Auf der Homepage des Deutschen Schachbundes (DSB) fand sich zuletzt lediglich ein versteckter Hinweis auf die Absage des für Mai geplanten Hauptausschusses. Doch die entscheidende Nachricht fehlt: Die vom Schiedsgericht angeordnete Ladung zu einem außerordentlichen Bundeskongress (aoBK) steht nach über 14 Tagen noch immer aus – obwohl der DSB gerichtlich verpflichtet wurde, „unverzüglich" zu laden. Verantwortlich für die Ladung ist nach der Satzung des DSB allein Präsidentin Ingrid Lauterbach, die seit langem wegen ihres Führungsstils und des Umgangs mit dem Personal massiv in der Kritik steht. Wir sprachen am Ostermontag mit Thomas Weischede, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft (ELG), über die juristische Bewertung der Entscheidung des Schiedsgerichts und die notwendigen Konsequenzen für den deutschen Schachsport. Er war als Mediator maßgeblich an der Herbeiführung der sog. Berliner Erklärung beteiligt, hat aber zuletzt noch vor Erlass der Entscheidung des Schiedsgerichts klargestellt, dass die ELG sich wegen der Führungskrise einstweilen vom DSB distanzieren muss.
Hallo Thomas. Wir kennen uns schon einige Zeit und sehen uns regelmäßig, nicht zuletzt bei Veranstaltungen der Emanuel Lasker Gesellschaft. Es ist auch noch gar nicht so lange her, dass wir in Hamburg für ein Video-Interview zusammengesessen haben. Wir haben vor allem über das Jubiläum der Emanuel Lasker Gesellschaft gesprochen. Zum Schuss klang aber auch schon deine Sorge über die Vorgänge im Deutschen Schachbund an. Inzwischen ist ja schon wieder einiges passiert. Wie bewertest du die jüngste Entwicklung, auch unter juristischen Gesichtspunkten?
Noch einmal kurz: Eine Reihe von Verbänden beantragte einen baldmöglichen Außerordentlichen Bundeskongress anstelle des einer Hauptausschusssitzung, offensichtlich auch mit der Absicht Neuwahlen durchzuführen. Das Präsidium lehnte das mit Hinweis auf eine Prüfung des Antrages durch den Bundesrechtsberater ab. Das angerufene Schiedsgericht entschied dann im Sinne der Antragsteller.
Thomas Weischede: Ich habe auch über das Osterwochenende in der Kanzlei zu tun, möchte mir aber die Zeit für dieses Interview nehmen, weil mich einige Dinge besonders als Jurist hochgradig irritieren. Dabei möchte aber ich klarstellen, dass ich hier nur meine persönliche Meinung kundtue, soweit ich nicht ausdrücklich auf die gebotene Sichtweise der ELG abstelle.
Zudem möchte ich betonen, dass ich gerade in überaus trauriger Stimmung bin, weil am 02. April unerwartet unser Ehrenmitglied Dr. Thomas Thomsen verstorben ist, dem die ELG vor kurzem auf dem Jahrestreffen der CCI noch den Lasker 2025 verliehen hat, übrigens auf meine Initiative hin gemeinsam mit der Präsidentin des DSB. Thomas war ein überaus feiner Kerl und guter Freund.
Aber nun zu Deiner Frage. Offen gestanden, bin ich persönlich enttäuscht und etwas genervt. Unter Juristen – und nicht nur dort – bedeutet „unverzüglich" ohne schuldhaftes Zögern, also sofort. Davon kann nach zwei Wochen nach Zugang des Schiedsgerichtsbeschlusses keine Rede mehr sein. Ich vermute, dass die Geschäftsstelle unter Carsten Schmidt in der für ihn typischen Zuverlässigkeit alles für die Ladung bereits vorbereitet hat, die Umsetzung bei der Präsidentin aber einmal mehr hakt. Auch aus Sicht der ELG ist dieses Andauern der Hängepartie misslich; rasche Klarheit über die Neubesetzung des Präsidentenamtes beim DSB wäre für alle Beteiligten das Beste.
Als Begründung für den Verzug werden organisatorischen Probleme angegeben. In Frankfurt war ein Raum mit einer passenden Größe nur für den eigentlich geplanten Hauptausschuss reserviert worden. Auch finanzielle Aspekte wurden angeführt.
Weischede: Das ist aber doch mit Verlaub wenig überzeugend. Die Ladung zu diesem Hauptausschuss war nach meiner Einschätzung ohnehin ein weiterer Satzungsverstoß der Präsidentin, weil nach § 23 der Satzung der DSB in dem Halbjahr, in dem ein außerordentlicher Bundeskongress stattzufinden hat, gar kein Hauptausschuss stattfinden soll. Dieses Verhalten nährt nur den Verdacht, dass die Präsidentin offenbar zusammen mit der grob rechtswidrigen Zurückweisung des Antrags auf einen Bundeskongress vollendete Tatsachen schaffen wollte, um so den rechtlich zwingend anzuberaumenden außerordentlichen Bundeskongress zu verzögern. Hinter Problemen im Zusammenhang mit einer Absage des Hauptausschusses kann man sich daher jetzt wohl kaum verstecken. Die Anmietung von Räumen stellt im Mai für einen Verband wie den DSB sicher auch kein unüberwindbares Problem dar.
Frage: Die Präsidentin stützte sich bei der Ablehnung Antrages auf einen Außerordentlichen Bundeskongress anstelle eines Hauptausschusses auf die Expertise des Bundesrechtsberaters. Warum war die Zurückweisung des Antrages aus deiner Sicht „grob rechtswidrig“.
Weischede: Weil es im Lichte des § 31 BGB – der zwingendes Recht zum Minderheitenschutz beinhaltet – keine zwei Meinungen darüber geben kann, dass dem Antrag der neun Mitgliedsverbände umgehend zu entsprechen war. Das Schiedsgericht hat hier nur juristische Selbstverständlichkeiten postuliert. Wenn der Bundesrechtsberater Herr Strobl in seiner Stellungnahme zu dieser Norm kein Wort verliert, drängt sich der Verdacht eines „Gefälligkeitsgutachtens" auf, um der Präsidentin den Verbleib im Amt zu sichern. Ein einfacher Blick in die einhellige Rechtsprechung und Kommentierung zu § 31 BGB hätte ausgereicht, um zu einem anderen Ergebnis zu gelangen. Dies hat auch das Schiedsgericht sehr deutlich moniert. Dass bei alldem dann die abwegige und unhaltbare Rechtsauffassung des DSB groß auf der Frontpage verkündet wurde, während die peinliche Niederlage vor dem Schiedsgericht und die ebenfalls verspätete Absage des Hauptausschusses nun eher unter dem Radar bleiben und die Ladung immer noch fehlt, spricht dann wohl auch Bände über das Amtsverständnis. Bis heute gibt es noch nicht einmal eine Entschuldigung für dieses rechtswidrige Verhalten, Zumindest dies wäre von der Präsidentin zu erwarten gewesen. Jedenfalls muss man deswegen als Dritter den Eindruck gewinnen, dass es hier offenbar weniger um die Belange des DSB als um persönliche Befindlichkeiten geht.
Frage: Du warst zuvor maßgeblich an dem Treffen dem Treffen beteiligt, dass dann zu der so genannten „Berliner Erklärung" geführt hat. Sollte mit der Vereinbarung nicht gerade ein Außerordentlicher Bundeskongress und der Sturz des Präsidiums verhindert werden?
Weischede: In Berlin wurde Vertraulichkeit vereinbart, an die ich mich halte. Klar ist aber für jeden, der lesen kann: Die Berliner Erklärung hat Ingrid Lauterbach eine Brücke für einen geräuschlosen Abgang bis August 2026 gebaut, inklusive einer Perspektive bei der ECU.
Das war jedoch kein Freibrief für die restliche Amtszeit, sondern in der Fußballersprache eine dunkelgelbe Karte. Ein „Präsident auf Abruf" muss sich in einer solchen Situation aktiv zurücknehmen und im Präsidium als Kollegialorgan noch mehr konsensual agieren. Stattdessen wurde etwa der Vize-Präsident Finanzen, Alexander von Gleich, offenbar derart unkollegial behandelt, dass er zurücktreten musste.
Wenn eine umstrittene Präsidentin in einer angespannten Sanierungsphase des Verbandes auf diese Weise den wichtigsten „Vertrauensanker" der Mitglieder im Präsidium verliert, ist das eine Zäsur. Dass die Mitglieder darauf mit einem neuen Begehren auf zügiges Abhalten eines Bundeskongresses reagieren, ist mehr als verständlich und folgerichtig. Auf dunkelgelb folgt dann halt rot, wobei darüber nun die Mitglieder zu entscheiden haben, was auch richtig ist, denn dort gehört die Entscheidung hin.
Frage: Du sollst dich bereits vor der Entscheidung des Schiedsgerichts in internen Mails für den Rücktritt des gesamten Präsidiums ausgesprochen haben. Stimmt das und warum diese drastische Forderung?
Weischede: Zunächst bin ich darüber verwundert, dass interne Mails die Runde gemacht haben und darüber von Dritten - noch dazu ohne vorherige Rücksprache mit mir - verkürzt berichtet wird, ohne den Gesamtkontext zu beachten oder herzustellen.
Richtig ist, dass ich dem DSB über einen Appell an die verbliebenen drei Präsidiumsmitglieder die Schmach der absehbaren gerichtlichen Niederlage ersparen wollte. Man muss sich das einmal vorstellen: Erst kommt die rechtlich groteske Absage und dann müssen die betroffenen Mitglieder des DSB die Einhaltung der Satzung gegen die Präsidentin gerichtlich erzwingen.
Da muss sich jeder im DSB und außerhalb fragen. wo wir denn beim DSB inzwischen angekommen sind? Dies ist nach meiner Kenntnis selbst in der fast 150-jährigen Geschichte des DSB einmalig. Darüber sollte man berichten und nicht über meine internen Mails.
Ein freiwilliger Rücktritt wäre zudem eine Frage des Respekts vor dem Amt gewesen und hätte den Vorteil geboten, gesichtswahrende Neuwahlen zu ermöglichen. Dabei hätten dann auch drei von vier Personen neu antreten können. Da dazu die Bereitschaft im restlichen Dreier-Präsidium fehlte, habe ich mir diesen Appell letztlich verkniffen. So blieb nur der harte Weg über das Schiedsgericht.
Was die Begründung für die Missachtung des offensichtlich berechtigten Antrages anbelangt, muss man sich wohl sich fragen, ob hier nur Dilettantismus am Werk war oder ob die Rechtswidrigkeit Methode hatte. Andere plausible Einschätzungen fallen dazu schwer. Beides wäre für das Ansehen des DSB und damit für den deutschen Schachsport gleichermaßen schlimm.
Der DSB ist das nationale Aushängeschild des organisierten Schachsports in Deutschland. Sieht man sich auf der Homepage des DSB dessen eigenes Leitbild an, muss man ein anderes Verhalten zwingend einfordern. Betrachte ich mir Veranstaltungen wie die DSAM wird dies an der Basis auch gelebt. Dies muss im gesamten DSB der Standard sein. Dies dürfte nicht zu viel verlangt sein.
Frage: Was erwartest Du von dem anstehenden Außerordentlichen Bundeskongress für die künftige Ausrichtung des DSB?
Weischede: Ich erhoffe mir für die Zukunft Ruhe und Konzentration auf die gemeinsame Förderung des Schachs. Der DSB braucht nach meiner Einschätzung an der Spitze dringend eine Person mit hochkarätiger Managementerfahrung und diplomatischem Geschick – alles Qualitäten, die Ingrid Lauterbach nach eigenem Bekunden gefehlt haben. Der DSB muss auch endlich geeint werden. Dafür wird eine Person benötigt, die alle Mitglieder mitnehmen kann. Dazu gehört es auch, Kritik ernst zu nehmen, sich dieser Kritik stellen zu wollen und diese Kritik als Ansporn zu begreifen, besser zu werden. Dabei ist durchaus eine gewisse Eile geboten. Das Jubiläum 2027 will vorbereitet werden. Es gilt, das aktuelle sportliche Hoch unserer Nationalspieler -Männer wie Frauen- zu nutzen und die Marke von 100.000 Mitgliedern anzupeilen. Spitzen- und Breitensport sind dabei keine Gegensätze, sondern nur zwei Seiten einer Medaille. Ein Alexander von Gleich hätte diese Qualitäten als Teamplayer sicherlich. Ich fände es daher gut, wenn jemand wie er sich in einem kollegialen Präsidiumsteam um pragmatische Lösungen kümmern könnte, statt sich mit internen Grabenkämpfen aufzureiben. Ich kenne Alexander seit vielen Jahren. Ihn treibt ebenso wie mich um, dass wir keine Bühnen für persönliche Selbstdarstellungen suchen, sondern dem Schach etwas zurückgeben möchten, weil es uns viel gegeben hat. Dieser Geist sollte das gesamte neue Präsidium des DSB beseelen. Dann dürfte mit Erfahrung, Geschick und Können der Rest auch gelingen.
Frage: Wäre es nicht vielleicht eine Idee, dass du selber kandidierst?
Weischede: Ich werde selbst unter keinen Umständen kandidieren; dafür lassen mir schon mein Beruf und meine vielen Ehrenämter und sonstigen sozialen Aktivitäten keinen Raum. Vorschläge müssen meines Erachtens auch aus der Mitte der Mitglieder kommen. Mein Wunsch wäre dabei ein personeller Neuanfang, der Aussicht auf Kontinuität hat. Ich würde mir dabei auch die Fähigkeit zur Versöhnung wünschen. So sollte Ingrid Lauterbach beim Schachgipfel trotz allem ordentlich verabschiedet werden. Ich würde ihr dies jedenfalls wünschen.
Frage: Zum Abschluss noch Deine Einschätzung zum Schach allgemein und wie stufst Du das aktuelle Kandidatenturnier ein? Wer ist dort dein Favorit?
Das Schach allgemein boomt enorm. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass dieser Boom noch lange anhalten wird und es gerade die Aufgabe des DSB ist, daraus für sich und alle Mitglieder Vorteile zu generieren. Schauen wir uns nur den April an. Aktuell laufen das Kandidatenturnier und das Grenke Open, zwei internationale Leuchttürme mit deutscher Beteiligung. Vincent hat sogar beste Chancen in Karlsruhe zu gewinnen. Matthias schlägt sich auf Zypern gut und tapfer. Nächste Woche findet dann in Bad Homburg die 34. Ärztemeisterschaft statt. Eine Woche später steht die finale Endrunde der Frauenbundesliga in Königshofen an. Noch eine Woche später ist Bundesligaendrunde in Berlin mit 125-Jahre Berliner Schachverband und 25-Jahre ELG. Noch eine Woche später findet das letzte Qualifikationsturnier des DSAM in Magdeburg statt. Parallel gibt es rund um den 1. Mai bundesweit eine Fülle von Schachveranstaltungen, von denen ich hier nur die Turniere in Dresden erwähnen möchte. Überall findet also enorm viel statt. In den künftigen Monaten ist dies kaum anders. Besser könnten die Rahmenbedingungen für ein neues Team beim DSB daher kaum sein. Zum Sportlichen beim Kandidatenturnier: Bei den Männern tippe ich auf Sindarov, dessen Energie mich an den jungen Kasparov erinnert, wünsche mir aber ein Duell bis zur letzten Runde mit Fabiano Caruana. Möge dann der bessere oder glücklichere gewinnen. Bei den Frauen drücke ich Anna Muzychuk alle Daumen – sie wäre nach ihrer langen Karriere eine wunderbare Weltmeisterin und Botschafterin für das Schach, nicht nur in der Ukraine.
Die Fragen stellte André Schulz. Das Interview wurde über Ostern per Telefon geführt.