Vera Menchik war die erste und einzige Frau, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit den meisten der damaligen Schachmeister auf Augenhöhe mitspielen konnte. Sie wurde am 16. Februar 1906 in Moskau geboren. Heute jährt sich ihr Geburtstag zum 120. Mal. Ihr Vater stammte aus Tschechien, ihre Mutter war Engländerin. Der Vater arbeitete als Gutsverwalter für reiche russische Familien, die Mutter als Gouvernante. 1908 wurde dem Paar eine weitere Tochter geboren, Olga. Der Familie ging es materiell gut. Sie besaßen ein Haus und betrieben zudem im Nebenerwerb eine Mühle. Vera und Olga konnten eine Privatschule besuchen.
Die gute Zeit endete für die Familie Menchik mit der Russischen Revolution. Die Mühle wurde beschlagnahmt, und ihr Haus musste die Familie Menchik nun mit anderen Familien teilen, bevor es ihnen ganz weggenommen wurde. Die Privatschule wurde geschlossen, und Vera und Olga besuchten nun eine öffentliche Schule. In den Anfangsjahren nach der Revolution saßen die Schüler und Schülerinnen dort in dicken Mänteln bei Kerzenlicht, da es weder Heizung noch Strom gab.
Der Vater brachte seinen Töchtern in dieser Zeit das Schachspiel bei. Vera war neun Jahre alt und nahm bald auch an Schulturnieren teil.
Wegen der schwierigen Lebensbedingungen beschloss das Ehepaar Menchik im Herbst 1921, das postrevolutionäre Russland zu verlassen, konnte sich aber nicht auf ein gemeinsames Ziel einigen. Das Paar trennte sich. Der Vater ging zurück nach Tschechien. Die Mutter ging mit ihren Töchtern nach England und zog dort bei ihrer Mutter in St. Leonards-on-Sea ein, einem Vorort von Hastings.
Für Vera und Olga war der Neubeginn in England sehr schwierig, da sie beide nur Russisch sprachen und ihnen das Erlernen der englischen Sprache schwerfiel. Besonders Vera begann sich nun intensiver mit dem Schach zu beschäftigen, auch um auf diese Weise am gesellschaftlichen Leben in der neuen Umgebung teilnehmen zu können.
1923/24 spielte Vera Menchik in der untersten Gruppe des Christmas Congress in Hastings mit und arbeitete sich in den folgenden Jahren in die höheren Gruppen vor. 1929 spielte sie erstmals in der Premier-Gruppe bei den Meistern mit.

Vera Menchik
Nachdem sie 18 Jahre alt geworden war, konnte sie 1924 auch in den Schachklub von Hastings eintreten. Dort erhielt sie unter anderem Schachtraining von Géza Maróczy, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Zeit lang in der Nähe von Hastings lebte und den Klub ebenfalls regelmäßig besuchte. Von Maróczy lernte sie die positionellen Grundlagen des Spiels.
Schon zwei Jahre später war die junge Vera Menchik in der Lage, Simultanvorstellungen zu geben.

Simultan im Imperial Chess Club London | Foto: Bibliotheque Nationale de France
1927 gewann Vera Menchik ein Frauenschachturnier am Rande der Schacholympiade, das später zur Frauenweltmeisterschaft erklärt wurde. Vera Menchik entschied die erste offizielle Schachweltmeisterschaft der Frauen mit zehn Siegen und einem Remis hochüberlegen für sich.
Vera Menchik verteidigte ihren Weltmeistertitel bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 bei sechs Weltmeisterschaftsturnieren. In all diesen Turnieren verlor sie nur eine einzige Partie – 1930 in Hamburg gegen Wally Hanschel –, spielte nur vier Partien remis und gewann 78 Partien. Außerdem gewann Vera Menchik einen Weltmeisterschaftswettkampf gegen Sonja Graf, bei dem sie jedoch zwei Partien verlor. Die Deutsche Sonja Graf war die einzige Spielerin vor dem Zweiten Weltkrieg, die Vera Menchik überhaupt gefährlich werden konnte. Bei der letzten Weltmeisterschaft vor dem Zweiten Weltkrieg 1939 in Buenos Aires stand Menchik gegen Graf auf Verlust, gewann die Partie am Ende jedoch noch und verteidigte so ihren Titel mit zwei Punkten Vorsprung vor Graf.
Neben den Frauenweltmeisterschaften gab es vor dem Zweiten Weltkrieg praktisch keine reinen Frauenturniere. So blieb Vera Menchik nichts anderes übrig, als bei Männerturnieren mitzuspielen. Da sie jedoch auch die erforderliche Spielstärke besaß, konnte sie dort erfolgreich teilnehmen.
Menchik erwarb sich erste große internationale Anerkennung bei einem Turnier Engländer gegen Nicht-Engländer im Scheveninger System in Ramsgate. Im Team der Nicht-Engländer belegte sie punktgleich mit Akiba Rubinstein hinter Capablanca den zweiten Platz.
1929 wurde sie zum Superturnier nach Karlsbad eingeladen, zu dem die besten Spieler der damaligen Zeit antraten. Nur Lasker und Aljechin fehlten.

Gruppenbild mit Dame
Vera Menchiks Teilnahme sorgte für spöttische Kommentare, da man sie spielerisch nicht für gleichwertig hielt. Hans Kmoch erklärte im Kreis der anderen Spieler, dass er in ein Frauenballett eintreten werde, wenn Menchik mehr als drei Punkte erzielen würde. Auch Albert Beckers berühmtes Bonmot – der Vorschlag zur Gründung eines Vera-Menchik-Klubs, in dem alle automatisch Mitglied werden sollten, die gegen die Weltmeisterin verlören – entstand in diesem Zusammenhang.
Kmoch hatte Glück: Menchik erzielte drei Punkte, aber nicht mehr. Die Ballettfreunde mussten auf seinen Einsatz verzichten. Albert Becker hingegen wurde erstes Mitglied im Menchik-Klub. Er wurde von Vera Menchik deutlich überspielt.
Das Turnier gewann Nimzowitsch mit 15/21 Punkten.
In den folgenden Jahren traten einige weitere prominente Spieler ungewollt dem Vera-Menchik-Klub bei, darunter George Alan Thomas, der zu einem guten Kunden wurde, die Codebreaker C. H. O’D. Alexander, Stuart Milner-Barry und Harry Golombek, Edgard Colle, Eugene Znosko-Borowsky, Max Euwe, Sultan Khan und Jacques Mieses. Gegen die Weltmeister Capablanca (0 aus 9) und Alexander Aljechin (0 aus 8) war sie hingegen chancenlos. Gegen Emanuel Lasker spielte Vera Menchik nur einmal, 1935 in Moskau, und verlor ebenfalls.
Weltmeister Aljechin höchstselbst fand jedoch in seiner Artikelserie in der New York Times über das Turnier von Karlsbad 1929 lobende Worte für Vera Menchiks Schach:
Ich habe mich bisher mit einem endgültigen Urteil über Frau Vera Menchik aus Russland zurückgehalten, da bei einer so außergewöhnlichen Person größte Vorsicht und Objektivität in der Kritik geboten sind. Nach fünfzehn Partien steht jedoch fest, dass sie eine absolute Ausnahmeerscheinung unter den Frauen ist. Sie ist so begabt im Schach, dass sie sich mit weiterer Arbeit und Erfahrung bei Turnieren sicherlich von ihrem derzeitigen Niveau einer durchschnittlichen Spielerin zu einer hochkarätigen internationalen Meisterin entwickeln wird.
Sie hat unbestreitbar ihre drei Punkte gegen die starken Meister erzielt, aber der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass sie auch gegen Euwe, Treybal, Colle und Dr. Vidmar überlegene Positionen erreicht hat. Sie wurde von Dr. Vidmar erst nach einem neun Stunden dauernden Match geschlagen. Es ist die Pflicht der Schachwelt, ihr alle Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu gewähren.
So erhielt Vera Menchik in den folgenden Jahren weitere Einladungen zu hochkarätigen Turnieren. Dort landete sie zumeist in der zweiten Tabellenhälfte, konnte aber stets einige der gestandenen Meister zu Fall bringen und manchmal auch einem der ganz Großen einen halben Punkt abnehmen.
Mit Simultanveranstaltungen verdiente die beste Frau der Welt im Schach zusätzlich etwas Geld.

Vera Menchik spielt gegen 20 Gegner gleichzeitig im Empire Social Chess Club in London 1931.
Wirklich schlecht schnitt Vera Menchik nur beim Turnier 1935 in Moskau ab, wo sie mit nur anderthalb Punkten Letzte wurde. Allerdings verdarb sie Salo Flohr mit einem Remis den alleinigen Turniersieg. Bei Turnieren der zweiten Kategorie spielte Menchik hingegen oft oben mit.
Vera Menchik galt in England als Ausländerin. Russisch war ihre Muttersprache, aber Russland gab es als Staat nicht mehr, und mit der Sowjetunion hatte sie nichts zu tun. So wählte Vera Menchik die tschechoslowakische Flagge, obwohl sie nicht in der Tschechoslowakei lebte und auch kein Tschechisch sprach. Menchik besuchte jedoch gelegentlich ihren Vater in Prag und nahm 1933 und 1936 auch an den Landesmeisterschaften der Tschechoslowakei teil. Erst durch ihre Heirat mit dem 28 Jahre älteren Funktionär Rufus Stevenson im Jahr 1937 erhielt sie die britische Staatsbürgerschaft. Er starb 1943.
Vera Menchiks Leben endete auf tragische Weise. Am 26. Juni 1944 starb sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter, als eine V1-Rakete bei einem Luftangriff auf London ihr Haus traf. Vera Menchik wurde nur 38 Jahre alt.
Nachruf im British Chess Magazine vom August 1944:
