Tigran Petrosians Geburtstag

19.06.2006 – Vergangenen Samstag wäre Tigran Petrosian 77 Jahre alt geworden. Als jüngstes Kind einer armenischen Arbeiterfamilie in Tiflis (Georgien) geboren, musste er nach dem Tod seiner Eltern im Zweiten Weltkrieg schon bald selbst zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Dennoch schaffte er mit viel Talent und noch mehr Fleiß den Aufstieg zum Schachprofi und wurde schließlich sogar Weltmeister. Seinen 40sten Geburtstag hat Petrosian in schlechter Erinnerung behalten. Am 17. Juni 1969 verlor er den Titel an Boris Spasski. Petrosian, der 1984 an einem Krebsleiden starb, galt als Meister der Prophylaxe und außerdem als sehr remisfreudig. Dennoch war er einer der erfolgreichsten Olympiadespieler aller Zeiten mit 79 Siegen, 50 Remis und nur einer Niederlage - gegen Robert Hübner. Johannes Fischer widmet dem armenischen Weltmeister ein Portrait. Übrigens hatte mit Peter Svidler am vergangenen Samstag ein weiterer Weltklasse-Spieler Geburtstag. Mehr...

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Tigran Petrosian: Der friedfertige Olympiagigant feiert Geburtstag
Von Johannes Fischer

Seinen 40. Geburtstag hätte Tigran Petrosian gerne anders gefeiert. Denn ausgerechnet am 17. Juni 1969 endete der Weltmeisterschaftskampf gegen Boris Spassky, bei dem Petrosian seinen Weltmeistertitel verlor. Das war eine bittere Niederlage für den Armenier, die allerdings nicht alle Schachfans traurig stimmte.

Zwar hatte Petrosian viele Anhänger, die sein tiefgründiges, geheimnisvolles Spiel schätzen, doch den meisten waren seine Partien zu undurchsichtig und sicherheitsbetont. Petrosian liebte die Prophylaxe und scheute das Risiko, weshalb er zwar selten verlor, aber auch weniger gewann als andere Spieler seiner Klasse.

Vielleicht war dieser Stil eine Folge von Petrosians Kindheit und Jugend. Petrosian wurde am 17. Juni 1929 in Tiflis als letztes Kind einer kinderreichen armenischen Arbeiterfamilie geboren und musste bereits als Jugendlicher schwere Schicksalsschläge verkraften: 1942 starb seine Mutter, 1944 sein Vater und er selbst zog sich in dieser Zeit eine schwere Krankheit zu, die nicht richtig behandelt wurde, was dazu führte, dass er auf einem Ohr taub blieb und mit dem anderen nur eingeschränkt hören konnte.

Nach dem Tod beider Eltern musste der spätere Weltmeister zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und verdingte sich deshalb als Hausmeister in einem Offiziersheim. Trotz der schweren Arbeit widmete er sich dieser Zeit dennoch weiter dem Schach, spielte viel, analysierte viel und verschlang zahlreiche Schachbücher, oft ohne Ansicht des Brettes. Später schrieb er: "Das erste seriöse Schachbuch, mit dem ich mich vertraut machte, war Nimzowitschs Die Praxis meines Systems. Unzählige Male analysierte ich die Partien und Stellungen dieses Buches, wobei ich dies sehr gern ohne Brett tat. Kein Wunder, daß ich es schließlich auswendig kannte." (A. Suetin, Tigran Petrosjan: Die Karriere eines Schachgenies, Berlin: Bock & Kübler, 1997, S.11.)

Talent und Fleiß führten zu einem raschen Aufstieg: 1946 wurde Petrosjan armenischer Meister, 1951 Moskauer Stadtmeister, im gleichen Jahr geteilter Zweiter (mit Geller und hinter Keres) bei der UdSSR-Meisterschaft, 1952 Großmeister und als er 1953 als jüngster Teilnehmer beim Kandidatenturnier in Zürich den 5. Platz belegte gehörte er bereits zur Weltspitze. Zehn Jahre und etliche gescheiterte Anläufe auf den WM-Thron später besiegte er 1963 Weltmeister Mikhail Botvinnik und war die neue Nummer 1 im Schach. Drei Jahre später konnte er seinen Titel gegen Spassky verteidigen, doch weitere drei Jahre danach unterlag er Spassky dann doch noch. Aber auch nach dem Verlust seines WM-Titels blieb Petrosjan noch lange in der Weltspitze, bis er 1984 an einem Krebsleiden starb.

Der Olympiagigant

Petrosian genoss immer den Ruf großer Friedfertigkeit. Doch wie vorsichtig man mit solchen Urteilen umgehen sollte, zeigt seine Leistung bei Schacholympiaden. Tatsächlich hat kein anderer Weltmeister bei Schacholympiaden mehr Partien gewonnen als Tigran Petrosian. Von München 1958 bis Buenos Aires 1978 nahm Petrosian an insgesamt 10 Olympiaden teil, gewann dabei 79 Partien, remisierte 50 und verlor nur eine einzige – gegen Robert Hübner bei der Schacholympiade in Skopje 1972. Diese Niederlage führte dafür zu einem kleinen Eklat, denn obwohl Petrosians Uhr noch eine Minute Bedenkzeit anzeigte, fiel im 37. Zug in Remisstellung sein Blättchen – Proteste des Ex-Weltmeisters wurden vom Schiedsrichter nicht anerkannt, worauf der Armenier die Uhr wütend aufs Brett warf – und all das wurde vom Fernsehen gefilmt.

Neunmal gewann Petrosian mit der UdSSR die Goldmedaille, nur 1978, bei seiner letzten Olympiade, wurde er mit seiner Mannschaft Zweiter hinter Ungarn. Sechs Mal gewann Petrosian einen Preis für das beste Brettergebnis. Und von allen Weltmeistern hat nur Spassky überhaupt mehr Partien bei Olympiaden gespielt als Petrosian, nämlich 135 (+54, =79, -2, das entspricht einem Ergebnis von 69,3%). Was das prozentuelle Ergebnis bei Olympiaden angeht, so liegt Petrosian auf Platz drei hinter Tal (101 Partien, +65, =34, -2, 81,2%) und Karpov (68 Partien, +43, =23, -2, 80,1%). Und bei der Zahl an Verlustpartien wird Petrosian nur von Kramnik geschlagen, der in vier Olympiaden – einschließlich Turin 2006 – bislang 38 Partien spielte, aber noch nicht ein einziges Mal verlor.

Warum Petrosian in Olympiaden so erfolgreich war, ist eine offene Frage. Vielleicht fühlte er sich in einer starken Mannschaft einfach sicher genug, um unbeschwert aufzuspielen, vielleicht ist ein positioneller Stil gegen schwächere Gegner aber auch besonders giftig. Oder vielleicht ist der 17. Juni einfach nur ein guter Tag für Schachspieler. So feiert der russische Großmeister Peter Svidler, derzeit die Nummer vier der Welt, am 17. Juni ebenfalls Geburtstag. 2006 ist es der dreißigste.


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