Schach im Berg: Interview mit Organisator Ronald Wilhelm

07.02.2012 – Wenn der Berg ruft, muss man nicht unbedingt auf ihn hinauf klettern - man kann auch mit der Grubenbahn einfahren. In Annaberg-Buchholz hatte Ronald Wilhelm die Idee im Museums-Stollen ein Blitzturnier auszurichten, was von den Schachfreunden mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Im Interview mit Dr. René Gralla spricht der Organisator über die Ursprünge des Schachs in Annaberg und die besonderen Bedingungen beim Untertage-Schach: Manchmal tropft es von der Decke, aber Helmpflicht besteht nur bei der Einfahrt. Turnierbericht...Zum Interview....

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UNTERIRDISCHES SCHACH MAL RICHTIG KLASSE -
BEIM "SCHACH IM SCHACHT" IM ERZGEBIRGE: 

AB IN DIE GRUBE MIT DEN (SCHACH-)KÖNIGEN ...
Von Dr.René Gralla

Das ist eine echte Premiere gewesen in der deutschen Schachszene: Zum ersten Mal wurde ein komplettes Turnier unter die Erde verlegt. Um ihr 150-jähriges Gründungsjubiläum zu feiern, haben die Denksportfans in Annaberg-Buchholz/Erzgebirge ein Blitz-Open im Besucherbergwerk "Markus-Röhling-Stolln" organisiert. Den verrückten Wettbewerb "Schach im Schacht" hatte sich der IT-Berater Ronald Wilhelm ausgedacht. Im ChessBase-Gespräch mit dem Hamburger Autor Dr. René Gralla zieht der 55-jährige eine Bilanz dieser unterirdischen Aktion - wobei sich das Attribut allein auf die Lage des Spielsaals bezieht. Über dem türmten sich nämlich Respekt einflößende 100 Meter Gestein.

DR. RENÉ GRALLA: Schach in der Grube – da muss man erst einmal drauf kommen!

RONALD WILHELM: Bei uns im Klub gibt der lettische Großmeister Zigurds Lanka regelmäßig Trainingsstunden. Neben Schach stehen die Attraktionen der Umgebung auf dem Programm, und deswegen sind wir irgendwann auch in den Markus-Röhling-Stolln eingefahren. Und GM Lanka war dermaßen begeistert, dass die Idee geboren worden ist: Hier veranstalten wir ein Schachturnier. Und mit unserem Gründungsjubiläum hat sich jetzt endlich der passende Anlass geboten.

Dr. R.GRALLA: Obwohl Bergbau ja primär etwas für Arbeiter der Faust ist – im Gegensatz zum eher schöngeistigen Schachspiel!

R.WILHELM: Klar, die Leute, die unter Tage richtig schuften mussten, die Knappen oder Hauer, die haben es schwer gehabt, und nach Feierabend blieb wohl kaum  mehr Kraft für andere Aktivitäten. Andererseits sind gerade im Markus-Röhling-Stolln während der Jahrhunderte, als dort Silbererz gefördert wurde, riesige Schöpfräder zur Entwässerung installiert worden, und das hat jeweils mehr als 50 Jahre gedauert, bis ein entsprechendes Ding fertig war. Die Planung hat demnach eine unglaubliche Präzision erfordert – nicht zuletzt, weil derjenige, der den ersten Entwurf gezeichnet hatte, nach 50 Jahren schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilte - , und das begründet nun doch eine innere Verbindung zum Schach, das ebenfalls präzise Planung verlangt.

DR. R.GRALLA: Überdies hat es in der Region eine aktive Arbeiterschachbewegung gegeben …

R.WILHELM: … das ist richtig. Wobei der Ehrlichkeit halber eingeräumt werden muss, dass die Leute, die den Schachclub Annaberg-Buchholz gegründet und seinen Geist geprägt haben, der Schicht der lokalen Honoratioren entstammten. Das waren Fabrikanten, Lehrer oder Ärzte. In Annaberg selber ist das Arbeiterschach erst relativ spät präsent gewesen, nämlich ab 1928, und nach ihrer Machtergreifung 1933 haben die Nazis das im Zuge der Gleichschaltung sofort wieder beendet.  

DR. R.GRALLA: Zum Turnier eingefahren in den Schacht sind 61 Schachfans. Die jüngste Teilnehmerin war dem Vernehmen nach gerade mal sieben Jahre alt.

R.WILHELM: Korrekt, sie heißt Luise Schnabel und ist mit Vater und Bruder eigens aus Berlin angereist. Der älteste Teilnehmer war der 72-jährige Schachfreund Heinz Bunk aus Chemnitz.

DR. R.GRALLA: Beim Turnier bestand sicher Helmpflicht?

R.WILHELM: Nur während der Einfahrt mit der Grubenbahn.

DR. R.GRALLA:  Wo haben Sie die Schachbretter aufgebaut?

R.WILHELM: Im ehemaligen Maschinenraum, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Ägide der SDAG Wismut angelegt worden ist, als in Annaberg-Buchholz kurzfristig nach Uran gegraben wurde.   

DR. R.GRALLA: Sind die Wände des Spielsaals verschalt oder sonstwie gesichert gewesen?

R.WILHELM: Nein, das ist der blanke Fels. Und es hat auch von der Decke getropft, und zwar ausgerechnet an der Stelle, wo mein Computer stand, mit dem ich die Rundenpaarungen bestimmt habe. Es gibt kein Vertun, der Berg lebt!

DR. R.GRALLA: Vermutlich gab es manch bangen Blick nach oben?

R.WILHELM: Das ist mir nicht aufgefallen.

DR. R.GRALLA: Auf jeden Fall war es bestimmt recht frostig im Stollen!

R .WILHELM: Die aktuellen Wintertemperaturen draußen sind deutlich frischer, unter Tage herrschen konstant zwischen acht und zehn Grad plus. Abgesehen davon hat sowieso niemand gefroren, wir standen schließlich alle unter Dampf, dafür sorgte der Blitzmodus des Turniers, 5 Minuten pro Spieler und Partie. Durch unsere Eigenwärme haben wir den Raum tüchtig aufgeheizt, das waren gefühlte 13 Grad, mindestens!

DR. R.GRALLA: Haben Sie die Spieler hinterher mit dem Geigerzähler untersucht?

R .WILHELM: Weil hier früher mal Uran abgebaut worden ist?! Nein, heute strahlt nichts mehr. Vergessen Sie nicht, dass die Wismut bereits nach zwei Jahren den Schacht wieder aufgab, weil die Ausbeute einfach zu gering gewesen ist.

DR. R.GRALLA: Wird es 2013 eine zweite Auflage von "Schach im Schacht" geben?

R.WILHELM: Viele haben mir hinterher gesagt, dass ich sie für das nächste Jahr unbedingt vormerken soll.

 

 

 



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