Urteilsspruch zum tödlichen Unfall von Lorenz Drabke

von André Schulz
10.07.2020 – Am 13. August 2018 kam der Bundeswehrsoldat und Internationale Meister Lorenz Drabke bei einem Unfall zu Tode. Ein Kurierfahrer war ungebremst auf das Fahrrad mit Lorenz Drabke aufgefahren. Jetzt wurde das Urteil gesprochen. | Foto: Fabrice Wantiez

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Im August 2018 starb in Pfungstadt bei Darmstadt Lorenz Maximilian Drabke. Die Schachfreunde kannten Lorenz Drabke sehr gut, unter anderem von seinen zahlreichen Teilnahmen bei den NATO-Schachmeisterschaften. Er war über einen langen Zeitraum der beste Spieler der Bundeswehr-Mannschaft und half als Leistungsträger beim Gewinn der zahlreichen Titel in der Mannschaftswertung für die Bundeswehrauswahl mit. Lorenz Drabke diente zuletzt in der Stabsapotheke der Major-Plagge-Kaserne-Kaserne in Pfungstadt.

Der 33-jährige Lorenz Drabke befand sich am Abend des 13. August auf einem privaten Fahrrad-Ausflug in der Nähe der Kaserne, in der er auch wohnte, und befuhr den Seitenstreifen der Bundesstraße 3, als er von einem Auto von hinten angefahren wurde und tödlich verletzt noch am Unfallort starb. Gegen den Unfallverursacher wurde ein Verfahren eingeleitet, das nun, fast zwei Jahre nach dem Unfall, mit einem Urteil des Amtsgerichts Darmstadt zum Abschluss gebracht wurde.

Unfallverursacher war ein 52-jähriger Kurierfahrer aus Alsbach-Hähnlein. Die ermittelnde Polizei konnte dem Fahrer durch Auslesen seiner Mobiltelefon-Aktivität nachweisen, dass er während der Fahrt intensiv mit seinem Smartphone beschäftigt gewesen war und nicht in angemessener Weise auf den Straßenverkehr geachtet hatte. Bei der Untersuchung der Unfallstelle wurden zudem keinerlei Bremsspuren festgestellt. Der Unfallfahrer war also in voller Fahrt und mit hoher Geschwindigkeit ungebremst auf den mit dem Fahrrad fahrenden Lorenz Drabke aufgefahren. Der Fahrradstreifen ist an dieser Stelle nur durch eine weiße Linie am Rande der Fahrbahn abgetrennt. 

Die Richterin des Amtsgerichts Darmstadt erkannte auf grob fahrlässiges Handeln  und verurteilte den Fahrer zu einer Haftstrafe von 15 Monaten ohne Bewährung, womit sie über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus ging. Bis zuletzt hatte der Fahrer auch bei der viertägigen Gerichtsverhandlung geleugnet, während der Fahrt mit seinem Mobiltelefon beschäftigt gewesen zu sein. Die Beweislast der Untersuchung war jedoch erdrückend. 

Die Unfallexperten hatten festgestellt, dass der Unfallfahrer schon vor dem Unfall mehrfach auf den Seitenstreifen geraten war. Hätte der Unfallfahrer die Straße vor ihm beobachtet, dann hätte er Lorenz Drabke auf seinem Fahrrad schon in 200 Meter Entfernung klar und deutlich erkennen müssen und entsprechend reagieren können.

Im Jahr 2018 kamen in Deutschland laut ADFC 432 Personen bei einer Fahrt mit dem Fahrrad ums Leben, die meisten davon durch die unachtsame Autofahrer. Ob grobe Fahrlässigkeit und eine mehrmonatige Haftstrafe bei einem solchen Unfall mit Todesfolge ein angemessenes Urteil und eine angemessene Strafe sind, halten Kritiker für diskussionswürdig.

Artikel zum Urteil im Dieburger Anzeiger...

Nachruf: Trauer um Lorenz Drabke...

Nachruf bei der KAS...

Nachruf beim Deutschen Schachbund...



Themen: Lorenz Drabke

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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tommynero tommynero 12.07.2020 03:57
Wie wäre es denn einfach damit, immer öfter diese Zeitdiebe zu ignorieren?! Das gibt mehr Freiheit und rettet Leben.
DoktorM DoktorM 11.07.2020 08:05
Der Fahrer hat offensichtlich absichtlich nicht den Straßenverkehr beachtet. "Grob fahrlässiges" Verhalten ist eine viel zu nette Umschreibung dafür. Die Strafen sind nach Verkehrsunfällen generell zu gering. Die meisten Unfälle lassen sich vermeiden. Daher sollten die Strafen nach Verkehrsunfällen erhöht werden. Auch Fahrverbote sollten verstärkt in Betracht gezogen werden.
Chessiszen Chessiszen 11.07.2020 07:51
@Friedrich Volkmann "...(im Hintergrund) aktiv, und die Juristen und Richter haben technisch keine Ahnung davon."

Die Handydaten wurden nicht von Juristen oder vom Richter überprüft, sondern vom IT-Spezialist des Polizeipräsidiums Südhessen.

Die Quelle ist oben verlinkt worden.
Friedrich Volkmann Friedrich Volkmann 11.07.2020 07:34
Keiner von uns weiß, was wirklich passiert ist. Smartphones sind heutzutage oft von selber (im Hintergrund) aktiv, und die Juristen und Richter haben technisch keine Ahnung davon. Möglicherweise war das Fahrrad im Dunkeln unbeleuchtet. Konzentration aufs Smartphone scheint mir dennoch die wahrscheinlichste Unfallursache.

Strafen können der Wiedergutmachung dienen oder der Füllung der Staatskassa oder der Generalprävention (Abschreckung). Im Strafrecht gibt es nur Letzteres. Wie im Schach war Ablenkung durch Handys im Straßenverkehr ein leidiges Problem, das ohne drakonische Strafen nicht in den Griff zu kriegen war. Insofern erklärt sich die relativ hohe Strafe in diesem Fall – im Vergleich zu anderen fahrlässigen Tötungen im Straßenverkehr.

Immer wieder kommt es vor, dass Lkw-Fahrer beim Abbiegen einen Radfahrer übersehen, aber nicht dafür ins Gefängnis kommen. Da heißt es dann immer, es war halt ein Pech. Aber das ist ein bekanntes Problem und jeder dieser Unfälle wäre durch mehr Aufmerksamkeit oder bessere technische Ausstattung vermeidbar. Das ist also genauso fahrlässige Tötung. Bei den meisten durch Ablenkung passierenden Unfällen ist die Fahrlässigkeit gar nicht nachweisbar. Navi, Gespräch mit Beifahrer, Musik, Essen während der Fahrt, Sekundenschlaf... Und ich kann mich an einen Unfall erinnern, wo ein Auto einen Fußgänger auf der Landstraße niedermähte, und in den Zeitungen stand dann sinngemäß: "Selber schuld, was hatte der Verrückte mitten in der Nacht zu Fuß auf einer Landstraße verloren!" Der Autofahrer bekam nicht mal eine Geldstrafe.
Mendheim Mendheim 11.07.2020 01:16
Das Problem ist nicht das Strafmaß, sondern die gesellschaftlich akzeptierte Bagatellisierung von Verkehrsunfällen. Erst wenn sich gesellschafts- und verkehrspolitich ein sensibleres Bewusstsein durchsetzt, dass Sicherheit im Straßenverkehr eine deutlich höhere Priorität haben muss, wird sich etwas ändern, das sich dann auch positiv in der Statistik niederschlagen kann. - Insofern sehe ich Lorenz Drabke nicht nur als zufälliges Opfer eines Einzelnen, der versagte, sondern auch als Opfer einer teilweise fahrlässigen Autofahrergesellschaft. In 50 Jahren Fahrpraxis und Beifahrerpraxis habe ich ein gutes Dutzend schwere und schwerste Verkehrsunfälle miterlebt und empfinde es als reinen Glücksfall, dass es mich nicht auch irgendwann einmal erwischt hat. Wir wissen aber auch von vielen Schachspielern, die schon bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind.
Gs64 Gs64 10.07.2020 10:12
Es geht nicht um Rache, es steht Ihnen frei, so zu denken.
wok wok 10.07.2020 07:26
@GS64: Es tut mir leid, aber so zu tun als wären 15 Monate Haft nur ein Klacks, kann ich nur als Bagatellisierung empfinden.

Kein Urteil der Welt kann Lorenz Drabke wieder ins Leben zurück bringen, das ist kein sinnvolles Argument für die Höhe der anzusetzenden Strafe. In einem Rechtsstaat bewertet ein Gericht die Schwere der Schuld des Täters und leitet daraus das Strafmaß ab. Die Einstufung des Vorfalls als Fahrlässige Tötung ist aus meiner Sicht korrekt. Für ein härteres Urteil Totschlag oder gar Mord fehlt sowohl die Absicht als auch jegliche Mordmerkmale. Das Strafmaß für Fahrlässige Tötung bewegt sich zwischen Geldstrafe und bis zu 5 Jahre Haft in einem sehr breiten Bereich und hängt von dem Ausmaß der Fahrlässigkeit ab. Auch hier erscheint mir die Einstufung "grob fahrlässig" korrekt. Dass das Urteil der Richterin über dem geforderten Strafmaß der Staatsanwaltschaft lag, ist für mich ein schlagkräftiges Argument, dass hier kein (zu) mildes Urteil gefällt wurde. Rechtsprechung erfüllt nicht den Zweck der Rache.
Gs64 Gs64 10.07.2020 06:23
@wok Mit Verlaub, Lorenz Drabke wird nie wieder an etwas teilhaben können. In diesem Zusammenhang von Bagatellisierung zu sprechen, empfinde ich als nicht angemessen.
wok wok 10.07.2020 05:55
Gerade nach dem überstandenen Corona Lockdown würde ich erwarten, dass jeder wenigstens ein wenig Gespür dafür hat, was es bedeutet von der Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammensein abgeschnitten zu werden. Eine Haftstrafe ist eine harte Bestrafung, insofern bin ich irritiert, wie dieses Strafmaß hier bagatellisiert wird. Ich bin jedenfalls froh, in einem Staat zu Leben, in dem die Rechtsprechung nicht auf völlige Zerstörung des Täters ausgerichtet ist.
jeremia jeremia 10.07.2020 05:28
Dann wird der Fahrer wohl in Zukunft unterwegs am Steuer nicht mehr mit seinem Smartphone spielen ...
DerJumbo DerJumbo 10.07.2020 04:06
Ein Menschenleben wurde durch groben Leichtsinn ausgelöscht. Die Strafe kann er auf einer Arschbacke absitzen. Da kann man nur sprachlos den Kopf schütteln...
BMuntz BMuntz 10.07.2020 01:26
Ich würde dazu gerne etwas schreiben, finde aber keine Worte.
schachkauf schachkauf 10.07.2020 10:34
Da die Haftstrafe unter 2 Jahre beträgt und der Täter keine Vorstrafen besitzt, kann er bei ordentlicher Führung Halbstrafe beantragen. Damit beträgt die tatsächliche Haftzeit 7,5 Monate. Bei Haftzeiten unter 12 Monaten kann die Verlegung in den offenen Vollzug beantragt werden, was in der Regel auch genehmigt wird.

Der Täter wird somit nur zum Übernachten in das Hotel "Zur schwedischen Gardine" einkehren müssen.

Der richterliche Vorsitz sieht dies als angemessene Strafe für das Auslöschen eines Menschenlebens ist, an. Ich nicht!
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