Schach der digitalen Demenz

von ChessBase
07.07.2022 – Gerhard Köhler (Foto) war ursprünglich Banker, bevor er mit dem neugegründeten Unternehmen Orwo Net erfolgreich war. Seine besondere Lieben gilt dem Schach. Mit seinem Verein "Kinderschach in Deutschland" fördert Gerhard Köhler die Verbreitung des Schachspiels schon bei Kindern im Kindergartenalter. Die Leipziger Volkszeitung widmete dem Unternehmer ein Porträt.

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Nachdruck aus der Wirtschaftszeitung der Leipziger Volkszeitung mit freundlicher Genehmigung

Schach der digitalen Demenz

Das Hobby ist in seinem Büro allgegenwärtig. An den Wänden hängen Fotos, die ihn mit Größen wie Viktor Kortschnoi zeigen, in den Regalen stapeln sich die Schachbücher und 
Fachzeitschriften, Pokale können vom Besucher bewundert werden. Gerhard Köhler holt Hefte heraus. Darin hat er schon als kleiner Junge angefangen, Schachpartien aufzuschreiben, um sie später nachzuspielen. Seinen ersten Zug machte der gebürtige Ascherslebener schließlich bereits mit sechs Jahren. Heute zählt der 66-Jährige, der auch eine beeindruckende Karriere als Banker und Unternehmer vorweisen kann, in seiner Klasse zu den weltweit besten Schachamateuren. 

"Ich spiele pro Jahr ungefähr 50 Wettkämpfe", erzählt er, jeder einzelne dauert zwischen drei und fünf Stunden." Dazu kommen wöchentlich mehrere Trainingsstunden. "Da spiele ich unter anderem die Partien alter Meister nach." Ein Fleiß, der ihn zu großen Erfolgen geführt hat. So
holte er 1973 und ein Jahr später bei den DDR-Jugendmeisterschaften jeweils den dritten Platz. Später, als er das Schachspielen wieder intensiviert hatte, wurde er 2010 Sieger im Deutschland-Cup, 2016 gar auf der griechischen Insel Kos Amateur-Weltmeister in der
Wertungsgruppe A. "Das war mein größter Erfolg, darüber habe ich mich sehr gefreut", sagt der promovierte Volkswirt, der heute vor allem in Seniorenturnieren wie Landes-, Deutsche-,
Europa- und Weltmeisterschaften an den Start geht.

Nach Abitur, Armeedienst und Studium war er mehrere Jahre lang für die Staatsbank der DDR tätig und wurde 1988 Direktor der Handelsbankfiliale Leipzig. Nebenbei absolvierte er noch ein Studium der Hochschulpädagogik. Ursprünglich hatte er das Ziel, in der DDR Chefvolkswirt der Staatsbank zu werden. Doch die Einheit setzte seine Pläne schachmatt. "Die DDR war total abgewirtschaftet", erinnert er sich. "Das ging so nicht weiter, ich bin froh, dass die Wende gekommen ist." Sonst wären beispielsweise die Häuser in Leipzig verfallen.

Fotostandort Wolfen aus Insolvenz gerettet

Köhler orientierte sich beruflich um, blieb aber der Finanzbranche treu. So war er unter anderem in der Dresdner Bank Kreditbank AG zuständig für die Erstausstattung mit der D-Mark im ehemaligen Bezirk Leipzig. Später durchlief er eine Bankausbildung, war zuletzt Filialdirektor in Frankfurt/Oder. Im Jahr 2000 wechselte er als Finanzvorstand zum Fotodienstleister PixelNet AG in Wolfen, machte sich zwei Jahre darauf als Unternehmensberater selbstständig, um neun Monate später mit Partnern die Orwo Net GmbH zu gründen, um den traditionsreichen Fotostandort
aus der Insolvenz zu retten. Eine Erfolgsgeschichte, denn Köhler gelang es, mit seinen Mitstreitern ein erfolgreiches Unternehmen mit 340 Mitarbeitern zu formen. Das führt er auch
auf sein Hobby zurück. "Schach hat mir in meinem Leben sehr geholfen", sagt Köhler, der in Taucha wohnt. "Das Spiel fördert die Konzentration, das strategische Denken sowie die Kreativität." Alles Punkte, die auch in einem Unternehmen dringend benötigt werden.

Seit einiger Zeit ist der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern dabei, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Er ist Präsident von Kinderschach in Deutschland
und hat eine eigene Schachstiftung ins Leben gerufen. Da hat Köhler große Ziele. "Meine
Vision ist, jedem zweiten Kind ab vier Jahren das Schachspiel beizubringen." Das helfe besonders Kindern aus sozial nicht so gut aufgestellten Familien.

Sie sollen die Grundzüge in den Kitas und Grundschulen lernen, wozu wiederum Erzieherinnen und Erzieher in die Geheimnisse dieses königlichen Spiels eingeweiht werden
müssen. "Man benötigt keine Vorkenntnisse, wichtig ist die pädagogische
Seite." So ist geplant, im September im Landkreis Zwickau Erzieher(innen) von 20 Kitas zu schulen. Zwar haben schon Tausende Kinder in über 500 Kitas das Programm durchlaufen, "aber wir brauchen eine breite gesellschaftliche Unterstützung".

Umgang mit Sieg und Niederlage

Köhler sieht in seinem Projekt viele Vorteile. So lernten etwa Kita-Kinder auch aus benachteiligten Familien spielerisch Zahlen und Buchstaben sowie vernetztes Denken
und soziale Kompetenz – "durch den Umgang mit Sieg und Niederlage". 

Kindern mit Migrationshintergrund helfe es, die deutsche Sprache zu erlernen "Durch
das spielerische Miteinander werden Barrieren abgebaut." Ebenso könnten behinderte und
nichtbehinderte Menschen problemlos miteinander spielen. Das gelte auch für Jung gegen Alt.
Nicht zuletzt werde mit dem Projekt der "digitalen und systemaffinen Demenz", wie er es
nennt, der Kampf angesagt. Die Kinder wachsen mit Handy und Computern auf, viele werden durch bewegte Bilder ruhiggestellt. "Das kann in späteren Jahren zu einer sozialen Vereinsamung führen", warnt Köhler.

Viele Menschen gingen davon aus, dass das, was aus dem Taschenrechner oder Computer
komme, richtig sei. "Nur wenige hinterfragen das Ergebnis, setzen es nicht ins Verhältnis." Das sei eine gefährliche Entwicklung. "Man erarbeitet sich nichts selber, sondern man glaubt an eine Maschine." 

Schach biete hier einen aktiven Gegenpart, "steigert die kognitiven Fähigkeiten und beugt Demenz vor", sagt er mit Blick auf wissenschaftliche Studien. So haben Ärzte am Albert Einstein College of Medicine in New York herausgefunden, dass Schachspielen Alzheimer oder anderen Demenzformen vorbeugt.

Beim Schachspiel müssten regelmäßig Entscheidungen getroffen werden. "Das kann man dabei gut lernen." Und wenn das Ergebnis dann nicht so gut sei, "muss man trotzdem versuchen, das Beste daraus zu machen und nach Niederlagen wieder aufzustehen."

Wer sich nicht festlegen wolle, "wird keinen Erfolg haben im Leben", ist die feste Überzeugung des Unternehmers.

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