Die lange Geschichte der Dortmunder Schachtage reicht weit zurück. Man kann sogar sagen, dass es inzwischen fast 100 Jahre sind, auf die die Macher zurückblicken können. Denn auch wenn das erste Turnier der regelmäßigen Serie im Jahr 1973 stattfand, betrachten doch einige die Turniere von 1928, 1951 und 1961 in der heute über 600.000 Einwohner zählenden Stadt als Vorläufer der heute nicht mehr aus dem Schachkalender wegzudenkenden Großveranstaltung.
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Friedrich Sämisch | Foto: Wikipedia
NDR-Porträt von Sämisch (1958)
Das erste internationale Turnier in Dortmund war wirklich prominent besetzt. Am Ende setzte sich Friedrich Saemisch mit einem Punkt Vorsprung gegen seine Konkurrenten durch:

Tatsächlich war bei der 23 Jahre später stattfindenden zweiten Auflage mit Efim Bogoljubow ein Teilnehmer erneut am Start. Wie bei der ersten Auflage erreichte er 50 Prozent der Punkte. Alleiniger Sieger war Alberic O´Kelly de Galway.

Die dritte Vorläuferveranstaltung war das erneut sehr stark besetzte 1961er-Turnier, das anlässlich des 100. Geburtstages des Schachbund Nordrhein-Westfalen stattfand. Mark Taimanov gewann das Turnier souverän.


Das Traditionsturnier wurde erstmals 1973 im Anschluss an die Internationale Deutsche Meisterschaft (Sieger: Hans-Joachim Hecht vor Ulf Andersson und Boris Spassky, auf dem Foto rechts mit Eugen Schackmann) ausgetragen und von Heikki Westerinen gewonnen.
In den folgenden Jahren entwickelte es sich zu einem zunehmend hochkarätig besetzten Wettbewerb. Nachdem Westerinen 1974 nicht zur Titelverteidigung antrat, holte sich der Finne den Titel 1975 von Laszlo Szabo, dem Sieger der zweiten Auflage, zurück. Das Turnier begann sich jährlich zu etablieren und die Siegerliste spricht für sich: Ulf Andersson (1978), Vlastimil Hort (1982), Efim Geller (1989), Garri Kasparov (1992, unten mit Vasyl Ivanchuk | beide Fotos: Pressestelle Dortmunder Schachtage) und Anatoli Karpov (1993) sprechen für sich.


Dortmund 1992: Robert Hübner gegen Garri Kasparov. | Foto: Christian Lünig, Arbeitsblende

Dortmund 2002: Showpartie Vitali Klitschko gegen Vladimir Kramnik. | Foto: Dagobert Kohlmeyer
Aber den Hauptstempel drückte dem Turnier der heute wegen seiner dubiosen Cheaterverfolgung von der FIDE kürzlich sanktionierte Vladimir Kramnik auf. Der Ex-Weltmeister gewann sagenhafte zehn Mal in Dortmund (1995 bis 1998, 2000, 2001, 2006, 2007, 2009 und 20011).

Dortmund 1992: Peter Leko mit zwölf Jahren bei seinem zweiten Besuch in Dortmund. | Foto: Christian Lünig, Arbeitsblende

Auch Peter Leko gebührt ein besonderer Platz in der Geschichte der heutigen Sparkassen chess trophy, wie das Turnier seit 2020 heißt. Der besonders mit Deutschand verbundenen Trainer von Vincent Keymer gewann das Turnier 1999 erstmals und ließ 2002 und 2008 zwei weitere Titel folgen. Ebenfalls drei Titel kann Fabiano Caruana aufweisen. In den Jahren 2012, 2014 und 2015. Außerdem gewann der den No-Castling-Wettbewerb (Rochade ist verboten) im Jahr 2023 vor Kramnik. Dieses Turnier gab es dreimal: Den ersten Zweikampf gewann im Jahr 2021 Viswanathan Anand gegen Kramnik, im Jahr 2022 gab es mit Dmitrij Kollars einen weiteren deutschen Sieger. Er gewann – wohl nur von wenigen erwartet – vor Anand, Michael Adams und Daniel Fridman.

Pavel Eljanov gewann 2021 und 2022 in Dortmund. | Foto: Sparkassen chess trophy
Zwei DSB-Spielern gelang es in der langen Geschichte, den Titel der Dortmunder Schachtage zu erobern: 2005 gewann Arkadij Naiditsch und gar als Titelverteidiger geht der diesjährige Kandidatenturnierteilnehmer Matthias Blübaum ins stark besetzte Open. Vlastimil Hort spielte zwar auch für den DSB, als er den Titel in Dortmund 1982 gewann, starte er aber noch für die damalige Tschechoslowakei.
„Nicht nur hat mit Ausnahme von Bobby Fischer jeder Weltmeister seit Boris Spassky in Dortmund gespielt (Karpov, Kasparov, Kramnik, Anand, Carlsen), sondern auch alle jeweiligen WM-Final-Gegner seit 1978: Kortschnoj, Short, Leko, Topalov, Gelfand, Karjakin und Caruana.“
Sechsmal hatte Kramnik bereits in Dortmund gewonnen, als das Hauptturnier zum Kandidatenturnier geadelt wurde. Peter Leko sollte es sein, der sich in einem spannenden Turnier durchsetzte. Zunächst besiegte er nach gewonnener Vorrunde Alexei Shirov mit 2,5:0,5 und traf dann auf Veselin Topalov, der sich im Tiebreak gegen Evgeny Bareev durchgesetzt hatte. Leko gewann dann die Auftaktpartie mit Weiß und ließ einen Schwarzsieg folgen. Doch Topalov schlug mit Schwarz zurück und so brauchte Leko im entscheidenden Spiel ein Remis mit Schwarz. Er erreichte dieses Ergebnis nach 61-zügigem Kampf und durfte Kramnik herausfordern.
Das 7:7-Unentschieden im folgenden WM-Kampf genügte dem Titelverteidiger Kramnik, um die Schachkrone zu behalten. Die hatte er im Jahre 2000 von seinem Landsmann Garri Kasparov erobert. „Ich musste alles geben. Léko ist ein unglaublich starker Verteidiger. Für mich war das Duell schwieriger als der WM-Kampf in London gegen Kasparow“, kommentierte der alte und neue Weltmeister den Zweikampf der beiden Dortmunder Seriensieger.
Die Teilnehmer- und Siegerlisten sind beeindruckend. Auch die heutige Nummer 1 der Weltrangliste war als junger Spieler dabei: Magnus Carlsen wurde 2007 als 16-Jähriger Sechster und zwei Jahre später – bereits an 1 gesetzt – führte er lange Zeit, verlor dann aber gegen den damals bereits entthronten Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik und wurde geteilter Zweiter hinter „Mister Dortmund“.
Sportlich hat das Schachhighlight trotz aller Stars seit 2010 an Bedeutung verloren. Dem Anspruch, Weltklassespieler zu verpflichten, die um ein bis zwei deutsche Spieler als Lokalmatadoren und seit 2006 um den Sieger des Moskauer Aeroflot-Opens ergänzt werden, vertrug sich nicht mit den Problemen, die der immer knapper werdende Etat bereitete. Das lag auch an der schwindenden Bedeutung des Turnier für die Dortmunder Stadtverwaltung.
Aber noch immer kommen Jahr für Jahr namhafte Spieler nach Dortmund. Ein Offenes Turnier für ambitionierte Vereinsspieler hatte es immer gegeben, aber auch dieses verlor an Bedeutung. Das durfte aus Sicht der Organisatoren und vieler Unterstützer nicht so weitergehen. Nachdem dem Neustart im Jahr 2020 die Corona-Pandemie in die Quere kam, ging das Orga-Team im Folgejahr in die Offensive und Carsten Hensel, der frühere Kramnik- und Leko-Manager und Pressesprecher des Chess Meetings 1992 verkündete:
„Die alte Tradition des Turniers, ein Schachfestival aller Leistungsklassen unter einem einzigen Dach umzusetzen, liegt uns sehr am Herzen. Und wir haben Ideen entwickelt, wie wir Spitzenschach attraktiver veranstalten.“

Andreas Jagodzinski und Patrick Zelbel bei der Siegerehrung 2025. | Foto: Sparkassen chess trophy

Gewohntes Bild: Artur Jussupov auf dem Kommentatorenplatz. | Foto: Sparkassen chess trophy
Es änderte sich nicht nur der Turniermodus, auch moderne Übertragungen und Kommentierungen wurden eingeführt, um die Reichweite des Turniers zu erhöhen. Der Spielort sollten wieder die Westfalenhallen sein, in die das Turnier erstmals seit dem Kandidatenturnier von 2002 zurückkehrte. Zum Team, das dies umsetzen sollte gehörten zum Beispiel der neue Turnierdirektor Andreas Jagodzinski, der Stefan Koth in dieser Rolle folgte. Jagodzinski hat seinen Posten für Patrick Zelbel geräumt und ist jetzt für die Sportliche Organisation zuständig. Veranstaltungleiter Sebastian Hensel und Geschäftsführer Christian Jochmann komplettieren das Kernteam.
Diese Neuaufstellung ist der Wegbereiter für eine hoffentlich lange Zukunft des traditionsreichen Turniers, dass auch in der kommenden ersten Augustwoche für viel Wettkampf, Begegnung und Schachbegeisterung sorgen wird.