Rezension zu Baldauf/Seybs "Paulsen-Sizilianer"

23.03.2021 – Die Paulsen-Variante gilt als besonders solides und flexibles System in der Sizilianischen Verteidigung. Marco Baldauf und Alexander Seyeb haben zu diesem System eine umfassende Fritztrainer-DVD verfasst und der Bayrische Meister Andreas Ciolek hat sie sich angesehen.

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Von Andi Ciolek 

Rezension zu „Der Paulsen-Sizilianer – Ein Schwarzrepertoire gegen 1.e4 inkl. Anti-Sizilianer“

Nachdem Großmeister Marco Baldauf im Dezember 2019 den Schachenthusiasten des Landes mit den Berliner Geheimvarianten im Caro-Kann ein beeindruckendes Schwarzrepertoire gegen 1.e4 auf den Tisch legte, war wohl vielen klar, dass diese nicht seine einzige DVD für Chessbase bleiben wird. So folgten weitere Ausarbeitungen zu verschiedenen Eröffnungen, und heute soll es um die neuste Veröffentlichung über den Paulsen-Sizilianer gehen. Mit ins Boot gezogen wurde der Internationale Meister Alexander Seyb, der für die Chessbase-Leserschaft sicher auch kein Unbekannter mehr ist.

Als treuer Najdorf-Anhänger freute ich mich besonders darauf, meinen sizilianischen Horizont mit dem dynamischen Baldauf-Seyb Duo erweitern zu dürfen. Die Autoren leiten angenehm in die Welt des Paulsens ein, es werden die Vorteile gegenüber anderen Sizilianern aufgezeigt (das sind eine ganze Menge!), historische Partien präsentiert und persönliche Erfahrungen geteilt.

Der Paulsen-Sizilianer

Mit der Zugfolge e6/a6 wird die Option offengelassen, d5 in einem Zug zu spielen, zudem ist der Ausfall Lb4 eine Option. Konkretes Wissen ist im Paulsen-System weniger entscheidend als die Kenntnis der taktischen und positionellen Motive.

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Der bedeutendste Vorteil gegenüber anderen Sizilianisch-Varianten zeigt sich beim sonst so beliebten Versuch von Weiß, den englischen Angriff aufzuziehen. Aber gegen Paulsen? Keine gute Idee!

1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 a6 5. Sc3 Dc7 6. Le3?! Sf6 7. f3 Lb4! 8. Dd2 d5! Und Schwarz hat hervorragendes Spiel.

Das Hauptaugenmerk liegt in dieser DVD aber auf der Igel-Struktur, welche entsteht, wenn Weiß einen Aufbau mit c4 wählt. Etliche Veröffentlichungen finden sich zu dieser Struktur in der Schachliteratur, was es nicht gerade leicht macht, noch ein Werk darüber zu erschaffen. Dieser Teil der DVD ist jedoch äußerst gelungen! Ein kleines „Schmankerl“ möchte ich Ihnen gerne aus der Partie zwischen dem dänischen FM Carsten Hansen und dem Internationalen Meister Torben Sorensen geben, welche auf der DVD behandelt wird.

Nach 15 Zügen entsteht eine typische Igelstellung aus einer Paulsen-Variante, und Schwarz beginnt langsam nach Gegenchancen Ausschau zu halten. Es folgten zunächst die abwartenden Züge 15…Db8 16.Lg1. Doch nun griff Schwarz zu dem von Marco beschriebenen „Ampel-Plan“ und schickte seinen h-Bauern ins Rennen – 16…h5! Ampel deshalb, weil dieser Bauer als nächstes nach h4 und dann, falls möglich, nach h3 marschieren soll. h5 – h4 – h3, Rot – Gelb – Grün – freie Fahrt!

In der Partie folgte 17.Sc2 h4 18.b4 h3, wonach sich Weiß schon ernsthaft den Kopf darüber zerbrechen muss, was er denn nun mit diesem nervigen Bauern anstellen soll. Ein Fehler wäre z.B. das Vorbeiziehen mit 19. g3, denn nach 19…Se5 sind die weißen Felder und die lange Diagonale a8-h1 zu anfällig. In der Partie tauschte sich der Bauer stattdessen auf g2, und die dadurch entstehenden Löcher konnten von Schwarz effektiv ausgenutzt werden (das Feld f4 ist nicht mehr durch den g-Bauern zu decken, es folgte später Sh5-f4!).

Diese und viele weitere Feinheiten der Igelstruktur werden sorgfältig in mehreren Videos untersucht. Sehr ansprechend war für mich dabei die gesunde Kombination aus allgemeinen strategischen Prinzipien und konkreten Varianten. Häufig werden die Pläne großen Spielern der Vergangenheit zugeordnet, so findet man z.B. den Kasparow-Plan, den Khalifman-Aufbau oder sogar Hybridformen wie den „Fischer-Plan Portisch-Style!“. 

Da Weiß aber auch Aufbauten ohne c4 wählen kann, besteht diese DVD nicht nur aus Igelstruktur-Musterpartien. Gegen Aufbauten mit Ld3 und ohne c4 wird ein interessantes Konzept mit e6, d6 und g6!? vorgestellt, und auch der Fianchetto Aufbau sowie Scheveningen-Strukturen werden behandelt. Die volle sizilianische Bandbreite also! Nachdem ich die Videos geschaut hatte, war ich so begeistert, dass ich schon fast überlegte meine geliebte Najdorf-Variante an den Nagel zu hängen…

Vor Freude übersprudelnd ist man nun also gewappnet für die nächste Schlacht, aber was macht man gegen den gemütlichen Weißspieler, der sich auf seinem ausgelutschten Anti-Sizilianer ausruht?

Auch hier haben sich die Autoren selbstverständlich etwas einfallen lassen. Kurz und knackig wird die Alapin-Variante, der geschlossene Sizilianer und Fianchetto-Systeme mit b3 und g3 aufgedröselt. Für mich persönlich war die Wahl 1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.g3 a6 besonders von Interesse, denn diese Variante wählte ich in der Vergangenheit gerne, weil sie auch mit der Najdorf-Variante kompatibel ist (mit 2…a6). Erproben durfte ich dieses System gegen einen Spieler, den man keinesfalls als schablonenhaften Anti-Sizilianisch Spieler bezeichnen könnte – Superstar Alireza Firouzja. Beim Grenke Chess Open 2019 bekam ich gegen das iranische Ausnahmetalent eine Stellung aufs Brett, die exakt so auf der DVD vorgestellt wird.

1. e4 c5 2. Sc3 e6 3. g3 a6 4. Lg2 b5 5. d3 Lb7 6. f4 Sf6 7. Sf3 d5 8. e5 Sfd7

Zuversichtlich begab ich mich in die Französisch-Struktur, die von den Autoren als unproblematisch für Schwarz eingeschätzt wird. Auch die Engine teilt diese Meinung, jedoch verlor ich meine Partie aus der Eröffnung heraus ziemlich chancenlos. In der darauffolgenden Analyse erklärte mir Firouzja, dass er finde, der Springer auf d7 stehe schlecht und er glaube, dass es besser für Schwarz sei, mit Sf6 zu warten, damit man nach dem Vorstoß e5 noch über die Route g8-h6-f5 auf das deutlich angenehmere Feld im Zentrum manövrieren kann.

 

Diese Möglichkeit entsteht tatsächlich nach den Zügen 1. e4 c5 2. Sc3 e6 3. g3 a6 4. Lg2 b5 5. d3 Lb7 6. f4 b4! 7. Sce2 d5. Wegen des drohenden Damentauschs auf der d-Linie sieht sich Schwarz zu einer Reaktion mit dem e-Bauern genötigt, und nach dem meistgespielten Zug 8.e5 sichert 8…h5! die Route des Springers nach f5.

Beachtlich fand ich die Gewinnrate in einer Datenbank mit Online-Blitzpartien, die nach h5 schon bei über 60 % für Schwarz liegt. Dementsprechend war ich leicht enttäuscht von der Wahl in diesem Repertoire, zum einen, weil ich mit dem Zurückstellen des Sf6 gute Erfahrungen sammelte, und zum anderen, weil Alireza Firouzja diese Meinung teilte.

Diese kleine persönliche Erfahrung tat dem Genuss aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Behandlung der Anti-Sizilianer rundet die vor Ideen sprießende DVD gelungen ab.

Alles in allem reiht sich diese DVD in eine Reihe von herausragenden Werken von Marco Baldauf und Alexander Seyb. Ich kann sie jedem Spieler, egal von welcher Spielstärke und mit oder ohne Sizilianisch-Erfahrung wärmstens ans Herz legen! Und wer weiß, vielleicht kann ich ja mit meinem neuen Wissen die nächste Partie gegen Alireza Firouzja mit der Paulsen-Variante gewinnen…

Der Paulsen-Sizilianer

Mit der Zugfolge e6/a6 wird die Option offengelassen, d5 in einem Zug zu spielen, zudem ist der Ausfall Lb4 eine Option. Konkretes Wissen ist im Paulsen-System weniger entscheidend als die Kenntnis der taktischen und positionellen Motive.

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Der Paulsen-Sizilianer im Praxistest...

 

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