"Writers & Lovers" und die Unsterbliche Partie

von Johannes Fischer
01.10.2020 – Der von der Kritik gelobte und beim Publikum beliebte Roman "Writers & Lovers" der US-Autorin Lily King erzählt von der Leidenschaft für Literatur und den Opfern, die man bringen muss, um seiner Berufung zu folgen. Schach kommt auch vor, an entscheidender Stelle.

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Schach in der Literatur: Writers & Lovers von Lily King

Ich-Erzählerin und Heldin von Writers & Lovers ist die 31-jährige Casey Peabody, die davon träumt Schriftstellerin zu werden. Dafür bringt sie eine Menge Opfer:

Ich bin 31 Jahre alt und habe 73.000 Dollar Schulden. [...] Seit meiner Zeit am College bin ich elf Mal umgezogen, hatte 17 Jobs und eine Reihe von Beziehungen, die nicht funktioniert haben. Seit der zwölften Klasse bin ich von meinem Vater entfremdet und Anfang dieses Jahres ist meine Mutter gestorben. Mein einziges Geschwisterchen lebt dreitausend Meilen entfernt. Was ich in den letzten sechs Jahren hatte, was konstant und beständig in meinem Leben war, ist der Roman, den ich geschrieben habe. Dies war mein Zuhause, der Ort, an den ich mich immer zurückziehen konnte. [...] Der Ort, an dem ich am häufigsten ich selber bin. (Lily King, Writers & Lovers, New York 2020, S. 309-310, Übersetzung: jf)

Ihren Roman hat Casey beendet, aber in Sachen Arbeit und Liebe läuft es bei ihr immer noch nicht richtig rund. Sie jobbt als schlecht bezahlte Aushilfe als Kellnerin in einem Restaurant in Boston und muss sich zwischen zwei Männern entscheiden: Zwischen Silas, einem jungen Studenten, der wie Casey davon träumt, Schriftsteller zu werden, und dem arrivierten und erfolgreichen Autor Oscar Colton, der deutlich älter ist als Casey und zwei Kinder aus erster Ehe hat.

Die Konflikte in Caseys Leben spitzen sich zu, als sie ihren Job im Restaurant verliert. Doch am gleichen Tag trifft sie zufällig Silas, der sie zu einer Partie Schach einlädt. Silas schlägt vor, dass sie die "Unsterbliche" nachspielen, "du bist Adolf Anderssen und ich bin Lionel Kieseritzky [... ] London 1851. [...] Ich habe dieses Buch mit berühmten Schachpartien und manchmal spiele ich sie nach. [...] Meine Art, mit Anspannung umzugehen. Für eine kurze Zeit in den Geist eines anderen entfliehen." (S. 276 )

Adolf Anderssen zu Beginn seiner Schachkarriere (Quelle: Wikipedia)

Ein paar der in der Partie gespielten Züge gibt Silas vor, ein paar der Züge findet Casey selbst. Aber richtig wohl fühlt sie sich bei der von Anderssen eingeschlagenen Opferstrategie nicht: "Wir spielen waghalsig, Anderssen und ich. Wenn wir in Bedrängnis geraten, dann gehen wir zum Angriff über und opfern unnötig. [...] Ich werde vernichtet." (S. 277)

Aber wie die Schachgeschichte weiß, hatte Anderssens "Unsterbliche" ein Happy End, denn Anderssen konnte seine zahlreichen Opfer mit einer brillanten Schlusskombination erfolgreich rechtfertigen.

 

Gespielt wurde diese Partie am 21. Juni 1851, am Rande des Londoner Turniers, das als erstes internationales Schachturnier der Geschichte gilt und in dem die besten Spieler der Welt in Wettkämpfen nach K.-o.-System gegeneinander antraten. Anderssen und Kieseritzky trafen in der ersten Runde aufeinander und Anderssen gewann diesen Wettkampf 2,5 zu 0,5. Aber danach spielten sie noch eine Reihe von freien Partien und in diesem inoffiziellen Wettkampf behielt Kieseritzky mit 10 zu 6 die Oberhand.

In diesem freien Wettkampf wurde auch die spätere "Unsterbliche" gespielt, und diese Partie hatte Kieseritzky so beeindruckt, dass er sie trotz seiner Niederlage als echter Schachliebhaber der Nachwelt erhalten wollte.

Lionel Kieseritzky (Quelle: Wikipedia)

Deshalb telegrafierte er die Notation der Partie an seinen Schachverein in Paris und von dort aus ging sie um die Welt. Im Juli 1851 erschien die Partie in der von Kieseritzky herausgegebenen französischen Schachzeitschrift La Régence und nur wenig später präsentierten Josef Kling und Bernhard Horwitz die Partie im Chessplayer den englischen Schachspielern. 1855 verlieh ihr die Wiener Schachzeitung den Beinamen "Die Unsterbliche Partie" und zeigte sie dem deutschsprachigen Schachpublikum. Im Laufe der Schachgeschichte wurde sie in zahllose Anthologien aufgenommen, sie ist bei Lebendschachpartien beliebt, sie wird in Romanen und Filmen zitiert, man drehte Filme über sie und druckte die entscheidende Stellung auf T-Shirts ab.

Hannibal Arnellos, Die unsterbliche Partie

T-Shirt (Foto: zazzle.de)

Schachszene aus Ridley Scotts Film Blade Runner

Auch im Roman Writers & Lovers läutet die Partie einen entscheidenden Wendepunkt in der Erzählung ein. Was Lily Kings Roman zu einer weiteren charmanten Würdigung der "Unsterblichen Partie" macht, die so noch ein Stück unsterblicher geworden ist.

Lily King
Writers & Lovers
Roman
2. Auflage. 2020
319 S
C.H.BECK

Schach in der Literatur...




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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