07.06.2021 – Schneller, höher, weiter ... und immer jünger? Im internationalen Turnierschach gehören heute immer mehr Kinder zu den besten Spielern. Wer etwas werden will, muss am besten schon im Kindesalter Großmeister werden. Thorsten Cmiel betrachtet die noch junge Karriere des jüngsten "Wunderkindes", Abhimanyu Mishra. | Foto: ChessBase India
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Abhimanyu Mishra: Titeljagd im Kindesalter
Schneller, höher, weiter. So funktionieren unsere Medien und unsere Gesellschaft. Genauso funktioniert der Sport. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und später höhere finanzielle Möglichkeiten spielen Rekorde eine Rolle. In diesem Fall der Rekord des jüngsten Schach-Großmeisters aller Zeiten. Die Geschichte von Abhimanyu Mishra, kurz Abhi, war zuletzt die Geschichte von Erfolgen eines Kindes, aber genauso seiner Entbehrungen und der Investments seiner Familie.
Abhimanyu Mishra, geboren am 5. Februar 2009, ist das zurzeit jüngste Talent im Schachzirkus. Sein Vater, Hemant, spricht offen darüber wie groß der finanzielle Aufwand (aktuell 270.000 USD) ist, den die eigene Familie erbringen musste, um seinen Traum zu erfüllen. Zunächst den Traum des Vaters. Die Geschichte von Abhimanyu Mishra erzählte kürzlich Stefan Löffler für die FAZ, zweitabgedruckt bei ChessBase.
Die Geschichte von Abhi ist im Sport keine ganz neues Narrativ. Wir kennen ähnliche Entwicklungen aus anderen Sportarten wie dem Turnen, Eislaufen und Tennis, um nur einige sportliche Disziplinen zu nennen. Genauso funktioniert die Musik bei Top-Geigern und Pianisten beispielsweise. Wer ein Instrument perfekt beherrschen will, der muss ebenfalls früh anfangen und ausdauernd üben. Jacob Aagaard schätzt für das Schachspiel, dass man bis zum Alter von 20 Jahren eine Elozahl von 2700 erreichen muss, um eine Chance zu besitzen in die absolute Weltspitze zu gelangen. Die Tendenz ist eindeutig: Je jünger man Erfolge vorweisen kann, desto größer sind die Chancen für den absoluten Triumph. Die Öffentlichkeit nimmt bei Sportlern immer nur die Erfolgsgeschichten wahr und erzählt diese. Viel mehr Kinder und mit ihnen deren Familien dürften scheitern bei dem Versuch, den Erfolg zu erzwingen.
Täglich mehrstündiges Training
Es ist dem Vater von Abhi gelungen, Trainer und Coaches für das Projekt Großmeister-Titel zu gewinnen und vor allem zu bezahlen. Bei der Finanzierung musste die Familie an die Grenzen gehen und setzt auf Fundraising. https://de.gofundme.com/f/Help-Abhi-to-become-Youngest-Grand-MasterInworld Abhi absolviert seit Jahren ein erhebliches tägliches Trainingspensum. Sein Head-Coach ist aktuell Magesh Panchanatan, ein geborener Inder, der in Apex in North-Carolina lebt und als Schachtrainer arbeitet. Magesh gründete Anfang 2021 zusammen mit seinen indischen Großmeister-Kollegen Ramesh und Surya Ganguly die Online-Schachschule Pro Chess Training. In der Elite-Gruppe finden sich dort neben gestandenen Großmeistern einige Top-Talente wie Pragg und Christopher Yoo. Die unteren Leistungsgruppen sind gespickt mit Kindern, die Abhi und Pragg nacheifern wollen. Die wenigsten werden annähernd so stark werden. Längst ist zudem weltweit die Jagd auf die größten Talente eröffnet. Das schmückt die eigene Institution verspricht Ehre und mehr Aufmerksamkeit, die Währung von heute. Garry Kasparov integrierte Abhi schon vor längerer Zeit in die US-Trainingsgruppe seiner Stiftung.
Der aktuelle Lockdown reduzierte die Rekordchancen von Abhi. Zusammen mit seinem Vater ist er zurzeit in Budapest und versucht schnellstmöglich die notwendigen Normen zusammen zu bekommen. Zunächst finden dort sechs GM-Turniere hintereinander statt – von Mitte April bis Anfang Juni. Hemant und Abhi sind ohne Rückflug-Ticket nach Ungarn geflogen. Am Tag des Entstehens dieses Artikels beginnt das sechste Turnier für den Jungmeister aus den USA und da er gewann, überschritt er in der Live-Rating die 2500er-Marke.
Wie man Großmeister wird
Bei Rundenturnieren muss zum Erzielen einer Großmeister-Norm das Turnier mindestens der Kategorie 6 entsprechen (Ratingschnitt von 2376 bis 2400). Alle beendeten Turniere an denen Abhi in Budapest teilnahm fielen in diese Kategorie. Die GM-Norm liegt bei sieben Punkten aus neun Partien, oder plus Fünf. Das macht die Planung im Vergleich zu Schweizer-System-Turnieren einfach, ist aber gleichzeitig eine ordentliche Herausforderung. Die IM-Norm im gleichen Turnier liegt bei 5,5 Punkten. Zum Vergleich: In Charlotte wurde Ende Mai ein Großmeisterturnier gespielt in dem der Ratingschnitt bei 2436 (Kategorie 8) lag. Hier reichten 6,5 Punkte als Großmeisterresultat. Christopher Yoo, Jahrgang 2006, gelang in der letzten Runde ein Sieg und damit die Norm. Beim Frauen-Grand-Prix auf Gibraltar übererfüllte Zhansaya Abdumalik die Norm von sechs Punkten mit 7,5 deutlich und darf sich demnächst Großmeister nennen. (Hinweis: Diejenigen, die sich um gendergerechte Formen sorgen, es gibt im Schach weibliche Großmeister-Titel und die schwierigere männliche Version).
Neben den Normen aus mindestens 24 Partien, ist eine Rating erforderlich, die im Verlauf über 2500 Elo-Punkten liegen muss. Das ist für viele Spieler eine weitere Hürde auf dem Weg zum Großmeister-Titel. Lazlo Nagy, der Organisator der First-Saturday-Serie in Budapest, weist gerne darauf hin, wer bei seinen Turnier bereits Normen erzielte. Darunter sind viele heutige Weltklasse-Großmeister: Fabiano Caruana beispielsweise erzielte sämtliche Großmeister-Normen in Budapest. In der Vergangenheit war es so, dass Spieler mindestens eine Norm in einem Rundenturnier erzielen mussten. Hier hat der Weltschachbund die Bedingungen allerdings inzwischen gelockert. Zudem erhalten Kinder und Jugendliche durch einen Faktor von 40 einen zusätzlichen Rating-Booster bis 2400.
Fünf Turniere in Budapest
Das erste Turnier diente Abhi zum Eingewöhnen. Mit 6 aus 9 fehlte dem Youngster ein Punkt und sein Spiel wirkte phasenweise ein wenig zu risikoreich. Das wurde korrigiert und man sieht Abhi inzwischen immer häufiger beim Versuch, die Damen frühzeitig im Mittelspiel zu tauschen. Tatsächlich ist der junge US-Amerikaner mit indischen Wurzeln, technisch stark unterwegs. Interessanterweise wichen seine erfahreneren Gegner den Endspielen mehrfach aus und oft war das dann die falsche Entscheidung.
Das Turnierleben von Hemant und Abhi in Budapest folgt festen Ritualen. Dazu gehört die anschließende mehrstündige Online-Analyse mit seinen Coaches ohne Engine-Einsatz. Der Vater übernimmt die Datenbank-Recherche.
Momente
Video von "The Big Greek"
Im zweiten Turnier ging es im Eiltempo weiter. Mit acht Punkten aus neun Partien übererfüllte er seine erste GM-Norm. Beim First-Saturday gelang Abhi im dritten Turnier direkt die zweite Norm, diesmal mit sieben Punkten. Abhi gewann die letzten beiden Partien. In den beiden folgenden Turnier hatte er dann teilweise nach gutem Start keine Chance auf die definitive Norm, gewann aber mit jeweils sechs Punkten (+3) wertvolle Ratingpunkte hinzu. Über sämtliche 45 Partien liegt seine Performance damit bei stattlichen 2562 Punkten. 33 Punkte aus 45 Partien ist ein hervorragende Ausbeute (+21).
Letztes Turnier
Wie spielt der Youngster aktuell?
Mit Weiß schickt Abhi immer zunächst den Damenbauern ins Rennen. Bemerkenswert ist seine Bereitschaft Endspiele zu spielen. Das entspricht in vielerlei Hinsicht dem Spielansatz von seinem Coach Magesh und zeigt worauf die indische Schachschule Wert legt. Großmeister Ramesh beispielsweise sieht intensive Eröffnungsarbeit bei Youngsten erst ab einem Niveau von 2400 als notwendig an. Tatsächlich kann man beobachten wie beispielsweise Gukesh und Pragg lange Zeit auf Eröffnungsvorteil verzichteten und nur die Struktur der Partie bestimmen wollten. Das ändert sich später mit der Gegnerschaft.
Mit Schwarz greift Abhi aktuell vor allem zum Najdorf-Sizilianer. Gegen den Damenbauern scheinen die ruhigen Varianten im Semislawen seine exklusive Wahl in Ungarn zu sein. Ohnehin ist seine Spielweise solide und geduldig zu nennen. Das ist ein frühes Zeichen für ein gesundes und gewachsenes schachliches Selbstbewusstsein.
Vier Turniere
Abhi ist wegen der Pandemie nicht angstfrei nach Budapest gereist und will jetzt nach der entscheidenden Norm möglichst schnell zurück nach Hause, etwas ausruhen und Karate trainieren. Natürlich um dort ebenfalls ein Meister zu werden. Denn Ziele bestimmen sein auf Erfolg ausgerichtetes Leben.
Disclaimer
Vermutlich muss man heutzutage früh mit dem Training beginnen, um die absolute Weltspitze zu erreichen. Man kann diese Entwicklung kritisch sehen und die Motivation der Eltern hinterfragen. Immer häufiger berichten Trainer von Schülern, die vor allem sich selber durch Einsatz von Engines betrügen. Das ist im Online-Training noch einfacher geworden. Vielleicht geht es einigen Kindern darum, die hohen Erwartungen der eigenen Eltern und den gefühlten Druck der Trainer zu erfüllen. Dieser Text soll einen Einblick in die aktuell Spielstärke eines hart arbeitenden Kindes vermitteln, aber keinesfalls eine Aufforderung zum Nachahmen sein oder dazu motivieren. Am wichtigsten ist und bleibt es Spaß am Schachspiel zu haben. Bestenfalls führt das zu einer förderwürdigen Begeisterung und Freude für das Schachspiel aus Eigenmotivation.
Wobei man den GM-Titel von Spasski nicht mit dem von Karjakin vergleichen kann.
Ganz extrem war es bei Bronstein: Es war kurz vor seinem Weltmeisterschaftskampf, als er Großmeister wurde. Aber ich bin mir nicht sicher, ob bei ihm das normal über Normen gelaufen ist oder über eine Sonderregel und es deshalb vergeichbar ist. Noch ein Hinweis: Die ELO-Zahl wurde 1970 beschlossen. Vorher ab 1960 gab es das Harkness-System.
Zu den "Jungstars" möchte ich noch hinzufügen, dass die natürlich alle ausnahmslos extrem viel Talent haben. Ich hoffe außerdem, dass Lernen nur mit guter Laune sehr effektiv funktioniert und nicht mit Angst und Stress. Das weiß ich aber nicht genau.
Trotzdem würde ich es wie geschrieben für sinnvoll halten, wenn die "Kinderarbeit" etwas gebremst würde.
Woodpusher_XL 08.06.2021 11:52
Hier eine Liste der bisherigen "jüngsten Schachgroßmeister":
1950 David Bronstein im Alter von 26 Jahren; bester Weltranglistenplatz: 1
1952 Tigran Petrosjan im Alter von 23 Jahren; bester Weltranglistenplatz: 1
1955 Boris Spasski im Alter von 18 Jahren; bester Weltranglistenplatz: 1
1958 Bobby Fischer im Alter von 15 Jahren, 6 Monaten und 1 Tag; bester Weltranglistenplatz: 1
1991 Judith Polgar im Alter von 15 Jahren, 4 Monaten und 28 Tagen; bester Weltranglistenplatz: 8
1994 Peter Leko im Alter von 14 Jahren, 4 Monaten und 22 Tagen; bester Weltranglistenplatz: 4
1997 Etienne Bacrot im Alter von 14 Jahren und 2 Monaten; bester Weltranglistenplatz: 9
1997 Ruslam Ponomarjow im Alter von 14 Jahren und 17 Tagen; bester Weltranglistenplatz: 6
1999 Bu Xiangzhi im Alter von 13 Jahren und 13 Tagen; bester Weltranglistenplatz: 22
2002 Sergei Karjakin im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten; bester Weltranglistenplatz: 4
Drei dieser zehn jüngsten Großmeister wurden später Weltmeister (Petrosjan, Spasski, Fischer, ohne Ponomarjow mitzuzählen), drei brachten es bis zum WM-Herausforderer (Bronstein, Leko, Karjakin) und nur einer (Bu Xiangzhi) schaffte es nicht in die Top Ten der Weltrangliste (vor 1970: Chessmetrics, nach 1970: FIDE-ELO). Angemerkt sei noch, dass die Altersangabe von Bu Xiangzhi (vermerkt in seinem damaligen Reisepass, ausgestellt in der Volksrepublik China) damals heftig bezweifelt wurde, u.a. von Raj Tischbierek (Zeitschrift Schach, 2000/5, S. 55) anlässlich von Bus Turniersieg beim Neckar Open in Deizisau ("... eher auf 18 Lenze getippt"). Falsche Altersangabe kamen damals bei Sportlern aus der VR China leider sehr häufig vor (siehe u.a. Tagesspiegel vom 30.10.2007: "Mit der Erstellung einer Online-Datenbank will Chinas Sportministerium der Altersfälschung seiner Sportler entgegenwirken.").
Chris69 08.06.2021 08:43
Sehr gut, daß das Thema "Talentförderung", hier nochmal etwas kritischer zur Sprache gebracht wird.
Ich wünsche dem Jungen, daß er nicht unter dem Druck, unter dem er steht, zerbricht.
DoktorM 07.06.2021 09:25
Tenniseltern gibt es auch beim Schach. Die meisten Wunderkinder - egal in welchem Bereich - leisten später nie etwas wirklich Bahnbrechendes. Dafür haben sie dann keine Kindheit gehabt und viele Dinge nicht kennen gelernt. Manche bringen sich sogar um. Mit den Eltern solcher Kinder stimmt einiges nicht.
schachkwak 07.06.2021 06:38
Ich finde die Idee super, dass man nicht zulässt, dass es immer jünger wird. Wie wäre es, wenn Normen zwar erspielt werden können, aber verliehen werden die Titel erst ab einem bestimmten Alter.
Wie wäre es mit den Regularien von Olympia? Denn Schach möchte ja Sport sein:
https://www.olympia-lexikon.de/Olympia:_Gibt_es_ein_Mindestalter%3F
Möglich wäre z.B. FM ab 15, IM ab 16, GM ab 16.
Kasparov100 07.06.2021 01:23
Meine Kritik vor einigen Tagen am undifferenzierten hochjubeln und der sensationshascherei die heutzutage bei solchen Wunderkindern betrieben wird, hat Früchte getragen. So ein Disclaimer wie der Autor im Artikel angebracht wurde, macht hier durchaus Sinn! Warum? In den Anfängen der Berichterstattung über das erreichen der IM und GM Normen war verständlicherweise nur von überschwänglicher Freude über die Leistungen zu hören und von quasi einem neuen ‚Fischer‘ der hier im Rekordtempo Titel einheimst. Dies war aus Sicht des Schachliebhabers nachvollziehbar. Der Bericht von Stefan Löffler hatte dann jedoch einige Zweifel an den Umständen und Methoden dieses Erfolges aufgeworfen. Die teilweise fragwürdige Vorgangsweise des Vaters mit zu offenherzigen resp. empörenden Erklärungen ‚er trainiert täglich 13 Stunden‘, ‚er bekommt 1 freien Tag pro Woche‘, ‚zurückgeflogen wird erst, wenn alle GMnormen im Trockenen sind‘ etc.. Das lässt zumindest einen mit der Materie nicht vertrauten Leser schon mal zusammenzucken, und einen Schachinsider sollte das auch nicht ganz kaltlassen, wenn man mal in sich geht und sich nochmal vergegenwärtigt, das wir hier von einem 12 jährigen reden. Die ‚Leistung‘ generell will ich nicht in Abrede stellen, die Frage ist ob wir das wirklich in dieser Form und fragwürdigen ‚Umständen’brauchen. Abgesehen davon, dass diese Normenjagd in Ungarn in der Vergangenheit generell durch ‚Begleiterscheinungen’ finanzieller Art etwas anrüchig gewesen ist. Die Frage ist, wo die Grenze des zumutbaren für Kinder liegt, und ob irgendwann jemand stop sagt, sonst wird der nächste Großmeister halt 11 Jahre alt sein und 15 Stunden pro Trag trainieren. Wem nützt und wem schadet das?
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