Spaß mit dem Königsgambit

von Johannes Fischer
16.06.2014 – Das Königsgambit, eine wirklich romantische Eröffnung. Aber kann man sie heute noch spielen? Hat Bobby Fischer sie nicht widerlegt? Simon Williams ist anderer Meinung. Der englische GM hat zwei DVDs zum Königsgambit aufgenommen, in denen er zeigt, wie man damit punktet. Im Interview verrät er, warum das Königsgambit Spaß macht. Mehr...

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Lieber Simon Williams, Sie haben vor kurzem zwei ChessBase DVDs über das Königsgambit veröffentlicht. Wann wurde Ihr Interesse für diese Eröffnung geweckt?

Meine erste Erinnerung an das Königsgambit ist mit einem Buch von Raymond Keene verknüpft. In diesem Buch präsentiert Keene die besten Partien aller Zeiten und eine dieser Partie war die berühmte "Unsterbliche", Anderssen vs Kieseritzy, London 1851. Die Partie war vollkommen inkorrekt, aber machte trotzdem einen starken Eindruck auf mich.

 

Was macht das Königsgambit attraktiv?

Das Königsgambit ist die romantischte aller Schacheröffnungen, da gibt es gar keinen Zweifel. Die Variante hat eine lange Geschichte, aber verblüfft und fasziniert uns immer noch, auch im Zeitalter des modernen Schachs. Man kann nicht behaupten Schachspieler zu sein, wenn man nicht wenigstens einmal Königsgambit gespielt hat!

Wie haben Sie all das Material für die DVD zusammengetragen und ausgewählt?

Vor etwa 15 Jahren habe ich angefangen, gelegentlich Königsgambit zu spielen und hatte also schon Erfahrung mit der Eröffnung. Das hat mir geholfen, mich in dem Material zurechtzufinden. Was sind kritische Varianten und mit welchen Problemen hat die Eröffnung gerade zu kämpfen? Als Ausgangsbasis dienten dann meine Notizen (und Geheimnisse!). Diese Ausgangsbasis habe ich dann systematisch erweitert, indem ich mir Partien in der ChessBase-Datenbank angeschaut habe und meine Notizen mit allem Material über das Königsgambit verglichen habe, das mir zugänglich war. All das habe ich dann strukturiert - die wichtigsten Varianten habe ich zuerst behandelt, alles weitere kam dann praktisch von allein.

Hat das Spaß gemacht?

Das war harte Arbeit! Aber hat auch Spaß gemacht. Wahrscheinlich mehr Spaß, als ich bei der Materialsuche für eine DVD über die Berliner Verteidigung gehabt hätte...

Viele Leute glauben, das Königsgambit sei eine Eröffnung, die sich überlebt hat, die man heute nicht mehr ernsthaft spielen kann. Was sagen Sie dazu?

Darauf gibt es viele Antworten. Ich verrate Ihnen, was ich denke.

1) Viele Eröffnungsvarianten des Weißen führen heutzutage zu ausgeglichenen Stellungen, aber ist es nicht besser, man hat dabei wenigstens ein bisschen Spaß? Und nicht das zu spielen, was alle Welt spielt!?

2) Das Königsgambit wird so selten gespielt, dass Schwarzspieler immer wieder überrascht sind. Die Variante ist eine phantastische Überraschungswaffe. Oft vergisst Schwarz, was er sich angeschaut hat, wie man korrekt fortsetzt und landet dann in einer schlechten Stellung. Das gilt sogar auf Großmeisterniveau. Kürzlich hat mir ein Freund von mir, ein sehr starker Großmeister (2700+) gesagt: 'Simon, als ich gesehen habe, wie Nigel Short gegen Garry Kasparov in der Variante mit Lc4 gewonnen hat, dämmerte mir allmählich, dass diese Eröffnung stark unterschätzt wird. (Er meinte die Variante mit 3.Lc4 - die Partie befindet sich auf DVD 1).

 

Ich dachte mir, nun, wenn Nigel Garry schlagen kann, dann muss die Eröffnung gut sein! Mit anderen Eröffnungen gewinnt Nigel nie gegen Garry!'

Nigel Short gewann mit dem Königsgambit in nur 15 Zügen gegen Garry Kasparov.
Allerdings in einer Schaupartie, in der Kasparov gezwungen war, eine als schlecht bekannte Variante des Königsgambits zu spielen.

3) Schach sollte Spaß machen und das Königsgambit ist eine aggressive, unterhaltsame Eröffnung, die zu ganz unterschiedlichen Angriffsstellungen führt. Deshalb hilft die DVD jedem dabei, schachliche Fortschritte zu erzielen.

4) Und für die Leute, die nicht wissen, was sie gegen das Königsgambit spielen sollen - ich habe versucht, so objektiv und fair wie möglich zu sein und die besten Antworten für Schwarz gezeigt.

Seit Fischers berühmtem Artikel "A bust to the King's Gambit", den er 1961, nach einer Niederlage gegen Spasskys Königsgambit beim Turnier in Mar del Plata 1961, veröffentlicht hat, genießt die gesamte Variante einen schlechten Ruf. Was denken Sie über Fischers Artikel und seine Bedeutung für den Ruf des Königsgambits?

Fischer war seiner Zeit wie stets voraus und als er veröffentlicht wurde, war der Artikel war von großer Bedeutung und das ist er immer noch. Allerdings haben Computer neue Ideen gefunden, vor allem in der von Fischer analysierten Variante mit 3.Sf3 g5. Auf der zweiten DVD zeige ich ein paar interessante Ideen, wie man gegen diese Variante spielen kann, aber eigentlich empfehle ich, 3.Lc4 zu spielen.

Bobby Fischer hat das Königsgambit als Weißer und als Schwarzer gespielt.

Muss man viele komplizierte Varianten lernen, um Königsgambit spielen zu können?

Es gibt komplizierte Varianten, aber ich habe versucht, die Betonung auf die Ideen hinter den Zügen lesen. Also sollte der Zuschauer die Eröffnung zuversichtlich spielen können, auch wenn er die genaue Theorie nicht erinnert.

Ist das Königsgambit mehr als eine Überraschungswaffe, die man in einer Partie anwenden kann? Ist das Königsgambit eine zuverlässige Waffe, die man seine gesamte Schachkarriere oder doch zumindest große Teile davon anwenden kann?

Ich spiele selbst 1.e4 und seit 15 Jahren ist das Königsgambit meine einzige Antwort auf 1...e5. Es hat mir gute Dienste geleistet! Doch mit dem Königsgambit ist es wie mit anderen Eröffnungen: Wenn man sie einmal gespielt hat, ist es natürlich nicht schlecht, noch andere Möglichkeiten zu haben.

Simon Williams beim Batavia Turnier 2014 in Amsterdam (Foto: Alina l'Ami)

Werfen wir einen Blick auf die Schattenseite: Wie leicht hat es Schwarz, zum Ausgleich zu kommen?

Wenn Schwarz gut vorbereitet ist, dann hat er gute Chancen, zum Ausgleich zu kommen, aber dynamischen Ausgleich und nicht die Sorte Ausgleich, die man in anderen Eröffnungen so oft sieht. Wir sehen immer wieder, wie die Berliner Verteidigung nach 1.e4 e5 2.Sf3 zum Ausgleich führt, also ist Ausgleich nicht das Schlechteste. Aber im Königsgambit sind die Chancen größer, dass Schwarz sich nicht mehr an den Weg zum Ausgleich erinnert!

Warum wagt es kaum ein Weltklassespieler, Königsgambit zu spielen?

Die Eröffnung ist sehr riskant und führt meistens zu Sieg oder Niederlage. So viel Risiken mögen Spitzenspieler nicht, sie mögen es, mit Weiß ein Remis in der Hand zu haben.

Wer sind für Sie die Helden des Königsgambits?

Wenn Nigel Short Kasparov mit dieser Eröffnung schlagen kann, dann muss er dabei sein...

Morozevich ist ein zeitgenössischer Spieler, den ich bewundere, und der Königsgambit spielt, aber meine Helden sind Spassky und Bronstein. Spassky hat bekanntlich nie eine Partie mit dem Königsgambit verloren.

Boris Spassky weiß, worauf es beim Königsgambit ankommt (Foto: Dagobert Kohlmeyer).

Und was ist Ihre Lieblingspartie im Königsgambit? Ihre eigene Lieblingspartie und Ihre Lieblingspartie eines anderen Spielers?

Meine Partie gegen den englischen Großmeister Jonathan Parker hat mir viel Spaß gemacht, denn 5.Sge2 war eine neue und interessante Idee. Allerdings warte ich immer noch darauf, meine 'Unsterbliche' zu spielen.

 

 

Spassky vs Bronstein, aus der UdSSR-Meisterschaft 1960, ist eine ganz besondere Partie.

 

Alles in allem, hat Ihnen das Königsgambit mehr Freude oder mehr Leid gebracht?

Mehr Freude!! Wenn Sie mit dem Königsgambit keine Freude haben können, dann bedaure ich Sie!

In einem Satz, warum sollte man Ihre DVDs kaufen?

Wenn man eine interessante, romantische Eröffnung mit langer Geschichte sucht, dann sind diese DVDs genau richtig!

Die Fragen stellte Johannes Fischer

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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