Was denn, schon 70?

12.06.2007 – Irgendwann schenkte einmal jemand in einem kleinen Ort in der Mark Brandenburg seinem Neffen ein Schachspiel und brachte damit unbewusst eine Lawine ins Rollen. Denn der Beschenkte brachte nun zunächst alle gleichaltrigen Jungs im Ort dazu, Schach zu spielen, dann (fast) alle Schüler an seiner Schule in Hamburg, gründete Schulschachgruppen, die Hamburger Schachjugend, war an der Gründung der Deutschen Schachjugend beteiligt, steht nun seit vielen Jahren seinem Klub - dem größten in Deutschland -, dem Hamburger SK vor, hat jüngst als deren Sprecher die Schachbundesliga in die Selbstständigkeit geführt, und noch vieles mehr. Heute wird mit Christian Zickelbein eine der eifrigsten Persönlichkeiten des deutschen Schachs 70 Jahre alt. Wir gratulieren und würdigen mit ihm gleichzeitig die vielen anderen und weniger bekannten Missionare des Schachs.Einladung zur Geburtstagsfeier...70 Jahre Zickelbein...

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Christian Zickelbein zum 70sten Geburtstag

Wenn der Buchtitel "Mein Leben für das Schach" nicht schon von Viktor Kortschnoj belegt worden wäre, müsste Christian Zickelbeins Autobiografie treffenderweise so heißen. Nur wird es eine solche natürlich niemals geben: Christan Zickelbein hätte wegen seiner vielfältigen Aktivitäten ja überhaupt keine Zeit, sich mit so etwas Nebensächlichem zu befassen. Aber einen Großteil seiner nun 70-jährigen Lebenszeit hat der Jubilar schon dem Schach gewidmet. Derzeit versorgt er als Vorsitzender des Hamburger Schachklubs von 1830 und als Vorsitzender der Schachbundesliga e.V. zwei Riesenbabys, von denen man gar nicht weiß, welches mehr Pflege bedarf. Der Hamburger Schachklub residiert seit zehn Jahren in einem eigene Haus, auch ein Verdienst seines Vorsitzenden, das wegen des regen Zulaufs an neuen Mitgliedern bald schon wieder aus den Nähten zu platzen droht. Tatsächlich ist der Hamburger Schachklub seit vielen Jahren, oder Jahrzehnten (?) der mitgliedstärkste Verein im Deutschen Schachbund, noch ein Verdienst von..., Sie wissen schon.

Die Anzahl der gemeldeten Mannschaften in den verschiedenen Liegen ist groß, in beachtlicher Zahl irgendwo zweistellig. Aushängeschild des Vereins ist die erste Mannschaft, die schon immer in der ersten Bundesliga spielt. Sie besteht aus einem gesunden Mix von Eigengewächsen, die aus dem erfolgreichen Jugendbereich kommen und internationalen Großmeistern, die zur Ergänzung und Verstärkung hinzu engagiert wurden. Von diesen sind die meisten auch schon lange dabei und praktisch naturalisiert. So gut wie zu den Zeiten, als der HSK in den Achtzigern im Sportverein HSV integriert war und mit Spitzenprofis wie Hübner, Chandler oder Nunn um die Meisterschaft spielte, ist man derzeit nicht. Aber im letzten Jahr wurde der HSK immerhin Vizemeister.


Von links nach rechts: Dirk Sebastian, Jan Gustafsson, Thies Heinemann, Niclas Huschenbeth,
Lubomir Ftacnik, Merijn van Delft, Radoslav Wojtaszek, Christian Zickelbein, Robert Kempinski
und MF Eva Maria Zickelbein. Nicht im Bild: Sune Berg Hansen, Matthias Wahls, Dr. Karsten Müller,
Oliver Reeh, Hannes Langrock, Nils Michaelsen, Martin Breutigam und Hendrik Möller

Wenn auch im Vergleich zu anderen Teams nicht richtig teuer, macht der Betrieb vor allem dem Vorsitzenden dennoch ständig Sorgen. Allein Reisekosten und Unterbringung müssen erst einmal herbei geschafft werden, was nicht einfach ist.

Aber wie fing denn das alles einmal an?

Am 12.Juni 1937 wird Christian Zickelbein in Wiesenburg in der Mark Brandenburg geboren. Mit sieben oder acht Jahren hat ihm ein Onkel ein Schachspiel und einen Dufresne geschenkt. Mit Hilfe des Buches hat sich Zickelbein das Spiel selber beigebracht, eine schwere Hypothek, wie er selber in einem Interview meinte. denn das Buch sei eher geeignet gewesen, mit Schach gleich wieder aufzuhören. Anfangs machte ihm noch die Dame Schwierigkeiten, die er mit dem Stein im Damespiel  verwechselte und deshalb auch so zog. Der Onkel stellte das beim nächsten Besuch jedoch richtig. Auf der Suche nach Spielpartnern im Dorf musste er diese erst noch ans Schach heran führen. Diesen missionarischen Eifer hat er sich bis heute bewahrt. Mit 12 Jahren kam Zickelbein nach Hamburg, wo sein Vater nun bei der Welt arbeitete. Schach stand hier erst einmal nicht im Vordergrund, glaubt Zickelbein sich in einem Interview zu erinnern. Als er aber 14 Jahre alt war, habe ihn dann sein Mathematiklehrer dazu angeregt, in einen Schachklub zu gehen. Da muss er ja doch recht schachauffällig gewesen sein.

Dies war die Zeit als der Hamburger Schachklub 1951 die Deutschen Jugendmeisterschaft austrug. Klaus Darga gewann und die Hamburger Welt berichtete sehr ausführlich über dieses Turnier beim HSK. So kam Zickelbein zum Hamburger Schachklub.

Im Jahr vor seinem Abitur griff Zickelbein 1956 eine Idee von Emil Dähne auf und begann mit Schachunterricht an seiner Schule, dem Heinrich-Hertz-Gymnasium. Gleich an vier Tagen in der Woche zeigte er anderen Schülern, wie man Schach spielt. Von diesen blieben 20 Schüler dem Schachspiel treu und es entwickelte sich eine Schachgruppe, die auch neben dem Schach viele gemeinsame Aktivitäten unternahm und aus denen die legendären Schachelschweine erwuchsen, die es heute noch gibt, und die nun die älteste noch existierende Schulschachgruppe Deutschlands ist.


Mit dem "Caissomobil" ging es seinerzeit auf Reisen.

Einige von damals sind noch heute dabei und das damals entwickelte Tutorensystem - die Älteren unterreichten die Jüngeren - gilt heute als beispielhafte Organisation einer selbst geführten Jugendgruppe.


Zickelbein in Aktion


Da es keine finanzielle Unterstützung gab - der Hamburger Schachbund war nicht Mitglied im Stadtsportbund -, gründete Zickelbein 1959 mit Freunden und mit Hilfe von Emil Dähne den Hamburger Schachjugendbund. Durch die Mitgliedschaft des HSJB in der Hamburger Sportjugend wurde schließlich auch der eigentliche Hamburger Schachbund nebenbei in den Hamburger Sportbund gehievt. Hier ging Jugend wirklich voran.

Die Schachgruppe erhielt durch neue Jahrgänge ständige neuen Zulauf und die Gruppe erweiterte sich. Auch an anderen Schulen gründeten sich nach diesem Beispiel durch weitere Schachenthusiasten Schulschachgruppen. Viele Schachschüler gingen nach dem Abitur sogar zurück an ihre Schulen und gaben weiter Schachunterricht. In den Sechziger Jahren erhielten Zickelbein und Hajo Dahlgrün als erste Hamburger den C-Trainerschein. Später war Gisbert Jacoby der erste A-Trainer, der den Hamburger Stützpunkt ausgebaut hat. 1966 wurde die SGHH mit Schülern des Gymnasiums Uhlenhorst-Barmbek zu SGHHUB erweitert. Später verlagerte sich der Schwerpunkt ins GUB. Zickelbein war auch in die Schule zurück gekehrt - als Lehrer.


Schach am GUB

Bis 1972 war Christian Zickelbein leitend in der Hamburger Schachjugend tätig. Dann zog er sich zurück und es trat eine zehnjährige Pause ein, in der er keine offizielle Funktion ausfüllte. Mit seinen Kindern, die sich dann auch für Schach interessierten - sicher nur zufällig -, nahm Zickelbein 1982 seine Schachaktivitäten wieder auf. Im Jahr 1986 übernahm er das Amt des Vorsitzenden des des Hamburger Schachklubs. Zu jener Zeit zerbrach die Gemeinschaft des HSV mit dem HSK und die erste Bundesligamannschaft drohte infolge einer Finanzkrise zu zerfallen. Christian Zickelbein begann nun, sich um diese zu kümmern.

Sportlich errang die erste Mannschaft 1987 den Mannschaftspokal, die U13 und die U16 Mannschaften 1992 bzw. 1999 die Deutschen Jugendmannschaftsmeisterschaften. Im letzten Jahr kam die Vizemeisterschaft in der Bundesliga hinzu, die zur Teilnahme am Europapokal berechtigt .Mit Matthias Wahls, Karsten Müller und Jan Gustafsson sind bisher drei Großmeister aus dem Verein hervor gegangen. Der vom SKJE gekommene Niclas Huschenbeth hat das Zeug, einmal der vierte zu werden.


Schachmissionar

Bemerkenswert ist auch noch, dass man Anfang der 90er Jahre mit Alexej Shirov einen Spieler in der Mannschaft hatte, der dann zu den besten Spielern der Welt gehört, und der immer noch freundschaftliche Kontakte zum Verein und einigen seiner Mitglieder pflegt. 1991 organisierte man ein gut besetztes GM-Turnier. Vor zwei Jahren wurde der Hamburger Sommer, ein großes Open in der Alsterdorfer Sporthalle durchgeführt.


Zickelbein kämpft für die Erhaltung des GUB

Die zweite große, vielleicht viel größere Baustelle, der Christian Zickelbein sich angenommen hat, ist die Bundesliga. Dr. Jellissen, Leiter der Schachabteilung von Bayern München, hatte Zickelbein seinerzeit in die Bundesliga geholt. Später bat Rudolf Veith Zickelbein, das Amt des Sprechers der Bundesliga zu übernehmen. Zickelbein tat dies, weil er damals die Reduzierung der Liga auf zehn Vereine verhindern wollte. Nun sind viele Jahre ins Land gegangen und Zickelbein steht immer noch in der ersten Reihe der Liga und spielt, wenn immer es notwendig ist, den Prellbock für die vielen Mitglieder der Liga, nicht sich nur selten von alleine in eine Richtung bewegen.

Inzwischen ist die Liga unter der maßgeblichen Mitwirkung von Zickelbein in eine Bundesliga e.V. umgewandelt worden und der einstige Sprecher bekleidet nun das Amt des Vorsitzenden im neuen Gebilde. Natürlich hat nicht nur die Umwandlung selbst, sondern auch der Widerstand von manchen gegen diese Veränderung viel Energie gekostet. Ob es der richtige Weg war, wird dann die Zukunft zeigen.


Christian Zickelbein (mitte) mit Dirk Jordan und Dr. Michael Schmidt als Ehrengast
beim Dresdner Marathon 1989 (Quelle: Dresdner Schachbund)

Der Vorsitzende des Hamburger Schachclubs 1830, Christian Zickelbein (Mitte), ist als Ehrengast Gesprächspartner von (rechts), der drei Monate später zum Präsidenten des DSV der DDR gewählt wurde und Dr. Dirk Jordan (später Vorsitzender des Dresdner Schachfestival)


Vor zwei Jahren durfte der Hamburger Schachklub seinen 175sten Geburtstag feiern. Dazu wurden seine Mitglieder von der Stadt ins Hamburger Rathaus eingeladen, wo das Jubiläum eines der ältesten noch bestehenden Hamburger Sportvereine im glanzvollen Kaisersaal gewürdigt wurde.

Hier hatten seinerzeit Kaiser-Wilhelm die Vorbereitungen zur Einweihung des Nord-Ostess-Kanals begonnen. Nun standen hier die Mitglieder das Hamburger Schachclubs und lauschten den Ansprachen, in denen natürlich auch die Verdienste ihres jetzigen Vorsitzen zur Sprache kamen. Dieser war zwar an der Gründung des Vereins nicht beteiligt - nun gut, man weiß es nicht, die Idee der Reinkarnation ist ja nicht direkt widerlegt - hat sich aber sicher die meisten Verdienste erworben. Schon Anfang des Jahres 2005 war Zickelbein deshalb auch von staatlicher Seite für seine Verdienste um die Menschen mit Hilfe Schach belobigt worden, was man durch die Übergabe des Bandesverdienstkreuzes zum Ausdruck brachte.


Christian Zickelbein und Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Diereig

Was wäre das deutsche Schach ohne Christan Zickelbein? Aber was wäre das deutsche Schach ohne die vielen Zickelbeins, die zwar vielleicht anders heißen, aber an ihren Stellen ähnlich viel bewirken wie der "große" Zickelbein in Hamburg? In diesem Sinne steht "Zickelbein" für die vielen Macher und Schachmissionare, die überall rastlos ihre Zeit für das Schach opfern, meist nur deshalb, damit andere spielen können. Christan Zickelbeins Tochter Eva Maria, ist in manchem schon in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. In Kürze wird sie heiraten. "Meinen Namen werde ich behalten", sagt sie entschieden, "das ist schließlich eine Marke." Wie meinte Peter Ustinov noch: " Die eigenen Kinder sind  die einzige Art der Unsterblichkeit, derer wir sicher sein können."
 

 

André Schulz

 

Links:


Die Welt: Missionar des Schachs...

ChessBase: Bundesverdienstkreuz für Christian Zickelbein...

Senatsempfang des Hamburger Schachklubs...

Karl: Der Vater des Klubs...

Karl: Quo Vadis, Bundesliga...

Schachbund: Die Hamburger Schachszene...

 

 

 


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