Der Deutsche Schachbund befindet sich in einer schweren Krise. In einer Zeit, in der das deutsche Schachleben eigentlich glänzend dasteht, mit einer Reihe von Spitzengroßmeistern und steigenden Mitgliederzahlen, haben eine Reihe von Protagonisten auf Funktionärsebene offenbar die Aufgabe, für die sie gewählt wurden, aus den Augen verloren.
In den vergangenen Jahren gab es in der Führungsebene des Deutschen Schachbundes, im Spannungsfeld zwischen Präsidium, Landespräsidenten und Geschäftsstelle, immer wieder Querelen und Kontoversen. Dass der ganze Verband nun aber praktisch in zwei Lager zerteilt wurde, ist in dieser extremen Form neu.
Eine Reihe von Landespräsidenten zeigte sich mit dem Führungsstil und der Kommunikation von Ingrid Lauterbach zunehmend unzufrieden. Dies kam bereits bei dem sehr knappen Ergebnis ihrer Wiederwahl auf dem Bundeskongress Anfang Juni 2025 zum Ausdruck. Beim folgenden Hauptausschuss, eine Art kleiner Bundeskongress ohne Wahlen, traten die Konfliktlinien offen zum Vorschein.
In den folgenden Wochen kam es auch innerhalb des Präsidiums zu einem Bruch, denn Alexander von Gleich, Vizepräsident Finanzen, war mit der Zusammenarbeit im Präsidium schließlich ebenfalls so unzufrieden, dass er seinen Rücktritt erklärte.
Beim letzten Bundeskongress hatte von Gleich bei seiner einstimmigen Wahl zum Vizepräsidenten großen Rückhalt erfahren und wurde von den Delegierten sogar zum Stellvertretenden Präsidenten gewählt, gegen den Wunschkandidaten von Ingrid Lauterbach.
Der Rücktritt von Alexander von Gleich erzeugte nun bei Kritikern von Ingrid Lauterbach unter den Landesvertretern den Eindruck, dass das amtierende Präsidium den Aufgaben nicht mehr gewachsen sei.
Es kam zu einer Aussprache mit dem Ergebnis, dass Ingrid Lauterbach mit ihrem Rücktritt und Neuwahlen einverstanden war, unter der Bedingung, dass der Deutsche Schachbund ihre Kandidatur als Vizepräsidentin im Ticket von Zurab Asmaiparashvili bei den kommenden Wahlen der Europäischen Chess Union (ECU) unterstützen würde. So wurde es in der so genannten "Berliner Erklärung" vereinbart.
Ein Bestandteil dieser Vereinbarung war die Einberufung eines außerordentlichen Bundeskongresses, auf dem Neuwahlen durchgeführt werden sollten. Die Einberufung zu diesem Kongress durch die Präsidentin ließ dann allerdings auf sich warten, auch weil bereits ein Hauptausschuss auf dem Terminplan stand. Fünf Landesverbände stellten daraufhin offiziell einen Antrag auf Durchführung eines außerordentlichen Bundeskongresses, was diesen laut Satzung nun zwingend erforderlich machte.
Ingrid Lauterbach reichte den Antrag allerdings zur Prüfung an den Bundesrechtsberater weiter, der den Antrag als "unzulässig" abwies. Seine Argumentation wurde jedoch vom nun von den Verbänden angerufenen Schiedsgericht des Schachbundes kassiert. Nach einigem Hin und Her wurde schließlich der geplante Hauptausschuss in einen außerordentlichen Bundeskongress umgewandelt.
Als Wunschkandidaten für eine Nachfolge als Präsident des Deutschen Schachbundes hatten die Kritiker von Ingrid Lauterbach Alexander von Gleich ausgeguckt. Nachdem dies intern bekannt wurde, kam es hinter den Kulissen jedoch zu einem heftigen Gerangel und verbissenem Email-Austausch, der weit über das Maß, mit dem vernünftige Menschen miteinander Umgang pflegen, hinausging. So wurde unter anderem der Versuch unternommen, nicht nur die Kompetenz des möglichen Kandidaten von Gleich in Frage zu stellen, sondern ihn auch persönlich zu diskreditieren.
In dieser Situation wurde mit Richard Lutz nun ein weiterer Kandidat ins Spiel gebracht. Der langjährige Bahnchef war in seiner Jugend ein talentierter Kaderspieler. Nach dem Eintritt ins Berufsleben hat er das Turnierschach aufgegeben, blieb aber dem Schach verbunden und hat das Schachgeschehen verfolgt. Den Kontakt zu seinen früheren Schachfreunden hat er nie abreißen lassen und da Richard Lutz später als Vorstandsmitglied der Bahn Schachevents unterstützte und ein gern gesehener Gast bei vielen Veranstaltungen war, lernte er viele weitere Schachfreunde kennen.
Richard Lutz wurde offenbar von beiden Lagern angesprochen, ob er es sich vorstellen könne, sich zum Präsidenten des Deutschen Schachbundes wählen zu lassen. Nach einiger Überlegung erklärte er sich zu einer Kandidatur bereit. Bei der Beobachtung der Vorgänge im Deutschen Schachbund war ihm allerdings aufgefallen, das der Gemeinsinn an vielen Ecken fehlte, stattdessen Teamwork und Teamspirit von großer Bedeutung wären. In den vergangen Jahren war sich das gewählte Präsidium tatsächlich einige Male nicht einig gewesen, von Erosionsgräben zwischen verschiedenen Landespräsidenten untereinander und in Bezug auf das Präsidium ganz zu schweigen.
Richard Lutz machte zur Bedingung für seine Kandidatur, dass sein Team, die von ihm vorgeschlagenen Vizepräsidenten, das waren Alexander von Gleich (Finanzen), Gerald Hertneck (Sport) und Anna Endreß (Verbandsentwicklung), ebenfalls gewählt werden würden. Die Satzung des Deutschen Schachbundes sieht keine "Ticket"-Wahl vor, sondern nur Einzelwahlen für die verschiedenen Funktionen. Lutz wollte aber mit den ausgewählten Personen seines Vertrauens zusammenarbeiten und warb bei einem Zoom-Meeting mit den Landespräsidenten während des Schlussrunden der Bundesliga um Unterstützung für ihn und sein Team. Doch schon bei diesem Meeting schlug ihm bei einigen Landesvertretern ein recht eisiger Gegenwind entgegen, der nicht unbedingt ihm, sondern vor allem zwei seiner Mitstreiter galt, Gerald Hertneck und Alexander von Gleich.
In den folgenden Tagen machten die Gegner von Richard Lutz' Team-Angebot hinter den Kulissen ordentlich Stimmung gegen das Lutz-Team und versuchten, den Präsidentschafts-Kandidaten in spe, davon zu überzeugen, von seiner Team-Idee abzurücken. Seine Unterstützer versuchten hingegen, ihn davon zu überzeugen, an seiner Kandidatur festzuhalten, auch wenn einige seiner Team-Kandidaten nicht gewählt werden würden.
Stefan Löffler, Schachjournalist und Kolumnist bei der Frankfurter Allgemeinen, bemühte sich noch kurzfristig mit einer Unterschriftenaktion prominenter Schachpersönlichkeiten, den breiten Rückhalt für Richard Lutz zu dokumentieren.
Am Samstag zog Richard Lutz angesichts des Widerstandes in Teilen des Deutschen Schachbundes die Konsequenzen und seine Kandidatur zurück. Der Rückzug erfolgte in Absprache mit seinen Team-Kandidaten.
Richard Lutz betonte in seiner Erklärung, dass er weder beleidigt, noch verärgert sei. Er habe ein Angebot unter der Bedingung eines Präsidium-Teams gemacht und dies habe eben nicht die gewünschte breite Unterstützung in den Landesverbänden gefunden.
In seinem ausführlichen Schreiben an die Delegierten für den außerordentlichen Bundeskongress (das Schreiben liegt der Redaktion vor) liefert Richard Lutz eine Diagnose des "Krankheitsbildes" im Deutschen Schachbund:
"... tiefe Führungs- und Vertrauenskrise im DSB und das ausgeprägte Misstrauen innerhalb und zwischen den Gremien bzw. handelnden Personen mit allen „Krankheitsbildern“, die solche Organisationen kennzeichnen: statt Zusammenarbeit Lagerbildung, statt offenem Austausch Machtspiele und Intrigen, die die Grenze des Anstands schon lange überschritten haben, statt Ringen um die beste Lösung für das „große Ganze“ Verfolgung von Partikularinteressen, um Machterhalt und persönlichen Einfluss zu sichern und Geltungsbedürfnis von einzelnen „XXL-Egos“ zu befriedigen."
Richard Lutz und seine Mitreiter sahen "... die Notwendigkeit eines Veränderungsprozesses, bei dem kulturell vertrauensvolle Zusammenarbeit, wertschätzender Umgang und offene Kommunikation mit allen und inhaltlich die Fokussierung auf die großen Potenziale, die Schach in Deutschland nach übereinstimmender Auffassung aller ohne Zweifel hat, im Vordergrund steht", indem "bei allen Beteiligten persönliche Interessen und Befindlichkeiten sich diesem eigentlichen Zweck des DSB uneingeschränkt unterordnen" sollten.
Mit ziemlicher Sicherheit hat der Deutsche Schachbund - eigentlich nur ein Teil seiner Funktionsträger, aber die Konsequenzen tragen alle - an dieser Stelle des Weges eine große Chance nicht nur verpasst, sondern mutwillig zerstört.
Richard Lutz hat in der Deutschen Bahn, einem Unternehmen mit knapp 230.000 Mitarbeitern weltweit, einen Aufstieg bis in die Konzernspitze vollzogen und man darf vermuten, dass ihm dies dank besonderer fachlicher Fähigkeiten und Qualität in Führungskraft und Kommunikation gelungen ist. Mit der bekannten Persönlichkeit eines Richard Lutz hätte der Deutsche Schachbund abgesehen von ergebnisorientierter Führung zweifellos auch zusätzlichen Glanz erhalten und hätte sich mit den vielen Kontakten eines Präsidenten Richard Lutz nicht nur in Wirtschaft und Politik, sondern auch in den internationalen Verbände neue Möglichkeiten eröffnet.
Richard Lutz sieht seinen Rückzug betont emotionslos: "Ich habe ein Angebot mit Bedingungen gemacht und dieses Angebot hat keine entsprechende Nachfrage erzeugt. (...) Dass es nicht die gewünschte breite Unterstützung gefunden hat, ist schade und auch ein wenig ernüchternd, aber letztlich Ausfluss demokratischer Willensbildung, die wir selbstverständlich akzeptieren."
Am Ende darf Richard Lutz sich freuen - ihm bleibt viel Arbeit erspart. Der Deutsche Schachbund hat indes zur Freude keinen Grund.
Der außerordentliche Bundeskongress findet am 16. Mai in Frankfurt statt. Tags zuvor soll es noch eine Aussprache unter den Landesvertretern geben.