Sicherheit und verpasste Chancen

23.06.2009 – Gelfand, Ivanchuk, Shirov und Radjabov gingen auf Nummer sicher, Kamsky und Nisipeanu riskierten etwas - doch am Ende wurden alle drei Partien beim "Turnier der Könige" im rumänischen Bazna Remis. Gelfand wollte gegen Ivanchuk nicht um jeden Preis auf Gewinn spielen und entschied sich gegen das Risiko und für Zugwiederholung, Shirov suchte nach der bitteren Niederlage von gestern sein Heil in einer risikoarmen Theorievariante. Kamsky wählte eine harmlose Eröffnung, aber kam nach Mittelspielfehlern Nisipeanus zu Endspielvorteil. Mutig opferte er dann einen Springer, aber fand die Gewinnfortsetzung erst nach der Partie. Dorian Rogozenco hat die Partien analysiert.Turnierseite...Mehr...

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Runde 8: Die Analyse

Text und Bilder: GM Dorian Rogozenco

Die mit Spannung erwartete Partie Gelfand-Ivanchuk erwies sich als kleine Enttäuschung. Um Ivanchuk einzuholen und um den Turniersieg zu kämpfen, musste Gelfand gewinnen. Leichter gesagt als getan. Die von Gelfand gewählte Englische Eröffnung führte zu einer Stellung, in der aktives Spiel von Weiß mit Risiken verbunden war. Gelfand bewies Objektivität und entschied sich für ein praktisches Vorgehen: Da er keinen Vorteil, aber weniger Zeit auf der Uhr hatte, erzwang der israelische GM im 20. Zug ein Remis durch Zugwiederholung.

Nach der schweren und unglücklichen Partie von gestern entschied sich Shirov gegen Radjabov für eine sichere Variante. Gegen Radjabovs Sveshnikov-Sizilianer spielte Shirov eine lange theoretische Variante und brachte im 26. Zug eine Mini-Verbesserung. Doch der weiße Vorteil war zu klein, um wirklich ins Gewicht zu fallen. Radjabov spielte präzise und im 38. Zug einigte man sich auf Remis.

In Kamsky-Nisipeanu verpasste der amerikanische GM sehr gute Gewinnchancen. Schwarz hatte keinerlei Probleme in der Eröffnung, aber in einem ausgeglichenen Mittelspiel geriet Nisipeanus Springer auf Abwege, was Kamsky die Möglichkeit gab, die Initiative an sich zu reißen. Nach der Zeitkontrolle hatte Weiß ein Endspiel mit Mehrbauern erreicht. Die meisten Spieler hätten diesen Vorteil langsam in einen ganzen Punkt verwandelt, aber Kamsky entschied sich für ein wundervolles Springeropfer. Doch in der entstehenden Stellung konnte Weiß nur mit einer studienartigen Variante gewinnen, die Kamsky erst nach der Partie mit Hilfe des Computers fand. In der Partie konnte Nisipeanu Remis halten.

Gelfand,Boris - Ivanchuk,Vassily





Kings' Tournament Bazna (8), 22.06.2009
1.Sf3 c5 2.c4 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e6 5.Sb5 d6 6.g3 a6 7.S5c3 Sf6 8.Lg2 Le7 9.0-0 0-0 10.Lf4 Dc7
Dieser natürliche Zug ist neu.
11.Sa3 Td8 12.Tc1
Weiß droht das für diese Stellungen typische Sc3-d5.
12...Se5 13.Db3 Sfd7
Den Läufer über d7 nach c6 zu entwickeln, ist wegen der bereits erwähnten Idee Sc3-d5 schlecht: 13...Ld7 14.Tfd1 Lc6 15.Sd5 exd5 16.cxd5 und die Änderung in der Bauernstruktur ist günstig für Weiß.
14.Tfd1 Tb8


Schwarz will seine Entwicklung mit b6 und Lb7 vollenden, wonach er eine gute Version des Igels hat. Er muss allerdings auf ein paar taktische Tricks aufpassen.
15.Le3 Te8!
Der Hauptvorteil dieses Zugs liegt darin, dass er das Feld d8 für die Dame räumt. 15...b6 wäre angesichts von 16.Scb5 axb5 17.Sxb5 ein schwerer taktischer Fehler, denn jetzt ist die schwarze Dame gefangen! Nach dem erzwungenen 17...Sc5 18.Sxc7 Sxb3 19.axb3 verbleibt Weiß mit einem Mehrbauern im Endspiel.
16.La7 Ta8 17.Ld4 Tb8
Weiß hat durch die Überführung des Läufers nach d4 ein Tempo gewonnen, aber das ändert wenig: Schwarz steht erneut bereit zu 18...b6, mit Ausgleich. Gelfand entschied sich für das praktische Vorgehen und forcierte das Remis. Schließlich hat Weiß keinen Vorteil und Ivanchuk mehr Zeit auf der Uhr. Außerdem stecken solche Igel-Stellungen voller Tricks und Fallstricke und jede Ungenauigkeit von Weiß kann schwer bestraft werden. Also entschied sich Gelfand für Zugwiederholung.
18.La7 Ta8 19.Ld4 Tb8 20.La7 ½-½

Shirov,Alexei - Radjabov,Teimour



Kings' Tournament Bazna (8), 22.06.2009
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 Lg5 12.Sc2 Se7 13.h4 Lh6 14.a4 bxa4 15.Scb4 0-0 16.Dxa4 Sxd5 17.Sxd5 a5 18.Lb5


18...Le6
Shirov selbst hat mit Schwarz keine guten Erfahrungen mit dieser Variante gemacht: 18...Kh8 19.b4 f5 20.Lc6 Ta7 21.exf5 Lxf5 22.bxa5 Ld3 23.Lb5 Lxb5 24.Dxb5 Taf7 25.0-0 Dxh4 26.De2 und der weiße a-Bauer brachte Weiß den Sieg, Karjakin,S (2678)-Shirov,A (2715)/Wijk aan Zee 2007. Aber in den letzten zwei Jahren hat sich die Theorie dieser Variante stark entwickelt und heute gilt 18...Le6 als genaueste Fortsetzung.
19.Lc6 Tb8 20.b4 axb4 21.cxb4 Kh8
Die wichtigste Alternative ist 21...Lxd5 22.Lxd5 Db6.
22.b5 Lxd5 23.Lxd5 Db6 24.0-0
Nach 24.Lc6 kann Schwarz den Läufer mit einem hübschen Manöver auf eine bessere Diagonale überführen: 24...Le3! 25.0-0 (25.fxe3 Dxe3+ 26.Kd1 Dd3+ 27.Ke1 De3+ führt zum Remis) 25...Ld4 26.Ta2 f5 27.exf5 Txf5 28.g3 Tbf8 und Dank des Drucks gegen f2 hat Schwarz nichts zu befürchten, Grischuk,A (2719)-Illescas Cordoba,M (2604)/Dresden 2008.
24...Dxb5 25.Dxb5 Txb5


26.Ta6
Vielleicht überrascht es Sie, aber erst dieser Zug ist neu. In Bacrot,E (2705)-Eljanov,P (2720)/Elista 2008, nahm Weiß einen anderen Bauern, aber am Ergebnis änderte das nichts: 26.Lxf7 g5 27.hxg5 Lxg5 28.Le6 Tb4 29.Lf5 d5 30.Ta5 dxe4 31.Txe5 Lf4 32.Txe4 Txe4 33.Lxe4 Tc8 34.Lf3 Tc1 35.Ld1 Kg7 und Weiß kann den Läufer nicht entfesseln ohne die Türme zu tauschen, was zu einer völligen Remisstellung führt.
26...f6
Shirov glaubt, dass 26...f5 27.Txd6 fxe4 28.Lxe4 Weiß Dank der besseren Bauernstruktur gewisse Möglichkeiten gibt.
27.Txd6 Tc5 28.h5
28.Td7 Tc1 29.Txc1 Lxc1 sieht für Schwarz etwas unbequem aus, aber er kann einfach abwarten - die Stellung ist Remis.
28...Tc7 29.g3 g6 30.Kg2 Kg7
Steht der König auf g7 (anstatt auf h8 abgeschnitten zu sein), hat Schwarz überhaupt keine Probleme, Remis zu erreichen.
31.Kh3 Lc1


32.f4 exf4 33.gxf4 g5 34.fxg5 Lxg5 35.e5 Te7
Es gibt keinen Grund für Schwarz, sich auf die Variante 35...fxe5 36.h6+ Lxh6 37.Tg1+ Kh8 38.Txh6 einzulassen.
36.e6 f5 37.Lc6 Kh6 38.Lf3 ½-½

Kamsky,Gata - Nisipeanu,Liviu Dieter



Kings' Tournament Bazna (8), 22.06.2009
1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.Lf4 c5 4.e3 Sc6 5.c3
Mit Weiß verzichtet Kamsky manchmal darauf, in irgendeiner Form nach Eröffnungsvorteil zu streben. Hier sehen wir einen solchen Fall.
5...Db6 6.Db3
Beide Seiten würden gern die Damen tauschen, aber nur, wenn sich dadurch die a-Linie für ihren Turm öffnet.
6...c4 7.Dc2
Nach 7.Dxb6 axb6 hat Schwarz ein angenehmes Endspiel, denn er verfügt über den Plan den b-Bauern nach b4 vorzustoßen.
7...Lf5
Ein Standardentwicklungszug - Weiß kann den Läufer nicht nehmen, denn nach 8...Dxb2 geht der Turm a1 verloren.
8.Dc1 h6
Ein weiterer Standardzug - Schwarz verteidigt sich gegen mögliches Sf3-h4, indem er seinem Läufer ein Feld auf h7 verschafft.
9.Le2 e6 10.h3 Dd8 11.b3
Eine logische Neuerung. Weiß braucht mehr Raum am Damenflügel und ist bereit, ein paar Bauern zu tauschen.
11...b5 12.bxc4 bxc4


13.Ld1 Da5!
13...Ld6 wird stark mit 14.La4! Tc8 15.Lxd6 Dxd6 16.Se5 mit schwarzem Materialverlust beantwortet.
14.Lc2 Se4 15.0-0 g5 16.Lh2 Ld6 17.Te1 Lxh2+ 18.Sxh2 Sd6 19.f3 Lxc2 20.Dxc2 f5 21.Sd2 Kd7 22.e4 Tab8 23.Shf1
Die Stellung ist ausgeglichen.
23...Da3
23...Tb6 war vorzuziehen.
24.Tab1 Thf8 25.Sg3


25...Sb5
Der Auftakt des falschen Plans, den Springer nach a3 zu bringen. 25...fxe4 26.fxe4 Sxd4 27.cxd4 Dxg3 ist sowohl nach 28.Sf1 als auch nach 28.Da4+ alles andere als klar. Aber 25...Tb6 mit zweischneidiger Stellung war wieder stärker.
26.Se2 Da5 27.Dc1 Sa3 28.Txb8 Txb8


Der Springer auf a3 steht vollkommen deplatziert und Weiß öffnet jetzt die Stellung am anderen Flügel.
29.exd5 exd5 30.f4!
Jetzt hat Schwarz Probleme.
30...Da4 31.fxg5 hxg5 32.Sf3 f4
Die Alternative 32...g4 33.hxg4 fxg4 34.Se5+ Sxe5 35.dxe5 Tb1 36.Dd2 Txe1+ 37.Dxe1 hatte ebenfalls Nachteile: Der schwarze König steht zu exponiert.
33.Tf1
Kein schlechter Zug, aber stattdessen hätte Kamsky ein starkes Springeropfer bringen können: 33.Sxf4 gxf4 (Die Pointe ist, dass Weiß nach 33...Tb1 34.Se6! Txc1 35.Sc5+ Kc7 36.Sxa4 spielen kann) 34.Dxf4 mit gefährlichem Angriff für Weiß.
33...Te8 34.Dd2 Dc2 35.Dxc2 Sxc2 36.Kf2 Se3
Besser ist 36...g4, um erst nach 37.hxg4 37...Se3 zu spielen.
37.Tb1 g4 38.Sh4 Te4 39.Sg6
Schwarz verliert in allen Varianten einen Bauern.
39...g3+ 40.Kf3 Sxg2 41.Sgxf4 Sxf4 42.Sxf4 Se7 43.Kxg3 Kc6 44.Kf3 Sf5


Weiß hat einen Bauern mehr und zwei Möglichkeiten, seinen Vorteil zu verwerten. Nach dem einfachen 45.Sg6 muss Schwarz offensichtlich schwer kämpfen. Doch Kamsky findet eine elegante Kombination.
45.Sxd5! Kxd5 46.Tb5+ Ke6
Schwarz muss das Feld d6 freihalten, um später die Gabel zur Verfügung zu haben: 46...Kc6 47.Tc5+ gewinnt.
47.d5+
47.Kxe4? Sd6+
47...Kf6
47...Kd6? 48.Kxe4; 47...Ke5 48.d6+ Ke6 49.Txf5! Kxf5 50.d7 und der weiße Bauer geht zur Dame.
48.Kxe4 Sd6+ 49.Kd4 Sxb5+ 50.Kxc4 Sd6+


51.Kd4?
Bei der Analyse im Hotelzimmer fand Kamsky den Weg zum Gewinn: 51.Kc5 Se4+ 52.Kb4!! Ein studienartiger Zug, der das Vorrücken des gegnerischen a-Bauern provozieren soll. Andere Züge reichen nicht aus: 52.Kd4 Sg5 53.c4 Sxh3 54.Kc5 Sg5 55.Kb5 Ke5 führt zum Remis. Oder 52.Kc6 Sxc3 53.d6 (53.h4 Sxa2) 53...Ke6 54.a3 (54.a4 Sd5 55.a5 Sb4+=; 54.d7 Ke7 55.h4 Kd8 56.h5 Se4 57.h6 Sg5 58.a4 Sh7 59.a5 Sg5 60.a6 Sh7 61.Kd6 Sg5=) 54...Sd5 55.h4 Sb6 56.h5 Sc4.
Nach dem phantastischen 52.Kb4!! gewinnt Weiß: 52...a5+ (or 52...Ke5 53.c4 Kd6 54.h4 Sf6 55.Kb5) 53.Kc4! Sd6+ (oder 53...Ke5 54.h4 Sf6 55.a4 Kd6 56.Kb5 Sxd5 57.c4 Sf4 58.Kb6 Kd7 59.c5) 54.Kc5 Se4+ 55.Kc6 Sxc3 56.d6 Ke6 57.a3! Es ist wichtig, das Feld b4 zu kontrollieren! 57...Sd5 58.h4 Sf6 59.h5 mit Gewinn.
51...Sb5+ 52.Kd3
Weiß konnte immer noch den Gewinnweg einschlagen: 52.Kc4 Sd6+ 53.Kc5.
52...Ke5 53.c4 Sd6 54.h4
54.c5 Se4=
54...Sf5 55.h5 Kd6


Obwohl er drei Freibauern für den Springer hat, kann Weiß keine großen Fortschritte erzielen, da 56.Ke4 mit einem Schach auf g3 gekontert wird.
56.Kc3 Kc5 57.Kb3 Sh6 58.Ka4 Kxc4 59.d6 Kc5
Und angesichts von 60.d7 Sf7 61.Ka5 Kc6 62.Ka6 Kxd7 63.Kxa7 Kc7 einigte man sich auf Remis. ½-½

Stand nach der achten Runde:





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