Weselin Materazzi und Zinedine Kramnik

04.10.2006 – Mit dem Toiletten-Protest, nichts anderes als ein Doping-Vorwurf, scheint das Schach vor allem beim Sportjournalismus Punkte gut gemacht zu haben. Die sonst an handfesten Skandalen weinig ergiebige Schachszene steigt zumindest vorübergehend in die erste Liga der Sportberichterstattung auf. Auch Axel Eger - allerdings nicht erst seit dem Eklat von Elista ein fleißiger Schachbeobachter - sieht in seinem Artikel für die Thüringer Allgemeine Parallelen zu anderen Sportarten. Ob es aber einmal so weit kommen wird, wie die Überschrift suggeriert, darf dann doch bezweifelt werden. Zur Thüringer Allgemeinen...Nachdruck...

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Weselin Materazzi und Zinedine Kramnik
Big Brother in Elista: Wie die Schach-Weltmeisterschaft ihren Skandal bekam

Dreizehn Jahre lang hat die Schachwelt darauf gewartet, wieder eins zu sein. Seit dem Ausstieg Kasparows aus dem Weltverband Fide 1993 soll endlich wieder nur ein Weltmeister gekürt werden - der wahre König. Doch die Szene bleibt zerstritten wie eh und je.

Von Axel EGER

ELISTA/ERFURT. Das Spiel erinnerte an einen Vorfall, der sich vor 34 Jahren in Reykjavik zugetragen hatte. Damals war Bobby Fischer nicht zur zweiten Partie gegen Boris Spasski erschienen und verlor kampflos – so wie Wladimir Kramnik am vergangenen Freitag in der fünften Runde des WM-Matches gegen Weselin Topalow.

Doch während der exzentrische Amerikaner einst mit maßlosen Forderungen seinen ganz privaten Feldzug gegen das vermeintlich Böse antrat, wirkt der jüngste Skandal kollektiv inszeniert.

Dabei lag die Schachwelt ihren Göttern in Schwarz und Weiß schon zu Füßen. Zwei Auftaktpartien voller Dynamit räumten alle Vorurteile weg, hier könnten vielleicht nicht die besten Spieler des Planeten sitzen. Mit Glück führte Kramnik 2:0. Doch der  Champion des klassischen Schachs brauchte dafür Glück und die ihm eigene sprichwörtliche Kühle. Kein anderer versteht es, brisante Stellungen so zu entschärfen wie er.

Genauso gut aber hätte Weselin Topalow mit 1;5:0,5 vorn liegen können. Der Fide-Weltmeister, ein kämpfender Praktiker, griff zweimal mutig an – und zweimal nur knapp daneben.

Doch hinter der Kulisse dieses atemberaubenden Weltklasseschachs wurden die ersten Fäden einer Intrige gezogen. Nachdem Fide-Präsident Kirsan Illyumshinov in seiner Eigenschaft als Staatschef des Gastgeberlandes Kalmückien zum Treffen der südrussischen Präsidenten nach Sotschi abgeflogen war, zog Topalows Manager Silvio Danailow einen giftigen Pfeil aus dem Köcher. Gegenstand des plötzlichen Protestes: Kramnik habe während der Partien zu oft das stille Örtchen aufgesucht. Die mehrminütigen Aufzeichnungen einer Videokamera, die die Ruheräume der Spieler überwacht, rechneten die Ankläger auf einen 50-fachen Toilettenbesuch Kramniks hoch. Der Eindruck entstand, der Russe bediene sich auf nicht kontrolliertem Terrain unlauterer Mittel.

Das Brisante daran: die Videobänder sollen der Topalow-Seite vom Schiedsgericht zugespielt worden sein. In jenem sitzen mit dem Griechen Georgios Makropoulos und dem Georgier Zurab Asmaiparaschwili zwei Danailow sehr nahe stehende Personen. Zudem war der zwielichtige Asmaiparaschwili in der Vergangenheit als Spieler mehrmals in regeltechnisch sehr dubiose Affären involviert. Und nebenbei gab es in diesen Tagen politische Spannungen zwischen Georgien und Russland, das fast alle seine Diplomaten aus Tiflis zurückbeordert hat.

Kramnik erklärte, er sei nicht zu einer Big-Brother-Show gekommen und forderte, wie bisher seine eigenen Sanitäreinrichtungen nutzen zu dürfen. Weil die zugesperrt blieben, trat er zur fünften Partie nicht an, Topalow gewann kampflos und verkürzte auf 2:3.

Inzwischen haben sich mit dem Amerikaner Yasser Seirawan sowie den Engländern John Nunn und Nigel Short namhafte Großmeister um Vermittlung bemüht. Sie alle beziehen klar Stellung für Kramnik. So antwortete Short auf die Frage, ob er dem Russen einen Betrug zutraue: „Um es mit einem Wort zu sagen - nein.“

Weder Kramnik noch Topalow waren bisher als Streithähne abseits des Schachbrett aufgefallen. Um so grotesker wirkt die bizarre Schlacht. In ihrem Wesen ähnelt sie einem anderen großen Drama des diesjährigen Sommertheaters. Topalow schlüpfte in die Rolle des Italieners Materazzi und provozierte mit unseriösen Enthüllungen sein Gegenüber, so dass aus dem aristokratischen Feingeist vom Schwarzen Meer ein erboster Zinedine Kramnik wurde, der die fünfte Partie einfach boykottierte.

Natürlich ist es nicht die Stänkerlust allein, die das Topalow-Team treibt. Laut ausgehandeltem Regularium kann nur der Sieger des Matches am WM-Turnier der Fide im kommenden Jahr in Mexiko teilnehmen. Der Verlierer wäre erst einmal weg von allem Titelfenstern. Das bedeutet weniger Geld und weniger Image. Auch für die Fide, die 2007 bei „ihrem“ Turnier sicher gern „ihren“ Kandidaten dabei hätte.

In Elista wird schon gemutmaßt, dass Topalow nach dem jähen Rückstand nur einen Weg sucht, um aus dem Match zu kommen. Dann wäre alles wie bisher. Kramnik bliebe Champion des klassischen Schachs, Topalow als Fide-Weltmeister offen für weitere Events seines Verbandes und alles zusammen in schönster Unordnung.

Aber stört das die Fide wirklich?

 

 

 

 


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