Vladimir Kramnik im Interview

13.06.2012 – Zur Zeit spielt Vladimir Kramnik beim Tal-Memorial in Moskau, im April trat er gegen Levon Aronian zu einem unterhaltsamen Freundschaftskampf in Zürich an. Nach einer Zeit der Krise - Kramnik verlor von 2003 bis 2006 achtzig Elo-Punkte - geht es beim Ex-Weltmeister seit einiger Zeit schachlich wieder aufwärts. Aktuell liegt er mit 2801 Elo-Punkten auf Platz drei der Weltrangliste. Doch nicht nur das Schach Kramniks fasziniert, der Ex-Weltmeister hat auch auf anderen Gebieten viel zu sagen. Im dritten Teil eines verblüffend offenen Interviews mit GM Vlad Tkachiev spricht Kramnik über Politik, sein Leben in Frankreich und Russland, über Freunde und seinen Lebenswandel, seine Lieblingsschriftsteller und die französische Küche.Teil 1 des Interviews..., Teil 2 des Interviews..., Why Chess..., Kramnik: My Path to the Top im Shop kaufen...Zum Interview...

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Von GM Vlad Tkachiev

Fotos: Irina Stepaniuk, Übersetzung aus dem Englischen: Bastian Pielczyk

Politik

V.T.: Welche politischen Überzeugungen hast du?

V.K.: Oh, das ist eine äußerst komplizierte Frage.

V.T.: Grischuk hat beispielsweise eine heftige Aversion gegen das, was in Russland passiert. Wie sieht das bei dir aus?

V.K.: Nein, ich habe keine Aversion. Ich habe festgestellt, dass es schwierig ist, meine politischen Neigungen zu erklären, weil ich einen ganz anderen Blickwinkel einnehme. Ich verstehe die Standpunkte anderer Leute nicht wirklich, und sie meine vielleicht ebenso wenig. Ich habe eine rationale Sichtweise, was den gesunden Menschenverstand und die realen Möglichkeiten angeht - was tatsächlich existiert und was sein könnte. Aber viele Leute träumen nur. Sie finden alles in Russland schlecht, ohne zu verstehen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht das Potential haben wie Deutschland oder die Schweiz zu werden. Wenn ich heute anfinge, Tennis zu spielen, würde ich nicht erwarten, beim nächsten Turnier in Wimbledon teilzunehmen. Offensichtlich sind immer noch überhöhte Erwartungen aus Sowjetzeiten übrig geblieben.



V.T.: Und hat Russland das Recht, Platz 135 auf der weltweiten Korruptionsliste einzunehmen?

V.K.: Nein, natürlich nicht. Ich bin Anhänger des gesunden Menschenverstands und der Theorie der kleinen Schritte. Man kann die Dinge nur schrittweise verbessern, und nur eines nach dem anderen. Ich kann Nörgler nicht ausstehen. Wir haben ja einige solche Bekannte (lacht). Die Lage in Russland ist alles andere als ideal, aber es gab nun einmal das schreckliche 20. Jahrhundert, in dem wir als Volk mehr gelitten haben als irgendein anderes. Deshalb haben wir heute nicht das Potential, eine führende Nation mit wirklichem Einfluss in der Weltpolitik zu werden. Selbstverständlich tun wir so, als ob wir schon so weit wären, aber gegenwärtig sind wir nicht bereit für einen qualitativen Entwicklungssprung.

V.T.: Was du gesagt hast, läuft doch schon auf eine ziemlich genau abgesteckte Position hinaus. Wenn das 20. Jahrhundert so schrecklich war, dann musst du eine deutliche Abneigung gegen das kommunistische Projekt in Russland haben.

V.K.: Ja, absolut. Es gab sicherlich ein paar positive Dinge, aber welcher Preis musste dafür gezahlt werden? Stalin war ein facettenreicher Mann, sogar talentiert, aber wie intelligent kann man sein, wenn man Millionen Menschen inhaftiert und sie zu harter körperlicher Arbeit zwingt, um ein Land wiederaufzubauen? Dieser Verbrecher hat eine ganze Generation zerstört. Nach seinem Tod wurde das kommunistische Regime etwas milder, es gab einige Errungenschaften, sie flogen in den Weltraum. Aber, entschuldige bitte, ich habe diese Zeit noch miterlebt, und letzten Endes war sie entsetzlich - die ganze Not, dieses fürchterlich graue Leben. Ich will niemandem zu nahe treten, denn viele Leute verklären diese Zeit nostalgisch, doch ich bin lieber arm, aber dafür frei.



Eines unserer heutigen Hauptprobleme ist das imperialistische Denken. Wir müssen uns davon so schnell wie möglich befreien und vorankommen. Mich inspiriert die Entwicklung Chinas. Sie waren betriebsam und auf der internationalen Bühne nicht zu sehen. So war es für etwa 20 Jahre und auf einmal, ganz plötzlich, sind sie eine Weltmacht. Jetzt beginnen sie, die Kontrolle über die Finanzmärkte zu übernehmen und ihren Einfluss zu erhöhen, und das mit gutem Recht. Wir müssen uns jetzt zusammenreißen und das Wohl der Menschen verbessern.

V.T.: Siehst du dich immer noch als Russe, obwohl du in Paris lebst und mit einer Französin verheiratet bist?

V.K.: Natürlich, ich habe einen russischen Pass. Ich liebe Europa. Ich mag es, wie die Menschen miteinander auskommen; etwas, was uns nicht ganz so gut gelingt. Aber ich bin hier aufgewachsen, und selbst wenn ich jemals einen französischen Pass erhalten sollte, werde ich immer Russe bleiben.

V.T.: Deine Frau arbeitet für "Le Figaro". Ist das eine rechts oder links stehende Zeitung?

V.K.: Eher rechts. Momentan arbeitet sie allerdings nicht dort. Sie ist noch nicht aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgekehrt.

V.T.: Bekanntermaßen ist Frankreich in ein linkes und ein rechtes Lager gespalten. Auf welcher Seite siehst du dich?

V.K.: Genau das habe ich vorhin gemeint: diese Kategorien bedeuten mir überhaupt nichts, da es auf den gesunden Menschenverstand ankommt. "Es ist nicht wichtig, welche Farbe die Katze hat, sondern dass sie Mäuse fängt." Je ideologischer ein Politiker ist, desto mehr stößt er mich ab. Der ideale Politiker ist prinzipienlos (lacht). Gute Politik beruht auf gesundem Menschenverstand und einem feinen Gespür für die jeweilige Situation, ohne dabei auf eine bestimmte Idee fixiert zu sein. Ich bin Kommunisten und weit rechts stehenden Parteien gleichermaßen abgeneigt, oder, um Amerika als Beispiel zu nehmen, den Republikanern, eben weil sie zu ideologisch sind, während die Demokraten vernünftiger handeln. Deshalb finde ich all diese Diskussionen in Frankreich absurd, insbesondere wenn man betrachtet, was für ein Misserfolg die Entscheidungen der letzten 10-15 Jahre für die westliche Welt gewesen sind.

V.T.: Denkst du dabei an die Finanzpolitik, oder die Einwanderungspolitik?

V.K.: An alles. Die Macht der westlichen Welt hat aufgrund dieser Entscheidungen rapide abgenommen - falls es noch jemanden gibt, der das nicht begriffen hat. Es wurden krude Fehler gemacht, Figuren links, rechts und im Zentrum eingestellt, und jetzt kann die Partie nicht mehr gerettet werden. Zuerst waren es die Linken, dann die Rechten. Was sie der Europäischen Union angetan haben, übertrifft die schlimmsten Alpträume. Mittlerweile wird klar, dass das tatsächlich der Kollaps Europas war.

V.T.: Du meinst die massenhafte Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten?

V.K.: Ja. Das hätte nach und nach geschehen sollen, ein Staat nach dem anderen, und nur bei Einhaltung aller Kriterien. Stattdessen gibt es jetzt eine Anhäufung von Staaten auf vollkommen unterschiedlichen Niveaus. Manche sind Geberländer, während andere das Geld einfach aufsaugen und trotzdem nicht weniger Rechte haben als die Geber. Es ist offensichtlich, dass solch ein System nicht funktioniert und niemals funktionieren wird. Deutschland und Frankreich würden, glaube ich, sofort die Zeit zurückdrehen, wenn sie könnten - aber das ist unmöglich. Das gleiche lässt sich über die Einwanderungspolitik sagen. Ich bin nicht gegen Immigration, da sie ein sehr wichtiger Bestandteil der Gesellschaft ist, aber man hätte sie so regeln sollen wie in Amerika, wohin man nicht ganz so einfach gelangen kann. Es gab eine Zeit, in der jeder, der wollte, nach Europa kam; und das Ergebnis kannst du dir jetzt selbst ansehen.



Meines Erachtens hat sich gezeigt, dass sie eine intellektuell schwache Elite hatten - so hart das jetzt auch klingen mag. Ich weiß, dass es komisch klingt, aber in Russland wird Politik intelligenter betrieben. Ein guter Politiker benötigt Geschichtskenntnis, da sich alles im Kreis dreht und schon einmal dagewesen ist. Der Niedergang der Imperien folgte mehr oder weniger dem gleichen Muster. Europäische Werte, wie sich die Menschen zueinander verhalten und Menschenrechte sind mir sehr wichtig, und mit großem Bedauern beobachte ich, was gerade mit der zivilisierten Welt geschieht. Es ist Selbstmord.

Kramnik über Kramnik

V.T.: In den 90ern hattest du den Ruf eines lockeren Typen. Stets warst du von Leuten umgeben, die mit dir feiern und eine gute Zeit haben wollten. Wann und warum hat sich das geändert?

V.K.: Mein Bekanntenkreis hat sich etwas verändert. Alles hat seine Zeit. Wenn du 17 bist, ist das alles faszinierend und cool: Partys, Gesellschaft, Mädchen, Alkohol… Aber mit der Zeit wird man dessen überdrüssig und seht sich nach etwas anderem.

V.T.: Und wie ist es heute?

V.K.: Naja, maßvoller, ich habe schließlich eine Familie und ein Kind. Aber mein Haus steht immer noch vielen Leuten offen, die häufig vorbeikommen, ohne vorher anzurufen, oder bei mir übernachten.

V.T.: Hast du mehr französische oder russische Freunde?

V.K.: Das ist wahrscheinlich ausgeglichen. Ich bin immer noch ziemlich frei und offen im Umgang mit Leuten, aber mein Bekanntenkreis hat sich natürlich verändert. Ich blicke mit etwas Nostalgie auf die alten Zeiten und freue mich, dass sie ein Teil meines Lebens waren, aber dieses Kapitel ist beendet und ich habe kein Verlangen, es zu wiederholen. Letzten Endes ist meine Karriere erfolgreich verlaufen und ich konnte zudem ein wenig feiern, ohne meine Gesundheit zu schädigen. Viele, die ihre berufliche Karriere in jungen Jahren beginnen, überspringen diese Phase und wollen sie nachholen, wenn sie um die 50 sind. Der Weltmeistertitel führte zu einer großen Veränderung meiner Kontakte. Für manche wurde ich scheinbar unerreichbar. Nicht einmal aufgrund von Neid oder Missgunst, sondern vielleicht weil unerfüllte Ambitionen die Kontaktaufnahme verhinderten. Auf jeden Fall veränderten sich die Beziehungen und wurden vielleicht etwas zurückhaltender. Ich selbst pflege immer noch einen sehr unkomplizierten Umgang mit anderen Leuten. Dieses Kapitel habe ich beendet.


Vladimir Kramnik mit seiner Tochter Daria

V.T.: Nachdem du nun über Kapitel deines Lebens gesprochen hast, lass uns doch über Bücher reden. Verrat mir deine fünf Lieblingsbücher oder -Schriftsteller.

V.K.: Da ich zuletzt kaum Zeit zum Lesen hatte, kenne ich mich mit moderner Literatur nicht gut aus. "Generation P" ist zweifellos ein herausragendes Buch, weil es zur richtigen Zeit geschrieben wurde und den Nagel auf den Kopf traf. Es gibt mittlerweile eine riesige Zahl von Nachahmern, aber er (Pelewin) war der Pionier. Und dann ist da zweifellos Dostojewskij. Ich mag "Die Brüder Karamasow" nicht besonders, aber das Kapitel "Der Großinquisitor" ist Ausdruck reinen Genies, weil es zu exakt jenem Zeitpunkt geschrieben wurde und erklärt, wie die Welt tatsächlich konstruiert ist. Und dann natürlich "Die Dämonen". Der Mann sah 50 Jahre in die Zukunft und hat alles genau beschrieben. Ich mag Orwell sehr: "Die Farm der Tiere" und "1984", auch wenn er darin etwas plump vorgeht. Zu "Krieg und Frieden" kann ich Botwinnik zitieren: "Ich kann nicht sagen, dass ich Tolstoi wirklich mag, aber ‚Krieg und Frieden' ist absolut brilliant."

V.T.: Also bevorzugst du die Klassik und nicht die Gegenkultur?

V.K.: Ich habe versucht, Sorokin zu lesen, aber konnte mich irgendwie nicht dafür begeistern. Vielleicht bin ich auf das falsche Buch gestoßen. Ich muss es noch einmal versuchen. Und dann gibt es natürlich noch "Der Meister und Margarita" (Bulgakow), selbst wenn es banal klingt, es zu erwähnen. Das ist vermutlich mein absolutes Lieblingswerk.

V.T.: Und wie sieht es mit Musik aus?

V.K.: Auch in diesem Bereich habe ich momentan nur sehr wenig Zeit für Neues. Ich habe begonnen, mich für klassische Musik zu interessieren. Ich bin kein Kenner, aber finde langsam Gefallen daran. Aber derzeit… nun, einige intellektuelle Dinge: Makarewitsch, Grebenschikow. Ich bedauere es sehr, nicht genug Zeit für alle meine Freizeitbeschäftigungen zu haben.

V.T.: Welche Vorlieben hast du beim Essen und Trinken?

V.K.: Ich bin jetzt ein bourgeoiser Franzose geworden. Ich trinke etwas Wein, aber kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal betrunken war. Früher setzte ich mich hin und trank, um betrunken zu werden - warum sollte man sonst trinken? So ist es nicht mehr. Ich mag auch guten Cognac, ich habe immer welchen bei mir zu Hause. Am Abend genehmige ich mir gern ein Glas oder zwei.



V.T.: Französische Küche…


V.K.: Beim Essen bin ich offen für alles. Ich liebe viele Dinge, aber muss mich einschränken, weil ich schnell zunehme. Ich mag beispielsweise die indische Küche, aber wiege dann am nächsten Tag gleich ein Kilogramm mehr. Die französische Küche halte ich tatsächlich für die unangefochtene Nummer 1 der Welt.

Hier beendeten wir den offiziellen Teil des Interviews und redeten noch eine weitere Stunde angeregt miteinander - hauptsächlich über Schach. "Ich habe schon lange die Funktion von Chubais" war einmal zu hören - ich hatte nicht damit gerechnet, dass Kramnik sich so sehen würde (Kramnik sagte kürzlich, er sehe sich selbst als Sündenbock des russischen und internationalen Schachs, so wie es Anatoly Chubais in der russischen Politik ist). Obwohl es tatsächlich üblich geworden ist, ihn die ganze Zeit wegen irgendetwas zu verdächtigen: früher der Bedenklichkeit seines Anspruchs auf den Weltmeistertitel, heute des mangelnden Patriotismus. Nun, wenn dem so ist, dann ist er ein sehr ungewöhnlicher Verdächtiger. Man muss ihn nur zum Sprechen bringen und alle Zweifel verschwinden. Nur um später wieder zurückzukehren.



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