Wer wird Kombinations-Weltmeister?

von André Schulz
06.11.2026 – Die "Total Chess World Championship" Serie ist ein neue Turnierformat mit einem Mix aus drei verschiedenen Bedenkzeiten, halb-klassisch, Rapid und Blitz. Der Sieger der Serie ist am Ende der "FIDE-Kombinations-Weltmeister". Er und sein Vize dürfen danach am Kandidatenturnier für die klassische Weltmeisterschaft teilnehmen. Wie kam es zu diesem Format?

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Der kombinierte Schachweltmeister

Im sportlichen Wettbewerb geht es immer darum herauszufinden, wer der Bessere ist. Und in der nächsten Stufe möchte man dann natürlich auch noch wissen, wer der Beste überhaupt in einer bestimmten Sportart oder Disziplin ist.

Der Beste der Besten

Schon vor „Erfindung“ der Weltmeisterschaften gab es im Schach immer einen Spieler, der als der Beste angesehen wurde. Philidor, Anderssen, Morphy zum Beispiel. Ab Steinitz gab es eine gewisse Formalisierung der Kämpfe um die Weltmeisterschaft. Weltmeister war, wer den vorherigen Weltmeister in einem Wettkampf um den Titel besiegt hatte. Nach dem Tod von Aljechin übernahm die FIDE die Vergabe des Titels und führte feste Regeln für die Durchführung der Weltmeisterschaften ein. Es waren gut durchdachte Regeln. Zonen-und Interzonenturnier im ersten Jahr, Kandidatenturniere oder Kandidatenkämpfe im zweiten Jahr und den WM-Kampf im dritten Jahr. Einige Regeln waren allerdings auch blanker Unsinn – das Recht auf Revanche beispielsweise.

Vor der Einführung der Elozahlen entschied das Gefühl, ob der Weltmeister auch der weltbeste Spieler war. Mit den Elozahlen hatte man ein zweites Kriterium. Die Reihe der Weltmeister Fischer, Karpov, Kasparov, Kramnik, Anand, Carlsen repräsentiert mehr oder weniger die besten Spieler der Welt in der jeweiligen Zeit.

Es kann nur einen geben

Der Streit zwischen den FIDE-Präsidenten Campomanes und Kasparov führte dazu, dass Kasparov und Short ihren WM-Kampf 1993 ohne die FIDE austrug. Danach gab es viele Jahre zwei Schach-Weltmeister, was für das Ansehen des Schachs in der Sportwelt und auch sonst nicht gut war. Der Nachfolger von Campomanes hatte zudem das alte Weltmeisterschaftsformat durch Einführung von jährlich K.o.-Weltmeisterschaften zerstört, was dem Ansehen des Weltmeistertitels ebenfalls schadete.

2006 gelang es, die beiden Weltmeisterschaften wieder zusammenzuführen. Das Match zwischen Kramnik und Topalov ging allerdings als besonders skandalträchtig in die Geschichte ein. Die FIDE hatte nach der jahrelangen Kritik endlich Abschied vom K.o.-Format für die Weltmeisterschaft genommen und kehrte schließlich 2008 zum Wettkampfformat zurück.

Statt des früheren dreijährigen Zyklus führte die FIDE nun aber einen zweijährigen Zyklus und änderte zudem einige Male die Qualifikationswege, um einen Herausforderer zu finden.

Zu viele Weltmeisterschaftskämpfe

Mit dem zweijährigen Zyklus musste der Weltmeister nun also alle zwei Jahre seinen Titel verteidigen, statt wie früher alles drei Jahre. Der geduldige Anand machte das noch brav mit, aber sein Nachfolger Carlsen verlor nach vier Titelverteidigungen in sieben Jahren den Spaß an dieser Übung und stieg 2023 aus. Es ist nicht etwa so, dass Carlsen keinen Spaß mehr am Schach hat, im Gegenteil: Mit weit über 8000 Partien in allen möglichen Disziplinen gehört der 16. Weltmeister zu den Spielern mit den meisten Partien in der Mega Database und ist mit großem Abstand auch der Weltmeister mit den meisten Partien. Zum Vergleich: Von Fischer sind gerade einmal 1024 Partien bekannt. Die weitaus meisten Partien hat Carlsen allerdings online mit kurzen und sehr kurzen Bedenkzeiten gespielt.

Der Abschied von Carlsen als Weltmeister brachte der FIDE ein Legitimationsproblem für ihr Aushängeschild „Schachweltmeisterschaften“. Carlsen spielte weiter in allen möglichen Formaten mit, gewann reihenweise Online-Turnier und Titel bei den Rapid- und Blitzweltmeisterschaften. Die Weltrangliste führte er auch weiter mit großem Abstand an.

Die nicht so großen Nachfolger

Für Carlsens Nachfolger auf dem Weltmeisterthron war der Weltmeistermantel dann aber viel zu groß. Der 17. Schachweltmeister Ding Liren kämpfte nach dem Titelgewinn mit mentalen Problemen und rutschte in der Eloliste weit ab.  Beim 18. Weltmeister Gukesh war es ähnlich. Kramnik stand nach seinem Titelgewinn schon in der Kritik, weil er nur der zweit-oder drittbeste in der Weltrangliste war. Jetzt rangierten die Schachweltmeister irgendwo unter „ferner liefen“.

Carlsen hatte in den Gesprächen mit der FIDE schon andere Formate vorgeschlagen. Den Norweger nervten die wochenlange Matches, die ewig lange Vorbereitung und die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Engines ganz präzise in den Eröffnungen vorbereiten zu können oder zu müssen. Das eigentliche Schachspielen, in denen der bessere Spieler seine Stärken ausspielen konnte, blieb aus seiner Sicht auf der Strecke. Carlsen brachte andere Formate ins Spiel und die FIDE akzeptierte nun die Idee eines Formats mit gemischten Bedenkzeiten, das wohl nicht zufällig von den Norway Chess Organisatoren vorgeschlagen wurde, mit den Disziplinen (halb-)klassisches Schach, Schnellschach und Blitzschach.

Neue Formate erwünscht

So ganz neu ist das Format ja nicht, denn in Biel wird ja schon seit einigen Jahren ein Turnier in diesem Format gespielt. Die Schweizer nennen es „Triathlon“, was die Sache ganz gut trifft. Bei der FIDE heißt das Format „Total Chess“. Vermutlich haben sich wohl schon die Norweger diesen Namen ausgedacht. Das Ganze ist die „Total Chess World Champiosnhip Tour“. Bei Namensgebungen hat die FIDE ja nicht immer ein glückliches Händchen. „Grand Swiss“ (das „große Schweizerische“ oder was) ist auch so ein Beispiel. Wer soll das außerhalb der Schachszene verstehen? Ist die Total Chess World Championship jetzt mehr als die World Championship? Und ist der Totale Schachweltmeistertitel mehr wert als der Weltmeistertitel?

Natürlich soll Total Chess World Chess Champiosnhip Tour keinen höheren Wert haben als die (absolute?, klassische?, normale?) Weltmeisterschaft. Immerhin verleiht die FIDE dem Format aber einen hohen Stellenwert, indem sie die Total World Chess Championship Tour zum Qualifikationsweg für das Kandidatenturnier erklärt hat. Die zwei besten Spieler der Total Chess Serie dürfen beim nächsten Kandidatenturnier mitspielen.

Regulations Candidates...

Beim „Total Chess“ wird in den drei Disziplinen „Fast Classic“ (45 Min + 30 Sec), Rapid (15+10) und Blitz (3+2) gespielt. Ein Match besteht aus einer schnellen klassischen Partie, zwei Schnellschachpartien und vier Blitzpartien. Natürlich wird unterschiedlich gepunktet, mit acht Punkten für die halbklassische Partie, vier Punkten für eine Rapidpartie und zwei Punkten für eine Blitzpartie. Lernen Sie das bitte bis zum nächsten Mal auswendig.

Das Ganze ist als Serie mit drei Turnieren an verschiedenen Orten konzipiert. 24 Spieler nehmen an den Turnieren teil. Für die Platzierungen in den Turnieren gibt es Tourpunkte. Die vier besten in der Gesamtwertung treffen am Ende im großen Finale aufeinander. 

Erkär-Video

Totaler oder kombinierter Weltmeister?

Der Sieger des Finales am Schluss ist nicht etwa der Total Chess World Champion, sondern der FIDE World Combined Champion (FIDE Kombinations-Weltmeister). Im Hintergrund gab es vielleicht Diskussionen um den Namen für den Titel, aber zwei Bezeichnungen (Total Chess, Combined Chess) für die gleiche Sache sind eigentlich auch nie gut.

Am kommenden Dienstag geht es in Budapest erst einmal mit einem Pilotturnier los. Der Event beginnt mit der Eröffnungsfeier und einem Blitzturnier, wie man es von den Norway Chess Turieren kennt. Das Ergebnis des Blitzturniers dient später als Tiebreak bei Punktgleichstand. Dann folgte eine Gruppenphase mit vier mal sechs Spielern. Die vier Gruppensieger bestreiten die Knockout-Phase mit Halbfinale und Finale.

Nicht alle, aber sehr viele der aktuellen Spitzenspieler sind in Budapest am Start und einige andere starke Spieler auch noch. Magnus Carlsen ist dabei und aus deutscher Sicht besonders erfreulich auch Vincent Keymer.

Die Total Chess Organisatoren haben übrigens aus den Elozahlen der FIDE für Klassisches Schach, Rapid und Blitz auch schon eine kombinierte Weltrangliste angelegt. Der Abstand von Magnus Carlsen zum Rest ist dort noch größer als sonst.

Die Total Chess Weltrangliste...

Und so funktioniert es...

Spannende Frage: Wenn Magnus Carlsen die Total Chess World Championship Serie gewinnt, spielt er dann auch beim Kandidatenturnier für die klassische Weltmeisterschaft mit? Oder begnügt er sich mit dem Titel des Kombinations-Weltmeisters?

Total Chess Seite…

Turnierseite Pilotturnier Budapest…


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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