Vsevolod Rauzer: Ein fanatischer Theoretiker

von Johannes Fischer
16.10.2018 – Vor 110 Jahren, am 16. Oktober 1908, wurde Vsevolod Rauzer in Kiev, in der Ukraine, geboren. Rauzer starb bereits 1941, aber im Laufe seiner kurzen Karriere hat er die Schachtheorie mit zahlreichen Entdeckungen bereichert. Er war überzeugt, dass 1.e4 besser ist als 1.d4 und wollte das mit aller Kraft beweisen. | Diagramm: Die Ausgangsstellung des Richter-Rauzer-Angriffs

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Von 1.d4 zu 1.e4

Rauzer soll behauptet haben, er würde oft morgens um sechs aufstehen, um dann den ganzen Tag hindurch und bis in die Nacht hinein zu analysieren, und dabei lediglich ein paar kurze Pausen machen, um eine Kleinigkeit zu essen. „Leider“, so zitiert ihn Andrew Soltis, „kann ich mich nicht dazu bringen, mehr als 16 Stunden am Tag theoretisch zu arbeiten. Mein Kopf hält das nicht aus.“ (Andrew Soltis, Soviet Chess, McFarland 2000, S.92)

Mit seinen theoretischen Untersuchungen verfolgte Rauzer ein erklärtes Ziel: Er wollte beweisen, dass 1.e4 besser ist als 1.d4. Zu dieser Überzeugung war Rauzer bei der Analyse seiner Partien in der 7. UdSSR-Meisterschaft gelangt, die 1931 in Moskau stattfand. Rauzer hatte dort stets mit 1.d4 eröffnet, aber nach eigener Aussage „eine Reihe unangenehmer Remispartien gespielt“, weshalb er es fortan mit 1.e4 versuchen wollte.

Rein statistisch gesehen gab es allerdings kaum Gründe für diesen Sinneswandel. Die Mega Datenbank enthält zehn Weißpartien Rauzers aus der Sowjetmeisterschaft 1931, 5 davon hat er gewonnen, 3 endeten Unentschieden und 2 hat er verloren, in allen diesen 10 Partien eröffnete Rauzer mit 1.d4.

Doch 1932, beim Städtewettkampf zwischen Leningrad und Kiew, versuchte es Rauzer bereits mit 1.e4. Seine Überzeugung, dass 1.e4 besser ist als 1.d4, mag verblendet gewesen sein und mutet aus heutiger Sicht verschroben an, aber sie führte zu einer enormen Produktivität Rauzers und hat die Schachwelt mit zahlreichen Eröffnungssystemen bereichert. Das bekannteste ist die Richter-Rauzer-Variante im Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lg5!?), aber auch im Franzosen, im Spanier und in anderen Varianten des Sizilianers hat Rauzer zahlreiche Ideen entdeckt. So hat er als Erster gegen den Drachen früh f3 gespielt, um anschließend lang zu rochieren und am Königsflügel anzugreifen.

 

Biographisches

Geboren wurde Rauzer am 16. Oktober 1908 in Kiew, Schach lernte er im Alter von zehn Jahren. Mit nur 15 Jahren veröffentlichte er in der auflagenstarken sowjetischen Tageszeitung Iswestija ein von komponiertes Problem und an der Sowjetischen Meisterschaft nahm er erstmals 1927 teil. Während des Turniers wurde er 19.

Insgesamt qualifizierte sich Rauzer sechs Mal für die UdSSR-Meisterschaften, sein bestes Ergebnis erzielte er 1933, als er mit 11,5 aus 19 Sechster wurde. 1934 zog Rauzer von Kiev nach Leningrad um, und 1936 landete er bei einem starken Turnier in seiner neuen Heimatstadt mit einem halben Punkt Vorsprung vor Ragosin und zwei Punkten Vorsprung vor Löwenfisch auf Platz eins und erzielte damit einen seiner größten Erfolge.

Rauzer muss eine eigenwillige Gestalt gewesen sein. Soltis schreibt:

Rauzer war, mit einem Wort gesagt, seltsam. Er hatte graue Augen, helles Haar und eine hohe Stirn – und war so bleich, dass er Yefim Lazarev zufolge ‚fast ein Albino’ war. Rauzer arbeitete als Bote für eine staatliche Finanzeinrichtung und schien mit vielen Problemen des täglichen Lebens nicht zurechtzukommen. Er war zerstreut und unaufmerksam aber beim Schach von monomaner Besessenheit. ‚Alles andere – Essen, Schlaf, Kontakt mit anderen Menschen, Literatur, und so weiter – hielt er für überflüssig’, schrieb der sowjetische Meister Konstantinopolski.“ (Soltis, S. 92)

Rauzer litt unter psychischen Problemen, die sich im Laufe seines Lebens verstärkten. Sein letztes Turnier spielte er 1940, das Halbfinale der Russischen Meisterschaft. Ende 1940 kam Rauzer in eine psychiatrische Anstalt in Leningrad. Rauzer starb am 29. Dezember 1941 im Alter von 33 Jahren in Leningrad.

In der folgenden hübschen Partie gelingt Rauzer ein schöner Sieg gegen einen seiner langjährigen Rivalen, Vladimir Alatortsev.

 

(Die Schreibweise "Rauzer" in diesem Artikel folgt der Schreibweise der Mega Database. Im deutschen Sprachraum üblicher ist allerdings "Rauser".)

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Matthias Matthias 16.10.2018 12:27
Besessen, aber unvergessen.
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