Wem gehören die "Lewis Chessmen"?

02.04.2009 – Gerade wurde im British Museum eine neue Galerie eröffnet, Paul and Jill Ruddock Gallery of Medieval Europe, deren Prunkstücke die "Lewis Chessmen" sind. Die Ausstellung der ältesten europäischen Schachfiguren, im 12. Jahrhundert wohl in Skandinavien gefertigt und 1831 zufällig auf der schottischen Insel Lewis aufgefunden, in einem englischen Museum empört das schottische Nationalempfinden ebenso wie der Umstand, dass die Engländer die zum Verkauf bestimmten Nachbildungen in China fertigen lassen. Die Schotten fordern die Herausgabe der "Beutekunst", die allerdings einer der ihrigen an die Engländer verschachert hat. Gerald Schendel kennt die Einzelheiten des Streits. Wem gehören die Lewis Chessmen...

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Wohin gehören die "Lewis-Schachfiguren"?

Am 25. März wurde im British Museum, London, für mittelalterliches Material eine neue Galerie eröffnet: die Paul and Jill Ruddock Gallery of Medieval Europe. Zentrales Prunkstück der Sammlung im Raum 40 sind die berühmten "Lewis-Schachfiguren" aus dem 12. Jahrhundert. Die Figuren sind Gegenstand eines politischen Disputs.

Der Überlieferung zufolge wurden die Figuren aus dem 12. Jahrhundert im Jahre 1831 auf der zu Schottland gehörenden Insel Lewis gefunden, weswegen sie "Lewis chessmen", bzw. "Lewis Schachfiguren" genannt werden. Da sie auf der Insel Lewis in der Nähe des Ortes Uig gefunden wurden, heißen sie in der englischsprachigen Literatur auch "Uig chessmen". Wo genau und unter welchen Umständen die Figuren gefunden wurden, ist bis heute ein Mysterium geblieben. Sicher ist lediglich, dass die Figuren einige Zeit vor ihrer erstmaligen Ausstellung durch die Antiquarische Gesellschaft Schottlands in Edinburgh am 11. April 1831 gefunden wurden.

Kaum war die Nachricht von der Eröffnung der neuen Galerie am 25. März 2009 im British Museum bekannt, waren die Stimmen schottischer Politiker zu vernehmen, die eine "Repatriierung" der Figuren nach Schottland fordern und den Verbleib der Figuren in London für "unakzeptabel" halten.

Am 29. März ereiferte sich die Glasgow Sunday Mail darüber, dass die im Museum für rund 50 Pfund verkauften Miniatur-Nachbildungen der historischen Figuren in China angefertigt werden. Ein Parlamentarier wird mit den Worten zitiert: "These sets should be made in Scotland!"

Vertreter des British Museum in London lehnen die Forderung nach einer Überstellung der Figuren nach Schottland ab. Sie verweisen darauf, dass das Londoner Museum seit 1995 immer wieder Figuren für Ausstellungen in Schottland zur Verfügung stellt. Schon für 2010/2011 ist wieder eine Leihgabe für eine Ausstellung in Schottland vorgesehen.

Wie ist die Rechtslage? Im "British Museum Act" von 1753 ist verfügt, dass die Sammlung des Museums vollständig zu erhalten ist, "ohne die kleinste Verringerung und Trennung". In der Beratung befindet sich zur Zeit eine Gesetzesinitiative ("Holocaust Restitution Bill"), durch die Gegenstände, die zwischen 1933 und 1945 vom Nazi-Regime entwendet wurden, zurückerstattet werden können (Quellen: UPI, Süddeutsche Zeitung).

Vielleicht waren die seit 1753 geltenden juristischen Rahmenbedingungen einer unter mehreren Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass die näheren Umstände des Fundes von 1831 von Anfang an in mysteriöses Dunkel gehüllt waren, bzw. wurden?.

Sir Frederic Madden (1801-1873) war der erste Wissenschaftler, der den Figurenfund ausführlich beschrieb (in: Archaeologia, Bd. 24, herausgegeben von der Antiquarian Society of London, 1832). Eine gekürzte Fassung dieses Textes von Sir Frederic Madden erschien in 12 Teilen im "Chess Player's Chronicle" von 1841 unter dem Titel: "Historical Remarks On The Introduction Of The Game Of Chess Into Europe And On The Ancient Chess-Men Discovered In The Isle Of Lewis". Sir Frederic Madden war im British Museum seit 1828 für Manuskripte zuständig. Er begann seinen Bericht über die Entdeckung ("made in the course of the last twelvemonth") mit einem Zitat aus Meldungen schottischer Zeitungen vom Juni 1831 und fügte hinzu, dass die Figuren nun einen Bestandteil der Nationalen Antiquitätensammlung des British Museum darstellten. Danach beschrieb er den Fund der Schachfiguren ("for such they are") und bezifferte ihre Anzahl auf 67 (hinzu kamen außerdem 14 Figuren eines anderen Spiels und eine Fibel). Von diesen 67 Schachfiguren seien 19 Bauern, 6 Könige, 5 Damen, 13 Läufer, 14 Springer und 10 Figuren, die Madden "Warders" nannte und als Türme identifizierte.

Diese Beschreibung entsprach zumindest nicht der ganzen Wahrheit. Anderen Berichten zufolge war Sir Walter Scott (1771-1832) dabei, als im Oktober 1831 ein Antiquitätenhändler aus Edinburgh den Fund über Sir Madden an das British Museum verkaufen wollte. Ein Freund von Sir Walter Scott, der Maler Charles Kirkpatrick Sharpe, erwarb diskret weitere 10 Figuren und später noch eine. Diese 11 Figuren sind heute im Nationalmuseum von Schottland zu besichtigen.

Der heute für die Sammlung zuständige Kurator des British Museum, James Robinson, meint jedoch in einem Beitrag für www.chesspro.ru (veröffentlicht am 28. März 2009), dass Sir Madden nicht wusste, dass die Integrität der Sammlung schon nicht mehr bestand, als er seinen Bericht verfasst hat.

Kurz vor seinem Tod befasste sich der britische Schachhistoriker Ken Whyld (1926-2003) im British Chess Magazine mit dem "Mystery of the Lewis Chessmen". Demnach ist nicht klar, ob die Figuren tatsächlich an dem Ort und auf die Weise gefunden wurden, wie überliefert wird...

Auf Beschluss des Stadtrats von Uig wurden kürzlich zwei überdimensional große Figuren aus Holz am mutmaßlichen Fundort aufgestellt. Ein Video zeigt, wie die Figur des Königs errichtet wurde.

Gerald Schendel / 01.04.2009

 

 



Themen: Lewis Chessmen
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