Schillers Schachspiel

09.05.2005 – Heute vor 200 Jahren, am 9.Mai 1805, starb Friedrich Schiller (1759-1805) - sogar die Uhrzeit ist überliefert: 17.45 Uhr. Er war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und zurecht gedenkt man in diesem Jahr, das zum Schillerjahr erklärt wurde, seiner Person und seinen Werken. Auch die Freunde des Schachspiels haben Grund sich an diesen großen Mann zu erinnern, denn Schiller war selbst ein Anhänger des Schachspiels. Das Marbacher Schiller-Nationalmuseum zeigt bis zum 9. Oktober 2005 unter dem Titel "Götterpläne & Mäusegeschäfte" eine Ausstellung, in der erstmals Kostbarkeiten aus Schillers in Marbach und Weimar aufbewahrtem Nachlass zusammen zu sehen sind. Zu den Exponaten gehört auch Schillers Schachspiel. Die Freude des Dichters am Schachspiel ist vielfach dokumentiert. Gerald Schendel berichtet. Mehr...

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"Götterpläne und Mäusegeschäfte"
Von Gerald Schendel

In der im Sommer 1781 publizierten Erstausgabe von Schillers Stück Die Räuber sagt Moor (3. Akt, 2. Szene):

"- Bruder - ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte - ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; - dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut - ein anderer der Nase seines Esels - ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so mancher seine Unschuld und - seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und - Nullen sind der Auszug - am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt."

In der für die Mannheimer Bühne "verbesserten" (in Verhandlungen Schillers mit dem Intendanten des Mannheimer Nationaltheaters entschärften) Neufassung des Textes ist diese Passage nicht mehr enthalten, doch die Kuratoren der großen Gedächtnisausstellung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach,
Frank Druffner und Martin Schalhorn, beschlossen, "Götterpläne & Mäusegeschäfte" zum Titel ihrer Ausstellung zu machen: "Sie zeigt den historischen Schiller mit seinen Plänen, Vorstellungen und Wünschen auf der einen und seinem mühsamen und lästigen Tagesgeschäft auf der anderen Seite. (...) Schiller steht am Anfang seiner eigenen Lebensbahn, in der er seine "Götterpläne" realisieren möchte. Die "Mäusegeschäfte", der mühselige Alltag als Schriftsteller, Hausvater oder akademischer Lehrer, erweisen sich rasch als Kehrseite der Medaille. Zwischen diesen "Mäusegeschäften" und "Götterplänen" spannt sich Schillers Biographie."

In der Ausstellung sind daher auch Alltagsgegenstände und Kleidungsstücke des Dichters zu sehen. "Ich stürze aus meinen idealischen Welten, sobald mich ein zerrissner Strumpf an die wirkliche mahnt." Hierzu gehören Schillers letzte Schreibfeder und seine Schnupftabakdose. Hierzu gehört auch Schillers Schachspiel.

Schillers Schachspiel

Dieses Schachspiel stammt aus der Zeit um 1800. Die Figuren sind aus Elfenbein gedrechselt (Höhe zwischen 5 und 12 cm), ein Satz ist dunkel eingefärbt. Das Schachbrett (36,5 x 46 cm) ist in der Mitte zusammenklappbar: Lederintarsie in grün und weiß, mit Goldlinien geprägt, auf Pappe, die Rückseite ist mit grünem Leder bezogen..

Als Die Räuber erschienen, war Schiller Regimentsmedikus in Stuttgart. Der württembergische Herzog Carl Eugen verbot Schiller unter Androhung von Entlassung und Festungshaft jegliche nichtmedizinische Schriftstellerei, insbesondere weiteres "Komödienschreiben". Schiller floh. Zunächst nach Mannheim. Ende 1782 lud Henriette von Wolzogen, die Mutter eines Studienfreundes, Schiller auf ihr Gut Bauerbach ein, das in einem einsamen Waldtal lag. Karoline von Wolzogen (geborene von Lengefeld), die Schwägerin Schillers, schrieb 1828 in ihrer Schiller-Biographie: "Ein halbes Jahr lebte Schiller so, größtenteils mit sich und der Natur, unbekannt und unerkannt von Seiten des Geistes, in den rauen Umgebungen. (...) Mit dem Verwalter des Gutes spielte er Schach und machte oft Spaziergänge mit ihm."

Im Frühjahr 1783 wurde Schillers Stück Die Verschwörung des Fiesko zu Genua. Ein republikanisches Trauerspiel gedruckt, in dem das Schachspiel erwähnt wird (4. Aufzug, 12. Auftritt):

Julia: (...) Das Bekenntnis willst du noch haben, dass die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödliche Seite zu entsetzen, die doch zuletzt allein von euern Schwüren belagert wird, die (ich gesteh es errötend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim ersten Seitenblick der Tugend den Feind verräterisch empfängt?- dass alle unsre weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt fechten, wie auf dem Schach alle Offiziere den wehrlosen König bedecken? Überrumpelst du diesen - Matt! und wirf getrost das ganze Brett durcheinander.(...)"

Während seines Aufenthalts in Bauerbach arbeitete Schiller an dem Trauerspiel Kabale und Liebe. Darin sagt Luise (5. Akt, 7. Szene): "Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig schuldig. Wollen wir eine Partie, Herr von Walter?"

In Bauerbach verliebte sich Friedrich Schiller unglücklich in Charlotte von Wolzogen, die Tochter des Hauses. In einem Brief an die Mutter (23. April 1783) schrieb der Dichter, der in Bauerbach unter dem Pseudonym Dr. Ritter lebte: "Sie schreiben mir nicht, ob Ihr Wilhelm aus der herzoglichen Karls-Akademie gekommen und wo er gegenwärtig ist. Empfehlen Sie mich ihm sehr, wie auch Fräulein Lotten, die mir doch schreiben möge, ob sie bald Schach gelernt hat?"

Ende 1788 machte Schiller die Bekanntschaft mit Charlotte von Lengefeld, die er 1790 heiratete. In einem Brief an sie schrieb er: "Heute würde ich mir die Erlaubnis von Ihnen ausbitten, Sie besuchen zu dürfen; aber ich bin schon von gestern her engagiert, eine Partie Schach an Frau von Koppenfels zu verlieren. Wie sehr wünschte ich nun, dass Sie eine Besuchsschuld an sie abzutragen hätten, und dass Ihr Gewissen Sie antriebe, es heute zu tun."

Schillers in der Schachliteratur oft zitierter Satz: "Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" stammt aus dem 15. Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen und erschien 1795 im 2. Stück der von Schiller herausgegebenen Zeitschrift Die Horen. Der Schachhistoriker Joachim Petzold (Das Königliche Spiel. Die Kulturgeschichte des Schach, 1987) bewertete dieses Zitat als Zeugnis für Schillers grundsätzliche Würdigung der Spiele, womit die hohe Wertschätzung des Schachspiels verbunden ist.

Hartnäckig hält sich in Schachkreisen das Gerücht, von Friedrich Schiller sei ein Fragment mit dem Titel Das Schachspiel in seiner eigentümlichen und höheren Bedeutung überliefert. Der Schiller-Experte Martin Schalhorn konnte einen solchen Beitrag nicht finden: "Vermutlich ist seine ideelle Existenz dem großen Wunsch eines Schiller-Verehrers und Schachspielers zu verdanken." Möglicherweise liegt dem Gerücht eine Verwechslung zu Grunde. Friedrich August Weißhuhn (1759-21. April 1795), Privatdozent der Philosophie in Jena, publizierte im 5. Stück der Horen den Beitrag Das Spiel in strengster Bedeutung, in dem es auch um das Schachspiel geht.


Schillers Kalender (veröffentlicht in Schillers Werke, Nationalausgabe, 41. Bd., Teil 1, Weimar 2003) enthält auf der Vorderseite des ersten Kalenderblatts zu Januar 1799 Schillers Berechnung zur Reiskorn-Legende. Die Summenangabe hier ist inkorrekt, doch auf einem separaten Blatt hat Friedrich Schiller die Aufgabe korrekt gelöst, indem er in einzelnen Schritten von Feld zu Feld die genaue Summe errechnete. Dann versuchte er, sich die abstrakte Zahl anschaulich zu machen:
 

"[Mi]t dieser Summe wird 1 Sonnensystem von 6 Planeten mit Korn versehen.
[15]00000 Körner auf einen Scheffel gerechnet,
[A]uf ein Magazin 1000 Scheffel
[A]uf eine Stadt 1000 Magazine
[Au]f ein Land 100 solche Städte
[A]uf einen Welttheil 100 solche Länder
[Au]f einen Planeten 10 solche Welttheile
[Au]f ein Sonnensystem 6 Planeten (...)"

Am Ende des 4. Aufzugs in Schillers Stück Wallensteins Tod will Thekla das Grab von Max Piccolomini besuchen. "Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten." "Bei dunkler Nachtzeit? In dieser rauhen Sturmnacht?" "Nacht wird uns verbergen." An dieses Vorhaben knüpft Schillers Gedicht Thekla. Eine Geisterstimme an, das erstmals im Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1803 gedruckt wurde. Darin finden sich die Verse:

Und er fühlt, dass ihn kein Wahn betrogen,
Als er aufwärts zu den Sternen sah,
Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen,
Wer es glaubt, dem ist das Heil’ge nah.

Wort gehalten wird in jenen Räumen
Jedem schönen gläubigen Gefühl,
Wage du, zu irren und zu träumen,
Hoher Sinn liegt oft in kind’schem Spiel.

In der Formulierung "Tiefer Sinn liegt oft in manchem Spiel" griff der Schachhistoriker Joachim Petzold den letzten Vers auf und kommentierte, dass Friedrich Schiller mit diesen Worten vor allem das Schach gemeint habe.

Unbestreitbar und vielfach dokumentiert ist Schillers Freude am Schachspiel. Wenige Wochen vor Schillers Tod berichtete Heinrich Voß (24. Februar 1805):

"Heute Nachmittag war Schiller unbeschreiblich wohl und kräftig, wiewohl es ihm noch mit dem Arbeiten nicht recht hat gehn wollen. Wir spielen jeden Tag Schach zusammen, und das macht ihm Freude; er meinte, auf diese Weise käme er wohl zuerst wieder in seine gewöhnliche Thätigkeit hinein."

Die Marbacher Ausstellung dauert bis 9. Oktober 2005. Vom 30.10.2005 bis 17.04.2006 ist sie danach im Schiller-Museum Weimar zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Gerald Schendel / 09.05.2005

 

 


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