War Petteia ein Vorläufer des Schachs?

18.03.2009 – Für das Schachspiel wird ein Alter von etwa 1500 Jahren angenommen und als vermuteter Ursprung gilt Indien. Nachdem das indische Urschach Chaturanga vor 650, gemäß persischen Quellen zur Zeit des Sasanidenherrschers Khusrau (531 bis 579), nach Persien kam, erfuhr es schon in Persien in der Zeit danach eine Umformung in Richtung des heutigen Schachs. Der Amerikaner Wladyslaw Kowalski hält es für möglich, dass das den Persern bekannte griechische Petteia hierbei eine Rolle gespielt haben könnte. Dr. René Gralla sprach mit dem Spielehistoriker. Interview im Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Die Tageszeitung "Neues Deutschland" hat ebenfalls ein Interview zum Thema veröffentlicht:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/145503.ein-spiel-mythischer-helden.html

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung 

 

 

War Petteia ein Vorläufer des Schachs?
Interview mit dem Spielehistoriker Wladyslaw Kowalski
Von Dr. René Gralla

Was tun, wenn Bioterroristen zuschlagen? Einfach in einem der Handbücher von DR. WLADYSLAW JAN KOWALSKI nachschlagen. Der 54-jährige lebt auf einer Farm im US-Bundestaat Michigan und gehört gleichzeitig dem Vorstand eines New Yorker Unternehmens an, das sich auf die Dekontaminierung von Hospitälern und Bürokomplexen spezialisiert hat. Nebenbei analysiert der Verfasser einer Dissertation, die unter der Überschrift "Design and Optimization of Ultraviolet Germicidal Irradiation (UVGI) Air Disinfection Systems" erschienen ist, die Strategiespiele der Griechen und Römer. Insbesondere das gut 3000 Jahre alte "Petteia": Auf einen virtuellen Trip zurück in die Antike lässt sich der Autor DR. RENÉ GRALLA mitnehmen.

DR. RENÉ GRALLA: Gebäude entgiften und Denksportübungen der Hopliten und Legionäre wieder auferstehen lassen: Wie passt das zusammen?

DR. WLADYSLAW JAN KOWALSKI: Die klassische Welt und griechisch-römische Kunst und Kultur haben mich schon immer fasziniert. Alle Bücher, die mir dazu in die Hände fielen, habe ich verschlungen. Bei der Lektüre fand ich viele Hinweise auf Brettspiele, und ich begann mich zu fragen, ob es möglich sei, die Regeln zu rekonstruieren. Das dürfte mir im Wesentlichen gelungen sein, weil die Spiele mathematischen Prinzipien folgten und gleichzeitig relativ einfach strukturiert waren.

DR. R.GRALLA: Griechische Vasen zeigen nicht selten Achilles und Ajax, die sich über ein Brett beugen. Was treiben dort die mythischen Terminatoren aus der Ilias?

DR. KOWALSKI: Sie messen sich aller Wahrscheinlichkeit nach im "Petteia". Und sie sollen, das überliefert uns die Sage, eines dramatischen Tages derart tief in ihre Partie versunken gewesen sein, dass erst die Göttin Athene persönlich herbeieilen musste, um die Frontmänner der Griechen vor einem Angriff der Trojaner zu warnen. Da der reale Konflikt, der Homer vermutlich als Vorlage für seine Heldengesänge gedient hat, auf das 13. oder 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert wird, dürfte in jener Epoche auch das Petteia entstanden sein. Zumal auf dem Hügel Hissarlik im Nordwesten der heutigen Türkei, wo mehrheitlich das historische Troja vermutet wird, tatsächlich das Fragment eines Spielbrettes ausgegraben worden ist.    

DR. R.GRALLA: Wie funktioniert Petteia? 

DR. KOWALSKI: Schwarz tritt gegen Weiß an und eröffnet die Partie. Jeder der beiden Kontrahenten verfügt über acht gleichwertige Steine, daher die Bezeichnung "Petteia", übersetzt "Kiesel" oder "Bauer". Die runden Scheiben werden vor Beginn des Matches auf der ersten beziehungsweise achten Reihe eines quadratischen 64-Felder-Plans nebeneinander platziert. Die Steine ziehen wie Türme im modernen Schach, das heißt, senkrecht oder waagerecht. Aber eben nicht diagonal, außerdem können die Einheiten von eigenen oder fremden Truppen besetzte Punkte nicht überspringen. Ein feindlicher Soldat wird ausgeschaltet, sobald er zwischen zwei Angreifer gerät, die ihn entweder horizontal oder vertikal in die Zange nehmen ...

DR. R.GRALLA: ... offenbar auf dem Brett eine quasi realistische Nachbildung des antiken Hauens und Stechens. Dass nämlich dann, wenn das Opfer von links und rechts beziehungsweise vorne und hinten in eine Sandwichposition gerät, der Unglückliche unweigerlich zu Boden geht ...

DR. KOWALSKI: ... eine dramatische Interpretation des Partiegeschehens. Der spezielle Modus, nach dem im "Petteia" - und übrigens später auch in der weiter entwickelten römischen Variante "Latrunculi" - geschlagen wird, ist praktisch erzwungen durch die spezifische Dynamik des vorgegebenen sparsamen Materials. Alternativen sind eben kaum denkbar. Ein Treffen im Petteia ist entschieden, sobald die Verbände des Kontrahenten aufgerieben worden sind. Alternativ hat derjenige gewonnen, dem es gelingt, die Armee seines Spielpartners vollständig zu blockieren, so dass der andere keinen weiteren Zug mehr ausführen kann.


Petteia

DR. R.GRALLA: Das wäre folglich eine Art Patt. Das im Petteia, vergleichbar dem chinesischen Schach "XiangQi", die Niederlage des bewegungsunfähig Eingekesselten besiegelt?

DR. KOWALSKI: Korrekt.       

DR. R.GRALLA: Unterschiedliche Figurentypen sind im Petteia unbekannt. Folglich dürfte das Spiel doch wohl recht übersichtlich und der Ablauf geradlinig sein?

DR. KOWALSKI: Oh nein, ganz im Gegenteil! Möchte eine Seite die Oberhand gewinnen, muss sie äußerst subtil operieren und ihre Steine geduldig hin und her schieben. Allein schon einen Soldaten derart in die Enge zu treiben, um den Mann auszuschalten, ist ziemlich schwer, vorausgesetzt, dass Patzer unterbleiben.

DR. R.GRALLA: Haben die Griechen für ihr Petteia bereits eine Eröffnungstheorie entwickelt?

DR. KOWALSKI: Daran zweifele ich nicht, allerdings sind entsprechende Quellen bisher noch nicht aufgespürt worden. Die Griechen müssen aber grundlegende Auftaktmanöver gekannt haben, desgleichen effektive Strategien, um zuerst eine überlegene Stellung und anschließend materiellen Vorteil zu erobern. Da sollte es mit Sicherheit einschlägige Fachliteratur gegeben haben. Die freilich der Entdeckung noch harrt.

DR. R.GRALLA: Lässt sich Petteia demnach als frühe Schachversion definieren?

DR. KOWALSKI: Wegen der flachen Struktur des Spiels - es fehlt eine Leitfigur, an deren Schicksal der Ausgang der Partie hängt - könnte man daran seine Zweifel haben. Andererseits ist aus dem griechischen Petteia das römische "Latrunculi" hervorgegangen. Wurzel des Namens ist die Verkleinerungsform des lateinischen "latro", ursprünglich "Söldner" und "Soldat" und später beleidigend als "Bandit" verstanden. Latrunculi wurde ausgefochten auf unterschiedlich großen Brettern von 8 mal 8 bis 11 mal 10 Feldern, am gebräuchlichsten war aber vermutlich das Format 12 mal 8. Das Latrunculi setzt neben den Basissteinen des Petteia zusätzlich für Schwarz und Weiß den "aquila" ein, auf deutsch "Adler", der Standartenträger einer Legion en miniature. Diese Figur kann nicht eliminiert werden, indem sie bloß horizontal oder vertikal flankiert wird, sondern sie muss total immobilisiert werden. Wem das gelingt, der hat den vollen Punkt geholt. Mithin kommt dem Standartenträger eine zentrale Rolle im Latrunculi zu. Konsequenz: Den Denksport der Legionäre dürfen wir ohne Übertreibung in die Kategorie Protoschach einordnen.

DR. R.GRALLA: Offenbar haben richtige Mattangriffe die Partien im Lantrunculi entschieden?

DR. KOWALSKI: Ganz eindeutig. Sogar ein einzelner Stein kann, wenn der Gegner nicht aufpasst, durch einen entschlossenen Vorstoß den feindlichen Standartenträger zernieren, falls dem Attackierten ansonsten die eigenen Männer die Bewegungsfreiheit rauben. Damit verschiebt sich der Fokus des Duells darauf, den gegnerischen Führer auszuschalten. Das eröffnet die Dimension für vorausschauende Strategie und clevere taktische Schläge. Und sogar eine personell bereits geschwächte Truppe am Rand der Katastrophe kann plötzlich das Blatt wenden und auf der Walstatt triumphieren.    

DR. R.GRALLA: Ist das Fazit zulässig, dass, wenn wir Latrunculi als Protoschach klassifizieren und wenn Latrunculi seinerseits in der Basisversion Petteia wurzelt, besagtes Petteia im Ergebnis dann doch nichts anderes ist als schon eine Art Proto-Protoschach, mithin die Urmutter des Spiels der Spiele?

DR. W.J.KOWALSKI: Falls Sie das griechische Petteia auf die Weise, die Sie soeben dargestellt haben, in der Hierarchie der strategischen Spiele verorten, denke ich, dass diese These nicht zu gewagt ist.

DR. R.GRALLA: Wie lange hat Petteia seine Fans gehabt?

DR. KOWALSKI: Das Spiel ist mit dem Fall von Westrom untergegangen, während Latrunculi möglicherweise von den Persern adaptiert worden ist. Die diesen Import später ausdifferenzierten und in die Form des Schachs, die bereits wesentliche Features der modernen Ausgabe aufgewiesen hat, transformierten.

DR. R.GRALLA: In der Gegenwart erlebt Petteia eine überraschende Renaissance: als Download für den PC, als schneller schlauer Spaß zwischendurch.

DR. KOWALSKI: Wirklich? Das wusste ich wiederum nicht! Aber das macht mir Mut, an meine Vision zu glauben: dass sich in nicht allzu ferner Zukunft ein Sponsor findet, der alljährlich ein internationales Turnier im Petteia und im Latrunculi ausrichtet. Das im Idealfall jährlich ausgetragen wird und dessen Champions uns die erfolgreichen Strategien zeigen, mit denen die Meister von einst in beiden Disziplinen brilliert haben.

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Weitere Infos zu Petteia: www.aerobiologicalengineering.com/wxk116/Roman/BoardGames/petteia.html; weitere Infos zu Latrunculi: www.aerobiologicalengineering.com/wxk116/Roman/BoardGames/latruncu.htmlPetteia zum Downloaden: www.pocketpcfreeware.mobi/download-petteia-1-0.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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