Turing "begnadigt"

von André Schulz
26.12.2013 – Der englische Mathematiker Alan Turing schuf die theoretischen Grundlagen für die Erfindung des Computers. Im Zweiten Weltkrieg war Turing einer der führenden Köpfe bei der Entschlüsselung der deutschen Enigma. Nach Ende des Krieges wurde Turing wegen seiner Homosexualität angeklagt. Nun hat die Queen ihn begnadigt. Mehr...

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Alan Turing gilt als einer der brillantesten Köpfe der britischen Wissenschaftsgeschichte. Mit seiner 1936 veröffentlichten Arbeit "On computable numbers" schuf er die theoretischen Grundlagen der Informatik. Auch danach beschäftigte er sich weiter mit den Möglichkeiten, "künstliche Intelligenz" zu entwickeln.

 

Alan Turing

Für die Entschlüsselung deutscher Verschlüsselungsmaschinen, die bekannteste war die Enigma, berief die englische Regierung im Zweiten Weltkrieg Mathematiker, Linguisten, aber auch Schachspieler in ihre "Government Code and Cypher School" (GC&CS), die ihren Sitz in Bletchley Park, unweit von London hatte. Neben Turing, der einer der Abteilungsleiter war, war dort auch die gesamte englische Schachnationalmannschaft und viele weitere Schachspieler tätig. Vielleicht war es die Begegnung mit den Schachgroßmeistern, die Turing dazu inspirierte, die Idee seiner "Turing Machine", eines virtuellen Computerprogramms, auf das Schach zu übertragen. So entstand das erste Schachprogramm- noch bevor es überhaupt einen Computer gab.

Schon in den frühen 1930er Jahren hatten polnische Mathematiker um Marian Rejewski das Prinzip der deutschen Enigma entschlüsselt und die Maschine sogar nachgebaut. Später beschafften die Polen sich eine echte Enigma-Maschine. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges flohen die polnischen Experten nach England und brachten ihr Wissen ein.

Die Enigma sah aus wie eine Schreibmaschine, besaß aber in ihrem Inneren eine Reihe von miteinander verbundenen Rotoren, die dafür sorgten, dass jeder getippte Buchstabe durch einem anderen Buchstaben abgebildet wurde. Nach dem Tippen eines Buchstabens drehten sich die Rotoren weiter und gewährleisteten, dass der gleiche Buchstabe nun durch einen ganz anderen Buchstaben abgebildet wurde. Mit Hilfe von Umkehrwalzen konnte die Enigma auch zum Dechiffrieren von eingehenden verschlüsselten Nachrichten verwendet. Die verschlüsselten Nachrichten wurden mit Funkgeräten übertragen und vom Empfänger mit einer eigenen Enigma decodiert. Damit dies möglich war, mussten beide Geräte die gleiche Anfangsstellung der Rotoren aufweisen.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten mehrere Erfinder unabhängig voneinander die Idee zum Bau von Verschlüsselungsmaschinen. Einer von ihnen war Arthur Scherbius, der 1918 ein Patent einreichte und später weitere Patente aufkaufte. 1923 gründete Scherbius eine Firma zur Vermarktung seiner Erfindung, die "Chiffriermaschinen Aktiengesellschaft" mit Sitz in Berlin, Steglitzer Str. 2 (Telefon: Nollendorf 2899). Anfangs war die Enigma frei verkäuflich und war unter anderem zur Verschlüsselung von Bankgeschäften gedacht. 1926 begann das deutsche Heer, die Maschine zu einzusetzen und der freie Verkauf wurde eingestellt. Kurioserweise hatte Scherbius aber noch 1927 auch in England ein Patent beantragt und dafür beim englischen Patentamt eine vollständige Beschreibung der Funktionsweise der Maschine hinterlegt. Dies war jedoch den "Codebreakern" der Government Code and Cypher School nicht bekannt.

Bei der Entzifferung der mit der Enigma codierten Funksprüche bestand die Hauptaufgabe zunächst darin, die Anfangsstellung der Walzen, die jeden Tag geändert wurde, herauszufinden. War das geschafft, konnte man die große Anzahl aufgefangenen verschlüsselten Nachrichten dekodieren und mitlesen. Zur Bewältigung des gewaltigen Arbeitsaufwandes entwickelte Turing und seine Mitarbeiter eine Maschine, die "Bomba", die als heute als eine der ersten Computer angesehen wird. Später war Turing maßgeblich am Bau des ersten kommerziellen Computers, des Ferranty Mark I beteiligt.

Turing Denkmal in Bletchley Park

Alan Turing wurde am 23. Juni in London geboren. Seit Vater arbeitete für die englische Regierung in Indien. Ihre beiden Söhne ließen Turings Eltern in England bei Pflegeeltern und in Internaten aufziehen, da sie fürchteten, das indische Klima sei der Gesundheit der Kinder abträglich. Ohne Eltern erlebte Alan Turing eine unglückliche Kindheit und Jugendzeit. Sein einziger enger Freund, Christopher Morcom, starb zudem früh an Tuberkulose. Aus seiner Homosexualität - man kann darüber spekulieren, inwieweit das in den höheren Klassen Englands verbreitete monoedukative Internatswesen gleichgeschlechtliche Neigungen fördert - machte Turing kein Hehl. Wie in vielen Ländern war auch in England Homosexualität zwar verboten und wurde erst 1967 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Allerdings wurden Homosexuelle zumeist nicht verfolgt.

1952 half ein Freund von Turing bei einem Einbruch in Turings Haus. Turing meldete den Einbruch und gab in der Vernehmung zu, dass er ein homosexuelles Verhältnis mit diesem Freund hätte. Daraufhin wurde Turing nun als Sicherheitsrisiko eingestuft und an keinen sicherheitsrelevanten Forschungen mehr beteiligt. Außerdem musste er zur sich zur Vermeidung von strafrechtlicher Verfolgung hormonell behandeln zu lassen, was starke Depressionen zur Folge hatte.

Am 7.Juni 1954 beging Turing in seinem Haus „Hollymeade“ in Wilmslow mit einer mit Zyankali vergifteten Apfelhäfte ("Schneewitchentod") Selbstmord. Angeblich soll dies die Apple-Gründer Steve Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne zur Wahl ihres Firmenlogos inspiriert haben.

Die Entkriminalisierung der Homosexualität in England wurde allmählich eingeleitet, als der bekannte Schauspieler John Gielgud 1953 bei einem „Klappenbesuch“ (Treffen von Homosexuellen in einer öffentliche Toilette.) verhaftet wurde. Bei seinem nächsten Auftritt spendeten die Zuschauer ihm stehende Ovationen als er die Bühne betrat. Später wurde auch Alan Turing zur Ikone der britischen Schwulenbewegung.

Der englische Bus beim Christopher Street Day in Berlin

Im letzten Jahr wurde Turings 100ster Geburtstag in England groß im "Turing-Jahr"mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Unter anderem hielt Garry Kasparov einen Vortrag über die Leistungen von Alan Turing bei der Entwicklung der Schachprogramme.

Als Reaktion auf eine Petition hatte sich der englische Premierminister Gordon Brown 2009 für die Verfolgung Alan Turings durch die Behörden öffentlich entschuldigt. Eine weitere Petition mit 23.000 Unterschriften, die eine Begnadigung Turings fordert, scheiterte im letzten Jahr jedoch. Nun sprach die Queen aber diese posthume Begnadigung für Alan Turing aus. Erst zum vierten Mal machte die Queen von diesem Gnadenrecht Gebrauch. Leider kann Turing daraus aber keinerlei Nutzen mehr ziehen.

Links:


Spiegel: Queen begnadigt schwulen Informatik-Pionier...

Guardian: Enigma codebreaker Alan Turing receives royal pardon...

Alan Turing: On computable numbers...

Vortrag von Kasparov...

Der Ferranti Mark I Computer (pdf)...

Turing-Webseite...

ChessBase: Die goldene Gans, die niemals schnattert (2004)...



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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