Schach bleibt förderungswürdig

von André Schulz
10.12.2014 – Aufatmen beim Schachbund. Bei der Mitgliederversammlung des DOSB am letzten Wochenende in Dresden wurde auch formal beschlossen, dass Schach weiterhin gefördert wird, wenn auch im reduzierten Rahmen. Allerdings wurde auch beschlossen, sich für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2024 oder 2028 zu bewerben. Was würde Ostap Bender dazu sagen und wie sehen Sie die Dinge? Mehr...

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Neuausrichtung der Spitzensportförderung

Die im Hinblick auf die Medaillenerwartungen bei manchen offenbar enttäuschende Ausbeute von Medaillen bei den letzten Olympischen Spielen in London oder Sotschi hat im Innenministerium und dem Deutschen Olympischen Sportbund zu einer "Neuausrichtung" und Neufassung der Spitzensportförderung geführt. Als Kollateralopfer blieb dabei unter anderem der Schachbund auf der Strecke, dem die Spitzensportförderung für das Jahr 2014 ohne Vorwarnung komplett gestrichen wurde.

Manche Sportfunktionäre wissen auch schon gar nicht mehr, wie das Schach überhaupt in die Gemeinschaft der Sportverbände hinein geraten war, da es ja gar nicht die vom DOSB festgelegte definierende "eigenmotorische Aktivität" leistet. Ursprünglich war der Sportbegriff einmal viel weiter gefasst und leitet sich vom englischen Verb "disport" ab, das wiederum auf das lateinische "deportare", mit der Bedeutung, sich zerstreuen, sich vergnügen, zurückgeht. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung gewandelt, der Bewegungsport geriet mehr und mehr in den Vordergrund und verdrängte andere denkbare "Zerstreuungsformen". Allerdings spielen beim Sportbegriff inzwischen auch Wettbewerb und Organisation eine Rolle, Eigenschaften, die der DOSB bei seiner die Motorik betonenden Definition vernachlässigt hat. Natürlich ging es aber bei der engen Definition des Sportbegriffes in erster Linie darum, bestimmte "Zerstreuungsformen" vom DOSB und insbesondere von dessen Geldtöpfen fernzuhalten, zum Beispiel - wie auch ausdrücklich erwähnt - Modelbau oder Tierzucht, aber auch Denksport.

Schach ist Denksport und flog deshalb aus der Sportförderung, da die in der Definition bisher enthaltende Bestandsschutzregelung für das Schach in einer Neufassung auf Drängen des Innenministeriums mit einem Mal gestrichen wurde. In der Diskussion um diese Entscheidung wurde nachgewiesen, dass Schach vermutlich mehr Eigenmotorik des Sportlers aufweist, als dies beispielsweise beim Schießen oder sogar Gewichtheben der Fall ist. Aber Denksport war per definitionem ausdrücklich als unerwünscht genannt - also weg damit.

Eine Reihe von Schachfreunden, auch Politiker, setzte sich für das Schach ein, da sie im Gegensatz zu manchen Sportfunktionären und Sportbürokraten verstanden, dass Schach im kulturellen Selbstverständnis unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt und auch als Spitzensport förderungswürdig ist. Darüber kam es sogar zum Streit zwischen den Vertretern des Haushaltsausschusses des Bundestages und denen des Innenministeriums. Erstere setzten sich für die Förderung des Schachs ein, letztere wollten das Schach aus der Förderung gestrichen sehen.

Schach wird weiter gefördert

Nachdem den Vertretern des Deutschen Schachbundes zuvor schon mündlich bedeutet wurde, dass sie nun doch weiter mit einer Spitzensportförderung rechnen können, wenn auch nach neuen Richtlinien in reduziertem Rahmen, erfolgte beim Treffen der Mitgliedsverbände des DOSB am vergangenen Wochenende in Dresden auch die formale Korrektur. Der viel diskutierte Passus der "eigenmotorischen Aktivität" wurde aus den Anforderungskriterien der Sportförderung gestrichen, ist dort ja auch gar nicht notwendig, da die Formulierung ja schon in den Aufnahmekriterien des DOSB niedergelegt ist. Da die Schacholympiade als Mannschaftsweltmeisterschaft anerkannt wurde, muss der Schachbund auch nicht befürchten, deshalb aus der Sportförderung ausgeschlossen zu werden, weil die Weltmeisterschaft weniger als 20 Teilnehmerverbände umfasst. Auch dies ist nämlich eine Bedingung der neu gefassten "Förderrichtlinien". Von den früheren 135.000 Euro jährlich, die der Schachbund als nichtolympische Sportart aus dem Gesamtfördertopf des Innenministeriums in Höhe von 133 Mio. Euro als Förderung erhielt, sind nun für 2014 immerhin noch 95.000 Euro übrig geblieben. Zum Vergleich: Die olympischen Leichtathletikverbände erhielten zwischen 2008 und 2011 jährlich zusammen 5 Mio. Euro Spitzensportförderung. Aber nicht nur das Schach wird gestutzt. Die olympische Sportart Curling forderte mehr Fördergelder, um die geforderten Leistungsvorgaben erfüllen zu können, und wurde am Ende ganz aus der Förderung gestrichen. Dem Verband droht nun Insolvenz. Bei der Diskussion um die Menge der Zuwendungen der einzelnen Verbände geht es übrigens nicht etwa darum, dass gespart werden muss - das Innenministerium hat die Gesamtsumme sogar erhöht - , diskutiert wird um die Verteilung der Gelder innerhalb des DOSB. Der Betrag, der dem Schachbund gekürzt wurde, kommt nun andern Sportarten zu Gute.

Auf der Mitgliederversammlung des DOSB wurde einstimmig auch eine Entscheidung getroffen, die in Zukunft ebenfalls noch eine Menge Geld kosten wird, Geld das den einzelnen Sportverbänden fehlen wird. Der DOSB bewirbt sich nämlich - mit Rückendeckung des Innenministeriums  - um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028. Hamburg oder Berlin sollen Gastgeber der Spiele sein. Eine Initiative, sich mit der Region München für die Olympischen Winterspiele 2022 zu bewerben, scheiterte allerdings schon im letzten Jahr am Widerstand der Bevölkerung. In einer Befragung sprachen sich über 50 % in allen beteiligten Gemeinden gegen die Bewerbung aus. Diese wurde dann auch zurückgezogen, beziehungsweise nicht eingereicht. Anscheinend glaubt man im DOSB mit einer Bewerbung um die Sommerolympiade mehr Rückhalt in der Bevölkerung zu finden. Ob man sich in Berlin und Hamburg angesichts der dort vorhandenen Bauruinen Flughafen BER und Elbphilharmonie über eine neue Großbaustelle freuen wird, ist aber eher fraglich.

Zudem genießt das IOC einen mehr als fragwürdigen Ruf. Bei der Zuteilung des Mega-Events "Olympische Spiele" an bestimmte Bewerber sind Intransparenz und Korruption einflussreiche Faktoren. Für den Veranstalter ist die Ausrichtung von Olympischen Spielen zudem eine äußerst kostspielige Angelegenheit. So werden die Kosten für die letzten Olympischen Winterspiele in Sotschi alles in allem mit 50 Mrd. Euro beziffert. Der Nutzen für die Bevölkerung vor Ort steht dazu ein keinem vernünftigen Verhältnis. Sicher hätte man das Geld für nützlicher Dinge ausgeben können. Kommerzielle Nutznießer der "Spiele" ist einzig das IOC, das sich als Voraussetzung für die Vergabe an einen Ausrichter vom Gastgeberland unter anderem völlige Steuerfreiheit zusichern lässt. Inzwischen hat man die Einseitigkeit der TV-Mega-Show "Olympische Spiele" in vielen Ländern erkannt und verzichtet auf eine Bewerbung.

Auch die olympischen Sportarten selbst stehen in bestimmter Hinsicht unter Generalverdacht. Eine kürzlich von der ARD ausgestrahlte Dokumentation zum Thema Doping legt den Verdacht nahe, dass in vielen Verbänden, in diesem Fall in der russischen Leichtathletik, systematisch gedopt wird, zum Schaden der beteiligten Sportler. Neu ist dieser Verdacht allerdings nicht. 

OlympischeSpiele

Now for something completely different...

Wozu braucht ein Land, eine Stadt, überhaupt die Olympischen Spiele? Hier lässt sich der Bogen zurück zum Schach schlagen, wo man schon früh Erfahrungen mit derlei Großprojekten machen konnte, oder hätte machen können, und zwar in Wasjuki.

In dem russischen Schelmenroman "12 Stühle" von Ilja Ilf und Ewgeny Petrow jagen der Romanheld Ostap Bender, ein großer Gauner vor dem Herrn, und einige andere Figuren in der Frühzeit der Sowjetunion, den 1920er Jahren, hinter einem Diamantschatz her, der in einem von 12 Stühlen eingenäht ist. Die Stühle wurden einzeln verkauft und sind nun in alle Winde zerstreut. Einer der Stühle gerät in die Provinzstadt Wasjuki. Ostap Bender, der zur Finanzierung seiner Jagd ständig Geld braucht, gibt sich dort als Schachgroßmeister aus und will in Wasjuki gegen Eintritt eine Simultanveranstaltung geben. Außerdem hofft er von den Mitgliedern des örtlichen Schachklubs Geld zu erhaschen und schlägt ihnen ein fantastisches Projekt vor.

Eines von zahlreichen Ostap bender Denkmalen in Russland und der Ukraine

Das folgende Gespräch könnte auf ähnliche Weise, zum Beispiel auch vor dem Beschluss, eine Elbphilharmonie zu bauen geführt worden sein:

Der Interstellare Schachkongress

“Schach!“ sagte Bender, „Wissen Sie, was das ist? Schach bringt nicht nur die Kultur voran, sondern auch die Wirtschaft! Wissen Sie, dass der „Schachclub der vier Springer“, wenn Sie es geschickt anstellen, die Stadt Wasjuki völlig umkrempeln kann?“ ... Schach bereichert das Land! Wenn Sie meinem Projekt zustimmen, werden Sie auf Marmortreppen von der Stadt zum Hafen hinunter schreiten! Wasjuki wird die Hauptstadt von zehn Gouvernements! Was haben Sie früher von Semmering gehört? Nichts! Doch jetzt ist das Städtchen reich und berühmt, nur weil dort ein internationales Turnier abgehalten wurde. Darum sage ich: Wasjuki braucht ein internationales Schachturnier!“

Zu dem Turnier der Weltmeister werden Schachliebhaber aus der ganzen Welt anreisen. Hunderttausende reich mit Geld versehene Menschen werden nach Wasjuki strömen. Die Flussschifffahrt wird eine solche Menschenmenge nicht befördern können. Also muss der Volkskommissar für Verkehrswesen eine Bahnstrecke Moskau-Wasjuki bauen lassen. Das zum ersten. Punkt zwei sind die Hotels und Wolkenkratzer für die Unterbringung der Gäste. Punkt drei: Die Landwirtschaft wird sich in einem Radius von tausend Kilometern entfalten, denn die Gäste müssen versorgt werden mit Obst, Gemüse, Kaviar, Konfekt. Punkt vier der Palast, in dem das Turnier stattfinden wird. Punkt fünf der Bau von Garagen für die Besucherautos. Für die Übertragung der sensationellen Turnierergebnisse in alle Welt braucht Wasjuki einen Höchstleistungssender, das zum sechsten. Nun zur Eisenbahnstrecke Moskau-Wasjuki. Zweifellos wird ihre Umschlagkapazität nicht ausreichen, um alle Leute, die nach Wasjuki kommen wollen, zu befördern. Daraus ergibt sich der Bau des Flughafens Groß-Wasjuki, ein regelmäßiger Verkehr von Postflugzeugen und Luftschiffen in alle Ecken der Welt, einschließlich Los Angeles und Melbourne.

Blendende Perspektiven tun sich vor den Schachliebhabern von Wasjuki auf. Das Zimmer wird weit. Die verrotteten Wände des Gestüts fallen in sich zusammen, und an ihrer Stelle reckt sich ein dreiunddreißiggeschossiger Schachpalast aus Glas in den blauen Himmel. In jedem seiner Säle, in jedem Zimmer, selbst in den blitzschnellen Aufzügen sitzen nachdenkliche Menschen und spielen Schach. Marmortreppen führen hinunter zur blauen Wolga. Am Ufer haben Ozeandampfer festgemacht. In Drahtseilbahnen fahren pausbäckige Ausländer in die Stadt herauf: Schachladys, australische Anhänger der indischen Verteidigung, Hindus mit weißem Turban, die der spanischen Partie anhängen, Deutsche, Franzosen, Neuseeländer, Bewohner des Amazonasbeckens und natürlich Moskauer, Leningrader, Kiewer, Sibirier und Odessaer, alle voller Neid auf die Bewohner von Wasjuki.

Autos bewegen sich wie am Fließband zwischen den marmornen Hotels. Plötzlich stockt der Verkehr. Aus dem eleganten Hotel "Freibauer" tritt der Weltmeister José Raoul Capablanca y Granperra. Damen umschwirren ihn. Ein Milizionär in spezieller Schachuniform (karierte Reithose und Läufer auf den Kragenspiegeln) salutiert höflich. Würdevoll geht der einäugige Vorsitzende des Wasjukier "Schachklubs der vier Springer" zu dem Champion. Das Gespräch der beiden Koryphäen, in englischer Sprache geführt, wird unterbrochen durch die Landung Doktor Grigorjews und des künftigen Weltmeisters Aljechin. Begrüßungsrufe erschüttern die Stadt. José Raoul Capablanca Y Granperra runzelt die Stirn. Auf ein Zeichen des Einäugigen wird eine Marmortreppe an den Aeroplan geschoben. Dorktor Grigorjan kommt herabgelaufen, wobei er seinen neuen Hut schwenkt.
Da wird am Horizont ein schwarzer Punkt gesichtet. Er nähert sich rasch, wächst an und verwandelt sich in einen großen smaragdgrünen Fallschirm. Daran hängt wie ein großer Rettich ein Mann mit einem Köfferchen.
"Das ist er!' ruft der Einäugige. "Hurra! Hurra! Hurra! Ich erkenne den großen Philosophen des Schachs, den guten alten Lasker. Niemand sonst trägt solche grüne Socken" ...

Seien Sie guten Mutes, sagte Bender, "mein Projekt garantiert der Stadt einen unerhörten Aufschwung der Produktivkräfte. ... Die Einwohner Moskaus, die unter der Wohnungskrise leiden, werden in Massen in ihre wunderbare Stadt umziehen. Wasjuki wird in Neu-Moskau umbenannt, und Moskau in Alt-Wasjuki. ... Neu-Moskau wird die eleganteste Hauptstadt Europas, ja, der ganzen Welt." ... Ja! Und künftig auch des Weltalls! Die Schachidee, die eine Kreisstadt zur Hauptstadt des Erdballs verwandelt hat, wird zur angewandten Wissenschaft werden und Methoden interplanetarischer Kommunikation erfinden. Von Wasjuki werden Signale zum Mars, Jupiter und Neptun fliegen. ... Und wer weiß, vielleicht findet so in acht Jahren in Wasjuki das in der Geschichte erste interplanetarische Schachturnier statt." ...

"Ich wiederhole, dass im Grunde alles nur von ihrer Eigeninitiative abhängt. Die gesamte Organisation übernehme ich. Es entstehen überhaupt keine materiellen Kosten, abgesehen von den Ausgaben für die Telegramme."...

"Das machen wir! Das machen wir! ... Wieviel Geld brauchen wir denn ... na, für die Telegramme?"

"Eine lächerliche Summe", sagte Bender, "hundert Rubel!"

"Wir haben nur 21 Rubel und sechzehn Kopeken in der Kasse."

"Na schön, geben Sie mir zwanzig Rubel."

"Und das reicht?"

"Für die ersten Telegramme. Dann beginnt die Flut von Spenden und wir wissen nicht wohin mit dem Geld!" "

(Aus: Ilf, Petrow: Zwölf Stühle. Luchterhand, 2003)

 

Links:

Bericht über die DOSB-Mitgliederversammlung beim DSB...

Berichte zur Streichung der Schach-Sportförderung bei ChessBase...

Sportförderung:

ZDF: Medaillenzählerei oder Potenzialförderung...

Stern: Sportförderung in Zahlen...

IOC und Olympiabewerbung:

Süddeutsche: Ein bisschen Fußball bei der EM...

Aufbruchstimmung beim IOC (DOSB)...

Zeitplan für die Olympia-Bewerbung (DOSB)...

taz: Olympiabewerbung von Berlin...

Olympische Winterspiele 2022 (Wikipedia)...

Nolympia...

Stichwort IOC bei Nolympia...

Kosten der Olympiaden bei Nolympia...

Nolympia Hamburg...

 

IOC

Presse: Artikel über IOC in der NZZ (6.12.2014)...

Doping:

Süddeutsche: Entlarvt im eigenen Sumpf...

Spitzensportförderung:

Olympia: Das System Plansport

 

Der Interstellarere Schachkongress

Ilja Ilf, Jewgenyi Petrow: 12 Stühle

Kapitel 34: Der interplanetarische Schachkongress.

Englischer Text...

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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