Schacholympiaden

21.01.2008 – Mit der Schacholympiade in Dresden ist zum fünften Mal nach Hamburg (1930), München (1958), Leipzig (1960) und Siegen (1970) eine deutsche Stadt Gastgeber dieses großen Schachturniers. Mit fast 150 Nationen und etwa 1500 Spielern ist der Mannschaftswettbewerb heute eines der größten internationalen Sportveranstaltungen überhaupt. Angefangen hat alles jedoch in weitaus bescheidenerem Rahmen. Frank Große gibt bis zum großen Ereignis im November einen Überblick über die Geschichte der Schacholympiade. Sie beginnt im Jahr 1924 in Paris. Mehr...

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Die Geschichte der Schacholympiade – Teil 1: Wie alles begann
Von Frank Große

Paris im Sommer 1924. Frankreich hält in seiner Hauptstadt die VIII. Olympischen Sommerspiele (04. Mai – 27. Juli 1924) ab und der französische Schachbund organisierte im Rahmen dieser Sportveranstaltung ein Einladungsturnier mit 54 Teilnehmern aus 18 Ländern. Im Rahmen dieses Turnieres beschlossen die Teilnehmer eine Idee in die Tat umzusetzen, die bereits mehrfach vor dem ersten Weltkrieg Grundlage zahlreicher Überlegungen war: die Gründung eines weltweiten Dachverbandes. So geschah es, dass am 20. Juli 1924 (der letzte Finaltag der erste inoffiziellen Schacholympiade) der Grundstein für die Gründung der Weltorganisation FIDE (Fédération internationale des Echecs) gelegt wurde. Pierre Vincent, der Leiter der französischen Schachföderation gab selbige bekannt. Alexander Rueb, der die Niederlande beim Turnier in Paris vertrat wurde erster Präsident der FIDE und hielt dieses Amt bis 1949 inne.


Alexander Rueb, der erste Präsident des Weltschachverbands FIDE
(www.chesshistory.com, mit bestem Dank an Edward Winter)

Der Austragungsmodus der Veranstaltung in Paris wich stark vom  heutigem Verfahren ab und ist auch einer der Gründe, warum das Turnier von Paris sich nicht in die Reihe der offiziellen Olympiaden (die ab 1927 begannen) einreiht: 9 Vorrundengruppen zu je 5 Spielern ermittelten ihre Gruppensieger, die in einer Finalrunde im „Hotel Majestic“ aufeinander trafen, um dort im Spiel „Jeden gegen Jeden“ den Gesamtsieger zu ermitteln. Hier konnte sich der Lette Hermann Mattison (5,5 aus 8) gegenüber seinem Landsmann Franz Apscheneek (5 aus 8) und dem früh verstorbenen Edgard Colle (4,5 aus 8) aus Belgien durchsetzen. Der spätere Weltmeister Max Euwe aus den Niederlanden traf auf dem geteilten vierten Platz ein. Mattison erhielt für seinen Erfolg den Titel des „Amateur-Weltmeisters“, denn die Topspieler waren keine Teilnehmer dieser Veranstaltung. Dies war aber bedingt an der Bezeichnung, die „Tournoi International d‘ Amateurs“ lautete und bei der somit auch nur für Amateurspieler zugelassen waren. Auffällig auch, dass von den bedeutenden Schachnationen der damaligen Zeit Russland, Deutschland und Österreich fehlten. Zwei in Paris lebende russische Emigranten (die Oktoberrevolution war Ursache hierfür) stellten letzten Endes die russische Mannschaft, die den vorletzten Platz in der Mannschaftswertung belegte …


Edgar Colle gegen Hermann Mattison in Ihrer Partie in Paris 1924

Abschlusstabelle Finalrunde Paris 1924 (1)

Alle Spieler, die sich nicht für die Finalrunde qualifizierten spielten im Schweizer System ein sogenanntes Klassifikationsturnier, dass der Tscheche Karel Hromadka für sich entscheiden konnte. Hierfür wurden aber auch die Punkte aus der Vorrunde hinzuaddiert. Der Mannschaftssieger, im Geiste der Olympiade wurde ermittelt, indem die Punkte aller Spieler eines Landesverbandes aus Vor- und Finalrunde zusammenaddiert wurden. Diese Verfahrensweise war aber nicht gerecht, da den Nationen (Mannschaften) unterschiedliche viele Spieler angehörten. Jedes Land durfte ein Kontingent von maximal vier Spielern stellen. So gelangten Nationen wie Kanada, Irland oder Jugoslawien auf magere 13 Partien, während die Länder auf dem Podest mit 52 Partien das Vierfache aufweisen konnten. Raj Tischbierek (2) merkt hierzu an: „So sind die mit drei Akteuren erzählten 27,5 Zähler der vierplatzierten Letten (Apscheneek 10, Mattison 9.5, Behting 8) wesentlich höher einzuschätzen als die 31 Punkte der siegreichen Tschechoslowaken (Hromadka 9.5, Schulz 9, Vanek 6.5, Skalicka 6).“ Sieger wurde die Tschechoslowakei, vor Ungarn und der Schweiz, wie die nachfolgende Abschlusstabelle beweist:

Abschlusstabelle Nationen Paris 1924 (1)


Teilnehmer der 1. Inoffiziellen Schacholympiade 1924 in Paris

Den Preis für die beste Partie erhielt Jan Schulz:

Schulz,Jan CSR2 - Sterk,Karoly HUN2 [D35]
olm final B Paris FRA (4), 1924

1.c3 e5 2.d4 exd4 3.cxd4 Sf6 4.Sc3 d5 5.Sf3 Le7 6.Lf4 c6 7.Dc2 Sbd7 8.h3 Da5 9.e3 Se4 10.Sd2 Sdf6 11.Sb3 Dd8 12.Ld3 0–0 13.0–0 Sxc3 14.bxc3 Te8 15.Sd2 h6 16.c4 Lb4 17.Sf3 Ld6 18.Lxd6 Dxd6 19.c5 Dc7 20.Se5 Sd7 21.f4 Sf8 22.Tf3 f6 23.Sg6 Ld7 24.Sh4 Te7 25.Lf5 Le8 26.Ld3 Ld7 27.Taf1 Tae8 28.Df2 Kh8 29.g4 Tf7 30.Sg6+ Kg8 31.Dh4 Se6 32.Dh5 Da5 33.g5 fxg5 34.Se5 Tee7 35.Sxf7 Txf7 36.fxg5 Txf3 37.Dxf3 Dd8 38.Df7+ Kh8 39.h4 Db8 40.Kg2 De8 41.gxh6 g6 42.h5 1–0

Edith Holloway aus Großbritannien war die einzige (und somit erste) Frau dieser Veranstaltung. Sie konnte ihren ersten Sieg gegen Peter Potemkine aus Russland verbuchen. Bis 1950 waren Frauen bei den offiziellen Olympiaden nicht zugelassen und selbige erhielten erst 1957 ihren eigenen schacholympischen Wettstreit. Seit 1976 spielen Damen und Herren ihre Turniere zur selben Zeit am selben Ort.


 Edith Holloway (1868 – 1954)

Holloway,Edith GBR3 - Potemkine,Peter RUS1 [B00]
olm final B Paris FRA (7), 1924

 1.e4 b6 2.d4 Lb7 3.Ld3 f5 4.f3 fxe4 5.fxe4 g6 6.Le3 e6 7.Sf3 Sf6 8.Sbd2 Sg4 9.De2 Sxe3 10.Dxe3 Lg7 11.0–0 Sc6 12.c3 0–0 13.Tf2 Se7 14.Taf1 d5 15.Sg5 Txf2 16.Dxf2 Dd7 17.Df7+ Kh8 18.Sxe6 Tg8 19.e5 Lc8 20.Sxg7 Txg7 21.Df6 Sf5 22.Sf3 De7 23.Te1 Kg8 24.Dc6 Le6 25.Da8+ Df8 26.Dxa7 g5 27.Lxf5 Lxf5 28.Db7 Le4 29.Sd2 c5 30.Dxb6 Tf7 31.De6 cxd4 32.Sxe4 dxe4 33.cxd4 Db4 34.Tf1 Dxd4+ 35.Kh1 Dd7 36.Dxf7+ 1–0

Budapest 15. – 17. Juli 1926. Zwei Jahre waren seit der Gründung der FIDE und der ersten inoffiziellen Schacholympiade verstrichen, bis in Budapest (Ungarn) eine weitere Veranstaltung, die ausschließlich für Amateure zugänglich war veranstaltet wurde. Diese stand jedoch unter keinem guten Stern, da zeitgleich ein starkes Meisterturnier (1. FIDE Masters) mit u. a. Grünfeld, Rubinstein und Kmoch ausgetragen wurde. Dafür kam ein neues System zur Anwendung, dass dem heutigen Austragungsmodus sehr verwandt ist: vier Spieler pro Mannschaft und Runde.

Gerade einmal vier Mannschaften (Österreich und Tschechoslowakei hatten abgesagt) stritten um den Sieg, den das Gastgeberland Ungarn erringen konnte. Dabei zeichnete sich das Teilnehmerfeld auch qualitativ eher schwach aus, was sich insbesondere auf die deutsche Mannschaft aus finanziellen Gründen (Wiener Schachzeitung 15/1926) mit einem letzten Platz auswirkte:

Abschlusstabelle Budapest 1926 (1)

Deutschland wurde auf dem tagenden FIDE-Kongress in den Weltschachbund aufgenommen und das FIDE-Masters konnte Ernst Grünfeld (Österreich) vor Mario Monticelli aus Italien gewinnen.


 Das 1. FIDE-Masters lief der inoffiziellen Olympiade den Rang ab …

London 1927 – die erste offizielle Schacholympiade

London 18. – 29. Juli 1927. Was heutzutage als erste offizielle Schacholympiade in den Chroniken vermerkt wird, war den damaligen Protagonisten nicht gewahr, denn diese Einstufung wurde erst nach 1945 vorgenommen. Der Umstand, dass mit 16 teilnehmenden Ländern (gegenüber 4 von Budapest) in der Westminster Central Hall fast alle damaligen Mitglieder der FIDE Teilnehmer waren gab den Ausschlag dafür diese Veranstaltung zur ersten offiziellen Schacholympiade zu küren.

Das Reglement von Budapest 1926 wurde übernommen mit der Erweiterung, dass es jeder Mannschaft freigestellt war einen Ersatzmann zu nominieren. Diese Option wurde unterschiedlich genutzt, da der Veranstalter vier Spieler einlud und die Kosten für den zusätzlichen Mann selbst vom jeweiligen Verband getragen werden mussten. Insgesamt 6 Teams machten von diesem Recht Gebrauch: Österreich, Tschechoslowakei, Großbritannien, Ungarn, Niederlande und die Schweiz. Die Reihenfolge beim Aufstellen der Spieler spielte keine Rolle und konnte im Laufe des Wettkampfes variiert werden. Eine positive „Neuerung“ war der Effekt, dass sich namhafte Spieler der damaligen Elite beim Wettkampf einfanden. So fehlten zwar noch Capablanca und Aljechin (die sich wahrscheinlich auf das zwei Monate später stattfindende WM-Match in Buenos Aires vorbereiteten) und auch Lasker, aber mit Maroczy, Grünfeld, Tarrasch, Reti und Euwe war namhaften Prominenz präsent. Mit 70 teilnehmenden Spielern wurde gegenüber Paris und Budapest eine deutliche Steigerung erzielt. Von „großen“ Schachnationen der damaligen Zeit sind nur Polen und die USA nicht vertreten, da diese die Anmeldefrist überschritten. Diese Olympiade ist auch die ‚Geburtsstunde‘ des Hamilton-Russel-Pokals (der bis heute ein Symbol der Schacholympiade ist), der von dem gleichnamigen englischen Mäzen gestiftet wurde und als Wanderpokal dem Siegerteam bis zur nächsten Olympiade überreicht wird.

Ungarn mit dem überragenden Geza Maroczy (er erreichte 75% [9 aus 12] am ersten Brett) war die erste Nation, die den Pokal entgegennehmen konnte, denn mit viel Elan konnten die erste Turnierhälfte dominiert werden und der erarbeitete klare Vorsprung (mit bis zwischenzeitlich bis zu 3 Punkten) hielt bis weit in die zweite Phase an, bevor Dänemark vor der letzten Runde die Ungarn einholte. Dänemark (mit nur mit vier Spielern angereist) siegte im direkten Vergleich überraschend mit 3:1. Doch im finalen Spiel machten die Ungarn mit einem 3:1 über Spanien alles klar, da Dänemark sich mit einem 2:2 gegen Belgien begnügen musste. Der bis dato international unbekannte Däne Holger Norman-Hansen teilte sich mit Sir George Thomas (England) den Preis des besten Einzelresultates, da beide Spieler 80 Prozent (12 aus 15 Punkten) erreichten. Die deutsche Mannschaft (die als einzige permanent in derselben Brettreihenfolge spielte) mit Tarrasch, Mieses, Carls und Wagner erreichte im Vergleich zu Budapest 1926 einen zufriedenstellenden sechsten Platz, der durch die Teilnahme von Lasker und Bogoljubow wahrscheinlich deutlich übertreffbar gewesen wäre.


Abschlusstabelle London 1927

 


Atmosphäre während der Turniertage in London

Den ersten Schönheitspreis teilten sich folgende Partien:

Yates,Frederick ENG - Asztalos,Lajos YUG [C98]
1st olm final London ENG (5), 21.07.1927

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0–0 9.h3 Sa5 10.Lc2 c5 11.d4 Dc7 12.Sbd2 Sc6 13.d5 Sd8 14.Sf1 Se8 15.g4 g6 16.Sg3 Sg7 17.Kh2 f6 18.Le3 Sf7 19.Tg1 Ld7 20.Tg2 Kh8 21.De2 Tg8 22.Sd2 Dc8 23.Tag1 a5 24.f3 b4 25.c4 Db7 26.Kh1 Taf8 27.h4 Dc8 28.h5 g5 29.h6 Se8 30.Sf5 Ld8 31.Th2 Tg6 32.Tg3 Lxf5 33.exf5 Txh6 34.Txh6 Sxh6 35.Dh2 Sg8 36.Th3 Tf7 37.La4 Le7 38.Se4 Dd8 39.Kg1 Sc7 40.Df2 Sa8 41.Th1 Sb6 42.Lc6 Lf8 43.b3 Tg7 44.Dh2 Le7 45.Dh5 a4 46.Kg2 Db8 47.Le8 Dd8 48.Lg6 h6 49.Lf7 Lf8 50.Lxg8 Txg8 51.Df7 Lg7 52.Dg6 Tf8 53.Lxg5 1–0

Gruenfeld,Ernst AUT - Euwe,Machgielis NED [E11]
1st olm final London ENG (2), 19.07.1927

1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.c4 Lb4+ 4.Ld2 De7 5.g3 0–0 6.Lg2 Lxd2+ 7.Sbxd2 d6 8.0–0 e5 9.e4 Lg4 10.d5 Dd7 11.Db3 b6 12.c5 Se8 13.c6 Dc8 14.Sh4 a5 15.f3 Lh3 16.f4 Sa6 17.Dc3 exf4 18.gxf4 Lxg2 19.Sf5 Kh8 20.Kxg2 Sc5 21.Sg3 Sf6 22.Tae1 Dg4 23.h3 Dg6 24.Df3 Tfe8 25.Kh2 Sg8 26.Tg1 Df6 27.e5 Dg6 28.Sge4 Dh6 29.Sg5 Te7 30.e6 fxe6 31.dxe6 Tf8


Grünfeld – Euwe, London 1927, Stellung nach 31… Tf8

32.Sf7+ Tfxf7 33.exf7 Txf7 34.Tgf1 Se6 35.Dg4 Sxf4 36.Te8 g5 37.Sf3 Tg7 38.Sxg5 Dg6 39.Dxf4 Dxe8 40.Sf7+ Txf7 41.Dxf7 De5+ 42.Kh1 De4+ 43.Df3 Dxf3+ 44.Txf3 Kg7 45.Kg2 Sf6 46.Kg3 Kf7 47.Kf4 Ke6 48.Te3+ Kd5 49.Kf5 Kd4 50.Te7 Sd5 51.Txh7 Kc5 52.h4 Kxc6 53.h5 b5 54.h6 1–0

Eine kurzweilige Kuriosität trug sich in der Partie Palau – Kalabar nach den Zügen 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 Lb4+ 4. Ld2 zu. Kalabar, der spät in die Spielhalle gekommen, war vertieft in das Ausfüllen des Partieformulars und anstatt seine Dame nach e7 zu ziehen zog er den König um nach Lxb4+ mit dem König auf b4 schlagen zu wollen. Er gab sofort auf, wenngleich ein Kiebitz vorgeschlagen hatte ihm das zu gestatten, um ihn mit 6. Db3+ Ka5 7. Db5 mattzusetzen : 4… Ke7 5. Lxb4+ 1-0

Das British Chess Magazine (3) berichtet von einer weiteren Kuriosität: „In der Partie Atkins (England) – Kostic (Jugoslawien) waren 38 Züge gespielt, als Kostic, der auf Verlust stand, plötzlich seinen Zug abgab. Und das, obwohl 40 Züge bis zum Abbruch vorgeschrieben waren. Als am Abend die Partie fortgesetzt werden sollte, öffnete Kostic sofort das Hängepartiekuvert, führte seinen Zug aus und setzte die Uhr seines Gegners in Gang. Atkins kam sieben Minuten zu spät und … hatte nach Zeit verloren! Zum Zeitpunkt des Abbruches hatte er 1 Stunde 57 Minuten verbraucht – 40 Züge waren zu absolvieren! Das rasch einberufene Schiedsgericht entschied auf eine Neuansetzung der Partie, die mit remis endete. Aber wo war der Schiedsrichter, als Kostic seinen Zug abgab?“

 

Tabellen: www.olimbase.org

 

 

 

 

 

 

 

 


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