass ich eine Fahrt mit dem Auto diesmal nicht wirklich in Erwägung
gezogen habe, zumal es eine sehr schnelle und günstige, direkte Flugverbindung
zwischen Düsseldorf und Graz gibt. Blieb also noch das Problem mit dem Rechner.
Meine erste Idee, den Rechner einfach mit ins Flugzeug zu nehmen, zerschlug sich
ziemlich schnell. Mein Plan war einfach davon auszugehen, dass der Flieger eh
nur halb voll sein würde und es sicher noch irgendwo ein Plätzchen für den
Rechner geben würde. Vorsichtige telefonische Anfragen bei der Fluggesellschaft
ernteten dort nur entsetzte Ablehnung, zu meinen geplanten Argumenten, von wegen
Computerschachweltmeisterschaft, Weltmeister und so weiter, kam ich gar nicht
erst. Stattdessen verwiesen sie mich an die eigene Spedition. Dort war natürlich
alles kein Problem, doch als ich gegen Ende des Telefonats von dem netten
Hotlinemitarbeiter den Preis für die ganze Geschichte erfahren habe, wurde ich
erstmal blass und mir wurde klar, dass das auch nicht die Lösung meines Problems
sein konnte. Ich verbrachte den nächsten Tag am Telefon, um eine halbwegs
bezahlbare Alternative zu finden, letztlich wurde ich dann bei dem Paketdienst
mit den drei Buchstaben fündig. Billig war es dort auch nicht, und schließlich
war der Reisepreis meines Rechners immer noch deutlich höher als mein eigenes
Flugticket.
Der Vorteil von dieser Geschichte war natürlich, dass ich
relativ entspannt und ohne viel zu schleppen selber nach Graz reisen konnte, der
Rechner sollte mir schließlich direkt bis ins Hotel geliefert werden. Mir war
zwar ein wenig mulmig, ob alles rechtzeitig ankommen würde, doch dank
SMS-Tracking wusste ich vor meinem Abflug in Düsseldorf, dass der Rechner in
Graz zugestellt wurde. Vorsprung durch Technik, ich kam völlig ausgeruht und
ohne Stress im Hotel an. Mein Zustand sollte sich schlagartig ändern, als ich
den Rechner dann zum Turniersaal schleppen musste. Der Weg zum Berg war ja noch
okay, doch der schon oben beschriebene „Aufstieg“ in den Turniersaal gab mir
dann den Rest. Völlig fertig kam ich am Spielort an und habe mir geschworen, das
nächste mal „remote“ zu spielen, d.h. den Rechner zu Hause zu lassen und sich
einfach per Internet vom Spiellokal dort einzuloggen. Als es am Vorbereitungstag
allerdings Probleme mit dem Internet gab, und die Teilnehmer, die remote spielen
wollten, immer bleicher und bleicher wurden, habe ich meine Meinung doch wieder
revidiert und war froh, dass meine Kiste vor Ort unter meinem Tisch stand. Es
hat alles seine Vor- und Nachteile.

Am nächsten Tag sollte es endlich losgehen und ein weiteres
Highlight dieser Weltmeisterschaften trat ans Tageslicht, oder besser, ans
Kunstlicht in unserer Höhle. Die Organisatoren hatten GM Peter Wells engagiert,
um alle Partien live zu kommentieren. Dazu gab es an einer Seite des
Turniersaals eine riesige Leinwand mit einem überdimensionalen Schachbrett.
Peter Wells ging auf diesem Schachbrett virtuell von Tisch zu Tisch und gab
seinen Kommentar ab. Diese Kommentare waren nicht nur für die vielen Zuschauer
vor Ort und im Internet interessant (ja richtig gehört, sie wurden auch live ins
Internet übertragen) sondern auch für uns Teilnehmer. Oft sitzen wir während der
Partie vor dem Brett und versuchen zu verstehen, was unsere Programme vor haben
und ob ihre Stellungseinschätzung realistisch ist. Wir fragen uns oft, welche
Seite wirklich besser steht und wie ein vernünftiger Plan in dieser Stellung
auszusehen hat. Die Spielstärke der Schachprogramme entfernt sich Jahr für Jahr
weiter von der Spielstärke ihrer Erschaffer. Chancen mal zu gewinnen, haben wir
schon lange nicht mehr und es wird auch immer schwerer zu verstehen, was auf dem
Brett vor sich geht. Fundierte Livekommentare eines starken Spielers sind da
eine unschätzbare Hilfe.
Durch diese Kommentare trat der Unterschied
zwischen starken Computerprogrammen und starken menschlichen Schachspielern
hervor. Die Stellungseinschätzung von Peter Wells war fast immer richtig und er
konnte oft weit vor den Programmen vorhersagen, wer die Partie am Ende für sich
entscheiden würde. Dies galt vor allem für ruhige Stellungen, in denen es mehr
auf Strategie als auf Taktik ankam. Zu meiner Überraschung konnte er auch die
taktischen Stellungen ad hoc sehr gut einschätzen. Hier sahen die Programme zwar
öfters schon einen konkreten Gewinn, während er nur von einem Vorteil für eine
Seite sprach, aber die Tendenz war bei ihm erstaunlicherweise jedoch fast immer
richtig. So wie es für mich aussieht, sind die starken menschlichen Spieler
allein durch ihr Schachgefühl in der Lage, taktisch sehr komplizierte Stellungen
gut einzuschätzen, in denen Computer nur durch ihre hohe Rechenleistung all die
konkreten Varianten durchrechnen können. Oft kündigte Peter Wells eine taktische
Kombination mit Worten wie „hier muss es wohl früher oder später irgendwo einen
taktischen Einschlag geben“, ohne konkret eine Variante parat zu haben. Mehr als
einmal hatte er mit dieser Einschätzung Recht.

Für mich als Schachprogrammierer ist das
natürlich hoch interessant. Wenn es möglich ist, dieses Stellungsgefühl auch
einem Schachprogramm beizubringen, dann ist in Kombination mit der Rechenkraft
eines Computers wohl einiges möglich. Das ist aber noch Zukunftsmusik, und bis
dahin bleibt mir nur der allerhöchste Respekt vor der menschlichen Leistung.
Durch die Livekommentare wird ein großer Unterschied
zwischen Schachturnieren mit Menschen und Computern deutlich. Bei Menschen ist
es undenkbar, dass während der Partie, diese für die Spieler hörbar kommentiert
wird und über mögliche Fortsetzungen und Pläne mit den Spielern diskutiert wird.
Bei Computerturnieren ist dies aber die Regel. Im Gegensatz zu der Stille eines
Menschenturniers herrscht hier ein reges Treiben. Es kommt sogar oft vor, dass
die Zuschauer vor Ort während der Partie Fragen and die Spieler stellen, die
dann ohne Probleme beantwortet werden können. Die Schachprogramme stört der Lärm
nicht und sie können keine Tipps aufschnappen. Die Zuschauer werden somit viel
mehr in das Turnier integriert und sind nicht nur einfache Zaungäste, die das
Geschehen schweigend aus der Ferne beobachten müssen. Meiner Ansicht nach ist
dies ein großer Vorteil von Computerschachturnieren, der sie für Zuschauer vor
Ort so interessant macht.
Dieses Mal wurde auch für die Zuschauer gesorgt, die nicht
persönlich nach Graz gekommen sind. Alle Partien wurden nämlich live im Internet
(auf dem Fritz-Server) übertragen und auch hier wurde einiges geboten. Neben den oben schon erwähnten Livekommentaren von Peter Wells gab es auch eine Webcam, mit der man ein
Livebild aus dem Turniersaal auf dem heimischen Rechner hatte. Gezeigt wurde
sowohl die Übersicht auf den ganzen Spielsaal als auch die entscheidenden Phasen
einiger Partien. Tägliche Berichterstattungen mit Partiekommentaren, Fotos,
Interviews und Lageberichten rundeten das Bild noch ab. Für die Zuschauer in
Österreich waren sogar einige Fernsehteams vor Ort. Die
Computerschachweltmeisterschaft war diesmal also auch ein Medienereignis.

Zum Abschluss will ich natürlich auch noch auf das
eigentliche Turniergeschehen eingehen. Im Verlauf des Turniers hat sich gezeigt,
dass die ersten vier Programme, Shredder, Fritz, Junior und Brutus, den Rest
relativ deutlich dominiert haben. Der Score von 30,5 aus 32 der ersten vier
gegen den Rest spricht hier eine relativ deutliche Sprache. Obwohl ich hier
sicher nicht ganz neutral bin, wage ich die Behauptung, dass mit Shredder und
Fritz die beiden besten Programme des Turniers in den Stichkampf gekommen sind.
Beide Programme zeigten im Laufe des Turniers das beste Schach und zogen ihre
Bahnen gegen die „Kleinen“ am sichersten. Am Ende eines solch langen und
anstrengenden Turniers noch einen Stichkampf um den Titel spielen zu müssen ist
natürlich hart und eine extreme nervliche Belastung. Wir als Programmierer haben
zwar keinen Einfluss mehr auf die Partie, sobald sie gestartet worden ist,
trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb fiebern wir natürlich mit unseren
Programmen mit und sind am Ende völlig geschafft, obwohl wir eigentlich selber
während der Partie nichts geleistet haben. In einem Stichkampf um die
Weltmeisterschaft ist das alles noch viel extremer. Ich weiß wovon ich rede,
schließlich habe ich in den letzten fünf Jahren dreimal so einen Stichkampf
gespielt und kenne sowohl die Seite des Gewinners als auch die des Verlierers.
Nun, diesmal hat Shredder gewonnen und wurde dadurch erneut
Computerschachweltmeister. Zur Krönung gewann Shredder auch die parallel zum
Stichkampf ausgetragene Blitzweltmeisterschaft. Ja, auch das ist im
Computerschach möglich: Ein Teilnehmer spielt parallel an zwei Wettkämpfen mit.