Zug um Zug durch die Zeit

von Stefan Liebig
13.02.2026 – Leise, entschleunigt und doch hochmodern: Fernschach wirkt auf den ersten Blick wie ein Relikt vergangener Tage – und entpuppt sich bei näherem Hinsehen als faszinierende Denkdisziplin im digitalen Zeitalter. Der Bund deutscher Fernschachspieler kann im Sommer 2026 auf 80 Jahre Verbandsgeschichte zurückblicken. Ein Jubiläum, das zeigt, warum Schach manchmal gerade dann am spannendsten ist, wenn es sich Zeit lässt. | Fotos: Archiv BDF

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Fernschach heute – die stille Königsdisziplin des Denkspiels feiert 80 Jahre Bund deutscher Fernschachspieler

Wenn man an Schach denkt, tauchen vorm inneren Auge Bilder von gestressten Spielern an Holzbrettern auf. Spielsäle voller Zuschauer, wenn Carlsen, Gukesh oder Keymer im 40. Zug in Zeitnot taumeln oder brillieren. Doch in einer Ecke dieser vielfältigen Schachwelt existiert ein Format, das so leise und doch so tiefgründig ist, dass es für Manchen die „wahre Essenz“ der Schachkunst darstellt: Fernschach. Nicht Blitz, nicht Rapid, sondern die Partie über Wochen, Monate, manchmal Jahre. Da kommt ein Zug eben nicht spontan aufs Brett, sondern ist gut überlegt und wird per Postkarte, Fax, E-Mail oder Server an den Gegner übermittelt.

Einer der vielen begeisterten Spieler ist Manfred Scheiba. Der 68-Jährige ist aber nicht nur Spieler, sondern auch Verbandspräsident. Der Deutsche Fernschachbund e. V. (BdF), 1946 in Frankfurt am Main gegründet als Arbeitsgemeinschaft deutscher Fernschachfreunde, ist der zentrale organisatorische Knotenpunkt dieser Disziplin in Deutschland – und 2026 feiert dieser Verband am 26. August unter der Leitung von Scheiba sein 80-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass findet eine Festwoche in Neuhardenberg statt. Diese Woche vom 11. bis 18. Oktober findet auch gleichzeitig der Kongress des internationalen Fernschachverbands ICCF statt.

Manfred Scheiba bringt kurz und bündig auf den Punkt, was ihn am Fernschach heute noch fasziniert: „Es ist zum einen die Ästhetik des Spiels und zum anderen die Ergebnisorientiertheit des Fernschachs als Leistungssport.“ Darüber hinaus begeistern ihn, auch in der modernen Welt noch die Möglichkeiten, mit Schachliebhabern in der ganzen Welt in Kontakt zu treten.

Von der Postkarte zum digitalen Server – eine Reise durch die Zeit

Fernschach hat eine längere Geschichte als die meisten denken. Erste sauber dokumentierte Spiele per Post sind bereits 1804 nachgewiesen – und damit gehört dieser Spielmodus zu den ältesten Formen systematisierten Schachspiels überhaupt. Doch der große organisatorische Aufschwung begann erst im 20. Jahrhundert: Mit der Gründung des internationalen Dachverbandes und zahlreicher nationaler Verbände etablierte sich Fernschach als ernstzunehmender Wettbewerbsmodus mit eigenen Weltmeisterschaften, Olympiaden und Titelträgern.

Im Deutschland der Nachkriegszeit war der BdF einer der ersten Verbände, der systematisch Fernschach organisierte, Turniere ausrief und Spieler vernetzte. Schon bald traten deutsche Akteure auf der internationalen Bühne hervor, etwa mit mehreren Weltmeistern und Olympiamedaillen in ICCF-Turnieren – darunter Größen wie der spätere Weltmeister Horst Rittner oder der vielfach zitierte Fritz Baumbach (Foto).

Was früher Wochen hieß, in denen man auf eine gegnerische Antwort wartete, hat sich im 21. Jahrhundert dramatisch verändert: E-Mail und Online-Server haben die „Postkarte“ weitgehend ersetzt, die Partien sind schneller, die Analyse tiefer und der Zugang globaler geworden. Wo früher die Postlaufzeit das Spieltempo bestimmte, da diktieren heute moderne Turnierplattformen und flexible Bedenkzeiten das Geschehen. „Aber mit dem Abschicken von Zügen zu bestimmten Tages- oder Nachtzeiten unter Einbeziehung der verschiedenen Zeitzonen kann man den Gegner durchaus in Zeitnot bringen“, verrät Scheiba, dass es beim Fernschach auch viel abseits des eigentlichen Spielgeschehens zu berücksichtigen gilt.

2.5 Millionen Fernschachpartien
Die neue Corr Database 2026 ist die große ChessBase-Sammlung von Fernschachpartien aus dem Zeitraum von 1804 bis 2025. Mit über 80.000 Turnieren und über 2,5 Mio. Fernschachpartien ist die Corr 2026 ein Muss für alle Fernschachfreunde. Aber auch bei vielen Großmeistern steht die Corr Database hoch im Kurs: Denn oft finden gerade im Fernschach richtungsweisende Theorieduelle statt!

Tradition trifft Moderne – das BdF- Programm heute

Wer meint, Fernschach sei reine Nostalgie irrt, so organisiert der BdF ein vielfältiges Spektrum an Wettbewerben: klassische Meisterschaften, Pokalturniere, Thematurniere, sogar Chess960-Fernschach. Dabei gleicht kein Wettkampf dem anderen, und für nahezu jede Spielstärke gibt es das passende Feld.

Beim ICCF-Kongress 2006 in Dresden: Die deutsche Mannschaft nach dem Gewinn der 14. Fernschach-Olympiade bei der Siegerehrung (v.l.n.r.): FS-SIM Hans-Joachim Hofstetter (Brett 6), FS-SIM Dr. Matthias Kribben (Teamkapitän), FS-SIM Andreas Brenke (4), FS-GM Dr. Stephan Busemann (3), FS-SIM Horst Broß (5), FS-GM Peter Hertel (1), FS-GM Dr. Fritz Baumbach (Präsident des Deutschen Fernschachbundes). Nicht anwesend: FS-SIM Frank Gerhardt (2).

Neben dem klassischen E-Mail (Postturnieren) – und vor allem Serverfernschachturniere richtet der Verband auch sogenannte enginefreie Turniere aus – Wettbewerbe, in denen keine Schachcomputer zu Analyse und Entscheidungsfindung eingesetzt werden dürfen. Diese Sparte spricht jene an, die den rein menschlichen Denkprozess im Vordergrund sehen und den „Remistod“, den einige modernen computerdominierten Partien attestieren, bewusst umgehen.

Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan?
Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan? Ziel dieses Videokurses ist es, dem Studierenden zahlreiche Muster und Ideen aus der Praxis für sein Training mitzugeben, um so den nötigen Feinschliff zu erlangen.

Die Mitgliederzahlen des Verbands liegen im vierstelligen Bereich, und auch wenn sie nicht mehr die spektakulären Wachstumszahlen aus der Frühzeit des Internets aufweisen, so ist die Gemeinschaft lebendig und international vernetzt. Deutsche Teams und Einzelspieler mischen auf den großen internationalen ICCF-Bühnen mit, und die nationale Meisterschaft bleibt ein fester Termin im deutschen Schachkalender.

80 Jahre BdF – ein Grund zum Feiern

2026 ist für den BdF mehr als ein weiteres Datum im Kalender: Es ist ein Jubiläumsjahr. Acht Jahrzehnte Verbandsgeschichte – das ist in der heutigen schnelllebigen Welt eine bemerkenswerte Kontinuität. Geburtsjahr des BdF war 1946, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – und die Welt sah damals ganz anders aus. In den acht Jahrzehnten seitdem hat der Verband nicht nur Turniere veranstaltet, sondern ein Netzwerk aufgebaut, das Generationen von Fernschachspielern miteinander verbindet.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten fallen in das Jahr, in dem viele Verbände und Schachinstitutionen weltweit ebenfalls historische Meilensteine begehen. Wie bei anderen Veranstaltungen dieser Art wird es sicher nicht nur Rückblicke geben, sondern auch Ausblicke – auf die Zukunft des Fernschachs als ernsthafte, analytische Spielpraxis im digitalen Zeitalter.

DIE SCHACH-HORIZONT-ERWEITERUNG
In ChessBase gibt es immer wieder Ansätze, die typischen Pläne einer Eröffnungsvariante zu zeigen. Zwar ist Schach im Zeitalter der Engines viel konkreter als früher gedacht. Doch gerade Amateure lieben Eröffnungen mit klaren Plänen, siehe Londoner System. In ChessBase ’26 beschäftigen sich gleich drei Funktionen mit der Darstellung von Plänen. Im neuen Eröffnungsreport wird für jede wichtige Variante untersucht, welche Figurenzüge oder Bauernvorstöße darin wichtig sind. In der Referenzsuche sieht man jetzt auf dem Brett, wo die Figuren üblicherweise hingehen. Und startet man die neue Monte-Carlo-Analyse, zeigt auch hier das Brett die häufigsten Figurenpfade.

Ein Blick in die Zukunft – bleibt Fernschach relevant?

Manche Schachenthusiasten sehen Fernschach als eine etwas angestaubte Nische, in der Nostalgie und Geduld regieren. Andere hingegen betonen die besondere Qualität dieses Formats: Hier entscheidet nicht das Sekundenhirn, sondern das gründlich überlegte Konzept, die langfristige Strategie und eben jene kreative Auseinandersetzung mit dem Gegner über viele Züge hinweg.

Gerade in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz und Live-Engines alltäglich geworden sind, wird Fernschach – bewusst oder unbewusst – zu einem Ort, an dem menschliche Kreativität gegenüber reiner Rechenleistung neu bewertet wird. Insofern ist das, was vor vielen Jahrzehnten als „Schach per Postkarte“ begann, heute ein faszinierender Schnittpunkt von Tradition, Kultur und moderner digitaler Vernetzung.


Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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