"Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt" - eine Rezension

von André Schulz
10.11.2022 – "Wer den vorletzten Fehler mach, gewinnt", heißt das kürzlich erschienene Buch von Elisabeth Pähtz. Die wohl demnächst erste deutsche Großmeisterin berichtet aus ihrem Leben und aus der Schachfamilie und berichtet unter anderem, welche Auswirkungen die Ereignisse der letzten Jahre auf das Schachleben hatten und haben. Und etwas Schachunterreicht gibt es auch. Eine Rezension.

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Wäre Elisabeth Pähtz nicht noch so jung, dann würde man denken, dass sie schon seit Anbeginn der Zeit die beste deutsche Schachspielerin ist. Tatsächlich wurde die Erfurterin schon als Jugendliche zur Nummer Eins der deutschen Frauenrangliste und beherrscht das deutsche Frauenschach seit etwa zwei Jahrzehnten. Sie ist eine der ganz wenigen deutschen Spielerinnen, die es schafften, mit ihren Leistungen und Erfolgen bis in die Weltspitze vorzustoßen und steht hier in einer Reihe mit Sonja Graf und Edith Keller-Herrmann. Derzeit gehört Elisabeth Pähtz wieder zum kleinen Kreis der Auserwählten, die in den Grand Prix Turnieren um die Weltmeisterschaft mitspielen dürfen.

Als Elisabeth Pähtz beim Grand Swiss Turnier 2021 eine GM-Norm erzielte, ihre dritte, wie es schien, und damit die Voraussetzungen für die Verleihung des Großmeistertitels erfüllte, ging diese Nachricht durch alle Medien und die deutsche Topspielerin wurde auch dazu von Fernsehsendern zu Gesprächen und Interviews eingeladen. Sie war nämlich die erste deutsche Frau, die von der FIDE zum Schachgroßmeister ernannt werden würde. Der Weltschachbund unterscheidet zwischen absoluten Titeln und Titeln für Frauen, bei denen die Anforderungen aber niedriger liegen. Die deutsche Sprache tut sich schwer, dass adäquat umzusetzen, aber es gibt Großmeisterinnen und Frauengroßmeisterinnen, was nicht das gleiche ist. Eine Großmeisterin hat den GM-Titel erhalten, eine Frauengroßmeisterin den WGM (Women Grandmaster) -Titel. Während es einige WGMs gibt, konnten bisher nur 39 Frauen in der Schachgeschichte den GM-Titel erringen. Elisabeth Pähtz wäre die 40stigste und die erste deutsche Frau. Allerdings hatte es bei der Vergabe einer der Normen einen formalen Fehler bei der FIDE gegeben. Der Fall wird derzeit noch diskutiert, aber so wie es derzeit aussieht, wird Elisabeth Pähtz als erste Deutsche den GM-Titel dennoch erhalten.

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Nachdem ihr Erfolg allgemein bekannt wurde, erhielt Elisabeth Pähtz das Angebot ein Buch über die Geschichte hinter dem Erfolg zu schreiben und das tat sie auch. Ihr Buch mit dem Titel „Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt“ ist soeben erschienen. Es ist mitnichten ein Schachbuch, sondern eher eine Autobiografie, mit aktuellen Bezügen. Vielleicht ist es sogar noch mehr ein Buch über aktuellen Geschehnisse, mit besonderem Blick auf das Schachleben und autobiographischen Bezügen. Im letzten Viertel des Werkes gibt es aber auch schöne Kombinationen und kommentierte Glanzpartien von der Autorin zu bewundern.

Elisabeth Pähtz ist als offene und geradlinige Persönlichkeit bekannt. Sie nimmt normalerweise kein Blatt vor den Bund und so hat sie im Wesentlichen auch ihre Autobiografie verfasst. In einer von vielen amüsanten Stellen im Buch beschreibt Elisabeth, wie sie 2019 - viel zu spät, wie sie meint - mit Robert Hübner trainiert hat. Der einstige Weltklassegroßmeister sollte ihre Partie anschauen, ihre Stil analysieren und sie über ihre Schwächen und Stärken informieren. Nach seiner Analyse teilte Robert Hübner Elisabeth Pähtz mit, dass er in ihrem Spiel keine besonderen Schwächen hat ausmachen können – aber auch keinerlei besondere Stärken. Hier sind sich gleich zwei sehr ehrliche Menschen begegnet.

Das Buch beginnt jedoch mit Dank. Elisabeth Pähtz begann als „Wunderkind“ und musste sich dann allerlei Hindernisse aus dem Weg räumen. Ohne Unterstützung wäre das nicht immer möglich gewesen. Elisabeth Pähtz dankt ihren Eltern, ihrem Vater, dem Großmeister Thomas Pähtz, der auch ihr Trainer war, ihrer Mutter, die für Harmonie und Ordnung sorgte, den Journalisten Raj Tischbierek und Axel Eger und Frederic Friedel von ChessBase, der Sponsoren besorgte und sie mit einigen großen Spielern zusammenbrachte. Zu besonderem Dank sah Elisabeth Pähtz sich ihren Trainer Yannick Gozzoli und Dorian Rogozenko verpflichtet. Markus Kolb half ihr nach Rückschlägen wieder auf die Beine.

Elisabeth Pähtz‘ Buch richtet sich an Leser, die mit der Schachwelt nicht so vertraut sind. Viele Dinge, die den Insidern selbstverständlich sind, werden kurz erklärt. Ansonsten berichtet die erste deutsche Großmeisterin von ihrem Lebensweg und den Erfahrungen, die das Schach auch für das übrige Leben nutzbar vermittelt. Wie geht man beispielsweise mit Fehlern um? Damit beschäftigt sich gleich das erste Kapitel.

Elisabeth Pähtz wurde als deutsches „Wunderkind“ gefeiert. Als Kind feierte sie ihre ersten nationalen und internationalen Erfolge. Mit 13 spielte sie das erste Mal in der Nationalmannschaft, mit 14 wurde sie Deutsche Meisterin. Mit dem Mythos der Wunderkinder, den Genies im Kindesalter räumt Elisabeth Pähtz im nächsten Kapitel gründlich auf. Jeder Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit, schreibt die Autorin.

Im Laufe ihrer Karriere hat sich Elisabeth vielfach für eine Gleichbehandlung der Frauen im Schach eingesetzt. Die Frauen spielen im internationalen Schach und noch mehr im nationalen Schach eine untergeordnete Rolle in dem Sinne, dass weniger gefördert werden oder geringere Preisgelder erhalten. Als Rechtfertigung dafür muss die geringere Spielstärke der besten Frauen gegenüber den besten Männern herhalten. In einem Kapitel setzt sich Elisabeth Pähtz mit dem Vergleich von Männern und Frauen im Schach sehr ausführlich auseinander und beleuchtet das Thema aus vielen Blickwinkeln.

In einem weiteren Kapitel beschreibt die Autorin die Schachfamilie. Unter den weiblichen Profis im Schach haben sich im Laufe der Jahre und gemeinsamer Turniere viele Freundschaften und ein besonderer Zusammenhalt entwickelt. Die Frauen tauschen sich über ihre Eröffnungen aus, geben sich Tipps und analysieren ihre Partien. In der Turniersituation am Brett befinden sich die Frauen dann aber regelmäßig im Wettbewerb zueinander. Wie geht man damit um? Elisabeth Pähtz berichtet von ihren Freundschaften zu anderen weiblichen Schachprofis und besonderen Momenten.

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit den jüngsten Entwicklungen in der Weltgeschichte und ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das Schachleben und das Leben der Schachprofis. Zunächst versetzte die Corona-Pandemie auch der Schachwelt einen schweren Schlag. Im Lockdown gab es es keine Turniere mehr und damit auch keine Einnahmequellen. Elisabeth Pähtz empfand die Schutzmaßnahmen zum Teil als Entmündigung, schreibt sie, und die Diskussion über die Impfmaßnahmen oder „Impfverweigerung“ als extreme Polarisierung, besonders in den Medien, in der die Menschen in Gut und Böse eingeteilt wurden, anstatt dass sachlich über das Pro und Contra diskutiert wurde. Als Schachspieler ist man es jedoch gewohnt, alles zu durchdenken und sachlich zu hinterfragen, betont Elisabeth Pähtz.

Der Pandemie folgte der kriegerische Angriff Russlands auf die Ukraine. Die Schachwelt ist international seit Jahrzehnten eng verbunden, über alle Grenzen hinweg. Mit dem Krieg wurde nun wieder eine schwer zu überwindende Grenze durch Europa gezogen, die bisweilen auch durch die Mannschaften hindurchgeht. Elisabeth Pähtz berichtet, dass sie zusammen mit Anna und Mariya Muzychuk aus der Ukraine und mit Alexandra Kosteniuk aus Russland bei der OSG Baden-Baden in der Frauenbundesliga spielt. Die Herkunft der Spielerinnen spielte nie eine besondere Rolle. Alle sind miteinander befreundet. Aber Russland und die Ukraine sind nun im Krieg miteinander. Viele russische Schachspieler und Spielerinnen habe sich in einer gemeinsamen Erklärung gleich am Anfang für ein sofortiges Ende des Krieges ausgesprochen, was einigen Mut erforderte, denn sie wurden dafür in ihrer Heimat angefeindet. Der Krieg hat auch fernab des eigentlichen Schauplatzes viele weitreichende Auswirkungen auf das Schachleben.

Schließlich führt Elisabeth Pähtz die mit dem Schach nicht so vertrauten Leser in das Reich der Schachgroßmeister ein. Was ist überhaupt ein Großmeister und wie wird man einer? Elisabeth Pähtz erzählt, wie sie ihrer Normen erwarb und welche Schwierigkeiten dann bei der Ernennung auftraten.

Und im letzten Kapitel geht es dann auch konkret um Schachpartien und glänzende Kombinationen. 

„Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt“ ist ein sehr kurzweiliges und lesenswertes Buch, denn Elisabeth Pähtz hat viel zu erzählen und das macht sie hier auf sehr kluge und unterhaltsame Weise. Und besser Schach spielen lernt man auch noch.

 

Elisabeth Pähtz:
Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt

Strategien für das Spiel des Lebens

Erscheinungstermin: 17.10.2022
Seitenzahl: 224

20,- Euro

 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Mazel_tov Mazel_tov 11.11.2022 10:26
"Die Frauen spielen im internationalen Schach und noch mehr im nationalen Schach eine untergeordnete Rolle in dem Sinne, dass weniger gefördert werden oder geringere Preisgelder erhalten. Als Rechtfertigung dafür muss die geringere Spielstärke der besten Frauen gegenüber den besten Männern herhalten."

Wieso "muss herhalten"? Ich bin mir sicher, dass jeder IM im Bereich 2460-2510 Elo sich über die Unterstützung freuen würde, die Elisabeth Pähtz erhalten hat.
Frauen werden im Schach positiv diskriminiert, nicht negativ. Es gibt zudem keine "Männerturniere", sondern nur Turniere für alle und Turniere für Frauen.
merdarion merdarion 10.11.2022 07:23
Schöne Rezension! Die Bilder im Buch sind auch Klasse. Im letzten Satz des Artikels ist das erste Schach überflüssig oder 🤔
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