Schachnostalgie

14.08.2006 – Der Londoner Club Simpsons-in-the-strand hat sich zweifach in die Geschichte des Schach seingebrannt. Hier fand 1851 das von Howard Staunton organisierte erste große internationale Turnier der Schachgeschichte und hier wurde am Rande des Turniers die berühmte Partie zwischen Adolf Anderssen und Lionel Kieseitzky gespielt, die wegen einer Reihe von hübschen Motiven als die "Unsterbliche" in die Schachgeschichte eingegangen ist, übrigens dank der Bemühungen des Unterlegenen. Nachdem es noch einige Turnier gegeben hatte, war die Schachtradition irgendwann vergessen und die Schachspieler ausgeschlossen. Das Restaurant im Herzen von London und unweit der Themse existiert immer noch. Vor drei Jahren wurde hier das Staunton Memorail ausgetragen und inzwischen legt man wieder großen Wert auf die eigen Schachhistorie. Frank Mayer schwelgt in Nostalgie. Mehr...

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Rückkehr in die Vergangenheit: ein Schachclub im Herzen des “alten” London
von Frank Mayer


 

1828 The Grand Cigar Divan
– das Zuhause des Schachs


Ein romantischer und geschichtlich interessierter Schachfreund muss einfach hin und wieder einmal in die vergangenen Zeiten “eintauchen”. Weder möchte sich der heutige Besucher als Überlebender des verlorenen Paradieses präsentieren noch als visionärer Zeuge des goldenen Schachzeitalters, das sich über die Zeiten den Mythos und das ureigene Bild der Figuren “unseres” Spieles verewigt hat. Aber die echte und unverfälschte Erinnerung, die man im Geist behält, bricht einfach durch und gipfelt in der Freude, dass man einen Ort wie diesen besuchen darf, sei es auch nur für eine kurze Weile:



Im Jahre 1828 eröffnete Samuel Reiss den “Grand Cigar Divan”, der sich bald als Modekaffee entwickelt, wo die feinen Herren, auf lockeren Divanen sitzend, ihre Zigarren rauchten, während sie Kaffee trinkend die Tageszeitungen lasen, lange Diskussionen über die aktuelle Politik entfachten und Schach spielten.

Die abonnierten Gäste zahlten jährlich eine Guinea mit dem Anrecht, Kaffee zu trinken und die hauseigenen Einrichtungen zu benutzen. Der tägliche Eintritt kostete 2,5 Pennys bzw. 9 Pennys einschließlich Kaffee und Zigarre. Schon bald wurde das Lokal ein bevorzugter Treffpunkt fuer die Londoner Schachfreunde. Darüber hinaus wurden sogar Partien zwischen verschiedenen Kaffeehäusern der Stadt vereinbart.

Die beauftragten Boten liefen gehetzt von Ort zu Ort hin- und her, um immer wieder die Nachricht des neuesten Zuges zu überbringen. Im Jahre 1848 nahm Inhaber Samual Reiss Mr.John Simpson, einen Lieferanten für Speisen und Getränke, als Teilhaber auf, wodurch dann das Geschäftslokal in “Simpon’s Grand Divan Tavern” umbenannt wurde.



Das Restaurant entwickelte sich schnell in eines der Topadressen von London, in dem ausgezeichnete Köstlichkeiten kulinarischer Art angeboten wurden. Darüber hinaus wurde es zum Ort der Begegnung berühmter Persönlichkeiten wie Schriftsteller und Politiker (Charles Dickens, William Gladstone, Benjamin Disraeli u.a.).

Im Laufe der folgenden Jahre bedeutete Simpson’s in der Schachwelt das, was Wimbledon für Tennis oder Lord’s Home für Kricket war. Fast alle der Topspieler 19. Jahrhunderts traten dort mehr oder weniger oft in Erscheinung: Wilhelm Steinitz, Paul Morphy, Emanuel Lasker, Johannes Zuckertort (der während einer Partie einen Gehirnschlag erlitt) und Siegbert Tarrasch, um nur einige von ihnen zu nennen.

1810 – 1874 Howard Staunton

Aber während all dieser Jahre war es eigentlich Howard Staunton, der beste englische Schachspieler der Geschichte, der als wahrhaftiger und unermüdlicher Förderer die meisten Partien, Turniere und sonstige Schachereignisse veranstaltete. Ihm ist auch die Vereinigung der Kriterien innerhalb der Regeln und Vorschriften, einschliesslich der Zeitbegrenzung bei den Partien, zuzuschreiben und zu verdanken.

Howard Staunton war:

- inoffizieller Schachweltmeister von 1843-1851
- seine beste historische Elozahl betrug 2.706*, die er im November 1846 erzielte.

Courtesy Howard Staunton Society

Eine kleine Biographie: Howard Staunton wurde im April 1810 in Westmoreland  (England) geboren. 1836 kam er nach London und 1838 schrieb er sich in den Old Westminster Chess Club ein. 1840 gewann er ein Match gegen den deutschen Meister H.W. Popert. Von Maerz bis Dezember desselben Jahres übernahm er die Schachspalte in der “New Court Gazette”.

Im Jahre 1841 gründete und gibt er die erste englische Schachzeitschrift “The Chess Player Chronicle” heraus, dessen Einfluss sich äusserst positiv auf das britische Schach und Turnierschach im allgemeinen auswirkte.

Im Jahre 1843 verlor er in London eine Serie von Partien mit dem Ergebnis +2 =1 - 3 gegen Saint-Amant, der seinerzeit als der beste französische Schachspieler angesehen wurde. Im November des gleichen Jahres reiste Staunton nach Paris und gewann dieses Mal +11 =4 -6, wobei er ein Preisgeld von 100 engl. Pfund entgegennehmen konnte. Erstmalig durften Sekundanten wie Wilson, Evans und Worrell den Spielern zur Verfügung stehen.

Staunton stellte bei dieser Gelegenheit “seine” englische Eroeffung (1.c4) vor, die er später dann systematisch  anwendete. Außerdem entwickelte er sich als ein Revolutionär des Fianchettos und des Spieles auf der Basis der großen Diagonalen. Eine Variante der holländischen Verteidigung trägt ebenfalls seinen Namen: “das Staunton Gambit”.

Die Veröffentlichung des Schachlehrbuches“ The Chess-Player’s Handbook” erfolgte im Jahre 1847, dessen Abbildung nachstehend gezeigt wird:




1851 Internationales Turnier

Eines der von Staunton erreichten herausragenden Ziele war die Organisation des ersten Internationalen Schachturnieres im Jahre 1851, anlässlich der Weltausstellung für Kunst und Industrie in London durchgefüht. Dank der Spenden seiner Schachfreunde in England und den Kolonien konnte Staunton dieses Turnier finanzieren. Dem Organisationskomitee gehörten die wichtigsten Persönlichkeiten der Londoner Gesellschaft an.

Der vermögende Schachklub St. George übernahm die Einladung der besten europäischen Spieler. Schließlich wurden 16 Spieler für das Turnier benannt, worunter sich auch der deutsche Meister Adolf Anderssen und der französische Meister Lionel Kieseritzky befanden. Staunton, als Favorit ins Rennen ging, verlor gegen Anderssen. Dieser gewann dann überraschend das Turnier gewann, während Staunton nur den 4. Platz erreichte. Während dieses Turniers war es übrigens üblich, dass die Partien über 12 bis 16 Stunden andauerten, da ohne Uhr und ohne Zeitbegrenzung gespielt wurde. Alle Partien des Turniers wurden “Simpson’s” gespielt.
 

Fotos:



Rosenbaum’s “Chess-picture” 1880


andere namhafte Spieler des 19. Jahrhunderts


Das wohl berühmteste Schachbrett der damaligen Zeit

Eine der unvergesslichen Partien der Schachgeschichte “Die unsterbliche Partie” wurde während dieses Turniers ebenfalls dort gespielt:

Nachstehend die Aufzeichnung:

Anderssen,Adolf - Kieseritzky,Lionel [C33]
London 'Immortal game' London, 1851

1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Lc4 Dh4+ 4.Kf1 b5 5.Lxb5 Sf6 6.Sf3 Dh6 7.d3 Sh5 8.Sh4 Dg5 9.Sf5 c6 10.g4 Sf6 11.Tg1 cxb5 12.h4 Dg6 13.h5 Dg5 14.Df3 Sg8 15.Lxf4 Df6 16.Sc3 Lc5 17.Sd5 Dxb2 18.Ld6 Lxg1 19.e5 Dxa1+ 20.Ke2 Sa6 21.Sxg7+ Kd8 22.Df6+ Sxf6 23.Le7# 1–0




Die darauf folgenden Jahre

Letztendlich verlor Staunton auch noch ein Match gegen Lasa, +4, -5, =3. Laut den Chroniken verbot es ihm seine Eitelkeit, weiter an internationalen Turnieren teilzunehmen. Im Jahre 1858 wurde er von Paul Morphy herausgefordert, aber Staunton vermied auch diese Begegnung und widmete sich der Veröffentlichung mehrerer Werke über Shakespeare. Erstaunlich war, dass er dann 1860 ein Schachbuch mit einigen von ihm kommentierten Partien über Paul Morphy veröffentlichte. Staunton sind auch die Schachfiguren zu verdanken, die seinen Namen tragen:



Schliesslich starb er am 22 Juni 1874 an einem Herzanfall in London.



Foto: Howard Staunton Society


Natürlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass bei “Simpson’s” später die großen Turniere von 1883 und 1899 und das erste internationale Frauenturnier stattfanden.

1903 – Strukturwechsel des Unternehmens

Mit der voranschreitenden Industrialisierung, insbesondere des Automobiles, trat “Simpson’s” in eine Phase der Umorganisation, die eine zeitweilige Schließung zur Folge hatte. Die Savoy-Gruppe erwarb das Local 1904, um es wieder unter dem neuen Namen “Simpson’s-in-the-Strand” zu eröffnen. Leider waren die Schachspieler dort nun nicht mehr willkommen. Dies war einer der Gründe, warum London seine Rolle als eines der führenden Schachzentren an Wien und Berlin abgab.

Ein gewisser Trost

Allerdings wurde im Jahre 2003 wieder ein kleineres Turnier ausgetragen anlässlich des 175. Jahrestages des Lokales als Schachzentrum. Dieses Turnier wurde in Erinnerung an den inoffiziellen Schachweltmeister Howard Staunton mit “The Staunton Memorial” benannt.


Der Spielsaal


Die Teilnehmer waren:
- GM Jon Spielmann, Halbfinalist der Weltmeisterschaft 1989
- GM Luke Mcshane, Mitglied der englischen Olympiamannschaft
- GM John Emms, Kapitän der englischen Olympiamannschaft
- David Howell, 12 Jahre alt und der “Grossmeister-Killer”

Jon Speelman wurde Sieger mit 4,5 Punkten.

Diese Tradition des “Memorials” wird nun jedes Jahr wieder bei “Simpson’s” fortgesetzt. Als eine erfreuliche Überraschung war festzustellen, dass das Restaurant “Simpson’s”, eines der besten und teuersten der Stadt, dem Wunsch der Gäste nachkommt, wenn man eine Schachpartie ‘vor Ort’ spielen möchte, und antike und historische Figuren mit Schachtisch zur Verfügung stellt.

Wir wurden äußerst freundlich und aufmerksam von der Archivarin der Savoy-Gruppe, Mrs. Susann Scott, betreut. Am Ende des Besuches sprachen wir unseren ganz besonderen Dank aus, ebenso schon vorab im Namen der Internetseiten für Schachnachrichten, die diesen Artikel veröffentlichen.

Schlussbetrachtung



Die Zeiten wandeln sich und die Schachwelt wird sich weiter entwickeln und wachsen, aber sicher dank der durch die unvergessenen Meister geschaffenen Fundamente im goldenen Zeitalter der vergangenen Jahrhunderte. Beim Wiederauftauchen in die gegenwärtige Zeit, nach diesem kurzen Ausflug in die Geschichte, spürte ich eine starke Wehmut mit einem Hang zur Melancholie.



Meine Gedanken sträubten sich, wieder in die Gegenwart zurückzukehren….

London, den 4. August 2006
 

Simpsons’s-in-the-Strand
100 Strand
London WC2R OEW
Telefon: 020 7836 9112 – Fax: 020 7836 1381
e-mail: info@simpsons-in-the-strand.co.uk
Webseite:
www.simpsons-in-the-Strand.com

Quellen:
Wikipedia
Chessbase


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