SBL-Meisterschaftsturnier: Impressionen und Interviews

von André Schulz
22.09.2020 – Die OSG Baden-Baden durchpflügte das Feld beim SBL-Meisterschaftsturnier in Karlsruhe. Trotzdem war der Titelgewinn am Ende ein knappes Ding. Der SC Viernheim hielt bis zum Schluss Schritt. Am Ende gewann Baden-Baden nur knapp das Spitzenspiel, mit Vallejo Pons und Najditsch als Matchwinner. Bilanz und Impressionen.

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Liga oder Rundenturnier?

Viele Verbände spielen ihre Mannschaftsmeisterschaft als geschlossenes Turnier und tatsächlich spricht vieles für diesen Modus. Alle Teams und Spieler kommen an einem Ort zusammen und in einem zeitlich begrenzten Rahmen richtet sich die Aufmerksamkeit der Schachfreunde und auch der allgemeinen Presse auf dieses Ereignis. 

Im Unterschied dazu erstreckt sich ein klassischer Ligabetrieb über viele Monate und zerfällt in viele Einzelereignisse, zeitlich und auch räumlich. Die gilt ganz besonders für die Bundesliga, die ihren Spielbetrieb auf sieben Doppelrunden und eine Einzelrunde verteilt und im Laufe einer Saison an 16 verschiedenen Orten gastiert.

Der Liga-Modus stammt noch aus alten Zeiten, als die einst viergeteilte Bundesliga noch eine Amateurliga war, in der die Spieler einer Mannschaft größtenteils aus dem gleichen Ort oder zumindest der Nähe kamen und sich sonntags zum Mannschaftsschach trafen, ohne sich dafür Urlaub nehmen zu müssen. Heute ist das alles ganz anders. Es gibt eine Reihe von Profimannschaften, deren Spielern jedes mal neu an-und abreisen und selbst die Amateurmannschaften, die an ihre Spieler keine Gagen zahlen, haben durch die Reisekosten einen hohen finanziellen Aufwand.

Durch die Einführung einer Zentralrunde im Laufe einer Saison hat die Bundesliga im Hinblick auf eine gemeinsame Turnieratmosphäre und mediale und Zuschaueraufmerksamkeit in den letzten Jahren zumindest eine Art Kompromiss geschaffen. 

In Bezug auf noch laufende Saison, die im Jahr 2019 begann und von der man eigentlich noch nicht definitiv weiß, wann sie denn nun wirklich enden wird, hat die Corona-Krise alles durcheinander gewirbelt. Nach einer weitsichtig frühen Unterbrechung des Spielbetriebes wurden die Saison für die Erste und Zweite Bundesliga bis auf das Jahr 2021 erweitert. Wahrscheinlich kann man 2021 die Spielzeit einigermaßen ordnungsgemäß beenden.

Damit es auch einen deutschen Mannschaftsmeister 2020 gibt, hat die Bundesliga sich auf die Durchführung ein geschlossenen Mannschaftsturniers geeinigt. Die Grenke AG, Sponsor der OSG Baden-Baden und der SF Deizisau, bot als Sponsor an die Durchführung zu finanzieren. Acht Teams machten von der Möglichkeit Gebrauch und spielten in der letzten Woche den Mannschaftsmeister 2020 aus.

Zuschauer vor Ort fehlten zwar, aber über das Internet konnten die Schachfreunde die Partien in der Gartenhalle der Messe Karlsruhe verfolgen. Sie wurden Zeugen einer spannenden Veranstaltung und viele hochinteressanter Partien. Internationale Spitzenspieler waren am Start, ebenso die besten deutschen Spieler. Die OSG Baden-Baden unterstrich gleich zu Anfang mit hohen Siegen ihre Favoritenrolle, aber der SC Viernheim hielt das Tempo mit und in der letzten Runde des schlau angelegten Spielplans kam es zum Spitzenspiel der beiden bis dahin verlustpunktfreien Top-Teams.

Impressionen des 5. Tages

An den acht Brettern des Entscheidungskampfes saßen acht Spieler mit Elozahlen über 2700, davon einer sogar mit über 2800, Fabiano Caruana. An den ersten drei Brettern tat man sich nicht wirklich weh - keine der Partien sah den 30sten Zug. 

Am 4. Brett lieferten sich Anton Korobov und Richard Rapport einen Kampf, der aber ebenfalls remis endete.

Am 5. Brett verpasste David Anton gegen Michael Adams mehrfach einen Sieg für Viernheim.

 

Hier gewann: 23...Sf3+ 24.Lxf3 Txe1+ 25.Dxe1 Dxf3 26.Df1 Lh3 27.Dxh3 Dxf2+ 28.Kh1 Df3+ 29.Dg2 Dxh5+ 30.Dh2 Dxb5 und Schwarz gewinnt.

Schwarz spielte stattdessen: 23...Dxd1 24.Taxd1 Lb8, mit etwas Vorteil. Schließlich landete die Partie in einem Doppelturmendspiel, das für Schwarz gewonnen war:

 

59.f6 gxf6 [Oder gleich 59...Txg2 60.Td5+ (60.fxg7 Th2#) 60...Kxg4 61.Txc5 Th2+ 62.Kg1 Tcg2+ 63.Kf1 Tf2+ 64.Kg1 Thg2+ 65.Kh1 Tg3 Droht Kh3 und Matt. 66.Tca5 (66.fxg7 Kh3) 66...Kh3 67.T5a2 Txf6 und gewinnt.]

60.Td5+ Kh4 61.Ta4 Txg2 62.Txc5 Th2+ 63.Kg1 Tcg2+ 64.Kf1

 

64... Txg4 [64...Tf2+ 65.Kg1 (65.Ke1 Kg3 66.Ta3+ Kg2 und gewinnt.) 65...Thg2+ 66.Kh1 Tg3 67.Tca5 Kh3 68.Ta2 Tf1#]

65.Txg4+ Kxg4 66.Tc7 f5? [s.u. die Ergänzung von Karsten Müller] 67.Txf7 [Das Endspiel ist nun remis.]

67...f4 68.Kg1 Ta2 [68...Txh5 69.Kg2 ist remis (Tablebases).]

69.Tg7+ Kf3 70.Tg6 Ta1+ 71.Kh2 Kf2 72.Txh6 f3 73.Tb6 Ta5 74.Tb2+ Ke3 75.Tb3+ Kf4 76.Tb4+ Ke3 77.Tb3+ Kf4 78.Tb4+ ½–½


Karsten Müller hat das Endspiel noch einmal genauer angeschaut und dabei eine entscheidende Nuance entdeckt:

 

63... Txg4 65.Txg4+ Kxg4 66.Tc7 [Absperrungsausnahmen. Manchmal sind Turmendspiele nicht remis:]

66...f5? [Nun gilt die Faustregel und es ist remis. Das gierige 66...Kxh5 67.Txf7 Kg6 gewinnt, obwohl dieser Endspieltyp nach Faustregel im Allgemeinen remis ist. Aber hier ist der weiße König auf der Grundreihe abgesperrt und dann ist es in der Regel gewonnen (unten folgt allerdings eine Ausnahme davon). Folgender Trick ist dabei noch wichtig: 68.Tf8 h5 69.Kg1 Ta2 70.Tg8+ Kf5 71.Th8 Kg4 72.Tg8+ Kf4 73.Th8 h4 und nun wird Schwarz auf lange Sicht gewinnen, was in einschlägigen Büchern nachzulesen ist.]

67.Txf7 f4 [67...Txh5 68.Kg2 f4 69.Tg7+ Tg5 70.Ta7= ist ein typischer Remisfall.]

68.Kg1 Ta2 69.Tg7+ Kf3 [Nach 69...Kxh5 ist es nur remis, weil auch der schwarze König abgesperrt ist, zum Beispiel 70.Tg8 Kh4 71.Kf1 h5 72.Kg1 Kh3 73.Tg7 h4 74.Tg8 f3 75.Kf1 Tg2 76.Txg2 fxg2+ 77.Kg1=]

70.Tg6! [Der einzige Remiszug. 70.Tb7? Ta5 71.Tb3+ Kg4 72.Kg2 Ta2+ 73.Kg1 Kxh5–+]

70...Ta1+ 71.Kh2 Kf2 72.Txh6 f3 73.Tb6 Ta5 74.Tb2+ Ke3 75.Tb3+ Kf4 76.Tb4+ Ke3 77.Tb3+ Kf4 78.Tb4+ ½–½

An Brett sechs punktete indes Francisco Vallejo für den Titelverteidiger:

 

[Die weiße Dame steht nun etwas eng. Wie kann man sie angreifen?]

24...Lf5 25.Tc5? [Weiß ahnt nichts. Nach 25. Sf3 wäre 25...Ld7 26.Dh4 g5 27.Dxh6 Se4 28.Dh5 sehr unergiebig für Schwarz. Nach 25...Sg4, Ld7 drohend steht Schwarz aber auch auf Gewinn.]

25...Ld7 26.Dh4 g5 27.Dxh6 Se4 28.Dxb6 [28.Dh5 Sxc5]

28...Dxb6 29.Sxe4 dxe4 30.Txe5 [Ein Turm für die Dame ist zu wenig, auch nach AlphaZero.]

30...exd3 31.Txg5+ Kf8 32.exd3 Tc8 33.h4 Tc2 34.Tf1 Tc5 35.Txc5 Dxc5 36.Lxb7 Dxa3 37.Ld5 Le6 38.Lc4 Lxc4 39.dxc4 Dxb3 40.Ta1 a4 41.c5 a3 0–1

Die Entscheidung fiel an den hinteren Brettern. Francisco Vallejo-Pons und Arkadij Naiditsch holten für Baden-Baden die Kastanien aus dem Feuer. Sergey Fedorchuk punktete für Viernheim.

Arkadij Naiditsch hatte in seiner Partie gegen Igor Kovalenko die Weichen schon sehr früh auf Sieg gesetzt und führte einen wuchtigen Königsangriff, den er schließlich mit Matt erfolgreich beenden konnte.

 

67.f5 Tf6 68.Th7+ Kg8 69.Dg3+ 1–0

Grenke TV führte ein Interview mit dem Baden-Badener Spieler.

Die deutschen Großmeister

Zum Abschluss folgt noch ein kleiner Überblick über die Bilanzen der deutschen Spitzen-und Nachwuchsspieler:

Das Gros der jungen deutschen Großmeister war für Deizisau im Einsatz:

Andreas Heimann 2,5 aus 6 gegen einen Gegnerschnitt von 2641
Georg Meier 3,5 aus 6  gegen einen Gegnerschnitt von 2629
Matthias Blübaum 4 aus 6 gegen einen Gegnerschnitt von 2604
Alexander Donchenko 3 aus 6 gegen einen Gegnerschnitt von 2582
Vincent Keymer 5,5 aus 7 gegen einen Gegnerschnitt von 2565
Dmitrij Kollars 4 aus 6 gegen einen Gegnerschnitt von 2478

Niclas Huschenbeth vertrat das erste Brett bei Bayern München und kam auf 2,5 aus 6 gegen einen Gegnerschnitt von 2659

Auf das gleich Ergebnis kam Dr. Christan Seel an Brett eins für den Aachener SV: 2,5 aus 6 gegen 2649 Schnitt.

Josefine Heinemann machte als einzige Frau im Turnier 2 aus 2 für Viernheim.

Abschlusstabelle

  Mannschaft Sp MP BP BW
1. OSG Baden-Baden 7 14 43 182½
2. SC Viernheim 7 12 38 167
3. Schachfreunde Deizisau 7 10 33 142½
4. SV Werder Bremen 7 8 29 132
5. SG Solingen 7 6 27½ 125
6. FC Bayern München 7 4 23½ 111
7. SF Berlin 7 1 16½   79
8. Aachener SV 7 1 13½   69

Partien

 

 

Schachbundesliga...

Ergebnisdienst...




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Buzzard Buzzard 24.09.2020 01:19
Na na, also - bei allem Respekt - die altehrwürdige und international prestigeträchtige Deutsche Schachbundesliga mit der relativ gesehen unbedeutenden ersten Division einer kleinen Alpenrepublik vergleichen zu wollen ist doch grober Unfug. Das deutsche System hat sich bewährt, und das diesjährige Finalturnier ist ganz klar einzig und allein der Coronapandemie geschuldet, um wenigstens einen Mannschaftsmeister 2020 präsentieren zu können. Aber ja, das wissen Sie ja wahrscheinlich selbst. Übrigens: Wusste gar nicht, dass es auch "Linzer Schmäh'" gibt, kannte nur den Wiener?!?!
ArmerLinzerHans ArmerLinzerHans 22.09.2020 11:47
Herzliche Gratulation an die Deutsche Schachbundesliga zur Durchführung dieses spannenden Rundenturniers in Karlsruhe !
Es ist zwar bedauerlich, dass die Corona-Krise ein solches Turnier erzwungen hat; dass aber endlich in der Deutschen ersten Schachbundesliga die Erkenntnis angekommen ist, dass der dort gepflogene Abwicklungsmodus nicht nur veraltet, sondern auch für die Zuschauer unzumutbar ist, ist überaus erfreulich !!!
Vielleicht kann sich die Erste Deutsche Schachbundesliga dazu aufraffen, die Bundesligasaison in zwei, maximal drei Rundenturnierteile auf zu splitten, wie wir hier in Österreich das schon seit Jahrzehnten erfolgreich tun. Wenn dann die zwei oder drei Rundenturniere entsprechend beworben werden, könnte das durchaus zu einer Erfolgsgeschichte werden, wie die seit dem Jahre 2017 im Berliner Hotel Maritim abgewickelten Schlussrunden-Turniere bewiesen haben.
Zu Berlin sei jedoch noch eine Schlussanmerkung erlaubt: Wieso sind die Spitzenbretter der Bundesliga derart unter dem Balkon versteckt gewesen und konnten nicht auf der anderen Seite dieses riesigen Auditoriums platziert werden, sodass Fotos vom Balkon aus wesentlich leichter aufgenommen hätten werden können ??? Dass der Aufwand für die Verlegung von Kabeln zu groß gewesen wäre, kann ich angesichts der Umstands, wie wir hier in Österreich ähnliche Probleme lösen, einfach nicht gelten lassen !
Vielleicht sollten die Organisatoren der Ersten Deutschen Schachbundesliga einmal nicht nur den Blick, sondern auch die Reise nach Österreich wagen, um sich von unseren überaus erfolgreichen Übertragungstechniken eine Scheibe abschneiden zu können !!!!!
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