Vincent Keymer: Der Vize-Internetmeister unter der Lupe

von Thorsten Cmiel
12.05.2020 – Hinter dem überragenden Routinier Daniel Fridman belegte der Youngster Vincent Keymer einen tollen zweiten Platz bei der Deutschen Internetmeisterschaft. Nachwuchsbeobachter Thorsten Cmiel hat Vincent Keymers Weg durch das Turnier unter die Lupe genommen. | Foto: Grenke Chess

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Vincent Keymer: mit Glück und Können!

Mit neuneinhalb Punkten aus 13 Partien erzielte Vincent Keymer einen hervorragenden zweiten Platz bei der Deutschen Schach Internet Meisterschaft (DSIM) 2020. Zuletzt hatte Vincent schon beim Länderkampf gegen Rumänien gut aufgespielt und war einer der Lichtblicke im deutschen Team. Wir schauen ihm über die Schulter.

Das aktuelle Aushängeschild des deutschen Schachs ist glücklicherweise ein Spieler, der nicht via Twitter auf sich aufmerksam machen will. Denn auf sozialen Plattformen gehen manche Konversationen arg schief in diesen Tagen. So streitet sich Magnus Carlsen mit einem Online-Anbieter über die Deutungshoheit der Gründe seiner Nicht-Teilnahme am Nations Cup. Zur deutschen Nationalmannschaft kann man aktuell nachlesen, dass es offenbar nicht nur Streit innerhalb der Frauentruppe wie bei der letzten Schacholympiade zu geben scheint.

Vincent war keineswegs ein Mit-Favorit im Turnier, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zuvor ausgerufen hatte, aber man ist natürlich für jeden Artikel über Schach dankbar. Tatsächlich waren die Favoriten im Turnier sicherlich Daniel Fridman und Georg Meier und auch andere erfahrenere Teilnehmer wie Rasmus Svane und Matthias Blübaum musste man vorne erwarten. Hinzu kamen natürlich die jungen Wilden wie Alexander Donchenko, Roven Vogel und Luis Engel auf deren Abschneiden man besonders gespannt sein durfte.

Vincents Turnier

Das Turnier begann mit einem frühen Einsteller von Christian Braun, dem vermutlich ein unnötiger Premove-Fehler vorausging. Es folgte mit Schwarz eine deutliche Niederlage gegen Alexander Donchenko. In der danach folgenden Konsolidierungsphase folgten zwei Remis gegen Rasmus Svane und Georg Meier. In beiden Partien hatte Vincent vergleichsweise wenige Probleme.

Partien 1 bis 4

 

Nach diesem Start mit 2 aus 4 begann der Youngster dann aufzudrehen – zumindest was das Ergebnis angeht. Es folgten sechs Siege in Folge. Gegen Elisabeth Paehtz stand Vincent nach zwei etwas ungelenken Zügen in der Eröffnung früh auf Verlust. Die deutsche Spitzenspielerin fand aber nicht die härteste Ansage. Gegen Luis Engel kam es vermutlich zum zweiten Premove-Fehler in Vincents Turnier. Diesmal hatte er selbst einen groben Fehler begangen und einzügig die Dame eingestellt, aber sein Gegner griff nicht zu. Zwar hatte Luis Engel die meiste Zeit der recht langen Partie die besseren Chancen und konnte im 25 Zug sogar klar und recht einfach gewinnen, aber darüber gingen beide Spieler hinweg und eine Ungenauigkeit im 59. Zug brachte schließlich die Entscheidung zugunsten von Vincent.

Partien 5 und 6

 

Gegen Ilja Schneider folgte eine ruhigere Partie von Vincent in der er sich von den Strapazen seiner Partie gegen Luis wieder etwas erholt haben dürfte. Wer die Partie aus Sicht von Ilja Schneider kommentiert sehen möchte, der findet das im Video etwa ab Minute 1:34.30.

Deutsche Internet-Meisterschaft 2020, Livestream von IM Ilja Schneider von imiljaschneider auf www.twitch.tv ansehen

Es folgte ein weiterer überzeugender Sieg gegen Jonas Eilenberg, der aus der Eröffnung heraus in einer klar schlechteren Stellung gelandet war und keine Chance erhielt. In Runde 9 kannte Vincent die gewählte Struktur besser als Roven Vogel, gewann zunächst einen Bauern und dann erneut eine schnörkellose Partie. Dreimal Vincentianisch sozusagen.

Partien 7 bis 9

 

In der zehnten Runde wurde Vincent von Daniel Hausrath in der Eröffnung auf dem falschen Fuß erwischt. Daniel spielte ein typische, positionell eher anrüchige Blitzvariante und hatte Erfolg damit. Ein grober Fehler in Gewinnstellung für Daniel drehte das Ergebnis dann vollständig und Felix Keymer schlug zu. Wer dachte, dass Vincent sein Glück in diesem Turnier bereits aufgebraucht haben sollte, der schaue sich die folgende Partie gegen Nikolas Lubbe genauer an.

Partien 10 und 11

 

Eine Runde vor Schluss kam es dann zum Showdown um den Titel. In Runde 9 hatte der bis dahin dominierende Daniel Fridman seine erste Niederlage gegen Alexander Donchenko einstecken müssen und lag jetzt nur noch einen halben Punkt vor Vincent vorne. In der Partie der beiden Spieler, deren Altersunterschied 28 Jahre beträgt, setzte sich der erfahrenere Spieler durch und übernahm den Beinamen Felix von Vincent. Vincent hatte in der Eröffnung schon nicht sehr glücklich agiert, war dann in Vorteil gekommen und musste den Gegner nur noch erlegen. Allerdings funktionierten die Instinkte diesmal nicht so gut und er verlor sogar noch.

Es folgte ein Sieg in der Schlussrunde gegen Matthias Bluebaum, der sich nach einem langen Turnier im entscheidenden Moment taktisch nicht auf der Höhe zeigte.

Partien 12 und 13

 

Glück und Können waren die Zutaten für Vincent Keymers starkes Gesamtergebnis. Mit dem zweiten Platz gelang Vincent ein schöner und verdienter Erfolg. Die deutsche Schachwelt darf also aufatmen. Vincent ist im Online-Blitz absolut wettbewerbsfähig genau wie übrigens auch Roven Vogel und Luis Engel. Jetzt fehlt nur noch ein Turnier- und Namenssponsor, um den deutschen Jungstars ein Invitational im Blitz oder besser noch im Schnellschach zu gönnen. Unbestätigten Gerüchten zufolge haben Spieler mit den Namen Alireza, Andrey, Nodirbek, Nihal, Pragg, Gukesh und Awonder zurzeit einige freie Termine.

 

Links:

https://www.sueddeutsche.de/sport/schach-mit-keymer-premiere-der-internet-schachmeisterschaften-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200505-99-941787

https://www.schachbund.de/news/finale-der-deutschen-schach-internetmeisterschaft-am-9-mai.html

https://de.chessbase.com/post/deutschland-gewinnt-laenderkampf-auf-playchess-gegen-rumaenien

https://de.chessbase.com/post/daniel-fridman-gewinnt-das-dsim-finale



Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.

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