Reise nach Ströbeck

13.04.2010 – Wahrscheinlich gibt es nicht viele Sportarten, denen sich ein ganzer Ort gewidmet hat. Schach darf sich dieses glücklichen Umstandes erfreuen, dies sogar schon seit vermutlich mehr als 1000 Jahren. Es ist das Dorf Stöbeck im Harz, das sich ganz dem Schach verschrieben hat, seitdem ein gefangener Edelmann - so die Legende - den Ströbeckern das Schachspiel beibrachte. Die lange Tradition wurde in Berichten, Stichen oder Bildern festgehalten und gepflegt. Schach war reguläres Unterrichtsfach, bis die Stöbecker Schule vor einigen Jahren geschlossen wurde. Im Schachmuseum und im Schachklub des Dorfes erinnert man sich der großen Schachvergangenheit. Peter Münder begab sich nach Ströbeck auf Spurensuche. Mehr...

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                             IM ZEICHEN DES SCHACHBRETTS

Im Harzer Schachdorf Ströbeck dreht sich alles um das Schachspiel- seit über tausend Jahren. Die nahegelegene Domstadt Halberstadt bietet aber auch all jenen attraktive  Ausflugsziele, die gelegentlich eine Spielpause einlegen möchten

                                          Von Peter Münder

Für Pokerspieler ist Las Vegas mit der WM in Binion´s Horseshoe Casino das ultimative Dorado, Tennis-Fans träumen von Wimbledon, aber Schachspieler? Manche Schach-Fans pilgern wohl nach Reyjkavik, um in der Kongresshalle den legendären WM-Sieg von Bobby Fischer über den Russen Boris Spasski irgendwie nachzuerleben, der ja zum erbitterten West-Ost Showdown während des Kalten Krieges entartet war. Aber nur wenige haben sicher schon vom spektakulären Lebendschach-Festival im Harzer Schachdorf Ströbeck gehört.

Mein Caissa-Schachfreund Günter hatte unsere touristischen Schach-Exkursionen mit einem Trip ins brandenburgische Thyrow angekurbelt, wo der berühmte deutsche Schachweltmeister  Emanuel Lasker (1868-1941) sein Sommerhaus hatte. Von diesem Refugium des am längsten amtierenden (27 Jahre!) ehemaligen Weltmeisters waren zwar nur kümmerliche Rudimente geblieben, aber wir ließen uns dadurch nicht entmutigen und wollten nun das romantische, acht Kilometer westlich von Halberstadt liegende Schachdorf Ströbeck besuchen, in dem sich alles um das Schachspiel dreht.



Schon die ersten Hausfassaden signalisieren mit ihren liebevoll an den Giebeln montierten Schachbrettern: Hier steht alles im Bann des königlichen Spiels.

Bei der Suche nach unserem Quartier passieren wir den Schachturm, gelangen dann an den „Platz zum Schachspiel“ und halten direkt vor dem Schachmuseum, das wir später besichtigen.

Als wir uns im gegenüberliegenden Schachladen der sympathischen Frau Krosch, der Ehefrau des Bürgermeisters Rudi Krosch, melden, um unser Quartier zu beziehen, lautet ihre erste Frage: „Brauchen Sie noch ein größeres Brett?!“

Sie meinte tatsächlich ein Schachbrett und kein Bett! Dabei hatte sie schon ein mittelgroßes ausklappbares Schachbrett ins Zimmer gestellt.  Da geht natürlich jedem Schachspieler das Herz auf, vor allem, wenn man dann noch im Schachladen all die herrlichen Schachbücher, handgefertigten Holzbretter, Schoko-Schachfiguren, Taschen mit Schachbrettmustern und die mit Schachfeldern dekorierten Gardinen erspäht.

Wir wunderten uns allerdings, als wir beim kleinen Bäcker am Schachplatz Kaffee tranken und an der Theke Brötchen erspähten, die tatsächlich keine Schachbrettmuster hatten. Waren wir hier etwa unter abtrünnigen Skatspielern gelandet? Keineswegs: „Torten mit Schachbrettmuster kann ich Ihnen natürlich anbieten“ beruhigte uns die nette Bäckerin, „aber keine Brötchen. Ich bin ja selbst begeisterte Schachspielerin, war früher auch in der Schulschachtruppe und weiß natürlich immer noch ganz gut, wie man die Spanische Partie richtig behandelt“.

Ein Rundgang durch den heimeligen, über tausend Jahre alten Ort mit genau 1183 Einwohnern belebte sofort unsere wegen des  Dauerregens leicht bedrückte Stimmung: Fachwerkhäuser wie aus dem Bilderbuch, aus leeren Flaschen montierte Kronen und Körbe auf Häusersimsen, ein „Gasthof zum Schachspiel“, schließlich ein „Gasthaus Prinz von Preußen“- das alles wirkte wie ein Blick ins Postkartenalbum einer romantischen Heile-Welt-Epoche. Wie kam es also zur allgemeinen Schachbegeisterung in Ströbeck?

Um diese Hintergründe der allgemeinen Schachbegeisterung zu eruieren, besuchten wir das schöne, im großen Stil restaurierte Museum, in dem sogar ein Trauzimmer untergebracht ist. Im Medienraum zeigte uns die freundliche Museumsangestellte Nancy Anglett einen Film über Ströbeck und seine Geschichte,

... im ersten Stock gibt es historische Photos, Namenslisten berühmter Teilnehmer an Simultanturnieren, Urkunden der Lasker-Schachschule sowie ein dreidimensionales Schachspiel.



Und im Keller kann man Porträts der berühmten Weltmeiser Capablanca, Aljechin u.a. bestaunen.





Etliche Bilder und Stiche verdeutlichen, worauf die Schach-Manie der Ströbecker beruht und auf welche Legenden sie zurückgeführt wird. Im Grunde illustriert sie nur die grenzenlose Dankbarkeit der Einwohner, die  sich dafür erkenntlich zeigten, dass ihnen ein um 1000 n. Chr. im Turm eingesperrter Fürst, der von den Ströbeckern trotz  allgemeiner kriegerischer Auseinandersetzungen gut behandelt wurde, das Schachspielen beibrachte.

Es gibt noch andere Versionen dieser Legende- mit kirchlichen und anderen Würdenträgern als Hauptfiguren- aber es geht immer um die Dankbarkeit der Ströbecker, denen die Gnade früher Schachlektionen zuteil wurde, was sie seit eintausend Jahren mit dem beeindruckenden Lebendschach und anderen Schachritualen zelebrieren. 

Nur wenige Schritte entfernt, direkt neben dem Schachturm, hat der seit 1883 existierende  Schachklub sein Spiellokal. Wir platzten am Spielabend in ein Gespräch über Fördermaßnahmen für das Jugendschach und spürten so, dass das Engagement der Jugendlichen zu bröckeln beginnt, weil es nach der Gebietsreform kein Gymnasium mehr in Ströbeck gibt und  Schach als Pflichtfach- seit Jahrzehnten in der DDR angeboten- nur noch in der 2.-4. Grundschulklasse praktiziert wird. Am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt wird Schach nun nur noch als Neigungsfach- allerdings von zwei sehr engagierten Trainerinnen- angeboten. 

Es war jedenfalls ein äußerst gemütlicher Abend mit den gutgelaunten Schachfreunden. Nach einigen Blitzpartien plauderten wir über die Vereins-Aktivitäten und erfuhren viel über das holländische Partnerstädtchen Wijk aan Zee, wo ja regelmäßig zum Jahresanfang ein internationales Großmeisterturnier stattfindet.



Die Ströbecker Spieler reisen schon seit einiger Zeit dorthin und nehmen an einem Parallel-Turnier für „normale“ Club-Spieler statt. „Wir kommen dort immer privat unter und fühlen uns wie bei Freunden zu Haus- es ist jedenfalls eine wunderbare, harmonische Atmosphäre und die legendären Großmeister wie Anand, Topalov, Short oder das junge norwegische Genie Carlsen kann man dort auch am Brett erleben, einfach wunderbar!“ schwärmt Christian Harig, der für die Jugendarbeit zuständig ist. Auch die Holländer  sind regelmäßig zu Gast in Ströbeck- das ist ein ganz neuer, europäischer Geist, der früher undenkbar war. 

Wir Hamburger Caissa-Besucher erwärmten uns jedenfalls schnell für die gesellige Ströbecker Club-Atmosphäre: Man schwatzt munter über Neuigkeiten aus dem Dorf, greift  sich aus den beiden Bierkästen eine Flasche und spielt eher nebenher seine Partien.



Von verbissenem Kampf oder einer „Mutter aller Schlachten-Militanz“ war hier jedenfalls nichts zu spüren. Ein Blick auf die mit Urkunden und Auszeichnungen dekorierten Wände zeigte, dass man die DDR-Epoche keineswegs ausblendet, und das ist auch gut so und ganz spannend. Warum sollte man auch ausgerechnet diesen besonders erfolgreichen Schachsektor verdrängen? So entdeckte ich etwa eine aus FDJ-Zeiten stammende Urkunde, die im Juli 1971 dem Schulklassenkollektiv der 5A überreicht wurde „Für vorbildliche Arbeit bei der Erfüllung des Pionierauftrags“, wie es hieß.

In dicken roten Lettern prangt darüber die Losung: „An der Seite der Genossen- vollbringt hohe Leistungen zu Ehren der DDR“. Diese vom Zentralrat der FDJ überreichte Ehrenurkunde war von Egon Krenz, dem späteren prominenten, meist alkoholisierten Unglücksraben, unterzeichnet- da spürt man schon den Hauch der Geschichte.

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Kleiner Exkurs nach Halberstadt: Tipps für Besucher, die auch mal spielfrei haben wollen

Das acht Kilometer entfernte Halberstadt hatte etliche Attraktionen abseits des Schachbretts zu bieten, die wir uns nicht entgehen lassen wollten. Da die Zeit nicht mehr für die Besichtigung des legendären Domschatzes reichte, besichtigten wir nur den beeindruckenden gotischen Dom, der im Jahr 992 in Anwesenheit von König Otto III. geweiht wurde, hörten mittags ein Orgelkonzert und besuchten das Gleimhaus direkt am Dom, das zahlreiche literarische Raritäten enthält. Der aus Halberstadt stammende Dichter und Domsekretär JWL Gleim (1719-1803) war ja Zeitgenosse Goethes und Schillers, Mäzen etlicher verarmter Literaten (darunter auch Schachfan Wilhelm Heinse, Autor von „Anastasia und das Schachspiel“) und stand in Kontakt mit fast allen seiner bekannten literarischen Zeitgenossen. Eine umfassende Ausstellung zeigte herrliche Porträts, seinen Stuhl, in den er sich zum Schreiben wie in einen Betstuhl hineinkniete, Teile seiner Bibliothek und  die Originalbriefe von und an Ewald von Kleist- einfach spannend. Nur die Frage, ob Gleim auch Schachspieler war, blieb leider ungeklärt. Jedenfalls ist ein Ausflug nach Halberstadt sehr lohnend. 

     ***                                  ***                                            ***

Zum Abschluß führten wir im Schachladen ein Gespräch mit Bürgermeister Rudi Krosch und seiner Ehefrau Renate, einer ehemaligen Lehrerin. Das Lebendschach und dessen positive, den Tourismus beflügelnden Faktoren kommen zur Sprache, dann aber auch  die paneuropäische Schach-Schiene.

Denn die zwölf Mitgliederdörfer im Verband  „Kulturelles Dorf Europas“ pflegen  den regelmäßigen Austausch mit den anderen Dörfern in England, Italien, Holland, Frankreich, Tschechien, Österreich, u.a. So kommt es zu wechselseitigen Besuchen, sogar zum großen Besucheransturm wie 2006, als Ströbeck zum „Europäischen Kulturdorf“ ernannt wurde.

Renate Krosch war immer noch begeistert  vom letzten Besuch im italienischen Partnerdorf  Pergine Valdarno , wo die Ströbecker  sehr herzlich aufgenommen wurden. Man machte auch einen Exkurs nach Venetien, um in Marostica eine Lebendschach-Vorstellung zu erleben, die so märchenhaft-pittoresk war, dass sich selbst die Ströbecker Schach-Routiniers verblüfft die Augen rieben. Denn die Lebendschach-Partien wurden vor einem malerischen riesigen Kastell mit herrlichen mittelalterlich kostümierten Figuren und vier  Pferden als Springerfiguren aufgeführt. „Ja, das sind wirklich spannende, tolle Begegnungen, aber speziell dieses Treffen mit den Lebendschach-Kollegen in Italien war absolut euphorisierend“, konstatiert der sympathische Rudi Krosch, der schon zwanzig Jahre im Amt ist.

Als man vor einigen Jahren beschloß, Ströbeck die offizielle Bezeichnung „Schachdorf“ zu verleihen, gab es einen Bürgerentscheid, der sich mit 99,5 Prozent für dieses Vorhaben aussprach. „Das war ja ein so überwältigendes, eindeutiges  Resultat wie zu Volkskammerzeiten“, meint Rudi Krosch schmunzelnd. „Aber hier stehen wirklich alle zu unserer Schachtradition. Und das ist auch gut so.

Denn mit unseren Schachaktivitäten haben wir einen vitalisierenden Dynamo, der für Schwung und belebende Perspektiven sorgt. Ohne unsere Schachtradition  wäre Ströbeck nur ein weiteres unbedeutendes, zur Stagnation verdammtes Dorf, das niemand kennt“. Wir würden als begeisterte Ströbeck-Fans, die überall so herzlich empfangen wurden, noch hinzufügen: Ohne Schach wären die Ströbecker vielleicht auch nicht ganz so gut drauf. 
 

Info:
Das Schachdorf Ströbeck liegt zwischen Goslar und Halberstadt (8 km westl. von Halberstadt)

Schachmuseum:
Platz am Schachspiel 97
38822 Schachdorf Ströbeck
(geöffnet Di. Mi. Fr. 10-12 u. 13-16 Uhr, Do 13-18 , Sa 14-17. So 10-12 Uhr  Tel. 039427 99850

Schachladen/ Schachverlag
Renate Krosch: Platz am Schachspiel 55, Tel. 039427 96173
www.schach-renate-krosch.de   

Lebendschach-Turnier:
Vom 29.-31. Mai 2010

Halberstadt/Tourismus-Info:
Hinter dem Rathause 6, Tel. 03941- 551815 www.halberstadt.de

Domschatzverwaltung:
Domplatz 16a, 38820 Halberstadt, tel. 03941 24273
www.dom-und-domschatz.de

Gleimhaus:
Domplatz 31, Tel. 03941 68710  www.gleimhaus.de 
Geöffnet  Di-Fr  9-17 Uhr (Mai-Oktober), 9-16 Uhr (November-April), Sa/So:      10-16 Uhr (ganzjährig)



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