Vor 100 Jahren: Vier Spitzenspieler in Berlin

von Johannes Fischer
11.10.2018 – Vor 100 Jahren, am 11. Oktober 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, endete in Berlin ein Turnier, in dem vier der damals besten Spieler der Welt gegeneinander antraten: Emanuel Lasker, Akiba Rubinstein, Dr. Siegbert Tarrasch und Carl Schlechter. Lasker gewann mit 4,5 aus 6, organisiert hatte das Turnier der Verleger, Organisator und Mäzen Bernhard Kagan, der das Schach in Deutschland und international in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg maßgeblich prägen und fördern sollte. | Foto: (von links nach rechts) Lasker, Rubinstein, Kagan, Schlechter, Tarrasch

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Bernhard Kagan: Schachenthusiast

(Die folgenden Angaben über Kagan beruhen auf einem Artikel von Schachhistoriker Michael Ehn, der die Verdienste Kagans um das Schach im Karl 02/2017  in einem ausführlichen und lesenswerten Artikel gewürdigt hat.)

Bernhard Kagan wurde am 15. August 1866 in Grodno, im heutigen Weißrussland, geboren. Kagans Vater war ein wohlhabender Kaufmann jüdischer Abstammung, die Mutter kam aus Preußen. Feinde und Konkurrenten nutzten Kagans Herkunft immer wieder für antisemitische Angriffe, aber wie Ehn schreibt hatte „die Familie keine Beziehung zum Judentum oder einer anderen Religion“. (Michael Ehn, „Lebensaufgabe Schach: Der Spieler, Verleger, Organisator, Literat und Mäzen Bernhard Kagan“, Karl 02/2017, S. 22. Was die Anfeindungen gegen Kagan betrifft, vor allem durch den deutschnational gesinnten einflussreichen Funktionär Ehrhardt Post, und Heinrich Ranneforth, Herausgeber des Deutschen Wochenschachs, vgl. Ehn, S. 24 und 25).

Schach lernte Kagan im Alter von zehn Jahren und es war eine Liebe fürs Leben. Mit 15 besuchte er die Kaffeehäuser Warschaus, um dort Schach zu lernen und entwickelte sich zu einem starken Amateur, der mit Leidenschaft Simultanvorstellungen gab.

Kagan versuchte sich in Warschau, Paris, Wien und Berlin in wechselnden Berufen, bis er schließlich als Zigarrenhersteller und Schachverleger geschäftlichen Erfolg hatte. Mit Hilfe von reichen Gönnern, die Kagan kurz vor dem Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte und die über gute Verbindungen zum Militär verfügten, sicherte sich Kagan den Auftrag, die Armee mit Tabakwaren zu beliefern. Für die geistige Unterhaltung der Soldaten sorgte der Verleger mit Schachbroschüren.

Seine Gewinne investierte Kagan gleich wieder ins Schach. Er organisierte Turniere und unterstützte Schachmeister wie von Bardeleben, Teichmann und auch Aljechin finanziell. 1921 veröffentlichte er die erste Nummer der Zeitschrift, die seinen Namen trägt und für die er berühmt geworden ist: Kagan’s Neueste Schachnachrichten. Ehn schreibt:

Das Konzept war einfach, aber modern: Die stärksten und bekanntesten Meister sollten ihre und andere Partien kommentieren, die Zeitschrift war international ausgerichtet, sollte Korrespondenten in jedem Land haben und auch Fotos, was erst ab 1925 eingelöst wurde. Sie hatte weltweite Verbreitung und wurde auf allen Kontinenten gelesen. Zusammen mit einem modernen Marketing entstand eine abwechslungsreiche, bunte, weltumspannende Zeitschrift.

Kagans Arbeitspensum war erstaunlich. Er wechselte tausende Briefe mit Schachmeistern aus aller Welt, er wurde Vertrauter von Groß- und Weltmeistern, der sich ihrer Anliegen annahm., Simultanvorstellungen, Reisen, Turniere organisierte und Mäzene mobilisierte. So vermittelte er die europäischen Teilnehmer für die Turniere in New York 1924 und 1927, kurzum Kagan wurde durch seine Zeitschrift für einige Jahre der Mittelpunkt der Schachwelt. (Ehn, S. 25)

Die Mitarbeiterliste von Kagan’s Neuesten Schachnachrichten liest sich wie ein Who’s Who der damaligen Weltspitze: Lasker, Tarrasch, Aljechin, Nimzowitsch, Tartakower, Réti, Rubinstein, Spielmann, Alapin, Grünfeld, und viele andere schrieben alle für Kagan.

Doch Wirtschaftskrisen und Kagans angegriffene Gesundheit führten dazu, dass er seine Zeitschrift 1932 einstellen musste. Die letzte Ausgabe erscheint im April 1932, Kagan selbst stirbt am 27. November 1932 in Berlin.

Das Viermeisterturnier im Berliner Kerkau-Palast 1918

Der erste Weltkrieg hatte das Schachleben in Deutschland weitgehend zum Erliegen gebracht, doch kurz vor Kriegsende schaffte es Kagan, im Berliner Kerkau-Palast, einem bekannten Treffpunkt für Schachspieler, ein Turnier zu organisieren, an dem vier der besten Spieler der damaligen Zeit teilnahmen: Emanuel Lasker, Akiba Rubinstein, Dr. Siegbert Tarrasch und Carl Schlechter. Lasker war bereits seit 1894 Weltmeister, Rubinstein galt vor dem Ersten Weltkrieg als möglicher Nachfolger Laskers auf dem WM-Thron und Tarrasch und Schlechter hatten beide gegen Lasker um die Weltmeisterschaft gespielt. Und den historischen Elo-Zahlen von Jeff Sonas zufolge gehörten alle vier Teilnehmer 1918 noch zu den zehn besten Spielern der Welt.

Doch der Weltkrieg hatte bei allen Vieren Spuren hinterlassen: Lasker hatte zu Beginn des Weltkriegs deutsche Kriegsanleihen gezeichnet und durch die Niederlage Deutschlands schwere finanzielle Verluste erlitten. Auch Rubinstein, der 1914 noch in Polen lebte, hatte ein Großteil seines Ersparnisse im Ersten Weltkrieg verloren, während Dr. Tarrasch den Tod seiner drei Söhne verkraften musste: Tarraschs jüngster Sohn Paul hatte sich 1912 aus Liebeskummer das Leben genommen, der zweitjüngste Sohn Hans Richard starb 1916 nach einem Unfall, und Friedrich, Tarraschs ältester Sohn, fiel 1915 im Krieg. Carl Schlechter war durch die Kriegsjahre gesundheitlich schwer angegriffen und das Viermeisterturnier in Berlin war sein letztes Turnier überhaupt. Er starb am 27. Dezember 1918 in Budapest an den Folgen einer verschleppten Lungenentzündung.

Doch im Schach triumphierte Lasker. Er hatte seit dem Turnier in St. Petersburg 1914 außer einem Freundschaftswettkampf gegen seinen alten Rivalen Dr. Tarrasch Ende 1916, den Lasker mit 5,5 zu 0,5 klar gewann, keine ernsthaften Partien gespielt, aber seinem Spiel schien die lange Pause nicht geschadet zu haben: er gewann das Turnier mit 4,5 Punkten aus 6 Partien (3 Siege, 3 Remis). Erneut punktete er dabei gegen Tarrasch besonders gut und gewann den Mini-Wettkampf zwischen den beiden mit 2-0.

Turniersieger Emanuel Lasker

Platz zwei ging an Rubinstein, Dritter wurde Schlechter. Dr. Tarrasch musste mit dem vierten und letzten Platz vorlieb nehmen.

Für seinen Sieg erhielt Lasker 1.200 Mark, Rubinstein bekam als Zweiter noch 1.000 Mark, Schlechter gewann 900 Mark und Dr. Tarrasch musste mit 700 Mark vorlieb nehmen. Als Spezialpreis erhielt der Turniersieger Lasker noch einmal 1.000 Zigaretten.

Tabelle

Rg. Name 1 2 3 4 Pkt.
1 Emanuel Lasker   ½½ 11 4.5
2 Akiba Rubinstein ½½   4.0
3 Carl Schlechter   ½½ 2.0
4 Siegbert Tarrasch 00 ½½   1.5

Partien

 



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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