Statement von Magnus Carlsen

von ChessBase
26.09.2022 – Magnus Carlsen hat sich wie angekündigt mit einer Erklärung zu seinen Aktionen gegen Hans Niemann zu Wort gemeldet. Das Statement spricht für sich selbst.

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Beim Sinquefield Cup traf ich die überraschende professionelle Entscheidung, mich nach meiner Partie in der dritten Runde gegen Hans Niemann aus dem Turnier zurückzuziehen.
Ich weiß, dass meine Aktion viele in der Schachgemeinde frustriert hat. Ich bin frustriert. Ich will Schach spielen. Ich möchte weiterhin Schach auf höchstem Niveau in den besten Turniere spielen.

Ich glaube, dass Cheating im Schach ein großes Problem und eine existenzielle Bedrohung für das Spiel ist. Ich glaube auch, dass die Schachorganisatoren und alle, denen die Unantastbarkeit des Spiels, das wir lieben, am Herzen liegt, ernsthaft darüber nachdenken sollten, die Sicherheitsmaßnahmen und die Methoden zur Erkennung von Betrügern beim Schach am Brett ("over the board") zu verbessern. Als Niemann in letzter Minute zum Sinquefield Cup 2022 eingeladen wurde, habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, mich vor der Veranstaltung zurückzuziehen. Letztendlich habe ich mich für die Teilnahme entschieden.

Ich glaube, dass Niemann mehr - besonders in jüngerer Zeit - betrogen hat, als er öffentlich zugegeben hat. Seine Fortschritte bei Turnieren am Brett waren ungewöhnlich, und während unserer Partie beim Sinquefield Cup hatte ich den Eindruck, dass er in kritischen Stellungen nicht angespannt, nicht einmal völlig auf das Spiel konzentriert war, während er mich mit den schwarzen Steinen auf eine Art und Weise überspielte, wie es meiner Meinung nach nur eine Handvoll Spieler vermögen. Diese Partie hat dazu beigetragen, meine Sichtweise zu ändern.

Wir müssen etwas gegen das Cheating unternehmen, und ich für meinen Teil möchte in Zukunft nicht mehr gegen Leute spielen, die in der Vergangenheit wiederholt geschummelt haben, weil ich nicht weiß, wozu sie in Zukunft fähig sind.

Es gibt noch mehr, als ich sagen möchte. Leider kann ich im Moment nur begrenzt etwas sagen, es sei denn, ich bekomme die ausdrückliche Erlaubnis von Niemann, offen zu sprechen. Bisher konnte ich nur mit meinen Taten sprechen, und diese Taten haben deutlich gemacht, dass ich nicht bereit bin, mit Niemann Schach zu spielen. Ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt, wie auch immer sie aussehen wird.

Mit freundlichen Grüßen
Magnus Carlsen - Schachweltmeister

Übersetzung: André Schulz

 


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oegenix oegenix 01.10.2022 07:21
Zwei neue Entwicklungen:
In St. Louis interessiert das Thema offenbar niemand mehr. Die US-Meisterschaften (mit Niemann) sollen wieder live übertragen werden.
Der Manager/Trainer von Niemann, dem Carlsen hervorragende Arbeit bescheinigt hat, will Carlsen wegen Rufschädigung verklagen (Perlen vom Bodensee von heute)
Pemoe6 Pemoe6 30.09.2022 11:32
Vielleicht etwas unglücklich formuliert, die Überschrift. Aber wenn ich mich an die entsprechenden ChessBase-Artikel recht erinnere, wurde gerade bei der DSOL ein massiver Zusatzaufwand betrieben, wenn ein Anfangsverdacht vorlag. Selbst wenn die Kontrollsoftware eindeutig ein "cheating!" ausgibt, tritt erst einmal ein Kontrollgremium (aus Menschen) in Aktion und prüft die entsprechende Partie. Möglicherweise erinnere ich mich falsch, dann mag man mich korrigieren.
SoerenH SoerenH 29.09.2022 03:47
Nur um den Punkt abzuschließen, was mich an dem Artikel schon massiv störte ist, obwohl der Hinweis gegeben wird, dass die Average Centipawn Loss höchstens ein Indiz darstellt, steht in der Überschrift "90 Prozent spielen fair" in Bezug auf das DSOL. Sowas empfinde ich als unseriös, mit solchen Aussagen zu kommen und unterstellt einer nicht geringen Anzahl von Schachspielern den Betrug, allein aufgrund einer fragwürdigen statischen Analyse. Es geht hier nicht um die Frage, ob man findet, dass eine Stellung XY leichte Vorteile für Weiß bietet oder ausgeglichen ist und jeder sein Schachverständnis und persönliche Meinung einbringen kann. Es geht hier um justiziable Tatsachenaussagen und da braucht es eben mehr als Bauchgefühl oder eine unvalidierte statistische Methode.
oegenix oegenix 29.09.2022 03:05
@SoerenH
Dass der Average Centipawn Loss kein Beweis, sondern nur ein Indiz ist und vom Verlauf der Partie abhängt, wird in dem Artikel deutlich klargestellt.
Es gab schon Fälle, die über bl0ße Verdächtigungen hinausgingen: Empfehle auf Youtube das aktuelle Video von The Big Greek "Wie man beim Schach bescheißt".
Aber unabhängig, ob Beweis oder Verdächtigung. Der "Rosa Elefant" Schachbetrug steht im Raum und ich glaube nicht, dass er durch Totschweigen wieder verschwindet.
Die Sorge, dass das Turnierschach durch die gegenwärtige Diskussion einen nachhaltigen Schaden abbekommt, teile ich. Die Frage ist, ob man dieser Gefahr offensiv begegnet oder abwartet, was noch alles aufgedeckt wird. Meist ist die 2. Methode die riskantere.
SoerenH SoerenH 29.09.2022 10:58
@oegenix, ich habe den Artikel mal rausgesucht und durchgelesen. Es gebe dazu sicher einiges zu sagen, ich würde da sogar erhebliche Kritik an den Artikel äußern, aber hier soll es ja nicht um die Qualität eines Artikels aus "Perlen im Bodensee" gehen. Ganz grundsätzlich, ich halte das Kriterium "Average Centipawn Loss" für ungeeignet, um einigermaßen trennscharf Cheating zu erfassen. Der Centipawn Loss hängt nicht nur von der Spielstärke ab, sondern auch sehr stark vom Partieverlauf. "Flache" Partien, ohne große taktische Auseinandersetzungen führen selbst bei guten Amateuren zu einem kleinen Loss. In taktischen Partien findet Stockfisch xy unmenschliche Züge, wo selbst GMs einen hohen Loss bekommen. Die Spielerei, eine Rangliste mittels Centipawn Loss aufzustellen und GMs mit Amateuren zu vergleichen, ist eine nette Spielerei, hat aber keine wirklich nachgewiesene Evidenz, um Cheating zu detektieren. Ich empfehle da wirklich, sich an den Arbeiten und Aussagen von Ken Reagan zu orientieren.

Ich will damit nicht sagen, dass es keinen Betrug gibt. Ich warne aber vor der Argumentation, weil man Cheating bisher nicht nachweisen konnte, sind Verdächtigungen legitim. Damit öffnet man das Tor für Unterstellungen und Paranoia. Es muss wirklich aufgepasst werden, dass hier nicht das Turnierschach durch unüberlegte Äußerungen selbst von den Besten einen nachhaltigen Schaden abbekommt.
oegenix oegenix 29.09.2022 08:30
Auf der Schachseite von Conrad Schormann ("Perlen vom Bodensee") gibt es einen interessanten Artikel vom 11.04.2021 zum Thema Cheating bei online-Turnieren. Nach Auswertung der Partien der Vorrunde der DSOL haben 90% ohne Computerhilfe gespielt.
D.h. es gibt einen erheblichen Anteil von Schachspielern, die bereit sind, ihr Selbstwertgefühl durch Gewinnpartien mit Computerbetrug zu steigern. (Wie hoch der Prozentsatz derer ist, die ihre latente Betrugsbereitschaft auch in Präsenzpartien umsetzen, ist nicht bekannt.)
Interessant zu lesen ist auch, wie hilflos und abwehrend der DSB auf dieses Thema reagiert hat.
Nachdem Carlsen das Thema jetzt so in den Vordergrund gestellt hat, dass viele Medien außerhalb der Schachwelt sich damit befassen, geht Totschweigen auf Dauer hoffentlich nicht mehr.
grizzzly grizzzly 29.09.2022 01:32
Ich glaube, es gäbe einen Weg, Cheating auszuschalten.Vielleicht kaum mehr vorstellbar heutzutage, aber man muß Partien nicht live ins Internet übertragen - es würde auch mit einer erheblichen Zeitverzögerung spannend sein - sagen wir einmal 1 oder 2 Stunden (oder wie früher Partien erst verfügbar nach Beendigung der Runde) Tatsache scheint mir, das dringend Handlungsbedarf gegeben ist, um dieses Unwesen zu beenden. Sonst kann man Schach turniermäßig spielen vergessen - und das vom GM-Bereich bis hinunter zum Amateurbereich.
R700 R700 28.09.2022 05:22
@boheme "Es ist relativ sicher, dass die Banane krumm ist, wenn ihre Krümmung mit absoluter Sicherheit aufgegessen werden kann...."
boheme boheme 28.09.2022 09:44
Es ist relativ sicher, dass Niemann in der Partie im Sinqufield-Cup sauber gespielt hat. Carlsens Begründungen für seinen Verdacht, sind lächerlich. Der Gegner habe angeblich nicht konzentriert genug geguckt. Und dann das überhebliche Statement, dass ja nur wenige Spieler ihn mit Schwarz schlagen könnten. Solche Anschuldigungen, die die Karriere eines anderen Spielers beschädigen und sogar beenden können, sind nahezu genauso schädlich für das Schach wie das Betrügen selbst.
DoktorM DoktorM 27.09.2022 05:16
Die Indizien sprechen für Carlsen. Wer mehr verlangt, also Beweise, muss sagen, wie diese erzielt werden können. Das ist beim Schachbetrug gar nicht oder kaum möglich.

In Schuhen kann man problemlos etwas verstecken. Wer weiß, wie Body-Scanner funktionieren, wird diese austricksen können.

Das Märchen vom Spätstarter, der innerhalb von 1,5 Jahren vom mittelmäßigen GM zum Top-Spieler mutiert, kann nicht wahr sein.
oegenix oegenix 27.09.2022 03:40
Ein gutes und juristisch sauber abgesichertes statement.
Carlsen gibt nur unstrittige Tatsachen, Betrug bei chess.com, und persönliche Eindrücke wider. Seine Absicht, nicht gegen Niemann zu spielen, sehe ich als klare Aufforderung an andere Supergroßmeister, es ihm gleich zu tun und an Veranstalter, Niemann nicht mehr zu Turnieren einzuladen. Dann müsste sich Niemann einen anderen Beruf suchen oder einen Betrug zugeben und sich von seinem Manager trennen.
Zur Vermeidung von Betrug hat die Fide inzwischen bekräftigt, dass es bei von der Fide veranstalteten Topturnieren strenge Kontrollen gibt. Außerdem soll sich eine Expertenkommission mit dem Thema befassen. Der Kalauer "Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis" lässt grüßen.
Für uns Normalos bedeutet das, dass zur Verhinderung von Betrug weiterhin die freundliche Aufforderung, die Handys auszuschalten, genügen wird. Ob dann z.B. häufige und lange Toilettenbesuche einem körperlichen Gebrechen oder der Nutzung eines Schachprogramms geschuldet sind, darf jeder selbst entscheiden.
Der DSB wird wahrscheinlich erst reagieren, wenn beim BMI mal jemand die Frage stellt, ob ein Sport, bei dem man leicht betrügen kann (so Carlsen) noch staatlich gefördert werden muss, wenn der Verband wenig tut, um diesen Betrug zu unterbinden.
Mendheim Mendheim 27.09.2022 03:01
Das Argument "schwer nachzuweisen" zählt natürlich überhaupt nicht. Man stelle sich einen Kaufhausdetektiv fest, der einen unter Verdacht stehenden Kunden ohne Beweis rankriegen will und damit zur besten Geschäftszeit einen Tumult im Foyer auslöst. Die Argumente kann sich jeder selbst ausdenken: "... hat schon mal geklaut, trägt in letzter Zeit viel zu teure Klamotten, die er sich als Hartz-4-Empfänger gar nicht leisten kann ... steht immer stundenlang vorm Regal, kauft aber nichts." Zum Schießen ...!
Mendheim Mendheim 27.09.2022 02:51
Betrüger muss man in flagranti erwischen, so wie es ja in einigen Fällen im Schach auch gelungen ist. Dafür braucht man Zeit, Geduld und einen Masterplan. Jemand in Carlsens Position sollte über genügend Mittel verfügen, um entsprechende Ermittlungen durchzuführen und mit Erfolg abzuschließen - vom ersten Zeitpunkt des Verdachts an. Egal, ob er nun recht hat oder nicht, die Art und Weise, wie Magnus reagiert hat, wirkt dagegen - leider - sehr unprofessionell, um nicht zu sagen dilettantisch, und bislang sieht es so aus, dass der Schaden, den er durch den Mangel an Beweisen und das Schüren von Gerüchten verursacht hat, kaum zu ermessen ist. Anscheinend gibt es keine juristisch handfesten bzw. verwertbaren Beweise, sonst wären sie längst schon vorgegt worden. Die Grenze zum Kaffeesatzlesen ist fließend, was für die Schachwelt ingesamt mal wieder sehr bezeichnend ist. Auswirkungen aufs Sponsoring, aufs Image des Schachs ... Haben Carlsens Berater das nicht bedacht, oder ist er inzwischen beratungsresistent? Spekulationen ohne Ende.
crizzy crizzy 27.09.2022 02:18
Verleumdungsklage in den USA, da geht es schnell nicht nur um ein paar Millionen ...
Der nicht gerade arme Magnus könnte durch unbedachte Äußerungen sich finanziell völlig ruinieren.
Allen klaro? Deshalb die große Zurückhaltung.
Beweise.
Auf frischer Tat hat nicht geklappt. Hinterher ist schwierig, siehe Dr.Regan.
Vincent Keymer hat dargelegt, wie schwierig der Nachweis von Betrug ist.
Wenn Magnus am Strand den Hans zweimal vom Brett fegt, dann aber in der Turnierpartie nur bei bestem Spiel Remis schaffen könnte ... ist nur ein Indiz, leider kein Beweis.
Wenn Magnus wahrnimmt, daß sich Hans nicht voll konzentriert in schwierigen Situationen am Brett ..... ist nur ein Indiz, leider kein Beweis.
Wenn festgestellt wird, daß Niemann in Online-Turnieren wesentlich besser abschneidet als in Turnieren ohne Übertragung ..... ist nur ein Indiz. Reicht es als Beweis?
Deshalb ist es so schwer.
Ich hatte die Performence der ersten drei Niemann-Partien beim Sinquefeld-Turnier mit den letzten sechs Partien verglichen. Ein Indiz. Ein ausreichender Beweis ist es nicht.
Kriminalfälle sind schon durch Indizien entschieden worden.
Wer ist der fiffige Kommissar und Richter?
Ich glaube an die Schach-Community.
rollschu rollschu 27.09.2022 11:51
Korrelationen mit irgendwelchen Engine-Vorschlägen helfen meiner Meinung nach nicht wirklich weiter. Und wenn ich mich nicht irre, dann sind diese auch die Grundlage für die Analysen von Prof. Regan Bei starken Schachspieler reicht schon ein einziges Signal, dass es bei dem anstehenden Zug etwas "zu holen gibt" (oder das der vorherige Zug des Gegners ein Fehler war). Mit diesem Hinweis kann ein starker Schachspieler die Partie zu seinen Gunsten drehen. Und Niemann ist zweifelsohne ein starker Schachspieler. Und dann kommt noch eine nicht unerhebliche psychologische Komponente dazu, die sogar Carlsen stark beeinflusst zu haben scheint (zB das seine sub-optimale Eröffnung von Niemann so stark beantwortet wurde was idT einem glücklichen Umstand in seiner Vorbereitung zu verdanken sein mag). Wie auch Keymer gerade in einem Interview sagte: „Das Entdecken von Cheating ist keine perfekte Wissenschaft“. Und die subtilen Signale (Blickrichtung, Körperspannung,..), die man wahrnehmen kann, wenn man sich gegenübersitzt, bleiben wohl auch Kommentatoren usw. verborgen (und werden mit dem Begriff Konzentration nur sehr oberflächlich beschrieben).
SoerenH SoerenH 27.09.2022 11:15
Machen wir doch eine klassische Stellungsbewertung. ;) Es gibt die Verdachtsmomente, die Magnus Carlsen angesprochen hat. GM Niemann wirkte auf Carlsen leicht unkonzentriert, gewann aber trotzdem gegen den Weltmeister, der fast 200 ELO-Punkte mehr hatte. chess.com berichtet davon, dass Niemann wahrscheinlich mit 14 in einem ganzen Online-Turnier betrogen hat. Carlsen bezichtigt Niemann des Cheatings, auch wenn es sprachlich abgeschwächt mit "I believe" rüberkommt. Es ist eine konkrete Bezichtigung.

Beweise gibt es aber nach wie vor nicht. Und das in der Konstellation finde ich hoch problematisch. Das dürfte spätestens dann deutlich werden, wenn wir Hobbyspieler leicht gegen einen 200 ELO-Punkte stärkeren Spieler siegen und dann gesagt bekommen, Du hast doch bestimmt geschummelt. Das möchte niemand hören. Cheating macht das Schach kaputt. Unbewiesene Cheating-Verdächtigungen ebenso! Wir brauchen einfach bessere Kontrollen, Vorschläge wurden schon einige gemacht. Magnus Carlsen hält es nicht für notwendig, sich offensiv für solche Maßnahmen einzusetzen, sondern beschließt den Weg der unbewiesenen Verdächtigungen zu gehen. Schade.

Chessbase hat vor einigen Tagen einen Artikel über den wohl weltbesten Cheating-Analysten veröffentlicht. Er hat keine Anhaltspunkte für Betrug von Niemann gefunden. Er hat auch die Online-Partien der letzten Jahre hinzugenommen. Sein Urteil halte ich für gewichtiger als das von Magnus Carlsen. Ich finde, die beiden sollten sich mal in Verbindung setzen. :)
Matthias Ruf Matthias Ruf 27.09.2022 10:23
In einem Gericht, bei dem zwei Parteien sich streiten, findet meist eine Befragung statt. Der Richter hört sich zunächst die unterschiedlichen Standpunkte an. Es ist ja klar, dass in einem Rechtsstreit jeder Beteiligte in egoistischer Weise auf den eigenen Vorteil bedacht sein wird. Eine große Rolle bei der Befragung spielt die Glaubwürdigkeit von Personen. Als Synonyme können Integrität, Ehrlichkeit, Redlichkeit, Zuverlässigkeit, Authentizität, Plausibilität oder Reputation verwendet werden. Ich empfehle jedem Leser einmal selbst, einen Vergleich der Schachprotagonisten anzustellen.

Bei der Beurteilung der Persönlichkeit von Magnus Carlsen mit der von Hans Niemann gibt es mehr Material vom älteren Weltmeister. Der 19-jährige US-Großmeister machte durch seine Online-Streams und diverse Interviews auf sich aufmerksam. Mir fällt es schwer, mich mit ihm zu identifizieren. Als deutscher Schachfan interessiert man sich derzeit weniger für Hans im Schachglück, als für den sehr glücklichen 2700 Eloaufsteiger und Julius Bär Halbfinalist Vincent Keymer. Ein 1,7 Abiturient, der nicht nur in Schachanalysen einen aufgeweckten und intelligenten Eindruck macht. Über Hans Niemann macht gerade ein Video von FM Yosha Iglesias aus Paris die Runde. Der Hinweisgeber Gambitman hat auf Twitter als Erster veröffentlicht, dass 8 Partien von Hans eine Engine/Game Correlation von 100 aufweisen. Das ist der tödlichste Beweis für Computerbetrug. Carlsen viel in seinem neuesten Statement auf, dass sein Gegner beim Sinquefield Cup nicht angespannt rechnete und nicht voll konzentriert war. In einem alten Video von Daniiel Dubov und Vlad Tkachev wird aufgezeigt, dass mit einem Knopf im Ohr sogar Blitzpartien manipuliert werden können. Typisch für Niemann ist, dass er seine Gewinnpartien nicht richtig erklären kann. Nach der Partie gegen Mathieu Cornette behauptet er pauschal, dieser habe eine schlechte Eröffnung gespielt (Theorievariante?) oder an anderer Stelle “Chess speaks for itself”. Toll!
kuerzebap kuerzebap 27.09.2022 09:40
Einige Kommentatoren der besagten Partie Carlsen gg. Niemann sagen, dass Ihnen eine fehlende Konzentration auf Seiten Niemanns nicht wirklich aufgefallen wäre. Zudem hat Carlsen in dieser Partie nachweislich nicht wirklich gut gespielt: Man spricht in Statistiken von nur 40-45% Übereinstimmung mit Enginezugvorschlägen. Üblicherweise erzielt Carlsen über 60%. Niemann erzielte auch "nur" eine Korrelation von ca. 70%.
Trotzdem sind die Korrelationsstatistiken zu Niemanns weiteren Partien seit seinem Aufstieg von vor 2 Jahren frappierend. Ein YouTube-Video von gestern Abend zeigt dieses eindrucksvoll. Wahrscheinlich hatte Carlsen diese info bzw. diesen Verdacht schon vorher und war womöglich frustriert, wie er mit dieser Situation während seiner Partie gegen Niemann umgehen soll. Dass er dann nicht sein bestes Schach spielt, ist für mich nachvollziehbar.
rollschu rollschu 27.09.2022 09:11
Ich finde Carlsen ist erstaunlich unprofessionell an die Sache herangegangen. Er hätte wohl besser seine Teilnahme am Sinquefield Cup an eine 15min Verzögerung der Zugübertragung knüpfen sollen (die ja dann auch eingeführt wurde). Dann wären zumindest die Betrugsmöglichkeiten eingeschränkt worden. Mit jemanden Schach zu spielen, den man verdächtigt, unerlaubte Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen, ist äußerst unangenehmen. Das erklärt wohl seine schwache Leistung während der Partie . Ich finde auch, dass man seine Aussage über das Verhalten von Niemann während der Partie ernst nehmen sollte. Ähnliche Verhaltensweisen waren wohl damals auch bei Borislav Ivanov sehr offensichtlich. Und all die Vorwürfe, Carlsen könne nicht verlieren und wolle einem jungen, aufstrebenden Spieler seine Zukunft zerstören, halte ich für Quatsch. Das, was Carlsen vor allem seit Ausbruch der Pandemie für das Schach getan hat, zeigen meiner Meinung nach, dass er weit davon entfernt ist, nur an sich selbst zu denken. Die neue Generation um Gukesch, Keymer, etc weiß das glaube ich auch zu schätzen.
rollinghills rollinghills 27.09.2022 08:40
Carlsen nutzt seine Ausnahmestellung um aufzuräumen. Das ist genau richtig so. Wäre es in anderen Sportarten ähnlich, z.B. im Radsport, dann gäbe es weniger Doping. Als Armstrong, Pantani, Telekom & Co. gedopt haben, sind alle mitgezogen, anstatt zu sagen: Wenn 1-2 Mannschaften wie von einem anderen Stern fahren, dann treten wir einfach nicht an. Ist aber nie passiert. Carlsen macht das. Chapeau.
Wenn er schreibt, dass Niemann sich bei seinem Sieg nicht mal richtig konzentriert hat, dann sollte man ihm das glauben. Ganz ehrlich ein guter Spieler kann besser als jede Software beurteilen, ob der Gegner eine Engine verwendet oder nicht. Und schon lange besser, als ein vollkommen unzuverlässiger Weltschachverband.
acepoint acepoint 27.09.2022 08:11
«Wenn Carlsen von weiteren Situationen ausgeht, sollte er die auflisten. Wäre ich Niemann, würde ich sagen: "Gerne erlaube ich Dir offen zu sprechen, solange es nicht justitiabel ist."»

Das ist ja genau das, was Carlsen möchte. Ich verfolge diesen Skandal und die wüsten Spekulationen aller möglicher (Nicht)Experten seit über zwei Wochen. Das Verhalten von Carlsen ist stringent und - bedingt durch Details, die nach und nach an die Öffentlichkeit gelangen - logisch nachvollziehbar. Er ist von einer Menge intelligenter Leute umgeben. Mit Sicherheit hat er auch einen fähigen Rechtsbeistand konsultiert. Sein jetziges Statement ist wahrscheinlich das äußerste, was er machen kann, ohne von einer Verleumdungsklage (in den USA?!) bedroht zu werden.
flachspieler flachspieler 27.09.2022 07:16
Zentral ist aus meiner Sicht Carlsens Satz:
>> Ich glaube, dass Niemann mehr - besonders in jüngerer Zeit - betrogen hat, als er öffentlich zugegeben hat.<<

Der Satz kann auf schwachen Füßen stehen. Zugegeben hat Niemann Online-Cheating mit 12 und 16 Jahren. Der Server chess.com behauptet, Niemann habe auch bei einem Turnier gecheatet, als er 14 Jahre alt war. Dies hat Niemann nicht zugegeben. Wenn Carlsen von weiteren Situationen ausgeht, sollte er die auflisten.

Wäre ich Niemann, würde ich sagen: "Gerne erlaube ich Dir offen zu sprechen, solange es nicht justitiabel ist."

Ingo Althöfer.
Isolini Isolini 27.09.2022 02:43
Auf mich wirken Carlsen Attacken auf Niemann als wenn ein Dieb rufen würde:"Haltet den Dieb!"

Niemanns Gewinn im Sinquefield-Cup gegen Carlsen war überzeugend, aber auch der Schwäche Carlsens geschuldet, wie IM Souleidis in einem Youtube-Beitrag dargelegt hat.

Niemanns Leistung im Generations Cup ist eher unauffällig gewesen. Auf gute Partien sind weniger gute gefolgt.

Was aber bemerkenswert gewesen ist, ist Carlsen unfassbare Bilanz von 19 Siegen aus 27 Partien gegen allesamt Weltklassespieler. Eine Quote, die historisch einmalig ist und einer Performance von ca. 3000 entspricht. Um es noch mal deutlicher zu machen, wir sprechen hier von einem Ergebnis von +18, wozu noch nicht einmal Kasparow fähig gewesen wäre.

Die spielerische Befreiung aus kniffligen Situationen, etwa die 3.Partie gegen Aronian, aber auch eine Konstanz, die jede menschliche Schwankung vermissen lässt, 18-jährige Gegner ermüden, bloß Carlsen nicht. Das ist mehr als nur auffälliger Zufall.

Jedenfalls sollte an Carlsen ohne jeden Weltmeisterbonus der gleiche Maßstab angelegt werden, welchen er an Niemann anlegt.
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