Russische Meisterschaft: Karpov sagt ab

15.11.2004 – Am 12.November wurde die offizielle Pressekonferenz zum Start des Superfinales der Russischen Meisterschaft abgehalten. Die Spieler, darunter Anatoli Karpov, sprachen über ihre Aussichten und Chancen. Einen Tag später, 24 Stunden vor Beginn des Turniers, sagte Anatoli Karpov seine Teilnahme wegen "geschäftlicher Verpflichtungen" ab. Zur Überraschung  des 12. Weltmeisters stieß die Absage des Frisörtermins, äh...der Russischen Dingsda, bei Publikum, Veranstaltern und Sponsoren, nicht auf das erhoffte breite Verständnis. Nachdem in der letzten Woche bereits Kramnik wegen Krankheit abgesagt hatte und Khalifman deshalb ausgeladen wurde, um die Teilnehmerzahl gerade zu halten, hat sich das Feld von 14 Spielern auf 11 reduziert. Heute um 16 Uhr beginnt die erste Runde. Dagobert Kohlmeyer berichtet aus Moskau. (Foto: Kasparov mit Sohn Vadim) Offizielle Seite (zeitweise down)... Liveübertragung der Partien (zeitweise down)...Bericht aus Moskau...

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Russische Meisterschaft ohne Karpow und Kramnik
Von Dagobert Kohlmeyer, Moskau



In Moskau beginnt am Montagnachmittag das Superfinale der russischen Landesmeisterschaft. Es sollte das Schachereignis des Jahres in der russischen Hauptstadt mit weltweiter Beachtung werden. Aber noch ehe das Turnier eröffnet wurde, haben die Absagen zweier Weltmeister einen großen Schatten auf die lang erwartete Veranstaltung geworfen. Nachdem Wladimir Kramnik (Foto)

schon in der vergangenen Woche überraschend aus Krankheitsgründen seinen Verzicht erklärt hatte, setzte nun Anatoli Karpow (Foto)

 noch einen drauf und ließ die Organisatoren buchstäblich einen Tag vor Eröffnung des Superfinales ebenfalls im Regen stehen. Dabei hatte der 12. Weltmeister der Schachgeschichte zur Auftaktpressekonferenz am Freitag noch unisono mit Garri Kasparow die große Bedeutung des Turniers unterstrichen. Eine Landesmeisterschaft mit ähnlich starker Besetzung gab es zuletzt 1988 in Moskau. „Damals hätte kein Spieler abgesagt“, erklärte Kasparow im Brustton der Überzeugung vor den Medienvertretern. Der Seitenhieb ging eindeutig in Richtung Kramnik, denn zu diesem Zeitpunkt konnte Kasparow noch nicht ahnen, dass der neben ihm sitzende Karpow wenige Stunden später dessen Beispiel folgen würde.

Nun, die letzte große Landesmeisterschaft in Moskau liegt 16 Jahre zurück. Es waren sowjetische Zeiten, und kein Großmeister konnte es sich so einfach erlauben, einen Rückzieher zu machen, ohne Schwierigkeiten mit den Verbandsoberen zu bekommen. Doch nicht nur deshalb traten sie früher alle an. Sie haben damals auch alle gern gespielt. Und heute? - Seither hat sich die Situation drastisch verändert. Als langjähriger Beobachter der internationalen Schachszene gewinnt man immer stärker den Eindruck, viele Spieler sind nicht mehr verlässlich und handeln heute nur noch nach ihrem Gutdünken.

Bei Anatoli Karpow ist es nicht das erste Mal, dass er seine Anhänger und das Schachpublikum in Moskau mit einem plötzlichen Sinneswandel überrascht. Im Dezember 2001, als die FIDE-Weltmeisterschaft im K.-o.-System im Kreml stattfand, wollten Karpow, Kasparow und Kramnik einige hundert Meter weiter im berühmten Moskauer Säulensaal ein Dreiermatch austragen. Kurz vorher sagte Karpow jedoch ab und spielte dafür bei der WM des Weltverbandes mit. Wie seinerzeit zu hören war, für eine beträchtliche Summe, die ihm FIDE-Chef Kirsan Iljumschinow zugesteckt haben soll. Kasparow und Kramnik trugen derweil ihr Match für 500 000 Dollar allein aus.

Einen Ehrenkodex unter den Großmeistern gibt es längst nicht mehr. „Die Spieler sind sehr egoistisch, brechen ohne Skrupel Verträge und verprellen damit Veranstalter sowie Sponsoren“, erklärte ein empörter Schachfunktionär am Sonntagabend beim Eröffnungsbankett der russischen Meisterschaft im Hotel „Rossija“. In Falle des Moskauer Superturniers sind zwei große russische Banken und eine Stahlfirma die Geldgeber. Sie werden sich über das Fehlen von Karpow und Kramnik nicht gerade freuen. Der Preisfonds beträgt immerhin 130 000 Dollar, wobei es für den Sieger 50 000 Dollar gibt.

Hier ein paar Fotoimpressionen von der Eröffnung, zu der beide russische Nationalmannschaften für ihre Leistungen bei der Schacholympiade in Calvia geehrt wurden.

Die Damen hatten Bronze, die Herren Silber geholt.



Ehrengäste des Banketts waren u.a. Exweltmeister Wassili Smyslow und seine Gattin Nadjeshda (Foto)

 

sowie Wartan Petrosjan, der Sohn des früheren Weltmeisters Tigran Petrosjan. (Foto).

Nach eigener Aussage spielt der heute 50-jährige Geschäftsmann aus Moskau kein Schach. Er verfolgt aber mit Interesse das nationale und internationale Schachgeschehen und ist über alle Entwicklungen informiert

Schachzar Garri Kasparow kam mit der ganzen Familie (3 Fotos): Mutter Klara, Ehefrau Julia und Sohn Wadim verfolgten die Auslosung, die ergab, dass der Turnierfavorit Nr. 1 in der ersten Runde am Montag gegen Jewgeni Barejew spielt.


Kasparow mit Familie


Julia und Wadim Kasparov


Kasparov mit Sohn Wadim

Zur Eröffnung erwähnte der Präsident des russischen Schachverbandes Alexander Shukow (Foto)

nur mit einem Halbsatz den Verzicht von Karpow und Kramnik. Die Landesmeisterschaft bleibe trotzdem eines der stärksten Turniere weltweit.

Warum Karpow in letzter Minute noch absagte, wurde offiziell nicht mitgeteilt. Offenbar schätzte der Exweltmeister seine Chancen zu gering ein, mit der starken Konkurrenz im Lande noch Schritt zu halten. Hinzu kamen vielleicht auch finanzielle Gründe. Das mag ja alles sein, aber warum Karpows Absage fünf Minuten vor zwölf erfolgte, verstand keiner. Es häufen sich die Fälle, dass den Schachstars heutzutage andere Interessen wichtiger sind als Turniergewinne und Preisgelder, so dass sie ihre Zusage immer öfter zurücknehmen. Im Januar 2001 hatte auch Garri Kasparow kurzfristig einen Start abgesagt, und zwar beim Turnier im ungeliebten Wijk aan Zee. Als Grund dafür wurde eine Virusinfektion genannt. In diesem Sommer zog Supergroßmeister Alexander Morosewitsch aus Russland wenige Tage vor der WM in Tripolis seine Teilnahme zurück, obwohl er schon unterschrieben hatte. Diese wenigen Beispiele aus der jüngsten Schachgeschichte sind unvollständig, zeigen aber einen Trend, wie sehr sich die Zeiten und Sitten geändert haben.

Der Zufall wollte es, dass ich Karpows Ehefrau am heutigen Montag im Zentralen Schachklub traf. Sie bestätigte, dass sich ihr Mann noch in Moskau befindet, wollte aber ebenfalls keine Gruende für sein Fernbleiben vom Turnier nennen.

Was Wladimir Kramnik angeht, so war wegen seines WM-Kampfes gegen Peter Leko in Brissago die Supermeisterschaft in Moskau extra von September auf November verschoben worden. Noch vor zwei Wochen hatte der Weltmeister im klassischen Schach in einem Interview mit der Moskauer Zeitung „Sport Express“ betont, er werde bei der Supermeisterschaft auf jeden Fall spielen, schon dem neuen Präsidenten des russischen Schachverbandes, Alexander Shukow, zuliebe. Der Politiker ist nach Präsident Putin und Premierminister Fratkow quasi der dritte Mann im Staat. Wenn selbst so hochrangige Politiker kein Schachgenie mehr an den Spieltisch bekommen, scheint es um die Zukunft unseres ehrwürdigen Spiels nicht gut bestellt zu sein.

Das endgültige Teilnehmerfeld der russischen Meisterschaft: Garri Kasparow, Alexander Morosewitsch, Peter Swidler, Alexander Grischuk, Jewgeni Barejew, Alexej Drejew, Vitali Zeschkowski, Wladimir Jepischin, Alexander Motyljow, Artjom Timofejew, Alexej Korotyljew.

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer
 

 

 

 

 



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